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2012: Auf dem Sunset Boulevard zu Surfern, Stars und schrägen Typen

Der Sunset Boulevard ist wohl die berühmteste Straße in Los Angeles. 2012 fuhr Weltreporterin Kerstin Zilm die vierzig Kilometer lange Strecke entlang – und entdeckte ein Panoptikum Kaliforniens.

Kerstin Zilm für Deutschlandradio Kultur Die Reportage, 5.8.2012

Es kann kein schöneres Gefühl geben, als im offenen Cabrio auf der Küstenstraße dem Trubel von Los Angeles zu entfliehen. Links glitzert der Pazifik. Surfer warten auf die nächste perfekte Welle. Pelikane gleiten an ihnen vorbei über das Wasser. Kleiner Realitätscheck an der Ampel: ein Obdachloser hält sein zerknittertes Pappschild in Höhe der Windschutzscheiben: “Vietnam-Veteran. Jede Hilfe zählt.” Am Hügel hinter ihm: leuchtend rot blühende Bougainvilla-Büsche und violetter Oleander. Kurz nach dem Abbiegen auf die berühmteste Straße der Stadt, den Sunset Boulevard, öffnet sich versteckt hinter hohen Hecken eine Oase, nur einen Kilometer Luftlinie entfernt von den Hochhäusern in Santa Monica.

Erster Halt: Sunset Boulevard, Kilometer 0,5.

Ein kleiner See mit Schwänen und Schildkröten. Wasserfälle, Palmen, Azaleen und üppige Rhododendron-Büsche: Lake Shrine, das Meditationszentrum der Gemeinschaft der Selbstverwirklichung. Im Schatten einer ausladenden Baumkrone sitzt auf einer Bank ein schmächtiger Mann in lachsfarbenem, kragenlosen Hemd. Graues Haar, sanftes Lächeln, neugierige Augen. Bruder Priyananda kam Ende der 60 er Jahre aus Berlin über Indien nach Kalifornien. Ein Jahr später war er Mönch. Die Gemeinschaft von Lake Shrine und die Autobiographie ihres Gurus, Paramahansa Yogananda hatten bei ihm einen Nerv getroffen. ” Das Hippie – das habe ich sehr schnell abgestreift. Die Hippies original, die haben nach Glück gesucht und Liebe aber nicht in der richtigen Richtung. Als ich die Autobiografie las und die Lektion hab ich gesagt: ok, das geht nicht nach außen sondern nach innen durch Meditation. Die Seele ist ja quasi in uns.”

In Los Angeles gibt es mehr spirituelle Gruppen als Starbucks- Cafes und Surfschulen. Die Gemeinschaft der Selbstverwirklichung ist die einzige mit einem See, einer Windmühle, einem Hausboot, einem Tempel und einem Steinsarkophag mit Asche von Mahatma Gandhi. Die leicht surreale Mischung ist Ergebnis der Geschichte des Ortes: von Immobilienspekulationen über Stummfilmdreharbeiten bis zu Meditation und Yoga. Ein Paar um die vierzig geht wortlos händchenhaltend auf dem schattigen Weg zum Seeufer. Daniel und Alma Rivas sind gekommen, um aus der Hektik des Arbeitsalltags zu fliehen. “Hier kann ich entspannen, in mich gehen, meditieren und über das Leben nachdenken. Es ist friedlich. Man kann alles vergessen, sogar den Verkehr.”  “Ich habe so einen Ort noch nie gesehen. Beim ersten Mal dachte ich, ich bin in einer anderen Welt: die Ruhe, das Grün – mir hat es gleich gefallen.”

In der zur Kapelle umgebauten Windmühle leitet vormittags ein Mönch Meditationen. Durch offene Fenster zum See fällt Sonnenlicht in den holzgetäfelten Raum. Die blau bezogenen Stühle sind fast alle besetzt: junge Paare, Mönche, Männer und Frauen mit silbernen Strähnen im Haar sprechen gemeinsam Bekenntnisse, atmen im selben Rhythmus ein und aus. Bruder Priyananda ist überzeugt, dass Zentrumsgründer Yogananda beim Spazierengehen um den See positive Schwingungen hinterlassen hat, die Besucher noch heute – sechzig Jahre nach seinem Tod – spüren. “Wir sagen manchmal wenn jemand mit Sorgen kommt: gehe ein paar Mal um den See und wiederhole mental “Everything is ok, God loves me.” Und danach braucht man keinen Rat mehr zu geben. Die haben den Rat vom lieben Gott bekommen. Everything is ok. God loves me. Das stimmt doch, nicht wahr?”

Gestärkt von positiven Schwingungen geht die Fahrt auf dem vierspurigen Sunset Boulevard weiter gen Osten, in weiten Schlangenlinien vorbei an perfekt gepflegten Vorgärten mit parkähnlichen Ausmaßen, sonnendurchströmten Palmenalleen und an dichten hohen Hecken, hinter denen sich riesige Anwesen verbergen. Nach 16 Kilometern leuchtet links zwischen Rosenbüschen, Palmen und Eukalyptusbäumen ein blendend weiß gestrichener Marmorbogen mit schmiedeeisernem Tor: der Eingang zum Nobelviertel Bel Air. Polierte schwarze Großraumlimousinen mit verdunkelten Fensterscheiben surren vorbei. Ein paar Kilometer weiter östlich schimmern auf der Fahrerseite des Boulevards nun rosa Mauern und Türme durch dichtes Grün aus Bananenpflanzen und Palmen.

Sunset Boulevard, Kilometer 16:

“Welcome to the Beverly Hills Hotel”

Der Parkwächter in schwarzem Anzug öffnet mit leichter Verbeugung die Autotür und hilft beim Aussteigen. Absätze versinken im roten Teppich zum Eingang des Beverly Hills Hotels, von dem ein Zimmermädchen in rosa-weißer Uniform mit einem Roll-Staubsauger unsichtbare Fussel entfernt. An der Rezeption vorbei geht es zur Polo Lounge. Moosgrüne Tapeten, breite weiß-grüne Blockstreifen an der Decke, dunkelgrüne Nischensofas, weiße Tischdecken, weiß gerahmte Spiegel. Bei dezenter Pianomusik verhandeln in diesem Restaurant seit Jahrzehnten Schauspieler, Produzenten und Regisseure über große Hollywoodverträge. Elizabeth Taylor hatte ihren Stammplatz in der Nische direkt gegenüber vom Eingang. Marlene Dietrich ließ sich Martini an der Bar servieren. Drei Jahre wohnte die Deutsche in einem Bungalow des Beverly Hills Hotels. Sie verlangte ein maßgefertigtes Bett und änderte die Hotelregeln: niemand konnte ihr verbieten, Hosen zu tragen! In einer Nische ganz hinten im Raum sitzt ein Herr um die siebzig in matrosenblauem Anzug, das schwarze Haar mit Öl zurück gekämmt: Robert Anderson. Seine Urgroßmutter Margaret Anderson gründete das Beverly Hills Hotel vor hundert Jahren. Damals konnten Frauen nicht wählen, Beverly Hills war noch keine Stadt sondern trostloses Farmland und der Sunset Boulevard ein Feldweg ins Nirgendwo. “Meine Urgroßmutter hatte ein Motto, das hieß: unsere Gäste haben das Recht auf beste Qualität, koste es was es wolle. Das gilt noch heute: was immer Sie wünschen, es ist uns ein Vergnügen es Ihnen zu bringen – solange es legal ist.”

