MOSKAU, Dienstag, der 25. Mai 2010
Stefan Scholl

Wellenreitende Wolgabrücken und sibirische Schmelzwasserschamanen

Durch Russland fließt viel Wasser. Zum Beispiel die Wolga, mit 3530  Kilometern Europas längster Strom. Und weiter östlich, in Sibrien, der Jenissej, 5960 Kilometer lang, der Welt fünflängster Fluss. Russland meistert seine gewaltigen Flusslandschaften mit viel Schwung: Die erst vergangenen Oktober eröffnete Wolgabrücke von Wolgograd nach Krasnoslobosk ist mit 7,1 Kilometer die längste Straßenbrücke Europas. So wie das Sajano-Schuschensker Wasserkraftwerk am Jenissej mit 6400 Megawatt Leistung das größte Wasserkraftwerk Europas darstellt. Der 240 Meter hoher Staudamm gehört zu den 20 höchsten Staumauern der Welt…

Außerdem managt Russland Krisen verblüffend einfach: Bei einem Frühjahrssturm geriet die längste Brücke über den längsten Fluss Europas kürzlich in so heftige Schwingungen, dass selbst für ihre Nervenstärke berühmte südrussische Steppen- und Straßenhunde weder vor noch zurück wussten. (Russische Bloger machen sich auch noch drüber lustig: http://www.youtube.com/watch?v=aLNQlCVsA9E) Einige Tage rätselte die Öffentlichkeit, ob die Wellen reitende Wolgabrücke nun abbruchreif oder ein besonders flexibles Wunderwerk der vaterländischen Technik sei. Dann beschlossen die Behörden, die Brücke für Fußgänger, Pkw und auch Hunde wieder freizugeben. Wolgograder Pessimisten behaupten allerdings, Hunde seien seitdem auf dem Bauwerk nicht mehr zu sehen.

Den Staudamm von Sajano-Schuschensk und das dazugehörige Kraftwerk hat erst gar niemand dicht gemacht. Obwohl sibirische Wahrsager, aber auch allerlei Physiker und Ingenieure seit Wochen davor warnen, der Staudamm könne unter dem Druck der im Juni anstehenden Schmelzwasserfluten brechen. Diesen Winter fiel in den chakassischen Bergen, durch die der Jenissej fließt, doppelt soviel Schnee wie üblich. Außerdem gilt das Kraftwerk nach einem Wassereinbruch im Turbinenraum, bei dem vergangenen August 75 Techniker umkamen, als unsicher. Zahlreiche Bewohner der Städte flussabwärts sollen nach Angaben des Regionalfernsehens schon für alle Fälle das Weite gesucht haben. Die Energiegesellschaft „Rushydro“ aber, Europas größter Wasserkraftwerksbetreiber, rettete die Lage mit ethnologischer Rückbesinnung: Sie platzierte in ihrem Firmenblog einen Videoauftritt 5 sibirischer Schamanen. Die posieren in Pelzmützen und Volkstrachten am Fuß der Staumauer und verkünden, sie hätten seit Dezember die Geister beschworen, das Tauwasser langsamer fließen zu lassen. Die über- und unterirdischen Kräfte  hätten positiv geantwortet, die Überschwemmung falle aus. Man werde die Geister aber für alle Fälle weiter anrufen. (Im Originalton: http://www.youtube.com/user/RusHydro)

Pech für die gerade vom Hochwasser heimgesuchten Polen, dass Geister beschwörende  Medizinmänner bei ihnen ausgestorben sind. Ganz zu schweigen von noch westlicheren Europäern. Uns bleiben nur die Gummistiefel.

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