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Chile nach den Bränden: Alltag zwischen den Ruinen

Mittlerweile wirkt Lidia Huilipan ruhig, während sie an einem Tisch unter freiem Himmel sitzt. Sobald sie zu erzählen beginnt, wird erkennbar, dass Schreck und Trauer weiterhin ein fester Bestandteil von ihr sind. Am 2. Februar wurde der gesamte Straßenzug von Huilipan in El Olivar, einem Vorort der Küstenstadt Viña del Mar, Opfer der größten Waldbrände der vergangenen Jahrzehnte in Chile. Mehr als 9000 Häuser brannten innerhalb von wenigen Tagen ab, mehr als 113 Menschen starben. Die Regierung verkündete den Notstand und versprach baldige Hilfe.

Gut einen Monat nach den Bränden sind die meisten Trümmer weggeräumt. Doch die Hügel der Küstenstadt sind weiterhin von abgebrannten Bäumen und Häusern geprägt. Während die anfängliche Hilfe langsam zurückgeht, suchen die Bewohnerinnen und Bewohner nach mittelfristigen Lösungen, und die Politik berät über die Ursachen und Konsequenzen der Katastrophe.

Seitdem das Feuer ihr Haus verschlang, harrt Huilipan in einem Zelt zwischen den Ruinen ihres ehemaligen Wohnzimmers aus. Eine Matratze, ein einfacher Herd, ein Handy und ein paar gebrauchte Klamotten sind alles, was sie noch hat.

Huilipan erinnert sich noch genau, wie es war, als die Waldbrände ihr Viertel erreichten: „Ich war im Bus auf dem Weg nach Hause“, erzählt sie, „plötzlich wurde alles dunkel“. Menschen seien auf den Bus zugerannt, auf der Suche nach Unterschlupf. Die Fenster wurden heiß und zersprangen aufgrund der Hitze, wie Huilipan weiter berichtet: Der Busfahrer wendete und fuhr durch verbrannte Autos und Wolken aus Rauch so weit weg wie möglich.

„Irgendwann waren wir dann am Strand“, sagt Huilipan, „hier warteten wir im Bus bis in die Nacht“. Am Abend dann habe sie der gleiche Busfahrer wieder in ihr Viertel gefahren, manche Häuser hätten noch gebrannt, weit und breit sei keine Feuerwehr zu sehen gewesen. Im Morgengrauen fand Huilipan in ihrem Haus die verbrannten Körper ihres Hundes und der Katze ihrer Nachbarin. Eine Familie aus ihrer Straße starb in den Flammen. Weitere Menschen liegen bis heute wegen der Verbrennungen auf der Intensivstation.

Vor dem Feuer hatte die chilenische Zentralregion eine wochenlange Hitzewelle erlebt. Am 2. Februar fingen die Wälder in der Nähe von Valparaíso und Viña del Mar Feuer. Innerhalb von kürzester Zeit verbreitete sich dieses über knapp 10 000 Hektar Land, in etwa die Fläche der Stadt Mainz. Die Einsatzkräfte waren heillos überfordert und konnten nur noch mit ansehen, wie nach und nach die Brände zuerst den botanischen Garten verschlangen und dann auf die Stadt übersprangen. Laut Behördenangaben war in etwa ein Drittel der Stadt Viña del Mar vom Feuer betroffen.

Viele Menschen haben bis auf die Kleidung, die sie trugen, alles verloren

Zum Glück für das Viertel El Olivar wurde das Gemeinschaftszentrum der Nachbarschaftsvereinigung vom Feuer verschont. Bis heute dient es als Verteilerzentrum für Hilfsgüter, täglich werden hier warme Mahlzeiten ausgegeben. Der Präsident der Nachbarschaftsvereinigung, Felipe Glaser, wirkt erschöpft. Dicke Ringe breiten sich unter seinen Augen aus, er greift zu einer Zigarette und beginnt zu erzählen. „In den ersten Tagen nach dem Feuer bekamen wir viel Hilfe von privater Seite“. Die Helferinnen und Helfer mussten sich um die Aufräumarbeiten kümmern, Essen ausgeben und Kleidung verteilen. Viele Menschen hatten bis auf die Kleidung, die sie trugen, alles verloren.

„Nach Todeszahlen sind wir leider der am meisten betroffene Sektor“, sagt Glaser, „knapp die Hälfte der 113 Toten kommen aus unserem Viertel“. Sein eigenes Haus erlitt nur kleine Schäden. Er selber ist seit dem Feuer rund um die Uhr auf den Beinen. Seinen Job als Eventmanager hat er für den Moment aufgegeben, um sich voll und ganz den Versorgungsarbeiten zu widmen. Wie lange er das noch durchhält? „Ich habe die Erfahrung aus Zeiten der Pandemie, damals war ich eineinhalb Jahre auf den Beinen, irgendwie geht das schon gut“, meint er.

