WIEN, Montag, der 20. September 2010
Hilja Müller

Tour de Trottoir

Ich gestehe: ich bin eine Gesetzesbrecherin. Und als solche bin ich ein schlechtes Vorbild für meine Kinder, die sich inzwischen auch wie selbstverständlich über so manche Regel hinwegzusetzen. Ich rede nicht von Ausnahmen, sondern von unserem Alltag in Tokio. Als bekennende Nicht-Autobesitzer radeln wir beherzt durch Japans Radwege-freie Hauptstadt.

 Dabei haben wir uns sehr schnell abgeguckt, wie es die Einheimischen machen. Bis auf eine Minorität, die es wagt auf den notorisch verstopften Hauptstraßen die Spur rücksichtsloser Taxi- und Busfahrer zu kreuzen, radeln hier alle auf den Bürgersteigen. Nicht, dass es dort viel Platz gäbe. Im Gegenteil, wenn ich meine Jüngste zur Schule begleite, konkurrieren wir bereits mit den Regimentern der Angestellten, die aus den umliegenden U-Bahnstationen quellen und ebenso zielstrebig wie zügig ihren Büros entgegen streben. Nachmittags wird es dann noch heikler, da die Gehwege zusätzlich mit Bummlern auf Shoppingtour verstopft sind. Zu Beginn unserer Radfahrerkarriere führte das zu so manchem „Feindkontakt“ und mein Blutdruck stieg auf dem Schulweg immens an.

Doch inzwischen erspähen wir geübt jede Lücke, schlängeln uns geschickt um langsame Fußgänger herum, klingeln uns notfalls keck den Weg frei und nehmen Abkürzungen entgegen einer Einbahnstraße. Und das in Japan, wo Gesetze und Regeln sonst in Stein gemeißelt sind. Aber wie gesagt, wir haben uns das alles abgeguckt und nur zu einer gewissen Perfektion gebracht. Gesetzesbrecher auf zwei Rädern sind ein geduldetes Übel in Tokio. Und ein schlechtes Gewissen habe ich nicht mehr, seit ich die ersten Polizisten gelassen über die Trottoirs pedalieren sah. Mangels Radwegen und angesichts der kritischen Verkehrsdichte sind Radler auf Gehwegen toleriert, ab und zu warnen an notorischen Unfallstellen auf den Boden gesprühte Bilder. Putzig ist, dass sich Einheimische nicht selten höflich entschuldigen, weil sie einem Radfahrer nicht fix genug ausgewichen sind.

Bei meinen Kindern hat diese Art der Verkehrserziehung allerdings fatale Folgen, wie sich bei unserem Sommerurlaub in Deutschland herausstellte. Mit größter Selbstverständlichkeit fuhren sie wie in Japan zunächst auf der linken Straßenseite, ignorierten das Vorhandensein von Radwegen und wunderten sich zutiefst, dass sie von Fußgängern barsch zurechtgewiesen wurden, nur weil sie fröhlich klingelnd auf den Gehwegen unterwegs waren. Mein im Reflex gestammeltes „Gomenasai“ – „ich entschuldige mich tausend Mal!“ – hat im Frankfurter Umland auch niemanden befriedet.

Aber jetzt ist alles wieder gut. Zurück in Tokio radeln wir mit großer Lässigkeit durch die dichtesten Passantenströme und grüßen freundlich die netten Polizisten, an deren Wache wir dabei  jeden Morgen vorbeikommen. 

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