DEN HAAG, Sonntag, der 27. September 2009
Kerstin Schweighöfer

Sonntags nie

 

Sonntags wählen ist in den Niederlanden ausgeschlossen, für sowas Profanes darf der Tag des Herrn aus Rücksicht auf strenggläubige Kalvinisten nicht missbraucht werden. Doch das Interesse an den Bundestagswahlen ist so gross, dass man fast meinen könnte, dass heute nicht in Deutschland, sondern in den Niederlanden gewählt wird: Merkel und Steinmeier prangen auf den Titelseiten der Zeitungen, gleich darf ich zu einer grossen Wahlparty in Den Haag aufbrechen, und mehrere Zeitschriften und Nachrichtenmagazine analysieren diese Woche in ihren Aufmachern ausführlichst den deutschen Wahlkampf.

Dabei wundern sich die Niederländer vor allem über eines: Dass in der deutschen Parteienlandschaft weit und breit kein rechtspopulistischer Geert Wilders zu entdecken ist, der Islam im Wahlkampf kein Thema war und auch kein Moslem-bashing stattfindet. Ganz einfach, weil es unanständig ist und man sich dafür eigentlich schämen sollte. Das jedenfalls erfährt der Leser im Meinungsblatt Vrij Nederland, das nach acht Seiten Analyse zu dem Schluss kommt, dass die Niederlande für die Deutschen ein Beispiel dafür sind, wie man es nicht machen sollte.

So können sich die Zeiten ändern. Als ich in den 90er Jahren hierher kam, war es genau umgekehrt: Die Niederländer galten als vorbildlich an allen Fronten, und darüber schrieben wir Korrespondenten uns die Finger wund. Egal, ob Drogenpolitik, Toleranz, Integration oder Sterbehilfe: „Bei uns ist alles besser“, lautete das Motto, mit dem sich die Niederländer nur allzu gerne brüsteten, um dem Rest der Welt zu zeigen, worin ein kleines Land ganz gross sein kann – vor allem dem dicken Bruder im Osten, den Deutschen.

Inzwischen schlagen die Niederländer leisere Töne an. Und sie sind nicht bloss bescheidener geworden, sie gucken auch nicht mehr verächtlich über die Grenze, sondern – man halte sich fest – bewundernd! Dass ihr Deutschlandbild nicht mehr ausschliesslich vom Zweiten Weltkrieg und der deutschen Besatzungszeit geprägt ist, liegt nicht nur an Schüleraustauschprogrammen und neuem Unterrichtsmaterial für die Geschichtsstunde. Höchst effektiv für die wundersame Wandlung war auch der WM-Effekt 2006: „Toll, wie ihr das hingekriegt habt!“ heisst es noch heute. Dass sich damals einige deutsche Fussballfans ein niederländisches Oranje-Trikot übergezogen haben, hat die Niederländer sogar regelrecht aus der Fassung gebracht. Ein Oranjefan in einem deutschen Trikot wurde bislang zwar noch nicht gesichtet, aber deutsche Tugenden wie Fleiss und Ausdauer stehen inzwischen so hoch im Kurs, dass sich immer mehr niederländische Unternehmer in Deutschland niederlassen. Auch im Grenzgebiet zieht es immer mehr Niederländer auf die deutsche Seite, vor allem wegen der Höflichkeit und der guten Umgangsformen, ergab eine Umfrage. Ist es zu fassen? Da könnte man als Deutscher vor Verlegenheit ja glatt rot werden!

Wer’s nicht glauben will, dem zeige ich als Beweis gerne immer wieder jenen Artikel aus der angesehenen Tageszeitung Volkskrant,  der auf einer ganzen Seite erklärt, warum in Deutschland alles besser ist – angefangen bei den Brötchen über die Taxifahrer bis hin zu den Debatten im Parlament. Auch die Sonderbeilage „Duitsland is ok“ hab’ ich mir aufgehoben, schon allein wegen der 45 Tipps, die darin gegeben werden. Kleine Kostprobe: „Trinke deutschen Wein, trage Birkenstock und kaufe bei Tchibo.“

 

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