Bei kalifornischem Chardonnay und Austern-Vorspeise erzählt Robert von den vielen Stars, die im Beverly Hills gelebt, übernachtet und gefeiert haben, in Bungalows Affairen und Marotten auslebten, am Pool verführt, entdeckt und gefilmt wurden. “Mary Pickford, May West, Charlie Chaplin, Cary Grant, Clark Gable, Michael Douglas, Kirk Douglas, Erol Flynn, Elizabeth Taylor, Richard Burton, ZsaZsa Gabor, Gina Lollobridgida, Paul Mc Cartney und Linda Eastman – sie hat angeblich gehört, dass er sie sehen wollte, ist direkt nach Los Angeles geflogen und hat auf den Stufen seines Bungalows gewartet bis er in der Nacht nach Hause kam.” Heute ist das nicht mehr möglich! Die Frage, ob man beispielsweise vor einem Bungalow auf Johnny Depp warten könnte, löst bei Anderson blankes Entsetzen aus – auf keinen Fall! Don’t even think about it! Diskretion ist neben Luxus das höchste Gut des Beverly Hills Hotels. “Höchstens wenn Johnny Depp das o.k, gibt und selbst das wäre schwer zu bewerkstelligen.” Wer vorhat, den gesamten Sunset Boulevard entlang zu fahren, sollte sowieso lieber dem Parkwächter Bescheid geben, das Auto zu holen als Hollywood-Stars aufzulauern.

Östlich vom Hotel wird der Sunset Boulevard enger. Hinter einer scharfen Kurve beginnt der zweieinhalb Kilometer lange Sunset Strip: statt weiter Vorgärten und hoher Hecken riesige Werbetafeln zwischen Hotels, Restaurants und Tankstellen. Darauf räkeln sich knapp bekleidete Models, werben Tiere mit Regenbogen-Afro-Perücken für den neusten Zeichentrickfilm und bleiche Vampire fletschen im Auftrag einer Fernsehserie ihre Zähne. Touristen-Doppeldeckerbusse und Paparazzi sind auf Promi-Jagd. Aus den Hügeln leuchten links die berühmten weißen HOLLYWOOD Buchstaben. Vorbei geht es an legendären Musik-Clubs: in den 70 ern rockten Led Zepplin, The Doors, Guns N’Roses und Frank Zappa im Whiskey a Go Go, in Roxy, Viper Room und Troubadour. Die Clubs gibt es noch immer, doch die alternative Musikszene ist gen Osten abgewandert, hat Platz gemacht für Nobelhotels und Bars mit rotem Teppich und muskulösen Türstehern. Dazwischen ein leuchtend gelb und rot gestrichener Pacific Railroad Zugwaggon: ,Carney’s, die ungewöhnlichste Hot Dog und Burgerbude von Los Angeles.

Sunset Strip Nummer 8351

Nach der übersichtlichen Vorspeise im Beverly Hills Hotel läuft beim Geruch von frisch gegrilltem Fleischklops, Zwiebeln, Paprika und knusprigen Pommes das Wasser im Mund zusammen. Bauarbeiter, Polizisten und Hotelangestellte stehen vor der Theke im umgebauten Waggon Schlange. Hot Dog, Fritten und Cola gibt es hier zusammen für knapp zehn Dollar. Künstler Ben hält einen Hot Dog mit beiden Händen. Chili tropft von beiden Seiten in die Pappschale darunter. Der Mitt-Dreißiger mit schütterem Haar und dickrandiger Brille malt nachts in seinem Studio Ölbilder. Tagsüber arbeitet er als Hotelpage. Gästen empfiehlt er Carney’s – wegen des Essens, der Preise und der Promis. Eva Mendez, Kevin Kostner und David Beckham gehören zu den Stammkunden. Ben warnt Hollywood- Neuankömmlinge: wer entdeckt werden will, ist auf dem Sunset Strip an der falschen Adresse. “Leute, die hier her ziehen glauben, dass es so funktioniert. Sie gehen in die Clubs und so, das ist lächerlich. Sie glauben, dass sie dort Stars treffen. Stars treiben sich hier nicht rum, sie haben ihre Häuser in den Hügeln. Warum sollten sie?” Vor dem Restaurant ist eine Terrasse mit direktem Blick auf den Sunset Strip. Carney’s Besitzer John Wolfe macht eine kurze Kaffeepause vom Thekendienst. Fettspritzer auf dem roten Polo-Shirt, Bartstoppeln und müde Augen unter der grauen Haartolle verraten, dass er schon viele Stunden in der Küche steht. Wolfes Vater hat 1975 den Waggon aus der Wüste an den Sunset Strip transportieren, Sitze ausbauen und frisch gelb-rot streichen lassen. Er erinnert sich: das waren gute Zeiten! “In den 70ern gab es hier Nutten, Zuhälter und Rock ,n’ Roll Clubs. Wir hatten keine Konkurrenz, alle kamen zu uns zum Essen. Es hat mehr Spaß gemacht als jetzt. Alle kamen hierher zum Essen. Jetzt sind alle so empfindlich. Damals wurde nicht alles gleich ernst genommen.”  In den 70ern und 80ern spielte auch John Wolfe in einer Band, fuhr morgens zum Skifahren in die Berge und abends an den Strand zum Surfen. Bis er den Burger-Waggon übernahm, heiratete und Kinder bekam. Jetzt haben seine beiden Söhne eine Band. Der Vater überlässt es seinen Jungs, ob sie am Sunset Burger und Hot Dogs grillen oder weiter Musik machen wollen. “Man ist nur einmal jung und sollte so lang es geht seinen Träumen folgen. Du hast den Rest deines Lebens um erwachsen zu werden. Das ist schwer genug. Alle sollten die Chance bekommen das zu tun was sie möchten.”

Auf der Weiterfahrt gen Osten bröckeln Glanz und Glamour am Sunset Strip: Schlaglöcher in der Straße, Fast Food Restaurants, Obdachlose, die müde ihr Hab und Gut im Einkaufswagen vor sich herschieben. Über einer Stadtautobahnkreuzung endet der Strip. Der Sunset Boulevard wird wieder kurviger, bleibt eng und bald hellen bunte Fassaden das Bild auf: alternative Kneipen, Cafes, Clubs und Designerläden. Tische, Stühle, volle Kleiderständer und flippige Möbel auf den Bürgersteigen. Spanische Schilder an den Geschäften: lavanderia, peluqueria, supermercado – Waschsalon, Friseur, Supermarkt. Fliegende Händler schieben Kühltruhen auf Rädern durch das schattenlose Gedränge, verkaufen scharf gewürzte Obstsalate in Gefrierbeuteln und Chili-Chips. Dann biegt der Boulevard hinab nach Downtown. Zwischen glänzender Architektur, Stadtautobahngewebe und improvisierten Lagern der Obdachlosen ändert sich an einer Straßenkreuzung sein Name: Cesar Chavez Avenue, 1994 benannt nach dem aus Mexiko stammenden Kämpfer für Rechte der Landarbeiter.

