KöLN, Mittwoch, der 14. Mai 2008
Alois Berger

Verweis für den Direktor

Der Schuldirektor des Jacqmain-Lyzeums in Brüssel hat einen Verweis bekommen und wird für drei Monate vom Schulbetrieb ausgeschlossen. Weil er 78 Schüler vor dem 30. November eingeschrieben hat. Das war illegal und der Mann wusste das auch und wenn nicht, dann hätte ich es ihm sagen können. Ich habe nämlich am Abend vor dem 30. November vor seiner Schule im eiskalten Regen mein Zelt aufgebaut. So richtig mit Stahlheringe-zwischen-die-Pflastersteine-klopfen und Isomatte und Spirituskocher. Und das alles nur, um am nächsten Morgen meine Tochter für die Oberstufe anzumelden. Das hatte uns die wallonische Schulministerin eingebrockt. Weil sich vor allem katholische Edelschulen in Belgien traditionell die Schüler nach der Qualität des Elternhauses heraussuchen, hat die sozialistische Ministerin verfügt, dass die französisch-sprachigen Oberschulen diesmal alle Kinder akzeptieren müssen, unabhängig von Herkunft und Noten. Startschuss 30. November, wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Vor manchen Schulen standen schon drei Tage vorher hundert Meter lange Schlangen. Die besseren Familien mieteten sich Wohnwagen und Studenten, die abwechselnd anstanden und sich in den Wohnwagen aufwärmten. Der Durchschnittstarif fürs Anstehen lag bei 500 Euro. Der Schuldirektor von Jacqmain hat das vorausgesehen und fand es ziemlich ungerecht und hat deshalb den belgischen Weg gewählt: Wer ihm lange genug vorjammerte, dass er an diesem Tag keine Zeit hat, dessen Kind wurde eben schon vorher auf die Liste gesetzt. Das ist irgendwie rausgekommen und deshalb kriegt der Direktor jetzt drei Monate lang Gehaltsabzug. Die meisten belgischen Eltern finden das zu hart, viele haben vor dem Brüsseler Rathaus protestiert, weil es doch nur gut ist, wenn sich der Direktor nicht an jeden Unsinn von oben hält. Die 78 Schüler bleiben natürlich eingeschrieben.Nächstes Jahr soll sowieso alles wieder anders werden. Bloß wie, das weiß keiner. Sicher ist, dass die Oberschulen keine Aufnahmeprüfungen machen und nicht nach Schulnoten auswählen dürfen. Das wäre ungerecht gegen schwächere Schüler und da ist man in Belgien ganz empfindlich. Das Ministerium sucht nach einer gerechten Lösung. Und dann bleibt immer noch der belgische Weg.

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