SHANGHAI, Freitag, der 22. August 2008
Janis Vougioukas

Schnell weiter nach Holland — was die Pekinger Olympia-Treffpunkte der Nationen über die Länder verraten

Wir beginnen in Österreich. Ein Geheimtipp, heißt es, ein Ruhepol, Mitten in der chinesischen Hauptstadt. Das österreichische Haus liegt im weitläufigen Garten eines Fünf-Sterne-Hotels im Pekinger Botschaftsviertel. Die Tische sind festlich eingedeckt, dekoriert mit kleinen Vasen, in denen weiße Rosenblüten schwimmen. Das österreichische Olympische Komitee hat ein Kaffeehaus in einem traditionellen chinesischen Pavillon aufgebaut. Chinesische Kellnerinnen im Dirndl servieren Leberkäse, der hier in mundgerechten Happen mit Zahnstochern gereicht wird, dazu Ketchup in kleinen Gläschen. Leichte Musik weht durch den Garten über die Tische. Es gibt Fernseher, auf denen noch einmal die Wettbewerbe des Tages zusammengefasst werden. Doch kaum jemand schaut hin. Vielleicht ist der ganze Olympische Trubel entspannter, wenn ohnehin klar ist, dass man kein Gold gewinnt.

Viel größere Aufmerksamkeit erfährt das Buffet in dem Restaurant. Es ist genau so angenehm still, vornehm und entspannt wie überall in Österreich. Und der einzige Hinweis, dass wir hier noch in China sind, sind die Insektenlampen, die ihr bläuliches Licht von der Decke verbreiten. Man kennt diese Lampen auch aus dem Urlaub in Italien. Wenn eine Mücke zu dem Licht fliegen will, bleibt sie in dünnen Drähten hängen, der elektrisch geladen sind. Dann zerplatzen die Insekten jedes Mal mit einem kleinen Knall.

Es geht bei den Olympischen Spielen nie nur um Sport. Über 200 Länder nehmen an den Pekinger Sommerspielen teil, es ist die größte internationale Veranstaltung der Welt. Und das größte Medien- und Marketingevent. Jedes Teilnehmerland versucht dabei, für sich zu werben. Für die Zeit der Spiele haben viele dafür eigene Niederlassungen in der chinesischen Hauptstadt eröffnet – als Treffpunkt für Fans, Sponsoren und Journalisten, als Schaufenster für die Einheimischen und als Basislager für die Athleten. Einrichtung und Aufmachung der Häuser sagen viel über das Selbstbild der Länder aus – und über die Bedeutung des Sports. Ein Rundgang.

Das Deutsche Haus liegt gleich um die Ecke im Kempinski Hotel. Gerade kommt eine Gruppe deutscher Athleten an. Man erkennt sie an den schwarzen Rucksäcken mit dem Bundesadler hinten drauf. Alle deutschen Sportler wurden vor den Spielen von einer Kaserne in Mainz eingekleidet. Dirk Nowitzki ist dabei, er trägt eine Kochmütze und wirkt damit noch größer als sonst.

Am Ende der Hotellobby steht ein Anmeldeschalter. Man muss sich zunächst mit Foto und Fingerabdrücken registrieren. Jeder Besucher bekommt dann eine Chipkarte, die persönlichen Daten werden in einem Computer gespeichert. Der Eingang mit den Drehkreuzen und befindet sich dann gleich hinter den Fahrstühlen. Im Deutschen Haus sind die Sicherheitsvorschriften am strengsten. Doch das scheint niemanden zu stören. „Wenn die Chinesen eine Karte mit ihrem Foto drauf bekommen, sind sie total glücklich“, versichert ein Mitarbeiter. Wir glauben ihm das mal so.

Das erste Deutsche Haus eröffnete bei den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary, organisiert von der Deutschen Sport-Marketing, eine gemeinsame Tochterfirma des Deutschen Olympischen Sportbundes und der Stiftung Deutsche Sporthilfe. ARD und ZDF übertragen ihre Interviews und Talksshows von hier. Es gibt deutsches Essen. Und alles ist ganz anders als in Österreich.