Cesar Chavez Avenue, Kilometer 1,5

Hier ist das älteste Viertel von Los Angeles. Unter spanischer Herrschaft gründeten 1781 44 Siedler aus Mexiko ,El Pueblo de Nuestra Senora de los Angeles de Porciuncula’. Heute ist hier eine Fußgängerzone mit Mariachispielern, mexikanischen Souvenirläden und Restaurants, dem ältesten Lehmhaus und der ältesten Kirche von Los Angeles. Regie Atmo 15 Beten, Kirche Autorin 20: Während der heiligen Messe in La Placita klappen freiwillige Helfer vor einem Nebeneingang Tische und Stühle auf und tragen einen kniehohen Kochtopf voll dampfender Suppe aus der Küche in den Vorhof. Eine Menschenschlange windet sich rund um die Kirche. Guillermo Armenta organisiert jeden Abend die kostenlose Essensausgabe für Arme und Obdachlose. Er hat in den letzten fünf Jahren erlebt, wie deren Zahl von rund einhundert auf bis zu vier hundert gestiegen ist. “Das ist die Realität: die Reichen werden reicher, die Armen werden Ärmer. Es ist eine große Kluft. Wir erleben die Konsequenz hier. Mit dieser Realität leben wir nicht nur in Los Angeles sondern überall in Amerika.”  Etwas abseits steht rauchend eine Blondine in ausgewaschenen Jeans und leuchtend-türkisem T-Shirt, die Haare mit bunten Gummis zu zwei kurzen Zöpfen zusammengebunden, über dem rechten Ohr eine tomatenrote Stoffblume, am linken Ohr ein in Regenbogenfarben schillernder langer Federohrring. Die 35 jährige kennt das Menü der Kirche auswendig. Ihr Lieblingsessen gibt es montags: Spaghetti. Cindy will ihren Nachnamen nicht sagen. Sie erzählt: vor einem Jahr war ihr Leben in Ordnung. Dann verloren sie und ihr Mann innerhalb von einem Monat ihre Jobs. “Wir hatten nagelneue Autos, ein schönes Haus, vier schöne Kinder, alles! Louis Vitton-Handtaschen und Designerschmuck, aber wir waren immer ein Gehalt entfernt von der Obdachlosigkeit. Ich hab’s am eigenen Leib erfahren.” Cindy beginnt zu trinken, trennt sich von ihrem Mann, die Kinder leben bei ihrer Schwiegermutter, sie selbst auf der Straße. Die ehemalige Schmuckhändlerin geht auf eine Abendschule für Krankenschwestern, spart so viel es geht von der Sozialhilfe und hofft, bald eine Wohnung zu mieten. Vor ein paar Tagen hat sie überraschend Geld verdient – als Statistin in einem Hollywoodfilm. “Wir saßen in einer Art Wartezimmer, wie Patienten, die auf den Arzt warten. Dann kam Cate Blanchett rein und Christian – ich vergesse den Nachnamen, der Typ, der Batman spielt – wir haben nichts gesagt, durften nicht in die Kamera schauen. Nach einer Stunde Filmarbeit haben sie uns hundert Dollar gegeben. Ich hab gesagt: ich bin ein Star, Ihr könnt mich jederzeit anrufen!” Nervös schaut Cindy zur Kirche. Die Schlange zur Essensausgabe hat sich in Bewegung gesetzt. Mit kräftigem Händedruck verabschiedet sie sich, zieht noch einmal an der Zigarette, greift Schlafsack und Nylonrucksack und läuft schnell an die Spitze der Wartenden zur Gruppe von Kindern und Frauen. Die bekommen bei der Kirche immer zuerst zu Essen. Freitags sind das ein großer Styroporbecher Bohnensuppe, ein Käse-Sandwich und ein Apfel.

Die Fahrt geht weiter Richtung Osten vorbei an den zwei Hochhaus-Bunkern des Zentralgefängnisses über eine Brücke ins für Bandenkriminalität berüchtigte Latino-Arbeiterviertel Boyle Heights. Unter der Brücke fließt ein karger Strom über ein Betonbett voller Graffiti. Der Wasserverbrauch der Metropole hat wenig übrig gelassen vom häufig über die Ufer tretenden Porciuncula-Fluss, der der ersten Siedlung von Los Angeles ihren Namen gab.

Cesar Chavez Avenue Kilometer 3,1

Durch die Dunkelheit klingt Live-Musik durch die Nacht. Unter gelbem Laternenlicht drehen sich auf einem Platz Paare im Kreis. Kinder spielen Fangen; Obst-, Gemüse-, Kleider- und Krimskramsverkäufer haben Stände aufgestellt: Wochenmarkt auf Mariachi Plaza. Das Viertel arbeitet schwer daran, seinen Ruf zu verbessern. Zwischen Wohnhäusern und Geschäften mit schmiedeeisernen Gittern vor Fenstern und Türen haben vor kurzem ein Buchladen und ein Cafe aufgemacht. Seit ein paar Monaten gibt es eine U-Bahn-Haltestelle. Zwischen den Markständen zeichnet mit schwarzer Kreide ein Künstler das Portrait einer aufgeregt lächelnden jungen Frau mit rotem Haarband im glänzend schwarzen Haar. Hugo Romo ist in Boyle Heights mit Gewalt und Kriminalität aufgewachsen. Als Jugendlicher zog er weg. Jetzt kommt der Sohn von Einwanderern aus Mexiko zum Zeichnen zurück ins Viertel, das mit bezahlbaren Mieten und kreativer Energie Künstler anzieht. “Ich komme her, um etwas zur Gemeinschaft beizutragen. Ich sehe mich selbst in diesen Menschen. Sie kamen mit nichts und versuchen, bescheiden ein respektables Leben zu führen. Ich will hier nicht reich werden. Ich zeichne Kinder umsonst, sie bezahlen mit ihrem Lächeln. Ich glaube daran, dass das Leben dich belohnt, wenn du so etwas tust.” In der Bar am Platz ist die Stimmung bestens. Besitzer Guileermo Uribe hat vor sechs Jahren eine erfolgreiche Ingenieurskarriere aufgegeben, um seinen Traum vom eigenen Club zu verwirklichen und wie Hugo Romo das Viertel aufzuwerten. EastsideLuv heisst die in rotes Licht getauchte Bar. Ihr DJ legt Rock, Hip Hop, Soul, Reggaeton und Salsa auf. Guillermo nennt sie Pocho-Bar, nach dem Spitznamen, den ihm seine Großeltern in Mexiko gaben: Pocho – ein Synonym für amerikanisierte Kinder mexikanischer Einwanderer. “Früher war es uns vielleicht peinlich, dass wir im Spanischen nicht alle Wörter wissen und sogar ohne es zu merken mit Akzent sprechen. Inzwischen machen ich und meine Generation uns diesen Begriff zu eigen. Jetzt sagen wir: Ja, das bin ich. Ich nehme dieses Wort, gebe ihm eine neue Bedeutung und beschreibe mich selbst damit.” In der Bar hängt deshalb bunte mexikanische Kunst an den Wänden, Sessel sind mit dickem Plastik bezogen wie im Wohnzimmer der Großeltern, Kronleuchter bestehen aus dicken Eisenketten, wie sie junge Pochos an den Lenkrädern ihrer Autos haben. Kombiniert mit uramerikanischem Geschäftssinn hofft Guillermo, andere zu Investitionen im Viertel zu inspirieren. ” Ich fühle mich von Gott gesegnet jedes Mal wenn jemand durch diese Tür kommt und sich hier drinnen gut amüsiert. Die Frage, die mir am meisten gestellt wurde, als ich herkam war: warum hier? Mir fiel als Antwort nur ein – warum nicht? Genau weil alle diese Frage stellen. Es musste passieren!” Jeden Freitag um Mitternacht verschmelzen in der Bar die Kulturen. Der DJ unterbricht seine Arbeit, zehn Mariachi-Spieler steigen mit Instrumenten auf die Bar. Mit glänzenden Augen singen die Gäste mit bei den Liedern, die bei ihren Eltern und Großeltern aus dem Radio schallen. Hier, am östlichen Ende des Sunset Boulevard tief in der Innenstadt von Los Angeles wird noch lange getanzt. Die Obdachlosen auf der anderen Seite der Brücke haben sich ihre Schlafplätze auf dem Bürgersteig gesichert. Hollywood-Neuankömmlinge arbeiten auf dem Sunset Strip am großen Durchbruch während in der Polo Lounge des Beverly Hills Hotel Studiobosse am Sunset auf den neusten Kassenschlager anstoßen. Ganz im Westen ist es jetzt ruhig. 40 Kilometer zurück auf dem Sunset Boulevard – dort wo die Reise anfing – liegt der Pazifik im hellen Mondlicht, nur die Wellen rauschen.

