CHRISTCHURCH, Dienstag, der 29. Juni 2010
Anke Richter

Wir waren Weltmeister

 

Ach, es war schön, wenn auch tief in der Nacht. Der Rausch ebbt langsam ab. Als Neuseeland drei Mal beinahe Weltmeister wurde, hatten die Fans daheim zwar mit der Zeitverschiebung und nassem Winterwetter zu kämpfen, aber von innen wärmte sie die Siegersonne: Nichts als eitel Freude, Stolz und Gloria in den letzten zwei Wochen. Die unscheinbaren Kiwis, 78 auf der Weltrangliste, unentschieden gegen Italien – das fühlt sich fast so gut an wie damals 1953, als Edmund Hillary als erster Mensch den Mount Everest erklomm.

Neuseeland hat schon wesentlich größere sportliche Erfolge eingeheimst, wie den America’s Cup und den Rugby World Cup (reden wir nicht darüber, dass letzterer schon 23 Jahre her ist – geschenkt). Aber keine olympische Goldmedaille hat den gleichen Mediendonner bewirkt wie das das Eins-zu-Eins der All Whites letzte Woche. Alle, die Fußball lieben, lieben die Kiwis. Er tut gut, der Ritterschlag der großen Welt. Wie sagte unser – jawohl, unser, schließlich bekam ich noch gerade rechtzeitig den Doppelpass ausgehändigt – Kapitän Ryan Nelsen so richtig: „Neuseeland ist jedermanns Lieblingsmannschaft, nach der eigenen.“

Und alle Kiwis lieben plötzlich Fußball. Mehr als ein Vierteljahrhundert durften sie nicht dabei sein, dann traten sie quasi über Nacht die Nachfolge Prinzessin Dianas an und wurden Könige der Herzen. Für einen kurzen, aber historischen Moment ist Rugby zum Mauerblümchen im nationalen Psychogramm geschrumpft. Selbst erzkonservative Traditionalisten schätzen, dass ‚Footy‘ seit diesem Juni einst so beliebt werden könnte wie Rugby, auch wenn es zwei Generationen dauert. Eine weiße Revolution.

Premierminister John Key schickte Trainer Ricki Herbert vor dem Spiel in Rustenburg sechs SMS-Nachrichten und erwog, einen Nationalfeiertag auszurufen. Medienstrategen rechnen bereits aus, wie viele hundert Millionen Dollar es der Marke Neuseeland gebracht hat, bis in die Favelas Brasilien gebeamt zu werden. Allein auf Facebook bekannten sich nach dem Spiel gegen die Slowakei Tausende als neue Fans von Aotearoa, dem Land der langen weißen Wolke und der kurzen weißen Überraschung.

Die aus den Safariparks zurückgekehrten Spieler werden gefeiert, bejubelt und in den Schulen herumgereicht. Jede Stadt ist stolz auf ihren persönlichen All White. Jeder kennt jemanden aus dem Team über zwei Ecken, sogar wir: Die Zwillingsschwester einer Freundin ist die Mannschaftsärztin, und wir trinken regelmäßig im Haus von Ryan Nelsen einen Milchkaffee – als Besucher der dort ansässigen deutschen Mieter. Auch die Australier, die bereits die Urheberschaft der Pavlova-Torte, Schauspieler Russell Crowe und Pop-Oldies Crowded House an sich gerissen haben, konnten es mal wieder nicht lassen und kassierten die Heldentat des kleinen Rivalen einfach für sich ein. Unglaublich – 4:0 gegen Deutschland im Eröffnungsspiel verloren, aber dann frech titeln, so wie der Sydney Morning Herald: „Australasia 1, Slovakia 1“. Ach, wir sehen das gelassen.

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