BERLIN, Freitag, der 11. Dezember 2009
Julia Grosse

Skaten und Skaten lassen

Er sieht aus wie ein stinknormaler Skatepark. Doch ich vermute dahinter ein geheimes städtisches Testgebiet. Tief im Süden der Stadt gelegen ist die Anlage. Sie ist eine der ältesten in London. Bisher war sie ein mäßig besuchter Abhängtreff für Schulschwänzer, mit schlechten Graffiti und miesem Beton. Doch dann wurde der Park geschlossen, Bauarbeiter rückten an und rissen die alte, gescheiterte Gemeindetristesse heraus. Plötzlich wuchsen dramatisch die Hügel aus Beton in die Höhe und stürzten wieder hinab in tiefe Becken. Ein Skaterparadies im Stile der endlosen Sommer im Kalifornien der Siebziger. Oder so in etwa war es wohl angedacht.

Und je neuer und steiler der Beton sich in seinem eingegrenzten städtischen Territorium gefiel, desto auffälliger ändert sich seitdem allmählich auch das Publikum. Leute aus Londons kreativem, viel zu coolem Osten setzen sich in die U-Bahn, um ganz freiwillig in den uncoolen Süden zu fahren und hier skaten zu können. Und vielleicht hat auch die Finanzkrise ihren kleinen Beitrag dazu beigetragen, denn plötzlich bekommt man als Anwohner in der Nähe des Skateparks ab mittags keinen Parkplatz mehr. Alles wird blockiert von Familienkutschen, aus denen lässige Endvierziger mit ein bisschen mehr Zeit steigen. Manche von ihnen schleppen alibimäßig ihre Söhne mit, andere trauen sich allein auf den Beton. Unterm Arm tragen sie die alten Boards aus der harmlosen Teenagerzeit, auf das sich zwanzig Jahre lang der Staub des Vergessens legen konnte.

An ein Testgebiet muss ich denken, weil man sich jeden Tag fragt, ob das auf Dauer gut gehen kann, wenn Väter plötzlich ihre eigenen Jugenderinnerungen auf dem Terrain ihres Nachwuchses ausleben wollen. Dort, wo heftig pubertierende Jungs vor den weiblichen Zuschauern eigentlich reichlich Testosteron loswerden wollen. Stattdessen müssen sie höflich bremsen, ihr Tempo drosseln und geduldig warten, wenn sich ein Mann im Alter ihres Vaters vor ihnen nicht traut, in den Pool hinab zu fahren. Doch die jungen Männer regen sich nicht einmal mehr auf, sondern tolerieren die graumelierten Gäste. So sieht sie also aus, die aktuelle Form von pubertärer Abgrenzung, Version 2009. Selbst jeden jugendlich-vernichtenden Zynismus verkneift man sich hier, wenn ein Boarder von Mitte fünfzig seine üppige Schutzausrüstung anlegt. Skaten und skaten lassen.Die Jugend präsentiert ihre Schürfwunden wie Schmuckstücke, und die Älteren schnallen ihre Knie- und Ellbogenschoner an. Wie eine Knautschzone zwischen der Sehnsucht nach Leichtsinn und einer ganz realistischen Angst vor der Arbeitsunfähigkeit.

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