Im Gemeinschaftszentrum steht auch ein leerer Tisch mit dem Logo der Stadtverwaltung. Glaser blickt hin und sagt: „Die staatliche Hilfe kam viel zu spät.“ Erst nach zwei Wochen seien die ersten Hilfspakete von Seiten der Regierung gekommen. Die Stadtverwaltung habe sich lange Zeit nicht blicken lassen. Glaser versucht, dafür Gründe zu finden: „Die Katastrophe war so groß, ich glaube, jede Regierung hätte Zeit gebraucht, um die Hilfe zu organisieren.

Die linksreformistische Regierung unter Gabriel Boric ihrerseits betont derweil, schnell und großzügig reagiert zu haben. Der traditionelle Sommerresidenz des Präsidenten in Viña del Mar wurde in eine Tagesschule für die Sommerferien umgewandelt, damit dort die Kinder ihre Zeit verbringen konnten. Mit mehreren öffentlichen Schulen geschah das Gleiche.

An mehr als 7000 Haushalte wurde eine einmalige Wiederaufbauzahlung von umgerechnet etwa 1000 Euro ausgegeben. In den ersten Siedlungen wurden einfache Holzbaracken als zwischenzeitliche Behausungen aufgebaut. Eine Mietsubvention, soll die Suche nach weiteren Zwischenlösungen fördern. Das Handynetz sowie die Versorgung mit Wasser und Strom wurden größtenteils wieder hergestellt. Die Siedlung El Olivar besteht aus Mehrfamilienhäusern, was einen selbstständigen Wiederaufbau sowie das Aufstellen von Baracken erschwert, wie Glaser erklärt. „Die Regierung hat angekündigt, die nächsten Wochen mit dem Abriss der Ruinen zu beginnen“, erzählt der Präsident der Nachbarschaftsvereinigung weiter, „danach soll irgendwann der Wiederaufbau beginnen“.

Noch ist allerdings der genaue Plan unbekannt. Es heißt einzig, die Wohnungen sollen größer werden, denn mittlerweile haben sich die Standardgrößen für Sozialbauten geändert.

Gleichzeitig schreitet mit der Zeit die politische Aufklärung voran. Zwei Wochen nach den verheerenden Bränden zeigte das chilenische Investigativportal Ciper auf, dass die Stadtverwaltung von Viña del Mar keinen aktualisierten Evakuierungsplan im Fall von Katastrophen hatte, wie dies eigentlich das Gesetz vorsieht. Mit einer vorzeitigen Evakuierung der Wohngebiete hätte in vielen Fällen Leben gerettet werden können, heißt es in dem Bericht weiter.

Die Regierung ihrerseits vermutet zumindest hinter einem Teil der Brände, die sich fast zeitgleich entfachten, Brandstiftung. Man habe genügend Beweise gefunden, um darauf schließen zu können, sagte Regierungssprecherin Camila Vallejo Mitte Februar den Medien. „Es liegt an der Staatsanwaltschaft und später den Gerichten, diesem Verdacht nachzugehen und ihn gegebenenfalls zu bestätigen“, so Vallejo.

Der frühere Bergarbeiter Estay ist aus dem Norden angereist und hilft, wo er kann

Für die Politik liegt der Verdacht nahe, dass Baufirmen hinter der Brandstiftung stecken. Ein privates Unternehmen plant seit Jahren eine Autobahn auf dem Gebiet der verbrannten Wälder zu bauen. Auch deshalb forderte die Bürgermeisterin von Viña del Mar, Macarena Ripamonti, Ende Februar zum wiederholten Mal die baldige Verabschiedung eines Gesetzes, dass die Bebauung von Grundstücken, auf denen ursprünglich Wälder standen verbietet.

Im Gemeinschaftszentrum ist derweil eine Frau mit mehreren Kleidersäcken aufgetaucht. Nelson Estay, ein älterer Mann mit lockigem Haar, nimmt sie entgegen und bereitet sie für die Ausgabe vor. Estay ist ein ehemaliger Bergarbeiter und kommt aus der nördlichen Minenstadt Calama. Er erzählt: „Als ich im Fernsehen von der Katastrophe gehört habe, habe ich sofort meine Sachen gepackt und bin hierher gereist“. Seit drei Wochen hilft er nun überall, wo es nötig ist.