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2008: Reise nach Metropolis

Im Archiv eines Museums in Buenos Aires sind die verschollenen Szenen des Filmmythos von Fritz Lang aufgetaucht. Das ZEITmagazin berichtet exklusiv darüber, wie der Film aufgespürt wurde und wie er auf einem geheimen Weg nach Deutschland kam.

Paula Félix-Didier hatte geahnt, dass ihr niemand glauben würde. Sie saß an dem Schreibtisch in ihrem kalten Büro in Buenos Aires und wartete auf eine Mail aus Deutschland. Doch es kam – nichts. Warum auch sollte irgendein Experte glauben, dass sie, die Direktorin des kleinen Museo del Cine, gefunden hatte, wonach Forscher und Restauratoren seit Jahrzehnten vergeblich in den Archiven der Welt suchten? Und das ausgerechnet hier, in diesem vergessenen Museum, das irgendwo zwischen Lagerhallen und Fabriken im Stadtteil Barracas untergekommen und seit vier Jahren vorübergehend geschlossen ist, weil es an geeigneten Räumen fehlt?

Aber in der kleinen Kammer hinter der grünen Metalltür gleich neben ihrem Büro lagen sie: drei große Rollen, vorsichtig in silbrig schimmernden Blechdosen verstaut. Metropolis, der große deutsche Stummfilm von Fritz Lang. Seit mehr als sieben Jahrzehnten gilt über ein Viertel des Films als verschollen. Félix-Didier wusste: Sie hatte die meisten der fehlenden Szenen. Eine Weltsensation. Und anscheinend wollte niemand etwas davon wissen.

Félix-Didier, 41, trägt in ihrem Büro eine blaue Daunenjacke gegen die Kälte, denn im Juni ist es Winter auf der Südhalbkugel, und im Museum, das keines sein darf, gibt es keine Heizung. Sie erzählt, dass Stummfilme sie schon immer fasziniert haben und dass sie natürlich Metropolis kannte, oder genauer: Sie kannte eine jener unzähligen Bearbeitungen des Originals, die in Umlauf sind. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie basieren auf einem zerhackten Torso, dem etwa ein Viertel der Premierenversion von 1927 fehlt, zur Enttäuschung von Fritz Lang. Die Handlung wurde vereinfacht, aber dem Schnitt fielen auch einige Schlüsselszenen zum Opfer.

Geschichte schrieb der Film trotzdem – zahllose Science-Fiction-Filme wurden durch ihn inspiriert. Die Unesco erklärte Metropolis zum Weltdokumentenerbe, als ersten Film überhaupt. Ridley Scott fand bei Metropolis Ideen für Blade Runner, Stanley Kubrick für 2001: Odyssee im Weltraum. 1984 wandelte Giorgio Moroder Metropolis ab, er färbte das Material ein und verwendete es als Bildteppich für die Musik von Freddie Mercury und Bonnie Tyler. Musikclips von Queen, Madonna und Pink Floyd bedienten sich bei Langs Bilderwelten. Techno-DJ Jeff Mills entwarf eine neue Musik für den Film.

Auch heute kann sich den magischen Bildern des Films kaum jemand entziehen: der düsteren Vision der Stadt der Zukunft, in der ein Klassenkampf ausbricht. Metropolis – der Monumentalfilm, der ein Großangriff auf Hollywood werden sollte. Für dessen Effekte, Kulissen, 36.000 Statisten und 200.000 Kostüme die Ufa mehr als fünf Millionen Reichsmark ausgegeben hatte. Er war der teuerste deutsche Film, den es bis dahin gegeben hatte. Die Dreharbeiten hatten 310 Tage und 60 Nächte gedauert.

Schon vor langer Zeit habe sie gespürt, dass dieser Film in ihrem Leben mal eine besondere Rolle spielen würde, sagt Félix-Didier. Ihr früherer Mann, Fernando Peña, Kinoenthusiast wie sie, hatte irgendwann Ende der achtziger Jahre eine Bemerkung gehört, die ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf ging. Der Leiter eines Cineclubs in Buenos Aires hatte sich bei ihm beschwert, dass er schon wieder “diese schlechte Metropolis-Kopie” zeigen musste, “du kannst dir nicht vorstellen, wie anstrengend das war, mehr als zwei Stunden am Projektor zu stehen und auf den Film zu drücken, damit der Streifen nicht rausspringt”. Mehr als zwei Stunden? Peña hatte sich gewundert. Ob auf den Spulen vielleicht die vermissten Szenen waren?

Es war der Beginn einer atemberaubenden Suche, die oft genug aussichtslos schien. Und nun, 20 Jahre später – Paula Félix-Didier und Fernando Peña sind längst geschieden, aber noch immer durch ihre Liebe zum Film verbunden –, sollte diese Suche zu Ende sein. Wenn denn die Autoritäten aus Deutschland bestätigten, dass der Fund wirklich die verschollenen Filmmeter enthielt, aus dem echten großen Werk des Fritz Lang. Aber niemand meldete sich, und langsam fragte Félix-Didier sich, wie sie dafür sorgen sollte, was sie als ihre Pflicht ansah: “dass der Film in die richtigen Hände gerät. Und dass unser Museum bekannt wird.”

Wie aber waren die drei Filmrollen überhaupt in dieses kleine Museum gelangt? Hier warten alte Projektoren, Filmkulissen, Kostüme und Fotos darauf, irgendwann einmal wieder der Öffentlichkeit präsentiert zu werden. In einem modrig riechenden Archiv lagern 45.000 Spulen mit Spielfilmen und 12.000 mit Dokumentar- und Nachrichtenfilmen. Das Essigsäure-Syndrom hat nicht wenige von ihnen befallen – doch Metropolis wurde verschont, wie durch ein Wunder.

Nachdem er von der ungewöhnlich langen Filmvorführung gehört hatte, versuchte Peña Zugang zu dem Filmarchiv zu bekommen, in dem die Kopie lagerte. Vergeblich. Ob es die Angst war, einen privaten Sammler ins Archiv zu lassen, weil man womöglich fürchtete, der könnte dort etwas mitgehen lassen? Peña durfte die Kopie nicht sehen, aber er fand einiges über die mysteriösen Rollen heraus.

Die Urfassung von Metropolis hatte Fritz Lang am 10. Januar 1927 im Ufa-Palast in Berlin präsentiert. Vor der Filmpremiere staute sich der Verkehr auf dem Ku’damm, 1200 Gäste waren auf dem Weg ins Kino. Doch bei den Kritikern fiel der Film durch; sie fanden die Handlung unglaubwürdig. Der Vorstand der Ufa erkannte in den Zwischentiteln “kommunistische Tendenzen”. Andere empfanden den Film eher als reaktionär. Und die Vertreter der amerikanischen Paramount, die den Film in den USA rausbringen sollte, waren bestürzt: Dieser Film in Überlänge – mehr als 150 Minuten – würde keine Chance haben, fanden sie. Er müsse kürzer werden. Und einfacher.

Ein Mann aus Buenos Aires fand das nicht, wie Peña herausbekommen hat. Adolfo Z. Wilson, der Chef der Verleihfirma Terra, holte eine Langfassung von Metropolis 1928 nach Argentinien, obwohl sie auch in seinem Land als sperrig und wenig kassenträchtig galt. Wilson nahm das Risiko in Kauf, und kurze Zeit später wäre die Geschichte dieser Filmkopie eigentlich zu Ende gewesen, denn normalerweise müssen die Kopien vernichtet werden, sobald sie nicht mehr in den Kinos laufen. Das ist bis heute so, überall auf der Welt, auch in Deutschland. Doch Wilson hatte einen Bekannten: den Filmkritiker Manuel Peña Rodríguez, und der, so ließ sich rekonstruieren, verhinderte die Vernichtung der Filmrollen und erweiterte mit ihnen seine private Sammlung. In den sechziger Jahren erkrankte Peña Rodríguez an Krebs – und verkaufte seine Filme an den Nationalen Kunstfonds, um seine Behandlung bezahlen zu können. So kam es, dass die Metropolis-Langfassung in argentinischen Staatsbesitz überging.

