CHRISTCHURCH, Sonntag, der 26. September 2010
Anke Richter

Trauma keinem mit Trauma

Ich erinnere mich noch an eine Ladenkette in den USA, die dem Kunden versprach: „Wenn wir Sie nicht mit einem Lächeln begrüßen, bekommen Sie zehn Dollar von uns.“ Super. Bring‘ die Kassiererin zum Weinen, und dir winkt vielleicht ein Hunni. Im Land der langen weißen Flauschwolke sind wir auf dem Service-Sektor noch nicht ganz so weit, aber umso liebenswürdiger. „Wie geht‘s“, fragt der Neuseeländer zur Begrüßung, und die korrekte Antwort darauf lautet „bestens, danke!“ anstatt einer Erörterung der momentanen Befindlichkeit. Die will niemand hören, denn sie könnte das Gegenüber überfordern oder gar negativ klingen.  Und das wäre unhöflich.

 Mit diesen Umgangsformen kann ich prima leben. Auch, dass jede Verkäuferin, egal ob im Supermarkt oder vom Telemarketing, mir als Erstes das hohle „Und wie war Ihr Tag so?“ entgegen flötet. Man bricht sich keinen Zacken aus der Krone, „ganz wunderbar!“ zurückzusäuseln, auch wenn man gerade von einer Beerdigung kommt. Und siehe da: Schon sieht der angegraute Tag dank der kleinen Heuchelei um eine Nuance rosiger aus. Es lebe die Floskel.

Seit zwei Wochen gibt es eine neue Variante: „Und wie ist Ihr Haus so?“ Was dem Amerikaner sein 9/11, ist dem Bewohner Christchurchs sein 4. September. Vor drei Wochen bebte bei uns die Erde so stark wie in Haiti, aber mit dem kleinen Unterschied zur Karibik und damals New York: Keine Toten, kein Elend, kein Hunger, kein Terror. Nur viel Bauschutt und schlaflose Nächte – die Unruhe, die Nachbeben. Dennoch Drama allerorten, denn wer ist nicht gerne mal in ausgedehnter Katastrophenstimmung?  Es gibt kein anderes Thema mehr als The Big E. Alle, alle sind erschüttert, vor allem seelisch. Ja, wir haben was durchgemacht. Das war mir die ersten Tage gar nicht so klar, aber ich ahnte es spätestens, als ich Tag für Tag in der Zeitung die blutrote Graphik der Nachbeben sah, unter der flammenden Zeile „Das haben Sie durchlebt“: 4,3. 3,6. 5,3 auf der Richter-Skala. Spätestens da fühlte ich mich als Opfer, das war ich schon meinem Nachnamen schuldig. Und Opfer müssen reden, reden, reden. Sie müssen immer wieder daran erinnert werden, dass sie das, was sie erlebt haben, bloß nicht zu leicht nehmen dürfen. Dass sie ein Recht darauf haben, sich mies zu fühlen, auch wenn das vielleicht in erster Linie daran liegt, dass alle über nichts anderes mehr  reden.

Die wenigsten haben so gelitten wie die Familie in Kaiapoi, deren Haus in der Mitte entzwei brach, als sich darunter ein Riss in der Erde auftat, in dem man jetzt einen Weinkeller unterbringen könnte. Dem häuslichen Inferno zu entkommen, während die Wände einstürzen, Glas splittert und Kinder schreien, hinterlässt sicher Kratzer auf der Seele. Aber der glückliche Rest soll sich mal nicht so anstellen. 2,4 Millionen Dollar hat Neuseelands Regierung rausgerückt, um Therapeuten aus anderen Städten einzufliegen. Selbst aus Australien rückten zehn Trauma-Beauftragte der Heilsarmee an. Halleluja. Schickt sie zurück, liebe Dauerbetroffenen, und grüßt mich bitte wieder so belanglos wie früher.

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