BERLIN, Montag, der 24. Juli 2006
Eva Corell

Recherche mit chinesischen Besonderheiten

Beim Blick in das Schlüsselloch der Geschichte kann ich nicht widerstehen. Zeugen vergangener Zeiten, deren Leben rätselhaft und faszinierend erscheint, ziehen mich magisch an. Leider ist das in China oft schwierig, weil die offizielle Geschichtsschreibung die Wirklichkeit gern retuschiert.

Lange haben wir um eine Genehmigung gekämpft, nach Yunnan fahren zu dürfen, in ein Dorf, wo noch etliche Frauen mit gebundenen Füßen leben – eine grausame Sitte, mit der in China zu Beginn des letzten Jahrhunderts die Frauen verstümmelt und für ihre Ehemänner gefügig gemacht wurden. Nach einigen Ablehnungen (das Thema ist der chinesischen Propaganda zu "rückständig") kam uns die rettende Idee. In einem der Dörfer haben diese Frauen eine Tanzgruppe gegründet und es damit bis ins Staatsfernsehen geschafft. Das gefällt der Propaganda, nach dem Motto "wie Chinas Kommunistische Partei selbst den Opfern des Feudalismus zu neuem Lebensmut verhilft"…

Die Genehmigung war damit kein Problem mehr, ausgestellt vom offiziellen Ausländer-Begleitdienst der Provinz. Der diktierte noch den Termin: am 19.Juli würde die Tanztruppe beim "Huobajie" (Fackelfestival) auftreten.

Als wir im Dorf eintrafen – einen Tag früher – kamen wir gerade rechtzeitig zum Ende der Tanzvorführung. Eine Übung, beruhigte man uns. Trotzdem traute ich meinen Augen kaum: die Tanzenden waren zwar alle im gesetzten Alter, doch keine einzige von ihnen hatte gebundene Füße!

Herr Huang, der Tanzlehrer, hatte dafür eine einleuchtende Erklärung: die Frauen seien mit fast 90 Jahren zu alt, um noch auf ihren verkrüppelten Füßen zu tanzen, die letzte habe vor etwa 5 Jahren damit aufgehört. Jetzt seien ihre Töchter nachgerückt. Verständlich – und ein typisch chinesischer Etikettenschwindel. Denn Chinas Staatsfernsehen vermarktet die Truppe natürlich als Drachentänzerinnen auf "Lotusfüßen". Ob das keinem Zuschauer aufgefallen ist?

Auch der angebliche Auftritt war eine Fehlinformation: am 19.Juli feiert man in Yunann zwar das Fackelfestival, aber nur unter den dort lebenden Minderheiten. Die Han-Chinesen, und dazu gehörten auch unsere Tänzerinnen, interessiert das nicht.

Übrigens war die Reise dann doch kein Reinfall. Denn die Frauen mit den verkrüppelten Füßen tanzen zwar nicht mehr, aber einige sind trotz hohen Alters (die älteste war 95) noch sehr munter und freuen sich über jeden, der sich für sie und ihr Leben interessiert. Es wurde dann doch noch eine sehr spannende Geschichte……

 

 

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