MüNCHEN, Dienstag, der 2. August 2011
Martin Zöller

Wovon träumst Du? – Martin Zöller über die Suche der Römer nach den richtigen Lottozahlen

Wenn ich in Rom meine Telefonrechnung zahle, gehe ich in einen “Tabacchaio”, einen dieser Miniläden auf die ein großes weißes „T“ auf blauem Grund hinweist.  Im „Tabacchaio“ kostet es zwar einen Euro Gebühr, Rechnungen zu bezahlen.  Aber immer noch besser als auf der Post aus der man in Rom unter reiner Stunde Wartezeit kaum herauskommt.

Jetzt gab es eine Neuerung in „meinem“ Tabacchaio: Ein Bildschirm hing da, auf der eine digitale Uhr rückwärts zählte. “1:16, 3:15, 3:14, 3:13….” Ein Countdown. Aber für was?”

“Ganz neu”, strahlt der Tabacchaio-Mann, als ich ihn fragend anschaue. “Lotto-Ziehungen alle fünf Minuten.“

“Jetzt gleich auch?” 

Er nickt. 3:00, 2:59, 2:58, 2:57 . Schon habe ich einen Schein in der Hand.  “Bis zu zehn Zahlen“, sagt er.  (Zehn Zahlen aus 90, das ist schon so unwahrscheinlich, dass es schon wieder lustig ist.)

Noch 2:30, 2:29, 2:28. Für die ersten fünf  Zahlen nehme ich Geburtstage aus der Familie, dann bin ich unschlüssig. Der Tabacchaio-Mann fragt: “Was hast Du zuletzt geträumt?” “Was ich geträumt habe? 2:07, 2:06, 2:05. “Warum?” Er zieht ein Buch unter der Ladentheke hervor mit dem Titel “Smorfia Neapolitana: Das Geheimnis der richtigen Zahlen”. Er schlägt es auf: Tausende Wörter, jeweils dahinter eine Zahl. Über die Ladentheke hinweg lese ich:  “Doping-88”, “Rasierschaum-76”, “Nachkriegszeit-54, “Winterstiefel 90”.  „Also wovon hast Du zuletzt geträumt?“

  

Ich überlege: Über Nachkriegszeit, Doping und Winterstiefel sehr lange nicht.  Da fällt mir was ein. “Vorletzte Nacht von Carabinieri”, sage ich. (Ich habe nämlich Angst, kontrolliert zu werden, da ich meinen Fahrzeugschein nicht finde) 1:47, 1:46, 1:45. Er blättert in dem Buch zu “C”, sucht mit seinem Zeigefinger „Carabinieri“ und sagt: “18”. Ich schaue ihn an fragend an, er nickt heftig, ich kreuze die “18” an. Die Zeit läuft: 0:47, 0:46, 0:45, 0:44. “Hatte er eine Uniform an?”, ich nicke, er sagt “60”. “Gab es einen zweiten Carabiniere”, fragt er wieder, ich nicke, ich kreuze “56” an.  Noch 0:23, 0:22, 0:21. Ich beschließe, mich auf acht Zahlen und eine mögliche Gewinnsumme von 20.000 Euro zu beschränken. Der Countdown springt auf 0:00.

Dann ist der größte Spaß vorbei, denn die Ziehung ist so wie alle Lotto-Ziehungen: Spätestens nach der zweiten Zahl, die man nicht hat, eine einzige Enttäuschung. Der Tabacchi-Mann und ich nicken uns zu, er macht “va beh” und schaut mich skeptisch an: „Beh“, sagt er und zuckt mit den Schultern, „offenbar hast Du Dir den Traum nicht gut genug gemerkt.”

Ich habe dann meine Telefonrechnung gezahlt und bin gegangen. In den kommenden zwei Monaten bis zur nächsten Telefonrechnung werde ich sehr genau Buch führen über meine Träume.

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