PRAG, Donnerstag, der 17. September 2009
Kilian Kirchgeßner

Wo Politik noch spannend ist

Stinklangweilig sei es gewesen, das deutsche Kanzlerduell – sagen alle Freunde, die es gesehen haben. Ich habe sie hingegen beneidet um das geordnete, zivilisierte Duell. Hier in Tschechien laufen solche TV-Begegnungen so ab: Die Kandidaten würdigen sich keines Blicks, fallen einander ins Wort, bezichtigen sich wechselseitig der Geisteskrankheit, geben sich am Schluss demonstrativ nicht die Hand und erstatten anschließend jeweils einige Strafanzeigen gegeneinander wegen übler Nachrede, Rufschädigung oder ähnlicher Delikte.

Solcherlei Duell ist aber erst der Auftakt zu Größerem, es ist sozusagen die Prelude zur echten Politik. Denn im Abgeordnetenhaus geht es genauso weiter. „Es ist manchmal schwierig“, wird dieser Tage der Prager Außenminister Jan Kohout zitiert, „unseren Kollegen im europäischen Ausland zu erklären, was hier in Tschechien los ist.“ Es ist für seine Diplomaten vor allem ebenso peinlich wie schwierig.

Gerade jetzt gipfelte das politische Tohuwabohu in einer Posse um die vorgezogenen Neuwahlen. Die waren nötig geworden, nachdem die linksgerichtete Opposition es fertiggebracht hat, die Regierung mitten in der EU-Ratspräsidentschaft zu stürzen. Jetzt, zweieinhalb Wochen (!) vor dem ursprünglich geplanten Termin, werden die vorgezogenen Wahlen abgeblasen: Erst hatte das Verfassungsgericht Bedenken, daraufhin änderten die Parteien mit einem großen und seltenen Konsens kurzerhand die Verfassung – und jetzt weigerte sich die selbe Oppositionspartei, die schon die Regierung gestürzt hatte, der Parlamentsauflösung zuzustimmen, obwohl sie noch einen Tag zuvor am heftigsten auf rasche Neuwahlen gedrängt hatte. Ohne Parlamentsauflösung aber keine Neuwahlen. Das ist jetzt die Kurzfassung, in Wirklichkeit gibt es noch ein paar Winkelzüge, Verwicklungen und persönliche Verstrickungen mehr.

Uns Korrespondenten stellt das vor eine entscheidende Herausforderung: Längst geplante Sendetermine und Interviews „vor den Wahlen“ müssen wir verschieben oder absagen und in den Redaktionen daheim erklären, dass wieder einmal alles anders ist als gedacht. „Ach ja, die Tschechen“, seufzen dann meistens die Kollegen in Deutschland. Und für uns hier wäre es ohnehin langsam ein besseres Geschäftsmodell, von der politischen Berichterstattung ganz auf Glossen umzusatteln – Steilvorlagen immerhin gibt es täglich.

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