Doch auch im Depot des Kunstfonds blieb sie nicht lange. Das 35-Millimeter-Filmmaterial aus Nitrozellulose galt als Zeitbombe: Mit Hilfe von Schwefel- und Salpetersäure hergestellt, kann es sich selbst entzünden. Also wurde das Nitro-Material vernichtet, der Film umkopiert. Und so kam es, dass der Nationale Kunstfonds, als er 1992 die Sammlung von Peña Rodríguez dem Museo del Cine übertrug, auch eine 16-Millimeter-Kopie der Metropolis-Langfassung überreichte. Es war die Version, die 1928 von Wilson vertrieben worden war und die man in Argentinien bis in die späten sechziger Jahre im Kino sehen konnte.

Während die 16-Millimeter-Rollen unberührt in Buenos Aires lagerten, suchten Filmhistoriker in den Archiven der Welt, von Moskau bis New York, nach den verschollenen Szenen. Als ihre Hoffnung nachließ, begann der damalige Leiter des Münchner Filmmuseums, Enno Patalas, mit der Rekonstruktion des Films. Mit Hilfe der Partituren der Filmmusik, von Set-Fotos und Zwischentitel-Texten, die er auf Karten der Zensurbehörde fand, versuchte er, der Premierenfassung so gut wie möglich zu entsprechen. Er erstellte eine Studienfassung, in der er die fehlenden Stellen markierte. Auf dieser Basis entstand im Jahr 2001, von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung finanziert, eine restaurierte Fassung, die mit einer Einblendung beginnt: “Von dem Film Metropolis sind nur ein unvollständiges Original-Negativ und unvollständige Kopien gekürzter und veränderter Fassungen erhalten. Über ein Viertel des Films muss als verloren gelten.”

Fernando Peña hatte seine Zweifel. Aber hätte er ahnen können, dass seine Exfrau wenige Jahre später genau das Archiv leiten würde, in dem jene Kopie lagerte, die er so dringend sehen wollte? Seit zehn Jahren gehen sie getrennte Wege, und beide haben die Liebe zum Film zu ihrem Beruf gemacht. Fernando Peña leitet die Filmabteilung des Museums für Lateinamerikanische Kunst in Buenos Aires. Er hat seine eigene Fernsehsendung und ist Programmchef beim internationalen Filmfest Mar del Plata. Paula Félix-Didier unterrichtet an verschiedenen Universitäten Filmgeschichte. Im Januar trat sie ihre Stelle beim Museo del Cine an. Plötzlich lag die Entscheidung bei ihr. Sie konnte bestimmen, wer das Archivmaterial sehen durfte. “Wann kommst du?”, lud sie Peña zur Schatzsuche ein, als sie ihn bei einem Filmfest traf. Ihr Exmann kam am Wochenende darauf. “Es dauerte keine zwanzig Minuten”, erzählt Félix-Didier. “Wir schauten in das Verzeichnis, die Leute in der Cinemathek suchten die Rollen. Dann hielt Fernando einen der Filmstreifen gegen das Licht und sagte: Está todo, alles ist da.”

Peña und Félix-Didier sahen sich an, lachten ungläubig, und beide wussten, was in dem anderen vorging. »Uns war klar: Das ist ein historischer Moment.« Da das 16-Millimeter-Material ein Negativ war, ließen sie eine Positiv-Kopie entwickeln und sahen sich den Film ein paar Tage später an. “Bei jeder neuen Szene, bei jeder neuen Einstellung zeigten wir auf die Leinwand und riefen: Das ist neu! Das war nicht drin!”, erzählt Félix-Didier. Und dann fragte sie Peña: “Was machen wir nun?” – “Das glaubt uns niemand”, sagte er.

Félix-Didier und ihr Exmann wurden wieder ein Team: Peña, der ohnehin nach Spanien reisen musste, nahm eine VHS-Kopie des entdeckten Films mit und suchte in Madrid im Telefonbuch die Nummer des Stummfilmspezialisten Luciano Berriatúa. Dessen Urteil war eindeutig: “Mir diese Szenen zu zeigen ist das schönste Geschenk überhaupt.” Berriatúa bestätigte: Fast alle Szenen, die seit 1927 als vermisst galten, waren da. Aber er war nicht die oberste Instanz. “Es fehlte das Siegel der Experten in Deutschland”, sagt Félix-Didier. Also schrieb sie eine E-Mail an die Murnau-Stiftung in Wiesbaden, die die Rechte an Metropolis besitzt, und eine zweite an den Restaurator Martin Koerber in Berlin, der zusammen mit seinem Team über drei Jahre hinweg in minutiöser Kleinarbeit Bild für Bild des bekannten Filmmaterials restauriert hatte. Die Experten schwiegen zunächst, doch dann schaltete Berriatúa sich ein und schrieb eine Mail nach Berlin: “Martin, c’est incroyable! Eine Kopie von Metropolis mit allem, was fehlt! Man kann jetzt zum ersten Mal die verlorenen Szenen sehen!” Sobald er diese Mail gelesen hatte, rief Koerber bei Félix-Didier in Buenos Aires an. “Sie ahnen gar nicht”, sagte er zu ihr, “wie oft ich E-Mails von Leuten bekomme, die glauben, Metropolis gefunden zu haben, und nie ist es wahr. Aber Luciano kennt sich aus. Ich werde nicht mehr schlafen, bis ich das Material gesehen habe.”

Am Dienstag vergangener Woche fliegt Félix-Didier nach Berlin, mit einer Kopie des gefundenen Materials in der Tasche. Im Filmhaus am Potsdamer Platz, gleich im Erdgeschoss, steht eine Plastik der berühmten Roboterfrau aus Metropolis. Als Félix-Didier mit ihrem Rollköfferchen den Vorführraum der Deutschen Kinemathek betritt, warten drei der größten Fritz-Lang-Kenner, die es gibt, auf sie. Da ist Rainer Rother, der Leiter der Deutschen Kinemathek und Chef der “Retrospektive”-Sektion der Berlinale. Er hat sich in der ersten Reihe platziert, den Laptop auf den Knien. Während der Vorführung wird er eine Studienfassung des Films auf DVD mitlaufen lassen, in der die fehlenden Stellen markiert sind.

Da ist Anke Wilkening, Restauratorin von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung. Sie setzt sich in die Mitte und zückt einen kleinen Block. Ihr Urteil wird entscheidend beeinflussen, was mit dem in Buenos Aires gefundenen Film in Zukunft passiert. Und da ist Martin Koerber, der Restaurator, mit kariertem Hemd und randloser Brille. Er hat von allen im Raum die meiste Zeit mit Metropolis verbracht. Der Rummel scheint ihm nicht zu behagen, er geht zur letzten Reihe, wo das Schaltpult steht. “Schauen wir mal, was wir da haben”, sagt er und startet den Film.

Es ist still im Minikino, einem schwarz ausgekleideten Raum, in dem statt Kinositzen Bürostühle mit Armlehnen stehen. Nur der Beamer surrt leise, ein Magen knurrt. Félix-Didier ist nervös, will etwas zu dem Film sagen. “Nehmen Sie doch nichts vorweg!”, sagt Koerber, Wilkening sitzt kerzengerade. “Der Film wurde für Argentinien bearbeitet”, warnt Félix-Didier vor. “Es gibt sehr poetische Zwischentitel.” – Dann kommt das, was alle kennen: der Vorspann von Metropolis. Die Walzen einer Kurbelwelle, Zahnräder, eine Drehbank. Dampfpfeifen, die den Schichtwechsel für die Arbeiter ankündigen. Ein zweiteiliges Gittertor, Arbeiter in Reih und Glied. Der Zwischentitel rollt nach unten: “Tief unter der Erde lag die Stadt der Arbeiter.”

