TOKIO, Freitag, der 13. November 2009
Roland Hagenberg

Wer zum Teufel ist Noripi?

Kann mir jemand sagen was 0.008 Gramm auf der Hand sind, unter dem Fingernagel oder sonst wo? Ich meine, wie sieht das aus, Mehl, Staubzucker, Tabak,Vitamine? Am Montag stand Noripi vor Gericht. Kerker, 18 Monate für 0.008 Gramm, “stimulierende Substanz”, aber was genau? 3000 Neugierige balgen sich um 21 Lotterie-Tickets für Plätze im Gerichtsaal. Erniedrigung, Reue, mitunter Nachlass – das alte japanische Spiel auf dem Weg zur Läuterung.  In einem Land, wo Galgen-Bodentüren genauso schnell fallen wie im Irak (mit einem Unterschied: japanische Angehörige erfahren von der geheimen Hinrichtung erst Monate später), in so einem Land verwundert ein Drama um 0.008 Gramm nicht. Begonnen hatte alles am 2. August. Die Polizei stoppt Ehemann Yuichi Takaso, findet “eine stimulierende Substanz”. Telefoniert dann mit seiner Frau. „Kommen Sie!“ Sie kommt sofort. Entschuldigt sich für das Verhalten ihres Mannes. Danach ist sie bis zum 8. August verschwunden. Sie habe die Zeit genutzt, um “stimulierende Substanzen” in der Wohnung zu entsorgen (ausser diese 0.008 Gramm). Das sei niederträchtig, gemein, verbrecherisch. Richter Hiroaki Murayama (übersetzt „Dorfberg“) lässt die Japaner wissen: Noriko Sakai (bürgerlicher Name) habe seit vier Jahren genau einmal pro Monat eine “stimulierende Substanz” zu sich genommen. Yuichi habe sie dazu animiert. Von der eigenen Sucht sei sie auch ein paar Mal getrieben worden. Ein Mal pro Monat. Woher die Information? Geständnis? Freiwillig? (Europäische Botschaftsangehörige wissen um die mittelalterlichen Zustände in den japanischen Gefängnissen, unterliegen aber der Schweigepflicht).

Der Richter schimpft. Stoesst kaum auf Widerstand, und wenn, dann ist das Auflehnen wattiert, verfloskelt, vage.  Kommen auf 10,000 Deutsche 15 Rechtsanwälte, sind es in Japan nicht einmal 2 (genau 1.8). Bei denen gilt die Faustregel: Besser sich als Unschuldiger schuldig bekennnen, als  sich unschuldig verteidigen. Die Polizei irrt nie. Die Verurteilungsrate nach Verhaftung ist 99 Prozent Komma nochwas.

Und dann schwenkt Richter Murayama plötzlich ein. Er wird Gnade walten lassen. Noriko Sakai habe ihn überzeugt, ihre Reue, ihr Wille zur Besserung, dass sie dem Show-Business für immer den Rücken kehren wird, den Krankenpflegeberuf erlenen will,  und vor allem, ihre Scheidung vom Nichtsnutz-Verbrecher-Ehemann, demnächst, irgendwann, wie versprochen. Noriko Sakai – Noripi — hat in ihrem Leben hunderte Millionen CDs verkauft. „18 Monate auf Bewährung!“ verkündet Richter Murayama und geniesst seine letzten Sekunden vor dem Star: „Ich will meine Worte aus Ihrem Mund hören, langsam und deutlich!“ Der Saal ist still. Noripi verbeugt sich tief, sehr tief und haucht: „18 — Monate — auf —  Bewährung.“

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