BELGRAD, Mittwoch, der 30. September 2009
Danja Antonovic

SCHNURLOS UND STROMLOS IN BELGRAD

„Bring mal das grüne Telefon mit“, sagte Mutter, „diese hier rauschen nur, man hört nichts“. Die Mutter, die in Belgrad lebte, war zu Besuch in Hamburg, wo ich lebte. Auf dem Speicher hat sie das längst vergessene Kommunikationsgerät entdeckt. Das Objekt ihrer Begierde war eines dieser pummeligen grünen Geräte,erkennbar an einer Wählscheibe, einem Hörer und einem schwarzen, rundgewickelten Kabel. Es war das Einheitsmodell der Deutschen Bundespost, die im letzten Jahrhundert das Monopol am Verkauf jeglicher Telefone hatte.

Ich telefonierte schon längst schnurlos, das grüne Exemplar gammelte auf dem staubigen Speicher, als Mutter es entdeckte. Das Angebot ihr ein schnurloses Telefon zu schenken, schlug Mutter entschieden ab. Sie wollte nur dieses  Telefon und kein anderes. Erstens wusste sie wo welche Ziffer sich befand – sie konnte nicht mehr gut sehen – und außerdem könne sie in Belgrad immer mit diesem Gerät telefonieren, sagte sie. Erst später sollte ich erfahren, warum man mit diesem Telefon „immer“ telefonieren konnte.

Lange ist es her, dass Mutter ihr grünes Telefon bekam.

Nun lebe ich in Belgrad, hege und pflege das Grab meiner Mutter, so oft ich kann  und habe in der Belgrader Wohnung drei Telefone. Zwei mal schnurlos und einmal grün und pummelig. Nicht, dass ich gerade an dem grünen Gerät aus der Monopolzeit  der Deutschen Post hänge, der Grund ist viel banaler. Das Belgrader Stromnetz ist oft überlastet und bricht auch im 21. Jahrhundert regelmäßig zusammen. Wann und wo der Strom ausfällt wird täglich in Belgrader Zeitungen angekündigt. Dann bleibt nicht nur die Küche kalt, auch die Verbindung zur Außenwelt gibt es nicht mehr: kein Fernseher, kein Radio – und kein Telefon. Die teuren, mit Gott und Welt kompatiblen Schnurlosen bleiben stumm. Denn, sie hängen am Strom, den es nicht gibt, und sind somit nicht zu gebrauchen.

Nicht so das grüne Wunder der Deutschen Post. Es braucht keinen Strom. Und da ich kaum etwas anderes tun kann, – es wird telefoniert, bis der Strom kommt. In solchen Tagen vergöttere ich das kleine grüne Monster und danke meiner Mutter und der Deutschen Post. Und fühle mich, auch stromlos, wohl in Belgrad.

Manche Telefongespräche verlaufen aber eher merkwürdig, ob mit Strom oder ohne. Zum Beispiel dieses:

Es klingelt.

„Guten Tag, hier ist Herr Jovanovic“

„Guten Tag“.

„Ich möchte wissen, ob mein Vater angekommen ist.“

„Nein, Ihr Vater ist nicht angekommen.“

„Liegt mein Vater nicht bei Ihnen?“

„Nein, Ihr Vater liegt nicht bei mir.“

„Wieso, er müsste schon längst angekommen sein.“

„Tut mir leid, dem ist nicht so“.

„Ist das die Gerichtsmedizin?“

„Nein, das ist nicht die Gerichtsmedizin, das ist ein Privatanschluss.“

„Habe ich mich verwählt?“

„Das wird so sein.“

„Tja. Dann weiß ich noch immer nicht, ob mein toter Vater in der Gerichtsmedizin liegt.“

„Unter dieser Nummer werden Sie es auch nicht erfahren.“

„Das ist aber schade.“

„Was ist schade? Dass Sie mich gestört haben oder dass Ihr Vater nicht hier ist.“

„Beides“.

Verwählt hat sich in den letzten Jahren nicht nur Herr Jovanovic. Auch die Herren und Damen Petrovic, Popovic, Milosevic und Mikic haben ihre verblichenen Verwandten vergeblich bei mir gesucht.

PS: Das „grüne“ Monster wird heute noch online verkauft. (http://www.telefon.de)  . Es heißt HDK Nostalgietelefon FeTAp 611 (W611), wird als „Kultig wie die 60iger und 70iger (W61) mit Wählscheibe“ angepriesen und kostet 74,90.

 

 

 

Kommentare (0) Kommentar schreiben
AKTUELLE BLOGEINTRÄGE