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2013: Lullen, ich und meine Wohnung in Belgrad

Weltreporterin Danja Antonovic stellt die Eigenheiten ihrer Heimatstadt Belgrad vor und zeigt ihre Wohnung, die an der längsten Straße der Stadt liegt (sieben Kilometer) und eine bewegte Geschichte hat.
Danja Antonovic für The Weekender, 10/2013

Ich halte es mit Claudia Cardinale und Catherine Deneuve und halte mir meine Lulle so oft ich kann vor der Nase. Ich denke, nachdem ich ein bestimmtes Alter erreicht habe, möchte ich keine harten Schnitte mehr in meinem Leben machen. Die Nichtraucher ehre und achte ich, lehne aber höflich jedes Abendessen in einer Nichtraucherwohnung ab.

Rauchen in Serbien ist Alltag, es wird geraucht, wo man geht und steht. Nachdem das Antirauchergesetz vor ein paar Jahren in Kraft trat, sah man vor allem in Kliniken und Krankenhäusern haufenweise Ärzte und Schwestern, versammelt in ihrer Sucht, vor den Toren der Klinken. Nach einer Statistik kommen die meisten Raucher Serbiens aus medizinischen Berufen.

Rauchen in der Kneipe – kein Thema.

Die meisten Bars, Bistros und Restaurants kennzeichnen sich als Raucherstätten, die größeren haben eine Nichtraucherabteilung, diese wird aber kaum beachtet und besucht.

Paffen und rauchen gehört zum Balkanalltag, ohne die Rauchschwaden wäre vor allem die serbische Institution, KAFANA, eine Art Kaffeehaus, nicht denkbar. KAFANA ist ein Ort, in dem alles zu haben ist: Kaffee, sowieso. Schnaps, Bier und Wein – selbstverständlich. Aber auch: Bohnensuppe, Cevapcici und Kohlrouladen. Belgrader Kafanas bieten aber noch mehr: Kalbsköpfe („kleine”, steht in der Karte), zart gekocht und mit Gemüse an­gereichert. Kutteln gekocht oder gratiniert, Schweinsfüße à la Parisienne, Ochsen­hoden gebraten. Das nur ist eine kleine Auswahl, die Speisekarten pflegen hier lang zu sein, auch wenn nicht immer das, was auf der Karte steht, auch auf den Tisch kommt.

Kafana ist aber vor allem sonntags, am Markttag, Leben pur. Der Weg vom Markt zur Kneipe ist kurz, an jeder Ecke wartet eine Kafana. Sie heißen dann „HIER WIRD GUT GE­GESSEN” oder „BEIM PFERD” oder auch „MADERA”.

Opa und Enkel, Mutter und Nachbar, Handwerker und Rechtsanwalt, vor lauter Rauchschwaden kaum zu sehen, be­reden hier die Tagespolitik, Marktprei­se und das Leben als solches, während das eingekaufte Gemüse unter dem Tisch langsam verwelkt. In ei­ner Ecke eine Oma mit Zigarettenspit­ze und Tageszeitung vor der Nase. In der anderen werden von einer Frauen­riege unbestimmten Alters die Männer mies gemacht. Kinder wuseln, Opas nuckeln an ihrem Schnapsglas. Paffend, schnaufend, lautredend und gestikulierend, versammelt und vereint in dieser Institution, wendet sich die bunte Kafana-Gemeinde dem Hauptan­liegen des Tages: Schnacken und schwätzen, was die Kehle aushält.

Auch wenn Sonntag der Hauptmarkttag ist, die unzähligen Bauernmärkte in Belgrad haben jeden Tag auf. Da gibt es alles, was das Herz begehrt: Das dickflüssige, grüngelbe Olivenöl vom Fass, Ziegenkäse von Hand gemacht, halbe Schweine und lebende Hühner. Bärlauch und Minze, junger Knofel und dicke Bohnen. Chinakohl und Chinaschrott, denn die fleißigen Chinesen sind die größte Migrantengruppe in Serbien, bauen Gemüse an und verkaufen Pfennigware aus der Heimat. In Belgrad haben sie zwei riesige Märkte, in denen alles falsch und nachgemacht ist, was das Auge zu sehen bekommt. Für die armen Serben – Durchschnittsgehalt 300 Euro bei Lebensmittelpreisen wie in Deutschland – sind diese Märkte die Rettung.

