CHRISTCHURCH, Mittwoch, der 24. März 2010
Anke Richter

Stewardess ohne Nasenhaare

Jeden Montag fliege ich nach Wellington. 45 Minuten, die manchmal so turbulent sind, dass nicht mal Getränke ausgeschenkt werden. Seit der letzten Enthüllung der „Sunday Star Times“ sehe ich das Leben an Bord mit völlig neuen Augen. Denn die Zeitung hat Einblick in das neueste Handbuch der Flugbegleiter von Air New Zealand bekommen. Und daher weiß ich, dass nichts, aber auch gar nichts in der Luft dem Zufall überlassen wird. Nicht mal der Name eines Brötchens. Oder die Beleidigung von Tonganern.

Die ‚Do‘ und ‚Don’t’-Liste für das Bordpersonal beginnt beim Gesicht: Kein „glitzernder, schimmernder Lidschatten im Disco-Stil“ ist erwünscht, auch blau und pink geht gar nicht. Haare zwischen den Augenbrauen sind gefälligst zu zupfen, der Körper täglich in der Dusche zu reinigen, und falls der Schweiß unter den Achseln gar nicht versiegen will, trage man dort bitte Einlagen. Mundspray hilft bei Knoblauchatem.

Tabu sind auffällige Strähnchen, lange Ponyfransen, Haarverlängerungen, Haargummis aus Frottee und Bärte (nur bei Piloten). Goatees müssen 1,5 Zentimeter neben dem Mund enden. Nasen- und Ohrenhaar sind zu stutzen. Stewards dürfen einen einzigen Armreif tragen, aber keinen einzigen Ohrring.

Beim Servieren gerade stehen und niemals ein Brötchen servieren und es dabei „bun“ nennen. Das könnte nämlich wie „bum“ (Hintern) klingen. Überhaupt ist auf kulturelle Empfindlichkeiten der Passagiere besondere Rücksicht zu nehmen. Koreaner erwarten gute Manieren und Geduld. Japaner wollen was zum Lesen haben und Wasser zum Essen. „Seien Sie nicht überrascht, wenn Sie eine Japanerin etwas fragen und der männliche Passagier antwortet“, erklärt das Handbuch. Fast so kompliziert ist es mit den Chinesen. Die vom Festland stellen sich nicht an, aber die aus Honkong können extrem zickig sein.

Besonders detailliert wird die Crew an die Bedienung der benachbarten Südseeinsulaner herangeführt. Samoaner sind froh, wenn man ihnen Wolldecken reicht, da sie aus einem warmen Klima kommen. Es ist nicht nötig, Bewohner des Inselstaates Tonga laut anzugehen, denn sie sind „ein sanft sprechendes, reserviertes Volk“. Vorsicht ist dennoch geboten. „Weil Alkohol an Bord umsonst ist, werden viele versuchen, die Bar leer zu trinken.“ Da viele junge Tonganer älter aussehen, als sie es sind, kann man beim Ausschank ruhig den Personalausweis verlangen – „sie fühlen sich nicht beleidigt“.

Von wegen. Tongas Reisende fühlen sich durch die detaillierte Gebrauchsanleitung sehr wohl beleidigt. Der Vorsitzende des Beratungsstabs von Tonga hat sich offiziell beschwert, dass Neuseelands größte Fluglinie seine Landsleute als „unkontrollierbare Alkoholiker“ darstelle. Alles ein Versehen, alles nicht so gemeint, entschuldigte sich Air New Zealand. Das Handbuch sei längst überarbeitet und entschärft worden. Wenn ich demnächst auf dem Flug nach Wellington von einem Steward bedient werde, der Disco-Lidschatten und Nasenhaar trägt, dann weiß ich, dass der Tonganer neben mir in Ruhe saufen darf.

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