PRAG, Dienstag, der 18. Dezember 2007
Kilian Kirchgeßner

Saufgelage im Parlament

So eine leidenschaftliche Debatte gab es schon lange nicht mehr im tschechischen Parlament: Als sich Regierung und Opposition wieder einmal heftig beharkten, verließ der erste Abgeordnete plötzlich das Feld der sachlichen Argumente. Die konservative Regierung und insbesondere der Premier, sagte ein hochrangiger Sozialdemokrat, seien dem Alkohol offenbar in übertriebenem Maße zugetan. Der Premier ergriff daraufhin höchstpersönlich das Mikrofon und blaffte genervt: „Das entspricht nicht der Wahrheit – anders als bei den Sozialdemokraten. Ich könnte ohne Probleme bei jeder Sitzung ins Röhrchen blasen!“

So entfocht sich, während die Tagesordnung irgendwo bei den Feinheiten des Staatshaushaltes stehengeblieben war, eine Debatte über die Frage, welche Fraktion wohl die trinkfreudigsten Abgeordneten habe. Die Diskussion an und für sich ist dabei weniger überraschend als die Tatsache, dass sich alle für abstinent erklärten. Eigentlich nämlich ist der Konsum von Alkohol in Tschechien alles andere als geächtet. Man ist stolz auf das süffige böhmische Bier – so sehr, dass sich die meisten Tschechen wohl lieber einen übermäßigen Durst nachsagen lassen würden als eine strikte Enthaltsamkeit. Unvergessen ist der Politiker, dessen heranwachsender Sohn einmal torkelnd auf offener Straße aufgegriffen wurde. „Er ist halt ein Tscheche“, wurde die Antwort des Vaters kolportiert, „da sind doch zwölf Bier nun wirklich nichts Ungewöhnliches!“ Ein Bier, das muss man dazu wissen, misst in böhmischen Kneipen immer einen halben Liter.

Im Parlament jedenfalls, das haben die Tschechen nach der Debatte der Abgeordneten erfahren, gelten andere Sitten als im Wirtshaus. Um das zu überprüfen, schickte die größte Tageszeitung des Landes am nächsten Tag eine Reporterin mit Alkohol-Messgerät in den Sitzungssaal der Volksvertreter. Als sie die ersten Kandidaten aufforderte, einmal fest ins Röhrchen zu blasen, stürmte sogleich der Vorsitzende des Abgeordnetenhauses herbei. „Ich tue alles, um ein gutes Bild von unserer Arbeit zu vermitteln“, klagte er der Reporterin, „und dann kommen Sie mit Ihrem Messgerät!“ Nach einer längeren Debatte, so stand es anschließend in der Zeitung, gab der Mann seinen Protest auf – und ließ sich sogar selbst zu einer Atemprobe herab. Das wenig überraschende Ergebnis: Er war tatsächlich nüchtern. Den Alkoholpegel des Premierminister allerdings konnte die eifrige Reporterin gar nicht erst eingehender kontrollieren. „So einen Quatsch mache ich nicht mit“, beschied er der Dame schmallippig – und bewies mit dieser Reaktion allemal einen klaren Verstand.

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