„In Calama wäre ich um diese Uhrzeit bereits in der Kneipe“, sagt der ehemalige Bergarbeiter, „hier macht meine Beschäftigung Sinn“. Er habe davon gehört, dass in einer benachbarten Siedlung, die auf einem besetzten Grundstück liegt, erste Häuser wieder aufgebaut werden. „Ich gehe bald dorthin und werde beim Wiederaufbau helfen“, sagt Estay zum Abschluss. „Ich kehre erst zurück nach Calama, wenn ich mitgeholfen habe, mindestens zwei Häuser aufzubauen.“

Im Straßenzug von Lidia Huilipan gießt derweil ihr Nachbar Luis Castillo die Pflanzen auf einem kleinen Weg, der ihre Häuser mit dem Rest des Viertels verbindet. Wie durch ein Wunder haben die meisten Pflanzen das Feuer überlebt. Er, seine Frau und eine Tochter sind in einer Wohnung für Staatsbeamte im Zentrum der Stadt untergekommen. Doch sie nehmen jeden zweiten Tag den langen Weg in die Vorstadt auf sich, um sich um ihre Hausruine und die Pflanzen dort zu kümmern.

Die Ehefrau von Castillo, Susana Ponce, zeigt auf ihrem Handy Fotos ihres Gartens und der Pflanzen, die sie dort hatte. Vor kurzem kauften sie sich eine größere Wohnung im gleichen Straßenzug, sie begannen zu renovieren und wollten bald umziehen. Doch das Feuer hat alles vernichtet. Eine ihrer Töchter, die seit ein paar Jahren in Duisburg lebt, sammelt nun Spenden, um den Eltern beim Wiederaufbau zu helfen. Doch es wird noch lange dauern, bis sie wieder ein eigenes Zuhause haben.

Auch Lidia Huilipan wird bald in eine Wohnung ziehen. Nach langer Suche hat ihre Familie eine bezahlbare Unterkunft weiter außerhalb gefunden. „Es war sehr schwierig etwas bezahlbares zu finden“, sagt Huilipan etwas grimmig: „Die Eigentümer nutzen unsere Not aus, um Geld zu verdienen“.

Wie sie ihr Leben zukünftig finanzieren wird, weiß Huilipan noch nicht. Vor dem Feuer schneiderte sie von zu Hause aus Kleidungsstücke, doch alle ihre Maschinen und Teile des Ersparten sind verbrannt. „Ich habe davon gehört, dass das Sozialministerium Unterstützungsgelder für den Kauf neuer Maschinen gibt“, sagt Huilipan. In den nächsten Tagen will sie dorthin gehen und nachfragen.

Huilipan hofft, in ein bis zwei Jahren wieder in ihre Straße zurückzuziehen. So lange wird es voraussichtlich dauern, bis zumindest die physischen Schäden der Brände repariert sind.

 

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Transportwende mit chinesischer Hilfe

Santiago de Chile (epd). Große Show am Hauptbahnhof von Chiles Hauptstadt Santiago: Zur Einweihung des neuen Schnellzugs in Richtung Süden ist auch Transportminister Juan Carlos Muñoz erschienen. „Der neueste und schnellste Zug Südamerikas“, sagt er sichtlich zufrieden. Die chilenische Regierung braucht gute Schlagzeilen – und die lieferten das Bauwerk des chinesischen Eisenbahnherstellers CRRC und die freudigen ersten Fahrgäste am vergangenen Wochenende.

Chile baut seinen elektrischen Nah- und Fernverkehr aus. Auch in der Smog-gebeutelten Hauptstadt tue sich viel, sagt Regierungssprecherin Camila Vallejo dem Evangelischen Pressedienst (epd) während der Einweihungsfahrt des Schnellzugs. „Mittlerweile haben wir in Santiago die größte elektrische Busflotte außerhalb Chinas.“

Fahrgästin Carmen Garcés zeigt sich glücklich über diese Entwicklung. „Meine Eltern arbeiteten ihr ganzes Leben bei den Staatsbahnen.“ Einst verband die Eisenbahn das ganze Land, das sich über mehr als 4.200 Kilometer an der südamerikanischen Pazifikküste erstreckt. Fast jedes Tal erreichte man mit dem Zug. Bis die Diktatur (1973 – 1990) der Bahn die Mittel entzog und stattdessen den Einsatz von Bussen und Lkw förderte.

