MüNCHEN, Donnerstag, der 29. April 2010
Christine Mattauch

What is Person 1’s race?

 

YOUR RESPONSE IS REQUIRED BY LAW! Das steht auf dem großen Umschlag, den ich Ende März im Briefkasten finde. Darin: Die Unterlagen zum „United States Census 2010“. Schon seit Wochen werben Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften und minutenlange Fernsehspots für die Teilnahme an Amerikas Volkszählung. Alle zehn Jahre wird sie durchgeführt – eine gewaltige Aktion, die 870 000 Aushilfskräfte beschäftigt. Kein Wunder, bei mehr als 300 Millionen Einwohnern.

Anders als in Deutschland gibt es in den USA kein Meldewesen und keinen Personalausweis. Sich bei einer Behörde zu registrieren, widerstrebt freiheitsliebenden Amerikanern. Auch wenn das im Alltag Schwierigkeiten mit sich bringt und man beim Handykauf zum Nachweis des Wohnortes die eigenartigsten Dokumente vorlegen muss. Zum Beispiel die Gasrechnung.

Grundlage der Bevölkerungsstatistik ist der Zensus, und Bundesregierung, Bundesstaaten und Städte machen Werbung dafür. Aber nicht nur, weil sie wissen wollen, wie viele Leute wo leben. Auf Basis der Zählergebnisse werden Subventionen für Straßen, Krankenhäuser und Schulen vergeben, und so hat jede Gebietskörperschaft ein Interesse daran, möglichst hohe Einwohnerzahlen zu präsentieren. Das aber ist gar nicht so einfach.

Während Indonesien durch Mehrfachzählungen offenbar eine statistische Bevölkerungsexplosion bevorsteht (siehe Blog vom 26. April), werden in den USA vor allem Großstädte systematisch unterzählt – weil dort überdurchschnittlich viele Einwanderer leben, legale und illegale. Die sind zwar ebenfalls zur Teilnahme verpflichtet. Viele verstehen aber nicht, wozu das gut sein soll. Und die Illegalen haben Angst, dass nach Ausfüllen des Fragebogens plötzlich die Polizei vor der Tür steht, auch wenn das Amt für Statistik schwört, es gebe die Angaben nicht weiter.

Die Beteiligung der Immigranten am Zensus ist in den US-Medien ein großes Thema. Worüber hingegen überhaupt nicht diskutiert wird, ist der Datenschutz. Das hat mich überrascht, denn ich kann mich noch gut erinnern, was 1987 bei der Volkszählung in Deutschland los war. Es gab Demonstrationen und Boykottaufrufe. Eine meiner Freundinnen weigerte sich so lange, den Bogen auszufüllen, bis ihr ein hohes Bußgeld angedroht wurde.

Der amerikanische Staat will aber auch nicht soviel wissen wie der deutsche. Nachdem ich den Brief geöffnet und das hellblaue Formular überflogen habe, stelle ich fest, dass ich – im Fragebogen „Person 1“ – nur acht Fragen beantworten muss, und von denen sind die meisten banal – Name, Familienstand, Geschlecht, Geburtsdatum. Nicht mal der Beruf interessiert, geschweige denn das Einkommen. Dafür aber – die Herkunft. „Is Person 1 of Hispanic, Latino, or Spanish origin?“ „What is Person 1’s race?“ Eine Flut von Alternativen wird angeboten: Asian Indian, Alaska Native, Chinese, Korean, Vietnamese, Native Hawaiian, Guamanian or Chamorro, Samoan, Other Pacific Islander… White natürlich auch. Und für den Fall, dass sich jemand nicht repräsentiert fühlt, gibt es „some other race“.

Man ahnt, dass einige Bezeichnungen Gegenstand langer Diskussionen gewesen sind. Die Rubrik für Schwarze etwa heißt „Black, African American or Negro“. Neger? Einige Zeitungen haben empört beim Statistikamt nachgefragt, weshalb ein so veralteter und rassistisch belasteter Begriff verwendet wird. Die Behörde rechtfertigte sich damit, dass viele ältere Schwarze sich selbst noch so bezeichnen würden. Das Unverständnis über diese Erklärung war so groß, dass der Begriff beim nächsten Zensus wohl endlich gestrichen wird. 

Auch der Präsident muss den Fragebogen ausfüllen. Da Obama einen schwarzen Vater und eine weiße Mutter hat und in Hawaii geboren ist, hat er bei der Herkunft mehrere Optionen, und es interessierte die Medien, wo er sein Kreuzchen macht. Bei ‘Black’, bestätigte schließlich ein Sprecher. 

Zum Schluss kommt die Frage, ob „Person 1“ vorübergehend abwesend sei. Unter den sieben vorgegebenen Gründen lautet einer „In jail or prison“, im Gefängnis. Ich muss erst schmunzeln. Dann aber fällt mir ein, dass jeder fünfte schwarze Mann ohne Collegeabschluss einen Teil seiner Jugend hinter Gittern verbringt. Überhaupt liegt der Anteil der Schwarzen im Gefängnis weit über ihrem Bevölkerungsanteil. Ob daran die Polizei, die Armut oder das Erbe der Sklaverei schuld ist, darüber wird seit Jahren diskutiert, ohne dass sich etwas ändert.

Als ich meinen Bogen ausgefüllt und zur Post getragen habe, komme ich mir sehr staatstragend vor. Obwohl ich kurz versucht bin, den Brief absichtlich zurückzuhalten. Es wurde nämlich angedroht, dass diejenigen, die sich nicht beteiligen, Besuch von Interviewern erhalten. Dann hätte ich noch mehr Material für den Blog gehabt. Aber vielleicht wäre auch keiner gekommen, und dann hätte die Stadt New York wegen der Weltreporter zuwenig Geld aus Washington bekommen. Das wollte ich dann doch nicht riskieren. 

Fotos: US Census Bureau, Pete Souza

 

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