MüNCHEN, Dienstag, der 17. November 2015
Martin Zöller

Zuckerbrot und Kasperl

Zuckerbrot und Kasperl – Ablenkung ist alles

Luisa und das Honigbrot

Bekanntermaßen soll man sich ja über die kleinen Dinge freuen, allerdings hat noch nie jemand definiert, wie klein „klein“ eigentlich ist. Für mich ist das nämlich schon ein winziges Stück Brot, das ich, mit Butter und Honig bestrichen, morgens irgendwie in den Mund meiner Tochter hineinorganisieren will. Ein gegessenes Stück Brot in der Früh ist ein Erfolg, zwei ein Fest, drei eine Sensation. Von vier Stücken möchte ich gar nicht träumen – dann lade ich Sie alle  zu einem dreiwöchigen Fest ein. Ach machen wir ruhig vier Wochen.

 

Ich habe eine große Kunstfertigkeit darin entwickelt, meiner Tochter vermeintliche Zumutungen zu verkaufen. Ablenkung ist alles – doch die Erwartungen an mein Unterhaltungsprogramm steigen ständig.  Erst reichte es, alberne Grimassen zu schneiden, um ein Stück Brot unterzubringen, dann musste es schon bald ein Lied sein. Heute sind wir bei Geschichten, die ich erzählen muss. Heute Morgen um halb acht forderte sie kurzerhand, mit Blick auf ihren Teller mit einem Honigbrot eine Geschichte zum Thema: „Der Kasperl und das Honigbrot“. Da steht man dann erstmal da, als verschlafener Papa. Die Geschichte lief dann darauf hinaus, dass der Kasperl naiverweise direkt am Bienenstock Honig aufs Brot schmieren wollte…die Bilanz: Eine Bienenattacke auf den Kasperl, zwei Stücke Brot im Mund meiner Tochter! Ein unfassbares Erfolgserlebnis.

 

Die Frage ist: Was kommt, wenn sich auch das Genre „Geschichten“ abnutzt und nicht mehr zur Ablenkung taugt? Manchmal stelle ich mir schon vor, wie wir irgendwo Schnitzel essen sind, meine Tochter den Kopf schüttelt und die Bedingung stellt: „Papa, Du musst Feuerspucken!“. Oder beim Pizzaessen: „Papa, Du musst Schwertschlucken!“ Ich sollte schleunigst Kurse belegen. Natürlich würde ich so beiläufig wie möglich feuerspucken, um die Leute an den Nebentischen nicht unnötig zu erschrecken.

 

Naheliegend ist natürlich jetzt, meine Erkenntnisse auch auf die Gesamtgesellschaft zu übertragen: „Veränderung durch Ablenkung!“ Ich könnte einmal auf einer Pegida-Demo auftreten und die Geschichte „Der Kasperl und das Honigbrot“ erzählen. Vielleicht wären dann alle so verwirrt, dass sie nach Hause gehen. Auch das wäre ein Grund für ein vierwöchiges Fest.

 

 

 

 

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