MOSKAU, Donnerstag, der 9. Dezember 2010
Stefan Scholl

Russland lacht über WikiLeaks

WikiLeaks ist richtig witzig. Finden zumindest die Russen. Hier amüsiert man sich über die Enthüllungen der Website. Auch wenn sie das Vaterland betreffen: Die Nato rüstete sich erst Anfang dieses Jahres, um einen angeblich drohenden Angriff der russischen Streitkräfte auf das Baltikum abzuwehren. Haha, russische Panzer schaffen es vor lauter Motorpannen sowieso nie bis Riga. Bei Hochzeiten im Kaukasus flattern 100-Dollarnoten. Hihi, ist doch klar, die sind viel weniger wert als 5000-Rubelscheine. Und Russland, ist ein Mafiastaat, korruptionsgetränkt, mit einem Boss namens Putin, der Milliarden Schwarzgelddollar beiseite geschafft haben soll. Hoho, was für Dollarmilliarden, wenn die doch schon alle im Kaukasus auf den Hochzeiten herumflattern.

Die Russen nehmen WikiLeaks nicht ernst. „Und zum Schluss veröffentlicht WikiLeaks eine neue Mickey Mouse-Geschichte“, spottet Radio “Echo Moskwy”. Auch im Kreml wird gelacht. Ein Topbeamter hat WikiLeaks-Chef Julian Assange sogar inkognito für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Russland weigert sich glatt, all die Russland-Sensationen ernst zu nehmen, mit der WikiLeaks die Weltöffentlichkeit seit Wochen füttert. Schon aus dem banalen Grund, dass diese Sensationen zum größten Teil schimmeln. Dass auf Putins Geheimkonten über 30 Milliarden Dollar liegen sollen, verkündeten russische Oppositionelle schon vor Jahren. Dass laut Transparency International in Russland jährlich 300 Milliarden Dollar Schmiergeld fließen, gilt in Moskau eher als Untertreibung. Aber WikiLeaks und seine aufgeregte Kundschaft ignorieren bei ihren  Sensationen, dass, wenn wirklich Fakten dahinter stehen, diese  längst öffentlich jedermann zugänglich sind. Halbwegs informierte Moskauer Botschafter finden bei WikiLeaks nur einen Verdacht bestätigt: Die Jungs von der US-Botschaft, deren Schriftverkehr WikiLeaks unter anderem enthüllt, können zum Teil durchaus Russisch lesen, zum Teil studieren sie zumindest die einzige englischsprachige Zeitung vor Ort, die „Moscow Times“, gründlich.

Und immerhin erstaunt die sprachliche Kraft, mit der die Gesandten ausdrücken, was sie ahnungsvoll vermuten. Putin und seinen Gehilfen Medwedew mit Batman und Robin zu vergleichen – eine kühne metaphorische Leistung. WikiLeaks, die Literatur-Seite? Dazu sind Bilder wie Batman Putin und Robin Medwedew leider zu wenig erbaulich und belehrend. Es sei denn, in der Moskauer US-Botschaft besitzt man doch intimste Informationen über das Tandem Putin-Medwedew. Und bemüht den kulturellen Code der heimischen Schwulenszene, um sie ganz raffiniert zu verschlüsseln: Batman und Robin?! Russland, wollen die Amerikaner ja vielleicht sagen, wird von einem Pärchen Gays regiert! Die Topsekrete, die WikiLeaks absondert, sind wirklich ungeheuerlich.

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