WASHINGTON, DC, Freitag, der 12. Oktober 2018
Renzo Ruf

Splitter aus dem US-Wahlkampf: Auch in Texas ist die Zeit nicht stehengeblieben

Der amerikanische Bundesstaat Texas wird oft auf Klischees reduziert – auch weil Texaner gerne den Eindruck erwecken, sie seien im Wilden Westen stehengeblieben und arbeiteten immer noch als tabakspuckende Cowboys. Die Wahrheit allerdings ist weit komplexer. So bezeichnen sich mittlerweile fast 40 Prozent der 28 Millionen Bewohner des Staates als Latinos, als Menschen mit Wurzeln in Mittel- oder Südamerika. Und rund ein Drittel der Texanerinnen und Texaner spricht hauptsächlich Spanisch. Es wäre deshalb naheliegend, würde der Republikaner Ted Cruz im aktuellen Wahlkampf an dieses Wählersegment appellieren – schliesslich wurde der Senator von seinem kubanischen Vater und seiner amerikanischen Mutter auf den Vornamen Rafael Edward getauft. Allein: Sein Spanisch ist lausig. Als er diese Woche seinen ersten Fernsehspot auf Spanisch veröffentlichte, übergab er das Wort deshalb seinem Vater.

https://www.youtube.com/watch?v=ZUsJLD-lukE&feature=youtu.be

Und hispanische Wähler gelten unter texanischen Politikern als unzuverlässig, weil sie im Vergleich zu Menschen, die ihre familiären Wurzeln in Europa haben, oft nicht an Wahlen teilnehmen. Die Berater von Cruz verweist deshalb höchstens darauf, dass der Nachname des Republikaners keine Zweifel daran lasse, dass er ein Latino sei. Sein demokratischer Kontrahent wirbt derweil aggressiv um die Stimmen der hispanischen Bevölkerung und versucht, möglichst viele neue Wähler zu registrieren. So tritt Robert Francis O’Rourke, wie er mit Taufnamen heisst, unter dem Spitznamen Beto (für Roberto) auf – ausgesprochen übrigens mit einem spanischen Akzent, einem sanften «B» und einem harten «T». Er werde seit Kindesbeinen so genannt, sagt O’Rourke, und präsentiert zum Beweis ein süsses Foto, auf dem Klein-Beto einen Pullover trägt, der seinen Spitznamen zeigt. Auch spricht O’Rourke oft und gerne darüber, wie seine drei Kinder in der Grenzstadt El Paso zweisprachig aufwachsen und wie er und seine Gattin Amy problemlos zwischen Englisch und Spanisch hin und her wechseln. Mit politischem Opportunismus oder kultureller Aneignung habe dies nichts zu tun, sagt O’Rourke. Vielmehr bilde El Paso mit der Nachbarstadt Ciudad Juárez auf der anderen Seite des Rio Grande schon lange eine Symbiose, auf die Amerikaner und Mexikaner stolz sein könnten.

Und wem nun der Kopf brummt, angesichts dieses Ausflugs in die demographischen Besonderheiten des «Lone Star State», hier eine kurze Zusammenfassung: Ein erzkonservativer Senator aus Texas hat einen Vater, der einst auf Kuba an der Seite des Kommunisten Fidel Castro gegen den Diktator Fulgencio Batista kämpfte und anschliessend ins Exil gehen musste. Dennoch hört dieser Senator seit Kindesbeinen auf den Spitznamen Ted und spricht nur bruchstückhaft Spanisch. Sein demokratischer Herausforderer stammt aus einer Familie mit Wurzeln in Irland und heisst Robert Francis O’Rourke. Er wird aber gemeinhin Beto genannt und spricht fliessend Spanisch. Beide bewerben sich um einen Senatssitz in einem Staat, der geradezu symptomatisch abbildet, wie Amerika sich von einem Land, in dem in erster Linie die Nachkommen europäischer Einwanderer den Ton angeben, wegbewegt. Auch in Texas ist die Zeit eben nicht stehengeblieben.

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