Das Geschichte von Metropolis ist so pathetisch wie verwirrend: Ein Heer von Arbeitern schuftet unter der Erde an riesigen Maschinen, in der Oberwelt leben die Reichen. Über beide Welten wacht gottgleich der Großkapitalist Joh Fredersen. Dessen Macht wird bedroht, als sein Sohn sich in die schöne Maria aus der Arbeiterwelt verliebt, die von ihren Leuten verehrt wird und für Harmonie wirbt. Der Erfinder Rotwang, einst Rivale seines Vaters um eine inzwischen verstorbene Geliebte, entwirft eine Roboterfrau, um seine große Liebe wieder auferstehen zu lassen. Doch dann gibt er der Maschine die Gestalt von Maria und den Auftrag, Fredersen zu schaden. Die falsche Maria bringt die Menge dazu, die Maschinen von Metropolis zu zerstören. Dabei wird die Stadt der Arbeiter überschwemmt, die echte Maria und Fredersens Sohn retten die Kinder der Arbeiter und finden zusammen, die falsche Maria wird auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Am Ende siegt die Liebe: Der Vorarbeiter und Fredersen geben sich die Hand.

Der Film aus Buenos Aires ist stark verkratzt, wahrscheinlich wurde die Kopie Hunderte Male vorgeführt, bevor sie auf 16 Millimeter umkopiert wurde, ohne vorherige Reinigung. Félix-Didier legt die Hände auf die Armlehnen, dreht den Bürostuhl unruhig hin und her. Ob den Experten die Qualität des Materials zu schlecht ist? Was, wenn doch eine Szene fehlt? So lang wie in diesem Moment sind ihr die ersten Minuten des Films noch nie erschienen. – Dann kommt der Klub der Söhne, alles bekannt. Weiß gekleidete Menschen in einem gigantischen Sportstadion, darunter Freder, der Sohn von Fredersen, dem Lenker von Metropolis. Eine heile, reiche Welt ist zu sehen. Die Experten kennen diese Bilder auswendig. Das erste neue Bild erscheint nach fünf Minuten. Der Zeremonienmeister schminkt eine Dame, die Freder vergnügen soll. Den Paramount-Leuten war diese Szene offenbar zu anzüglich, sie schnitten sie raus. – “Here we go”, sagt Koerber und macht sich Notizen. Félix-Didier ist ungeduldig, sagt: “Das ist nur ein Vorgeschmack.” Aber niemand antwortet. So stumm war Metropolis wohl selten. –

Türflügel, die sich öffnen, Maria tritt ins Bild, fasziniert Freder. Es ist einer der Schlüsselmomente des Films: Der Sohn des Hierarchen verliebt sich, später sucht er Maria in den Tiefen der Arbeiterstadt, tauscht dort seine Kleider mit einem Arbeiter, stellt sich selbst an die Maschinen. Sein Vater gibt die Anweisung, jedem Schritt des Sohnes zu folgen. Ab sofort ist “der Schmale” ihm auf den Fersen. – War es vorher ungläubige Erwartung, ist es jetzt die Spannung, die keine Gespräche im Vorführsaal erlaubt: Der Schmale versteckt sich hinter einer Zeitung, er verfolgt Georgy, den Arbeiter, mit dem Freder seine Kleider getauscht hat. “Super”, sagt Koerber leise. Endlich eine Reaktion. Félix-Didiers Hände entkrampfen sich ein wenig.

Georgy steigt in ein Auto, findet Geld in den Taschen von Freders Kleidern. Sieht im Auto nebenan eine Dame, die sich schminkt. Ihm fällt ein Flugzettel auf den Schoß, “Yoshiwara” steht darauf. Georgy lässt sich in das Vergnügungsparadies fahren. “Exzellent”, sagt Koerber. Die fehlenden Stellen hat der Restaurator bisher nur im Kopf gesehen, sie sich vorgestellt. »Wahnsinn«, sagt Rother, der Kinemathek-Chef und Berlinale-Mann, in der ersten Reihe. “Das hat seit 1927 niemand mehr gesehen. Außer den Argentiniern, die vielleicht nicht wussten, was sie da hatten.”

Nun sind sie wieder da: die Autoszene und Yoshiwara, beide hatte der Filmkritiker Roland Schacht 1927 als besonders gelungen herausgestellt. Nach der Kürzung sei Metropolis nicht mehr der Film, den er bei der Premiere im Ufa-Kino gesehen habe, schrieb Schacht unter dem Pseudonym Balthasar. “Fast alles Dramatische” und “viel des photographisch besonders Gelungenen” fehlten in der neuen Version. Auch das Fehlen der nächsten von Peña und Félix-Didier wiederentdeckten Szene bedauert Schacht in seiner Kritik: Joh Fredersen, der Vater von Freder, steht im Haus des Erfinders Rotwang. Er öffnet einen Vorhang und findet dahinter eine Statue: “Hel. Geboren mir zum Glück, allen Menschen zum Segen. Verloren an Joh Fredersen. Gestorben, als sie Freder, Joh Fredersens Sohn, das Leben schenkte.” Diese kurze Szene macht klar: Rotwang und Fredersen sind Rivalen, sie liebten die gleiche Frau.

Genau diese Szene hatten die Amerikaner entfernt. Channing Pollock, der das Material umgeschnitten hatte, sagte später: “Ich habe ihm meine Bedeutung gegeben.” Durch diese Kürzung wurde der Film entstellt, die Rivalität zwischen Fredersen und Rotwang um die geliebte Frau war nicht mehr zu erkennen. Wenn Rotwang nun vor Fredersens Gesicht wütend mit den Armen herumfuchtelte, fragte man sich, warum. Kein Wunder, dass H. G. Wells über die gekürzte Fassung schrieb: “Ich habe vor Kurzem den dümmsten Film gesehen.” – Doch nun ist die Hel-Szene wieder da. “Auf einmal macht alles Sinn. Jetzt wird der Film zum männlichen Melodram”, sagt Wilkening, sie hat sich seit Beginn der Vorführung nicht bewegt, nur wie gebannt auf die Projektion gestarrt.

Rotwang arbeitet an einer Roboterfrau, er will seine geliebte Hel wieder zum Leben erwecken. Doch dann bittet ihn Joh Fredersen, ihr das Gesicht von Maria zu geben. Maria ist die weibliche Hauptfigur, die einen Mittler sucht, der den Streit zwischen den Arbeitern und den Lenkern von Metropolis beilegen soll. Nun gibt es eine zweite, eine Roboter-Maria. Sie stachelt die Massen auf, die Maschinen zu zerstören und ihre Kinder in Gefahr zu bringen.

Die nächste neue Szene. Georgy hat das Geld in Yoshiwara ausgegeben, steigt ins Auto und wird von dem Schmalen überrascht, der ihn in die Stadt der Arbeiter zurückschickt. “Davon hatten wir bis jetzt nicht mal Szenenfotos”, sagt Rother. – Es geht weiter: ein Kampf in der Wohnung des vom Vater entlassenen Sekretärs, der nun dem Sohn Freders treu ist. Die aufgebrachten Massen verfolgen die gute und schließlich die böse Maria. Dann die Panik der Kinder.

Ein Riss geht durch den Asphaltboden der Arbeiterstadt, Wasser quillt heraus. Zuerst wenig, dann birst der Beton. Die Stadt wird überflutet. Aus den Häusern strömen die Kinder zu Hunderten. Sie versuchen, über eine Treppe zu entkommen, rütteln verzweifelt an der Gittertür, die den Ausgang versperrt, während das Wasser immer höher steigt. 14 Tage lang hatten die Komparsen beim Dreh immer wieder unter Wasser gestanden, die meisten stammten aus den Elendsvierteln des Berliner Nordens. Einer fing sich eine Lungenentzündung ein und verlor die Stimme. In der Paramount-Version war diese Szene stark gekürzt, man wollte dem US-Publikum wohl nicht zu viel zumuten. “Wie spannend diese Szene auf einmal ist”, sagt Rother. “Jetzt ist Metropolis ein echter Fritz-Lang-Film.” Dann sehen die Experten das bekannte, kitschige Ende: Die Liebe überwindet die Differenzen, es kommt zum Handschlag zwischen Arbeiter und Magnat.

