TOKIO, Sonntag, der 18. Februar 2007
Roland Hagenberg

Zunge auf glühendem Eisen

 

Bürgermeister in Yunnan: Schamane, Parteimitglied und Unternehmer

VIDEO: Heisses Eisen lecken als Heilritual

Am Spätnachmittag erreichten wir ein Dorf an der tibetanischen Grenze. Der Bürgermeister begrüsste uns, rupfte ein paar Gräser vom Strassenabhang und stapfte auf einen Baumstumpf zu. Wir folgten ihm, Schweine folgten uns und Hühner liefen den Schweinen hinterher. Der Bürgermeister bückte sich, entzündete das Grasbüschel in seiner Hand. Der Rauch war süss, löste sich vom Hanf, der wie ein Wegelagerer an allen Strassenrändern in Yunnan lauert. Schnell hörten die Bienen auf zu fliegen, kletterten über die rissige Hand des Bürgermeisters. Keine stach. Alle torkelten. Der Dorfoberste griff tief in die Holzaushöhlung und zog ein paar triefende Honigklumpen heraus, die wir auf unseren Aluminiumtellern verteilten. Wir gingen damit zu einer der anliegenden Hütten, setzten uns ans Feuer und begannen die Waben – unser Abendessen – auszusaugen. Wie sich herausstellte, war der Bürgermeister auch ein Schamane, der die Gabe hatte, entweder Menschen zu heilen oder zu verfluchen – eine heikle Sache! Verwendet er die falschen Wörter, dann kann sich der Fluch gegen ihn richten. Einer seiner magischen Tricks bestand darin, ein Schwert ins Feuer zu stecken.

Als die Klinge glühte, zog er sie raus und legte sie vor aller Augen und vor meiner Kamera auf seine Zunge. Ich dachte, ich würde zumindest das Zischen von seinem verdampfenden Speichel hören, wenn nicht gar seine anbrennende Zunge. Aber ich hörte gar nichts. Wir wunderten uns, schüttelten die Köpfe und vergassen für einen Augenblick unseren Honig. Da man in China als Bürgermeister auch Mitlgied der Kommunistischen Partei sein muss, bewegte sich der Schamane wie auf glühenden Kohlen. Für Kameraden in benachbarten Bezirken oder in höheren Positionen ist Schamanismus eher konterrevolutionär als heilend. „Ich praktiziere deshalb nur noch gelegentlich und heimlich,“ erklärte der Bürgermeister.

Unser Expeditionsleiter schlug dann vor, den wilden Yunnan Honig für verwöhnte, japanische Konsumenten zu vermarkten – was der kommunistische Schamane (und angehende Unternehmer) eine tolle Idee fand. Mit fortgeschrittenem Abend wurden die Flammen kleiner. Der Bürgermeister warf den letzten Holzblock in die Glut und verbrannte sich dabei fast die Hand. „Ich denke, er ist besser mit der Zunge!“ sagte der Expeditionsleiter. Alle lachten und auch unser magischer Gastgeber. Wir kletterten dann wie Bienen aus der Rauch-gefüllten Hütte, wischten Tränen von unseren Augen und suchten den Weg zurück zu den Schlafsäcken. Irgendwo bellte ein Hund zum Mond. Ich lutschte an der letzten Wabe und erwartete meinen Absturz vom Sugar-High so um vier oder fünf in der Früh.

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