TOULOUSE, Dienstag, der 15. Dezember 2009
Birgit Kaspar

Weihnachten kam mit einem Knall

Da saß ich gemütlich bei einer Tasse Tee mit einem Diplomaten zum Hintergrundgespräch in einem Café, als wir plötzlich von einem fürchterlichen Knall aufgeschreckt wurden. Es klang wie eine heftige Explosion – und mehrere weitere folgten. Bestürzt liefen die Kellner zur Tür, um hinauszusehen. Statten die Israelis uns zu Weihnachten einen unangekündigten Besuch ab? Oder sind irgendwelche Terroristen am Werk? Als die Kellner strahlend wieder rein kamen und Entwarnung gaben, wurde klar: Es war ein mächtiges Feuerwerk. Wenn der Krieg nicht zu uns kommt, dann sorgen die Libanesen eben selbst für entsprechenden Lärm. Es hat mich immer zutiefst verwundert, warum die Menschen in einem Land, das so viele Kriege ertragen musste, Knaller und Feuerwerke so sehr lieben. Sind wir sensiblen Ausländer die einzigen, die sich dann immer wieder erschrecken und an das Schlimmste denken? Ich kann es mir kaum vorstellen.

Doch sei es wie es ist. Wir hatten also gestern mal wieder das Vergnügen eines massiven Feuerwerks im Zentrum Beiruts. Es erleuchtete den Nachthimmel zwischen dem Märtyrer-Denkmal und der Mohammed el-Amine-Mosche, besser bekannt als Hariri-Moschee (weil Rafic al Hariri  diese überdimensionierte Moschee vor seinem Tod hatte errichten lassen – als Symbol der sunnitischen Macht im Libanon, heißt es) in allen denkbaren Farben und war wunderschön. Der Grund: Saad al Hariri, der Sohn Rafics und Libanons neuer Premierminister, eröffnete die Weihnachtssaison in Beirut. 

Der Märtyrerplatz ist nun dekoriert mit 86 kleineren Weihnachtsbäumen und einer Riesentanne, bestehend aus 500 eigens dafür abgeholzten Nadelbäumen. An dieser Stelle ein Gruß von Beirut nach Kopenhagen, wo gerade die weltweite Klimaveränderung beklagt und vielleicht sogar bekämpft wird. Hariri wird Anfang der Woche auch dorthin kommen und sicher besorgte Worte finden. Aber jetzt und hier zu Hause erfreuen wir uns der Weihnachtssaison, denn die Konjunktur soll ja auf Hochtouren laufen. Um das zu erleichtern brennen auch auf den Weihnachtsbäumen auf dem Märtyrerplatz 1150 Lampen während 20 Projektoren die Mega-Tanne mit verschieden farbigem Licht zusätzlich anstrahlen. Tag und Nacht versteht sich. Minus drei Stunden täglich, denn für diese Zeitspanne fällt in Beirut jeden Tag der Strom aus, weil die Electricité du Liban nicht genug Strom produzieren kann. Wie das alles zusammenpasst, fragt man sich im Libanon besser nicht. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Die Libanesen sind also ganz auf’s Fest eingestimmt, alle Geschäftsstrassen sind weihnachtlich dekoriert, übrigens auch im überwiegend moslemischen Westen der Stadt. In den Läden wimmelt es von Festtags-Schnäppchen – der Kommerz ist König! Sozusagen als vorweihnachtliches Präsent bekamen die Libanesen auch noch kurz vor Jahresende endlich eine neue Regierung – nur sechs Monate nach den Parlamentswahlen im Juni. Die neue Mannschaft der nationalen Einheit wurde vom Parlament nach einer Marathondebatte von knapp 99 Prozent der Abgeordneten bestätigt – ein Rekord.

Und das, obwohl die pro-westlichen Christenparteien allesamt gegen Paragraph 6 der Regierungserklärung waren, der besagt: Der Libanon, sein Volk, seine Regierung, seine Armee und sein Widerstand (d.h. Hisbollah) haben das Recht, das gesamte libanesische Territorium mit allen legitimen Mitteln zu befreien. Mit anderen Worten: Niemand rührt die Waffen der Hisbollah an. Das finden nicht alle im Zedernstaat klasse, aber das ist nun erneut Regierungspolitik. Die Zeichen stehen auf Ruhe und Ausgleich, vorerst jedenfalls. Nach Ansicht des Abgeordneten Fadi al-Awar ist die allgemeine Atmosphäre so gut, dass einer Arbeit im Interesse der Bürger eigentlich nichts im Wege steht. Na, das sollte einem schon ein lautes Feuerwerk wert sein.

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