Das Licht im Vorführraum geht an. Félix-Didier liest den Experten nun jedes Wort von den Lippen ab. Ihr Urteil wird darüber entscheiden, wie es mit Metropolis weitergeht. Es geht reihum: “Der Zustand des Materials ist bedauerlich”, sagt Koerber, der Restaurator. “Mir hatte Metropolis nie wirklich gefallen”, sagt Wilkening, die Frau von der Murnau-Stiftung, “aber ich überlege, ob ich dieses Urteil revidieren muss. Die wichtigen Nebenfiguren machen nun Sinn.” – “Vorher war der Film holprig, jetzt ist er rund”, sagt Rother, der Chef der Kinemathek.

Ganz am Ende sagt Anke Wilkening den entscheidenden Satz: “Wir als Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung sehen uns in der Verantwortung, das Material zusammen mit dem Archiv in Buenos Aires und unseren Partnern der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.” Es sind Zauberworte in Félix-Didiers Ohren. Irgendwann, hoffentlich, werden die fehlenden Metropolis-Stellen nicht mehr nur im Kopf der Zuschauer laufen, sondern auf einer echten Leinwand.

Seit ihrer Gründung vor 42 Jahren setzt sich die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung dafür ein, einen Großteil des deutschen Filmerbes vom Beginn der Laufbilder bis zum Anfang der sechziger Jahre zu erhalten, zu pflegen und zu verbreiten. In der Obhut der Stiftung finden sich die großen Klassiker des deutschen Kinos: Das Cabinet des Dr. Caligari, Nosferatu, Nibelungen, Der blaue Engel, Die drei von der Tankstelle, Münchhausen, Große Freiheit Nr. 7 – und eben Metropolis. Nachdem seine Restauratorin von ihrer Reise nach Berlin zurückgekehrt ist, sagt Helmut Poßmann, der Vorstand der Stiftung: “Je mehr Materialien zusammengetragen, vergleichend betrachtet und ausgewertet werden, umso historisch zuverlässiger ist das Ergebnis von Restaurierungen. Das bisher verschollen geglaubte Material führt zu einem neuen Verständnis dieses Meisterwerkes von Fritz Lang.”

Fehlt nur noch ein Urteil: das von Enno Patalas, dem Mann, der seit Anfang der siebziger Jahre Metropolis erforscht und versucht hat, den Film zu rekonstruieren – ohne ihn je vollständig gesehen zu haben. Patalas erwartet Félix-Didier in seiner Wohnung in München. Durchs Fenster sieht man Kastanien, das Wohnzimmer steht voll mit Büchern, viele über Fritz Lang, eine Sammlung der Cahiers du Cinema. Patalas legt die DVD ein, guckt und schweigt. “Das könnte eine Kopie vom Original sein”, sagt er am Ende zu der mittlerweile von der Reise völlig erschöpften Paula Félix-Didier. “Es ist das authentischste Material, das wir kennen.”

Patalas glaubt wie die anderen Experten, dass die neuen Stellen selbst nach einer Restaurierung nicht an die Qualität des bekannten Materials herankommen würden. Aber vielleicht sollte Félix-Didier das nicht zu sehr bedauern. Es sind gerade die Materialfehler, die ihrem kleinen Filmmuseum bald ein großes Denkmal setzen könnten: in einer neuen Version von Metropolis, die die in Buenos Aires wiedergefundenen Szenen enthält. Und diese würden – dank der Kratzer auf dem Film – für immer als solche zu erkennen bleiben.

 

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2007: Aus der Hütte ins Hochhaus

Die Bewohner des Slums Dharavi setzten große Hoffnungen in das Projekt. Britta Peterson hat 2007 über den geplanten Umbau berichtet.

 

 Der größte Slum Asiens liegt im Zentrum der indischen Wirtschaftsmetropole Mumbai. Mit dem Geld privater Investoren soll es in eine moderne Siedlung verwandelt werden – mit kostenlosen Wohnungen für die Armen.

Britta Petersen für Die Zeit 39/2007

Iqbal Chahal hat ein schönes Büro mit Klimaanlage und Marmorfußboden. Marmor! Das ist zu schön, zu schick, zu teuer für einen normalen indischen Landesbeamten. Alle seine Kollegen im Verwaltungsgebäude des Bundesstaats Maharashtra arbeiten in den üblichen heruntergekommenen Räumen, die einem Albtraum Franz Kafkas entsprungen zu sein scheinen: Vergilbte Wände, offen liegende Stromleitungen, verstaubte Aktenstapel drängen bis auf den Flur.

Dabei ist Iqbal Chahal nicht etwa der Chef der Verwaltung und betreut normalerweise Menschen, die von Marmorfußböden nicht einmal träumen können. Aber als Vizepräsident der Slum Rehabilitation Authority arbeitet er derzeit an einem Projekt, bei dem es um Geld geht. Viel Geld. Und in dessen Nähe kann offenbar auch die Behörde eine bella figura machen. Chahal ist für die Sanierung des größten Slums Asiens zuständig: Dharavi in Indiens Wirtschaftsmetropole Mumbai (Bombay). Rund 600.000 Menschen leben dort nach Regierungsangaben auf einem Filetgrundstück von knapp zwei Quadratkilometern mitten in der Stadt.

Direkt gegenüber liegt der Finanzdistrikt Banda Kurla mit seinen Glaspalästen und gleich um die Ecke der völlig überlastete Flughafen der Stadt, der dringend ausgebaut werden muss. Das weckt Begehrlichkeiten, denn Indiens boomende Wirtschaft verlangt derzeit vor allem in den Großstädten überall nach mehr. Mehr Büros, mehr Straßen, mehr Flüge, mehr Gewerbeflächen. Mumbai mit seinen 13 Millionen Einwohnern gehört schon heute zu den Städten mit den höchsten Immobilienpreisen der Welt. Eine Hütte von 20 Quadratmetern in Dharavi, ohne Wasseranschluss und Bad, ist derzeit 22.000 Euro wert.

Die indischen Behörden sehen deshalb in Dharavi die einmalige Chance, aus einem Slum ein Musterbeispiel gelungener Entwicklung zu machen. Mit Hilfe privater Investoren sollen statt der eingeschossigen Hütten siebenstöckige Häuser gebaut werden, in denen die Slumfamilien umsonst eine kleine Wohnung zugewiesen bekommen. Die übrigen Flächen können die Baugesellschaften gewinnbringend verkaufen. “Um einen Slum zu entwickeln, braucht man enorme Summen. Das können wir nicht aus Steuereinnahmen finanzieren. Der Plan ist eine Win-win-Situation für alle”, schwärmt Iqbal Chahal.

Zumindest die privaten Investoren sehen das ähnlich. Mehr als hundert Unternehmen haben sich auf die Ausschreibung mit einem Volumen von zwei Milliarden Euro beworben, unter ihnen die größten indischen Immobilienentwickler DLF, Tata Housing und Reliance Energy, aber auch ausländische Gesellschaften wie Emaar aus Dubai und der US-Riese Tishman Speyer. Ende September soll bekannt gegeben werden, wer den Zuschlag erhält.

