TOULOUSE, Dienstag, der 15. November 2011
Birgit Kaspar

Wir sind jetzt Freunde

Es herrscht eine warme Atmosphäre vor dem „Monument des Morts“ in der südfranzösischen 35-Seelen-Gemeinde Belloc an diesem Freitagmorgen. Küsschen zur Begrüßung. Jeder kennt jeden. Nur die Deutsche und den Schotten, die kennen noch nicht alle. Umso freundlicher werden sie Willkommen geheißen. So etwas hat es in Belloc noch nicht gegeben: Eine Deutsche, die am Gedenktag für die Kriegstoten im 1. Weltkrieg dabei ist. „Eine starke Geste“, meint mein Nachbar Bernard. Er sei stolz, mit mir befreundet zu sein. Das fröhliche Geplänkel und der Austausch des jüngsten Klatsches kommen zu einem jähen Ende, als der Bürgermeister das Mikrofon ergreift.

 

André Courset trägt einen dunklen Anzug und dunkelblaue Krawatte. „Es ist unsere Pflicht, an die zu erinnern, die Frankreich und die Demokratie verteidigten und dafür den höchsten Preis zahlten“, verkündet er feierlich. Nicht nur 1914 -18 sondern zu allen Zeiten. Er persönlich nehme den Gedenktag an den Waffenstillstand des 1. Weltkrieges am 11. November 1918 sehr ernst. Courset dankt den rund 20 Belloquois besonders herzlich, dass sie diese Tradition aufrecht erhalten. Denn in einigen Kommunen werde der 11. November mangels Interesse schon nicht mehr zelebriert. In seiner Ansprache ist für jeden etwas dabei: Für die Nationalisten, für die Verwandten von Gefallenen – und das sind hier auf dem Lande viele – aber auch einfach nur für Pazifisten.

 

Mit weißen Handschuhen hält der Fähnrich die blau-weiss-rote Nationalflagge mit der silbernen Aufschrift „Commune de Betchat“ in den lauen Herbstwind. Nun tritt ein Kommunalbeamter etwas linkisch ans Mikrofon. Er verliest – mit getragener Stimmer – eine Kurzform der offiziellen Ansprache des Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy am Arc de Triomphe in Paris! Die Langfassung gibt es übrigens zeitgleich im Fernsehen. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viel Bedeutung und Respekt die Franzosen dem Amt des Präsidenten beimessen. Selbst diejenigen, die seinen derzeitigen Amtsinhaber gar nicht schätzen.

Die beiden jüngsten Teilnehmer – zwei Teenager – legen das Blumengesteck der Kommune am kleinen Kriegerdenkmal nieder. Jetzt stehen alle stramm und konzentriert da. Zwei andächtige Schweigeminuten. Nur die Vögel zwitschern. Und Crapule, die freundliche Promenadenmischung, die immer durch Belloc streift, versteht wieder den Ernst des Augenblicks nicht. Fröhlich wedelt der Hund mit dem Schwanz und fordert einen nach dem anderen zum Spielen auf. Nicht doch! Denn schon ertönen Trompeten und Trommelwirbel aus dem kleinen schwarzen Lautsprecher unter dem Monuments des Morts. Kurz darauf die Marsaillaise – die übrigens von niemandem mitgesungen wird.

 

So ist es also am Feiertag für den Waffenstillstand von 1918 in „la France profonde“ – also dort, wo sich normalerweise Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen, denke ich mir. Weit gefehlt. Jetzt würde es doch erst richtig nett, betonen die Nachbarn. Und schleppen uns ab zu einem „vin d’honneur“, einem fröhlichen Umtrunk im Gemeindesaal. Da sind sie einfach unschlagbar, die Franzosen: Champagner wird gereicht, wenn auch in Plastikbechern. Mit oder ohne Cassis (das ist Johannisbeerlikör, der den Schampus dann in einen „Kir Royal“ verwandelt). Dazu gibt es kleine Häppchen. Aber nicht etwa mit Schnittkäse oder Thunfisch. Na, zu Foie Gras (Gänsestopfleber) sollte es doch noch reichen im krisengebeutelten Frankreich, zumal wir uns hier in einer Hochburg seiner Produktion befinden.

Die Stimmung hebt sich, alte Freundschaften werden gepflegt, neue geschlossen. Jedenfalls erklärt so Chantal ihrer 8jährigen Tochter Melissa, warum wir heute hier sind: „Vor vielen, vielen Jahren haben Deutsche und Franzosen sich gegenseitig im Krieg erschossen. Das war furchtbar“, sagt sie ernst. „Aber heute gedenkt Birgit aus Deutschland gemeinsam mit uns dieser Toten, denn heute sind wir Freunde.“ Chantal lacht, drückt mir einen Kuss auf die Wange, und wir stoßen auf diese neue Freundschaft an. Melissa will natürlich nun auch von mir in den Arm genommen werden – und plötzlich bekommt dieser Besuch aus reiner Neugierde bei den Feierlichkeiten zum 11. November in meiner neuen Wahlheimat eine ganz tiefe Bedeutung. Vive l’amitié. Vive la République. Vive la France. Und vor allem die südfranzösische Wärme und Lebenslust.

 

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