Zunächst fällt auf, dass alles viel bunter ist, selbst das Licht. Vielleicht weil die rund 50 Sponsoren auf die Verwendung ihrer Firmenfarben bestehen – überhaupt scheinen die Sponsoren beim Deutschen Haus im Mittelpunkt zu stehen. Die Drehkreuze und Fingerabdruckscanner wurden von der Bundesdruckerei aufgestellt, die ihr System gerne auch an Grenzübergängen installieren würde. Ein Geldautomat der Sparkasse steht hier, ein Glücksrad einer Schweizer Versicherung, ein Karbonhersteller stellt seine Produkte aus und überall stehen extra groß die Markennamen drauf. Es soll sogar einen offiziellen Fußbodensponsor des Deutschen Hauses geben. Auch die Atmosphäre ist anders als nebenan in Österreich. Es ist voller, lauter, doch alle schauen angespannt auf die Bildschirme und verfolgen die Wettkämpfe. Trotzdem geht es offenbar nur nebenbei um Sport, es ist die gleiche Atmosphäre wie bei einer Verkaufsveranstaltung mit Freibier. Die Olympischen Spiele als Rettung für den Standort Deutschland. Fans und Touristen trifft man in Deutschen Haus übrigens gar nicht. Den meisten ist der Eintrittspreis von 200 Euro schlicht zu teuer. Schnell weiter.

Die kleinste Länder haben oft die interessantesten Häuser aufgebaut. Das holländische Heineken Haus lockt mit Freibier, jeder darf rein. Die Schweizer haben sich gleich in dem Galerie- und Ausstellungsviertel 798 eingemietet, jeder soll kommen und gucken – und gleich am ersten Tag kamen 7000 Besucher.

Das englische Haus heißt London House. In vier Jahren sollen die Sommerspiele in der englischen Hauptstadt stattfinden. Das Königreich will schon mal Vorfreude wecken. Auch hier gibt es Sicherheitskontrollen. Am Eingang liegen Gästelisten und es gibt einen Gepäckscanner wie am Flughafen. Doch offenbar ist es egal, was man aufs Band legt. Die Engländer haben einen Mittelweg zwischen Business und Party gefunden. „Bis 17 Uhr finden hier Seminare und Vorträge statt. Danach feiern wir“, sagt Gastgeber David Adam von der London Development Agency. Gleichzeitig haben Museen aus der Englischen Hauptstadt Ausstellungen in Peking organisiert. Viele Chinesen kommen zum afternoon tea.

Neben dem London House liegt ein kleiner See und auf der anderen Seite das russische Haus . Und schon von Weitem hört man die laute Party, die russische Fahne weht über einer Terrasse. Es heißt, die Russen betreiben in Peking das Haus mit der strengsten Tür, die sich nur für handverlesene geladene Gäste öffnet. Doch die Party soll legendär sein. Früher wollten alle raus aus Russland, jetzt wollen alle rein. Am Eingang steht eine streng aussehende Russin in einem chinesischen Seidenkostüm. „Wir haben leider schon geschlossen, die Party ist vorbei“, sagt sie. Durch den Türspalt sieht man wogende Menschenmassen, Gelächter und laute Musik dringt heraus. Die Frau wirkt nicht so, als ob man mit ihr verhandeln könnte. Ist es vielleicht wegen der Nato und Georgien?

Die Casa Brazil hatte sich bereits wenige Tage nach der Eröffnungszeremonie einen legendären Status verdient: als beste Party der Stadt, der Samba in Peking. Wir hatten bis zuletzt gewartet. Und waren sicher, dass hier sowieso bis zum Morgen gefeiert wird. Doch die Rolltreppe ist bereits abgeschaltet, der Rollladen runtergelassen. Es ist ein Uhr nachts. Sind wir vielleicht zu früh?

Schließlich tauchen in der Hotellobby doch noch zwei Brasilianer auf. Einer sagt: „Wir sind schon lange zu. Seit wir beim Fußball gegen Argentinien verloren haben, will niemand mehr feiern. Kommen Sie morgen früh wieder.“ Morgen früh? Schade. Aber gut zu wissen, dass es auch in Peking noch Orte gibt, wo es offenbar in erster Linie um den Sport geht.

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