OXFORD, Mittwoch, der 23. April 2008
Corinna Arndt

Simbabwe und der „Völkermord“ – Kurze Frage zwischen den Deadlines

Ich habe gerade das Vergnügen, statt Reportagen Nachrichten machen zu dürfen. Für jemanden, der sich im Radio erst ab 5 Minuten Sendezeit so richtig wohl fühlt, ist das immer ein kleiner Kulturschock. Zwischendrin stellt man sich dabei manchmal eher philosophische Fragen. Die werden zwar meist unter der nächsten Deadline begraben, aber es sind Fragen wie: Warum laufen wir Journalisten wie eine Herde Schafe dem nach, was die internationalen Agenturen als „die Wirklichkeit“ verkaufen? Warum schreiben wir Journalisten fast schon routinemäßig voneinander ab? Und sehen wir eigentlich genau genug hin, was wir da als „neutrale Chronisten“ berichten?

Beispiel. Am 23. April warnte eine Reihe simbabwischer Kirchenführer davor, dass die Gewalt in Simbabwe sich zum Völkermord („genocide“) auswachsen könnte – „ähnlich wie in Kenia, Ruanda oder Burundi“ -, sollte das Ausland Robert Mugabe nicht das Handwerk legen.

Das ist ein Statement von solchem Gewicht, dass kaum ein Nachrichtenredakteur daran vorbei kann. Allerdings ist es nicht nur faktisch falsch (in Kenia gab es bisher keinen Völkermord, sondern ethnisch motivierte Ausschreitungen, bei denen zwar mehr als tausend Menschen starben – in Ruanda waren es allerdings mindestens 800.000), sondern hat auch wenig mit der Realität in Simbabwe zu tun. Dort gibt es drei Wochen nach den Wahlen 10 Tote. Die Situation ist ernst, ja. Es wird gefoltert, entführt, geprügelt und gemordet. Doch anders als in Kenia, Ruanda oder Burundi spielt Tribalismus in Simbabwe eine geringe Rolle, Oppositionswähler finden sich vermehrt allenfalls in städtischen Gebieten, unter Arbeitern und in der Mittelklasse. Und selbst das ändert sich. Mit anderen Worten: Es gibt wenig, was Nicht-Mugabe-Wähler gemeinsam haben außer der Tatsache, dass sie den alten Despoten leid sind. Und auch wenn der sicher gern alle Regimegegner loswäre, gibt es keinen Grund anzunehmen, er würde sein halbes Land ausrotten wollen.

Was tut man als Journalist mit einem solchen Statement? Ein Blick auf die Internet-Portale von BBC, NZZ, TAZ, Tagesschau Online und diversen anderen Zeitungen zeigt: Die Genozid-Warnung hat es praktisch unkommentiert in die deutsche Medienlandschaft geschafft. Die Botschaft der Kirchen erhält international Aufmerksamkeit – und wer kann es den Priestern verdenken, dass sie angesichts der Lage verzweifelt sind und vielleicht in solchen Momenten keine rhetorische Krümelkackerei betreiben wollen. Und es ist auch nicht unbedingt Aufgabe der Nachrichtenagenturen, das zu korrigieren, Zusammenhänge darzustellen und Dinge ins Verhältnis zu setzen. Aber Aufgabe der Journalisten und Redakteure ist das schon, oder?

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