TOULOUSE, Montag, der 15. August 2011
Birgit Kaspar

Von Beirut nach Belloc

„Sie sind aber neu hier!“, begrüßt mich die Besitzerin der Reinigung in Saint Girons als ich meine schmutzigen Gardinen bei ihr auf den Tresen lege. Dass ich neu zugezogen bin, weiß sie, weil dies die einzige chemische Reinigung im Umkreis von 20 Kilometern ist. Da kennt man seine Kunden. Als ich ihr erzähle, ich sei gerade aus Beirut nach Betchat gezogen, lacht sie schallend. „Wie sind sie denn auf die Idee gekommen??? So etwas habe ich ja noch nie gehört!“ Dass sie mich nicht gleich als verrückt bezeichnet hat, ist auch alles. In der Midi de la France sind die Menschen sympathisch direkt.

Die Gegensätze könnten drastischer nicht sein: Dort Beirut, diese lärmende Millionen-Metropole mit ihren täglichen Staus und Stromausfällen. Hier Betchat – oder genauer gesagt der Weiler Belloc, der zur Gemeinde Betchat gehört, mit seinen rund 30 Einwohner, sehr viel mehr Kühen und Ziegen, in beruhigender grüner Hügellandschaft mit Blick auf die französischen Pyreneengipfel.

 

Der Balsam für die von Nahost-Konflikten und Kriegen geschundene Seele entfaltet wohltuende Wirkung. Die Nachbarn Vivianne und Jean-Yves kommen mittags von ihren morgendlichen Streifzügen in den Wäldern vorbei und bringen Körbe voller Pfifferlingen, die sie bereitwillig teilen. Sie helfen gleichsam mit Tipps, wer für was im Dorf zuständig ist, wie das alte Dach unseres nicht minder alten Landhauses (angeblich 1820 erbaut) am besten vom Moos zu befreien ist (eine Aufgabe, die es jeden Sommer zu erledigen gilt!) und wie man die Tomatenstauden im Garten vor tödlichem Pilzbefall schützt. Eine Entdeckungsreise in einem neuen Mikrokosmos beginnt!

Ich fühle mich beschenkt: 24 Stunden Strom, 7/7, funktionierendes Internet in vergleichsweise rasender Geschwindigkeit, Straßen, auf denen man sein Ziel in kalkulierbarer Zeit erreicht und der morgendliche frische Duft nach Rosmarin und Lavendel beim Öffnen der grünen Holzfensterläden… Und Toulouse, la ville rose und viertgrößte Stadt Frankreichs, lockt mit Festivals wie „Klaviermusik im Jakobinerkloster“ und Jazznächten. Auch hier gibt es jede Menge Probleme, dennoch fällt langsam jahrelange Anspannung von mir ab.

Nur im Nachbargarten fällt ab und zu ein Schuss. Das ist Jean-Yves mit seinem Jagdgewehr, der seinen ganz persönlichen Krieg gegen die leidigen Maulwürfe führt, die unsere Gärten in Hügellandschaften verwandeln. Von einer Charakterisierung als niedliche, nützliche Tierchen will der ehemalige Flugzeugtechniker nichts wissen. Dabei ist er durchaus ein Tierliebhaber, der die neun jungen Enten in seinem Gartenteich mit Hingabe aufzieht und gegen Bussarde und Steinmarder verteidigt. Ich habe für meine Maulwürfe jetzt eine kleine Wegbeschreibung angefertigt, wie man nach Deutschland kommt. Denn dort stehen sie im Gegensatz zu Frankreich unter Naturschutz.

So richten wir uns langsam ein, in dieser neuen französischen Welt, in der die abendlichen Fernsehnachrichten von der Tour de France und dem verregneten Sommer dominiert werden. Erst danach folgen die weltweite Finanzkrise, das Massaker in Norwegen oder das Blutvergießen in Syrien. Die Wettervorhersage gibt es übrigens beim Fernsehsender TF1 gleich zweimal: Vor und nach den Nachrichten. Menschen und ihre Prioritäten – es bleibt faszinierend und meine Neugier bleibt groß.

 

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