Nun soll das Rad der Geschichte umgedreht werden, „nicht nur aus Nostalgie, sondern mit Blick in die Zukunft“, sagt Regierungssprecherin Vallejo. Der neue Zug fährt mit maximal 160 Kilometern pro Stunde bis ins 200 Kilometer entfernte Curicó. Ziel ist es, den Zug weitere 200 Kilometer bis nach Chillán fahren zu lassen, doch Stürme im chilenischen Winter zerstörten Teile der Infrastruktur, die derzeit wieder aufgebaut wird.

Chiles engster Partner bei der Transportwende ist China: Seit 2012 gewinnen fast nur chinesische Anbieter die Ausschreibungen für Bahnen und elektrische Busse. Angesichts der allgemeinen Wirtschaftszahlen sei dies nicht erstaunlich, meint der Wirtschaftswissenschaftler Santiago Rosselot. „In den vergangenen 20 Jahren hat China die EU als einen der wichtigsten Handelspartner abgelöst.“ 2002 nahm die EU demnach 20 Prozent des Handelsvolumens der chilenischen Wirtschaft ein und China sieben Prozent. Inzwischen komme die EU nur noch auf sieben Prozent und China auf 39 Prozent, sagt Rosselot, der Teil des gewerkschaftsnahen Think-Tanks Fundación Sol ist und für die Heinrich-Böll-Stiftung die Rolle Chinas in Chile untersuchte.

Für den Ausbau der Beziehungen reiste im Oktober 2023 eine mehrköpfige Regierungsdelegation nach China und besuchte dort Unternehmen und staatliche Akteure, darunter Transportminister Muñoz. Er besichtigte die Fabrik des staatlichen und weltweit größten Zugproduzenten CRRC.

Die europäische Industrie läuft derweil Sturm gegen die Konkurrenz aus China. Ende September legte das spanische Unternehmen CAF eine Beschwerde beim chilenischen Gerichtshof für freien Wettbewerb ein. Grund war eine Ausschreibung für 32 neue Regionalzüge für den Großraum Santiago, bei der CAF gegen CRRC unterlag. CAF zufolge hat CRRC auf Basis unlauterer Subventionen ein über 40 Prozent günstigeres Angebot eingereicht, was die allgemeinen Marktregeln unterwandere. Das chilenische Eisenbahnunternehmen verneinte, das Urteil des Gerichts steht noch aus. „In Chile herrscht Technologiefreiheit, wir schreiben Aufträge aus und alle können sich bewerben“, sagt Regierungssprecherin Vallejo.

Rosselot beurteilt diese Entwicklung weniger kritisch. Es lasse sich zwar feststellen, dass staatliche chinesische Unternehmen versuchten, in gewissen Bereichen eine Monopolstellung zu erhalten. Doch sie agierten dabei kaum anders als europäische oder US-amerikanische Konzerne. „Das Problem bleibt das Gleiche“, schlussfolgert Rosselot. „Chile verkauft Rohstoffe und kauft fertige Produkte, wobei kaum Wissenstransfer stattfindet.“

Auch unter den Fahrgästen im Schnellzug ist die Herkunft des Zuges Thema. Lina Hartmann und Benjamín Valleres, die sich in Deutschland kennengelernt haben, zeigen Verständnis dafür, dass Chile den günstigsten Anbieter wählte. Doch man müsse aufpassen, dass daraus keine Abhängigkeit entstehe. „Wir dürfen keine Schulden bei China aufnehmen, wie dies etwa Argentinien, Venezuela oder zentralamerikanische Staaten bereits gemacht haben“, sagt Valleres.

 

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Chile versucht einen Neuanfang im Konflikt mit den indigenen Mapuche

Fahnen wehen im Wind der drückenden Sommerluft in der Nähe der Ortschaft Victoria. Ein weisser achtkantiger Stern auf blauen Hintergrund markiert die einfachen Holzstände, die mit Laub auf dem Dach die Menschen vor der Sonne schützen. Im Süden Chiles kommen die indigenen Mapuche zusammen, um ein Treffen verschiedener Gemeinschaften abzuhalten, wo politische und kulturelle Themen beraten werden.

Die Gemeinschaften wollen gemeinsam an das Abkommen von Tapihue erinnern. Vor 198 Jahren anerkannte darin der chilenische Staat die Unabhängigkeit der indigenen Gebiete, bevor er 36 Jahre danach begann, die Ländereien zu besetzen und an europäische Siedler – auch aus der Schweiz – zu übergeben. Das Abkommen von Tapihue ist der einzige Vertrag zwischen Chile und den Mapuche als zweier unabhängiger Nationen.

