BARCELONA, Mittwoch, der 14. November 2012
Julia Macher

Vorsicht Korrespondenten – bitte nicht füttern!

Heute der Generalstreik, nächste Woche die Parlamentswahlen: Katalonien steht zur Zeit etwas mehr im Interesse der Weltöffentlichkeit als normalerweise. Und das goutiert man sehr. Denn für fast nichts interessiert man sich hier so sehr wie über die veröffentliche Weltmeinung. Artikel in der Financial Times oder der New York Times werden breit rezipiert und intensiv diskutiert und das gute Dutzend internationaler Korrespondenten mit Sitz in Barcelona wird immer vors Mikro gebeten und auf Tertulias, diese ausufernden und lautstarken Diskussionsrunden, eingeladen. Allein in der letzten Woche hatte ich drei Interviewanfragen und eine Einladung auf eine Podiumsdiskussion. Die Fragen sind immer die gleichen: Was halten die Deutschen/Franzosen/Engländer von Kataloniens Unabhängigkeitsbestrebungen? Wie sehen sie uns als Volk? Glauben sie, dass wir auch als eigenständige Nation in der EU bleiben werden? Die Antworten sind natürlich bestenfalls spekulativ. Und da ich finde, dass meine persönliche Meinung über Unabhängigkeitsbestrebungen nichts zur Sache tut, sage ich immer häufiger ab, Ego-Schmeichelei hin, Ego-Schmeichelei her.
Auf der anderen Seite dagegen scheint unser Korrespondentenblick überhaupt nicht zu interessieren. Seit Wochen bemühen sich die hier ansässigen internationalen Journalisten um einen Termin mit Artur Mas, dem katalanischen Ministerpräsidenten. Zu voller Terminkalender, keine Chance.
Umso ärgerlicher dann zu lesen, dass die katalanische Regionalregierung Pressereisen für in Deutschland ansässige Journalisten organisiert, zu denen natürlich auf Gespräche mit dem Ministerpräsidenten gehören. In Madrid, so erzählten mir Kollegen, verfährt man ähnlich: Auch dort bemühen sich die Korrespondenten seit Wochen, gar Monaten um Interviewtermine mit diversen Ministern, auch dort lädt die Regierung lieber nach Gutdünken in Deutschland ansässige Politik- und Wirtschaftsredakteure zu Pressereisen und persönlichen Gesprächen ein.
Man muss keine Verschwörungstheoretikerin sein, um dahinter System zu wittern: Verspricht sich die katalanische/spanische Regierung davon, ihre Version der Dinge ungefiltert publiziert zu bekommen? Ohne den von Jahren Landeserfahrung “verstellten” Korrespondentenblick sozusagen? Ich zweifle nicht an der Kompetenz der deutschen Kollegen, solche Manöver zu durchschauen und objektiv zu berichten. Aber es ärgert mich, als Kollektiv so übergangen zu werden.
Vielleicht sollte man solche Manöver als indirektes Kompliment an unsere unbestechliche, kritische Arbeit werden. Ein schwacher Trost.

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