KAIRO, Donnerstag, der 28. Januar 2010
Jürgen Stryjak

Wegelagerer im Internet

Wenn ich durchs Internet surfe, höre ich Stimmen. Überall wird es mir zugeraunt und zugeflüstert: ‘Sign up! Register now! Wir sind an Ihrer Meinung interessiert! Hallo, melden Sie sich bitte an! Neu hier?’

Manchmal will ich unbedingt auf eine Webseite. Ein einziges Mal nur, um dort jetzt, aber danach nie wieder irgendetwas zu erfahren oder zu tun. Dann registriere ich mich schnell und fülle die Lochmasken mit lauter Quatsch aus. Ich denke mir Namen aus, ein fiktives Geburtsdatum, eine Postleitzahl, die mit meiner echten keine Ähnlichkeit hat, und wenn nötig, auch irgendwelche Phantasieinteressen. Meistens bin ich in den Achtzigern geboren – wer möchte nicht gern jünger sein. Mein Nettohaushaltseinkommen ist natürlich immer so hoch, wie ich es mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorzustellen wage. Es kam sogar schon vor, dass ich mir rasch ein GMX-eMail-Konto einrichtete, nur für diese eine Stunde. Um sicher zu gehen, dass ich später nicht etwa ungewollt Werbung erhalte.

Damit bin ich wahrscheinlich der Supergau aller Online-Marketingexperten. Also für jene Leute, die zu ihren Werbekunden gehen und behaupten, sie könnten so zielsicher wie nie zuvor genau die potentiellen Kunden erreichen, für die ihr Produkt entwickelt wurde.

Sagen wir mal, ich melde mich durchschnittlich zweimal pro Jahr irgendwo an, um hier oder da reinzukommen. Dann konnten in den letzten zehn Jahren Online-Marketing-Abteilungen 20 Persönlichkeitsprofile von einer Person sammeln, die ich bin. Ich bin zwanzig verschiedene Leute, die sich jeweils deutlich von mir unterscheiden, deren Infos die Online-Werber aber als ihren kostbarsten Datenschatz bezeichnen.

Wenn ich in Internetmarketing machen würde, täte ich den Tag jeden Morgen mit einem Gebet beginnen: Lieber Gott, lass bitte nie rauskommen, dass das alles nur eine Fiktion ist.

Ich bin ja nicht der einzige mit diesem Verhalten. Weil mich die Mysterien unseres Alltages interessieren, frage ich immer mal wieder rum. Bislang traf ich fast keinen, der seine realen Daten angibt, abgesehen vielleicht von der eMail-Adresse.

Aber nicht nur das. In anderthalb Jahrzehnten Dauereinsatz im Internet hat mein Gehirn eine Art Autopilot entwickelt. Während ich auf Webseiten zielgerichtet das finde, was ich suche, sorgt der Autopilot in meinem Kopf dafür, dass meine Augen nicht auf Werbung schauen und mein Zeigefinger nicht aus Versehen Banneranzeigen anklickt. Sollte sich trotz Popupblocker ein Werbefenster öffnen oder ins Bild schieben, schließt mein Autopilot es ohne mein Zutun. Webseiten, auf denen automatisch Audio-Reklamespots tönen oder tröten, macht er sofort komplett zu, noch bevor mich der Sound erschreckt.

Dabei finde ich ja gar nicht, dass Werbung schlecht ist. Medien und Werbung gehören zusammen wie Elmex und Aronal, und das ist gut so. Schlecht ist nur, dass Werbung im Internet inzwischen oft derart nervt, dass es an Nötigung grenzt. Bei Zeitschriften ergeht es mir anders. Immer wieder bleibe ich auf Anzeigenseiten hängen, weil mir die Fotos gefallen oder weil mich das Produkt interessiert. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich beim Durchblättern von Magazinen selbst entscheiden kann, was ich wann tue.

Ein Händler auf einem Touristenbasar in Oberägypten erzählte mir, dass er mehr verkaufe, seit er den vorbeilaufenden Touristen nicht mehr auf den Geist geht. Früher seien sie mit starrem Tunnelblick an seinem Shop vorbei geeilt. Eine Regel, die vielleicht auch Onlinewerber beherzigen sollten, könnte lauten: Die Internetuser nicht bedrängen, sich ihnen nicht in den Weg stellen, sie nicht vollquatschen, anmachen oder ihnen an den Ärmeln zerren.

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