TOULOUSE, Donnerstag, der 19. Juni 2008
Birgit Kaspar

Vermeintliche Friedenstauben

Wenn Berichterstattung von Wunschdenken geprägt ist, wird es problematisch. Da ist im deutschen Blätterwald allenthalben zu lesen, dass Israel jetzt eine umfassende Friedensoffensive gestartet hat und, anscheinend völlig überraschend, Friedensfühler Richtung Libanon ausstreckt, sogar zu direkten Gesprächen über alle strittigen Punkte bereit sei. Hört, hört! Dass die Israelis seit Jahrzehnten nichts lieber getan hätten, als den kleinen Zedernstaat aus der arabischen Front heraus zu brechen, daran scheint sich niemand mehr zu erinnern. Dass die israelische Regierung 1982 nach ihrer Militärintervention sogar so weit ging, in Beirut einen pro-israelischen Präsidenten zu inthronisieren, der einen Friedensvertrag mit Jerusalem unterzeichnen sollte und dass Bashir Gemayel damals mit dem Leben dafür bezahlen musste, das scheint auch vergessen. Das Begehren, einen Separatfrieden mit dem Libanon abzuschließen und auf diese Weise die Nordgrenze zu konsolidieren, ist ein altes. Es ist aus israelischer Sicht verständlich. Dass die libanesische Führung das rundheraus ablehnt, weil es für sie undenkbar ist, solange die Frage des Verbleibs der rund 350.000 palästinensischen Flüchtlinge im Libanon nicht geklärt ist, ist nicht überraschend. Die meisten der Palästinenser sind sunnitische Moslems und die will hier so gut wie niemand haben, weil ihre Einbürgerung die konfessionelle Balance verändern würde. Außerdem ist angesichts der regionalen Machtverhältnisse klar, dass Beirut erst einen Friedensvertrag mit Jerusalem unterzeichnen kann nachdem Damaskus das vorgemacht hat. Und das bleibt abzuwarten. Also eine gute PR-Nummer des israelischen Premiers Ehud Olmert: Wenn man mit Syrien spricht, kann man doch auch gleich  Bereitschaft zu Gesprächen mit dem Libanon erklären. Klingt logisch, erhöht die moralische Friedensdividende im Westen und kostet nichts. Hat offensichtlich geklappt! Im Libanon hat das israelische Angebot niemanden beeindruckt, viele fanden es einfach nur unpassend. Die historische Perspektive hilft mitunter bei der Einordnung solcher Entwicklungen und macht sie zu dem, was sie sind: Randerscheinungen.

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