Andernorts ist das Projekt heftig umstritten. Im Juli schrieben namhafte Intellektuelle einen offenen Brief an Premierminister Manmohan Singh, in dem sie der Regierung von Maharashtra vorwerfen, den Plan ohne ausreichende Untersuchung und Befragung der Anwohner durchzupeitschen. Zu den Unterzeichnern gehören der indische UN-Diplomat Shashi Tharoor ebenso wie die US-Soziologen Richard Sennett und Saskia Sassen.

Auch Arvind Prajapatti Wadel kann die Begeisterung nicht teilen. “Wenn die Regierungspläne durchkommen, nehme ich mir einen Strick”, sagt der 38-jährige Töpfer. Wadel hat Grund zum Misstrauen. Seine Familie lebt seit drei Generationen in dem Slum, und alle bisherigen Rehabilitierungspläne sind gescheitert. “Schauen Sie sich das an”, sagt er und zeigt auf einen stinkenden offenen Abwasserkanal direkt vor seiner Hütte. “Unsere Kinder werden ständig krank durch den Dreck. Die Regierung schafft es noch nicht einmal, so ein kleines Problem zu beheben. Wie will sie da ganz Dharavi sanieren?”

Sein Geschäft läuft schlecht, obwohl die etwa 2.000 Töpferfamilien in Dharavi zum Arbeiteradel des Bezirks zählen. Ihnen gehört im Gegensatz zu vielen anderen Bewohnern das Land, auf dem sie leben und produzieren. Dennoch wirft die Werkstatt gerade genug ab, um die zehnköpfige Familie satt zu kriegen. Ersparnisse habe er keine, sagt Wadel.

Die Töpfer und viele andere Gewerbetreibende in Dharavi fürchten um ihre Lebensgrundlage, denn in einer Wohnung von 20 Quadratmetern, wie der Rehabilitierungsplan es vorsieht, lässt sich keine Werkstatt betreiben. Wadels Hütte ist allein 100 Quadratmeter groß; seinen Brennofen betreibt er im Hof unter freiem Himmel. Eine gesetzliche Grundlage für seine Enteignung gibt es nicht. Die Töpfer haben deshalb Widerstand im großen Stil angekündigt, und zahlreiche Organisationen unterstützen sie dabei.

“Wir haben die Macht, den Plan zu stoppen”, droht Jockin Arputham, Präsident der National Slum Dwellers Association, mit dem Selbstbewusstsein eines alten Gewerkschaftsfunktionärs. “Dharavi liegt direkt zwischen den wichtigsten Eisenbahnlinien. Wenn wir die blockieren, können wir den gesamten Nahverkehr Mumbais lahmlegen.”

Dharavi ist nur auf den ersten Blick eine chaotische Ansammlung von Wellblechhütten. Es ist zugleich ein Industriegebiet, in dem 50 Prozent der Bewohner ihren Lebensunterhalt verdienen. Zwischen 300 und 400 Millionen Euro werden nach Schätzungen der Regierung jedes Jahr in dem Slum umgesetzt. Zu den wichtigsten Industrien gehören Töpferei, Lederverarbeitung, Recycling und Lebensmittelherstellung – ein Großteil des in Mumbai verkauften Salzgebäcks wird in Dharavis düsteren Hütten frittiert.

Mukesh Mehta hält die Ängste der Anwohner für unbegründet. Der leitende Architekt des Projekts blickt aus seinem Büro in Mumbais Nobelvorort Bandra direkt auf den Indischen Ozean. An der Wand hängt eine Karikatur, die wütende Töpfer zeigt, die den Architekten mit irdenen Wurfgeschossen aus dem Slum vertreiben. “Wir haben tiefes Verständnis für die Situation der Töpfer”, sagt er. Die Gegner des Projekts hätten seine Pläne bewusst verzerrt. “Es gibt hier Nichtregierungsorganisationen, die die Armut der Leute im Ausland geschickt vermarkten. Wir machen aus Dharavi ein Weltklasseviertel. Wer kann dagegen sein, saubere neue Wohnungen zu bekommen?”

Für die Gewerbetreibenden sei gesorgt, betont Mehta und zeigt den Bebauungsplan, in dem verschiedene Industriegebiete ausgewiesen sind, in die die Werkstätten umziehen sollen. “Die Töpfer in Dharavi produzieren noch wie im 19. Jahrhundert. Die Brennöfen werden mit Abfällen angeheizt und sind wahre Dreckschleudern. Wir werden ihnen moderne Öfen zur Verfügung stellen und sogar ein Trainingsinstitut einrichten, das moderne Techniken lehrt.”

Mehtas Problem ist, dass viele Anwohner ihm nicht glauben, weil sie immer schlechte Erfahrungen mit dem Staat gemacht haben. Shankar Poojari etwa wurde bereits in einem früheren Rehabilitierungsplan enteignet. “Ich bin überhaupt nicht zufrieden”, klagt er. Früher hatte seine Werkstatt, die Kondensatoren für Klimaanlagen fertigt, 45 Quadratmeter. Sie wurde von der Regierung abgerissen, obwohl er das Haus sechs Jahre zuvor selbst gekauft hatte. Zugewiesen bekam er danach 20 Quadratmeter. “Damit ich weiterarbeiten konnte, musste ich weitere 20 Quadratmeter dazukaufen.” Kein guter Tausch.

Die von Mehta geschmähten Nichtregierungsorganisationen werfen den Stadtplanern vor, das Projekt im Hauruck-Verfahren ohne gesicherte Datenbasis durchzuziehen. “Laut Regierungsangaben sollen 57.000 Familien umgesiedelt werden”, sagt Simpreet Singh von der National Alliance of People’s Movement, einer Dachorganisation verschiedener sozialer Bewegungen. “Dabei wird davon ausgegangen, dass eine Familie aus fünf Personen besteht. Das heißt, nur 285.000 Menschen bekommen ein Dach über dem Kopf. Der Rest wird obdachlos.” Er sieht deshalb in dem Rehabilitierungsplan vor allem eine Umverteilung von unten nach oben. “In fast allen Bauprojekten ist Korruption im Spiel. Unsere Regierung hat in den letzten Jahren permanent die Armen enteignet, um die Reichen profitieren zu lassen.”

Tatsächlich aber stimmen viele Slumbewohner den Regierungsplänen zu. Die meisten Familien in Dharavi haben mehr als fünf Mitglieder und sind es gewohnt, zusammenzurücken. Wie Vaishali Ashok, die bereits in eine neue Wohnung umgesiedelt wurde. Sie lebt mit ihrer zwölfköpfigen Familie auf 20 Quadratmetern und ist zufrieden, denn ihre frühere Hütte war noch kleiner. “Ich bin glücklich”, sagt sie und zeigt stolz das kleine geflieste Bad und die blitzsaubere Küche. “Wir unterstützen den Regierungsplan, weil er besser ist als alles, was bisher vorgelegt wurde”, sagt Prashant Anthony von der christlichen NGO Proud, die seit 1979 in dem Slum arbeitet. “Es protestieren vor allem diejenigen, denen es besser geht.” Den Kürzeren ziehen aber auch Bewohner, die nach 1995 nach Dharavi gekommen sind und damit keinen gesetzlichen Anspruch auf Rehabilitierung haben.

Iqbal Chahal hat vielleicht recht, wenn er betont, dass 70 Prozent der Bewohner von Dharavi auf seiner Seite sind. Um die Regierungsgegner ein für alle Mal ruhig zu stellen, will Chahal daher eine offizielle Befragung durchführen. “Wir haben eine sehr lebendige Demokratie, da gibt es immer Leute, die etwas auszusetzen haben”, sagt der Bürokrat.

Das Problem ist nur: Den restlichen 30 Prozent wird nichts anderes übrig bleiben, als in einen anderen Slum zu ziehen. Der liegt weit außerhalb der Stadt – und er ist in schlechterem Zustand als die Quartiere, die sich die meisten Bewohner von Dharavi mit ihren eigenen Händen gebaut haben.

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