Belgrad aber ist viel mehr als Katanas, Bauernmärkte und Chinesen. Befreit von der Milosevic-Ära, atmet Belgrad auf, die Stadt wird verhübscht, Jugendstilhäuser bekommen neuen Glanz, obwohl nicht alle Fassaden saniert sind. Diese Mischung aus alt und neu, aus kleinen Butzen und Palästen aus Stahl und Granit, aus Gründerzeit und Plattenbau, Belgrad ist schon eine witzige, durchbrochene Stadt. Die herrlich an der Mündung der Save in die Donau liegt, viel Grün und viel Wasser hat.

 

Meine Wohnung ist im 4. Stock eines Hauses, das im Art-Deco-Stil in den 1930er Jahren gebaut ist. Klare Linien, keine Schnörkel, viel Marmor und Säulen im Treppenhaus.  Ein Aufzug mit Spiegeln und kleinen Fenstern.

Das fünfstöckige Haus steht in der längsten Straße Belgrads, (sieben Kilometer), die einmal, vor langer Zeit, nach Istanbul führte. Nach dem 1. Weltkrieg wurde die gemeine Straße ein „Boulevard“, Platanen umsäumten sie und wuchsen in den Himmel, bis die jetzigen Machthaber beschlossen sie abzuholzen. Kein Protest half, sie pflanzten neue Bäume, und ich weiß, ich werde es nicht mehr erleben, dass sie vor meinen Fenstern im Wind tanzen.

Das Gebäude am Boulevard hat so manches erlebt.

In den ersten zehn Jahren seines Bestehens, wohnten hier die wohlhabenden Belgrader, die sich ein Dienstmädchen leisten konnten. Am 6. April 1941 kamen zuerst Hitlers Bomben, dann die Soldaten. Mein Haus wurde gleich nach dem Einmarsch der Wehrmacht enteignet, die Mieter vertrieben, aus dem bürgerlichen Haus wurde – ein deutsches Bordell.

So hörten Soldaten im Radio Belgrad „Lili Marlene“ und träumten von ihr in den Betten am Boulevard.

Als 1944 die Rote Armee Belgrad befreite, flohen die Deutschen, das Haus wurde kommissarisch an Menschen vergeben, die keine Bleibe hatten. Es waren Arbeiter, Partisanen, Schauspieler, Schneider und Bauern, die es in die Hauptstadt verschlagen hatte. In jedem der Zimmer wohnten bis zu fünf Menschen, in unserer Wohnung waren es fünfzehn.

Erst später bekamen wir die Wohnung zurück und zogen mit Großmutters Möbeln mit Kirschbaumintarsien ein. Viele Kinder waren im Haus, wir hatten eine unbeschwerte Kindheit. Wir spielten „Cowboy & Indianer“ im Treppenhaus oder Murmeln im Hof, im dem auch Teppiche geklopft wurden. Die Oma vom 3. Stock saß täglich vor dem Haus auf ihrem Schemel und strickte – so wie sie es aus ihrem Dorf gewohnt war.

Viel Zeit ist seit damals vergangen, junge Frauen und Männer von damals sind heute alt oder tot. Wir Kinder sind erwachsen und neue Kinder lärmen heute im Treppenhaus. Und noch etwas hat sich verändert: das gemeinsame Leben und Teilen sind verschwunden, das, was ich nicht für möglich gehalten habe, hat auch Belgrad erreicht: das anonyme Wohnen.

Trotzdem liebe ich die Wohnung meiner Kindheit sehr, obwohl der Zahn der Zeit an ihr nagt und ich einen Batzen Geld bräuchte, um sie aufzuhübschen. Trotzdem ist sie meine Höhle, mein Heim, der Altar meines Lebens. Jeder Gegenstand, das im Regal steht, hat seine Geschichte, und es sind viele Geschichten, in vielen Ländern gesammelt, die nun in Belgrad schlummern. Meine Wohnung liebe ich auch, weil sie in der Sonne badet. Morgens kommt sie um die Ecke, bescheint nach und nach jedes der drei Zimmer und geht, mohnrot, in den Fensterscheiben meines Arbeitszimmers, unter. Die Fenster sind meterhoch, es gibt fast mehr Fenster als Außenwände, sodass meine Höhle eher wie ein Maleratelier aussieht.

Nachts, wenn der Vollmond zu Besuch kommt, kommt mir der Belgrader Sternenhimmel unendlich vor.

 

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