Als erster Präsident seit der militärischen Besetzung anerkannte der im März 2022 ins Amt gekommene Präsident Gabriel Boric das Abkommen. Mit Blick auf das 200-Jahr-Jubiläum kündigte er für März eine Kommission an, die sich endgültig dem Thema der Ländereien widmen und einen konkreten Fahrplan zur Rückgabe an die Mapuche erarbeiten soll. Das Ziel besteht darin, endlich Ruhe in die konfliktreichste Region des Landes zu bringen, in der seit Jahren militante Mapuche gegen Forstunternehmen und Siedler vorgehen. Kann dieses Unterfangen gelingen?

Getreide muss unter Polizeischutz geerntet werden

Es ist Hochsommer im Süden Chiles, Erntemaschinen fahren durch die Felder und mähen das meterhohe Getreide. Der 75-jährige Nachfahre von Schweizer Siedlern Carlos Spichiger hat auf den etwas mehr als hundert Hektaren seiner Familie in der Nähe der Kleinstadt Traiguén vor allem Gerste gesät. Er spielt mit dem Schlüssel seines Autos, während er erzählt, wie er die Ernte vorbereitet: «Ich muss vorher dem Militär und der Polizei Bescheid geben, damit meine Maschinen geschützt werden.»

In letzter Zeit habe es viele Anschläge auf Mähmaschinen und Häuser der Siedler gegeben, so Spichiger. Regelmässig werden Felder angezündet, zum Teil Menschen bedroht, geschlagen oder gar ermordet, und militante Organisationen erheben Steuern auf die Erträge der Siedler. Spichiger sagt: «Ich fahre nicht mehr alleine auf die Felder, das ist viel zu gefährlich.» Viele Siedler seien eingeschüchtert. Diese wollen erst gar nicht mit der Presse sprechen.

Der Konflikt, die Wut der Mapuche und die Angst der Siedler, das sei nicht immer so gewesen, meint Spichiger. Als die ersten Schweizer Siedler vor etwa 150 Jahren kamen, wurden sie vom chilenischen Staat eingeladen, das Land urbar zu machen und Landwirtschaft zu betreiben. Es waren meist arme Familien, deren Abreise aus der Schweiz mit Geldern aus den Gemeinden finanziell unterstützt wurde. Viele siedelten sich zwischen den Hügeln von Traiguén an – einer Stadt, die einst im Zentrum der chilenischen Besiedlungspolitik stand.

Dass sie dabei Land der Mapuche in Anspruch nahmen, war vielen nicht bewusst. Spichiger sagt, der Staat habe ihnen leeres Land und Sicherheit versprochen. Erst mit der Zeit sei ihnen klargeworden, dass hier auch Indigene lebten. Doch das Leben sei lange Zeit friedlich gewesen. In einer Ordnung, in der die Siedler die Mehrheit des Landes in Anspruch nahmen, Schulen aufbauten und Mapuche als Angestellte hatten. Der Wohlstand sei allen zugutegekommen, sagt Spichiger.

Die neue Regierung sucht den Dialog

Diese scheinbar idyllische Ordnung ist mittlerweile in sich zusammengefallen. Nach jahrelangen Protesten spricht Chile seit 2008 offiziell von Vertreibung, massiver Gewalt gegen die Mapuche und illegaler Aneignung indigener Ländereien durch den Staat und private Akteure. Eine staatliche Behörde, die Corporación Nacional de Desarrollo Indígena (Conadi), ist seitdem beauftragt, Land aufzukaufen und an indigene Gemeinschaften zurückzugeben.

Doch Conadi ist viel zu langsam; obwohl die Behörde jährlich umgerechnet knapp 100 Millionen Franken zur Verfügung hat, werden kaum Ländereien gekauft. Im Jahr 2020 verwendete die Behörde gerade einmal 8 Prozent der damals verfügbaren 85 Millionen Franken.

Dies sei auch eine politische Entscheidung, meint Victor Ramos, der erzählt, wie die neue Regierung den Fonds von Conadi aufgestockt und die Behörde zu schnelleren Landkäufen verpflichtet hat. Ramos wurde vom Präsidenten Gabriel Boric beauftragt, die Kommission zur Rückgabe von Ländereien, offiziell Kommission für den Frieden und das gegenseitige Verständnis, zu bilden. Sein Büro liegt direkt im Präsidentenpalast, er selber ist ein langjähriger politischer Weggefährte des Präsidenten.

Die Anerkennung des Vertrags von Tapihue sei ein grosser Schritt, unterstreicht Ramos. Die Anwendung in der heutigen Praxis bedeute aber keineswegs territoriale Unabhängigkeit. Es gebe kein Zurück zu zwei getrennten Staaten, sondern einzig eine gewisse kulturelle, wirtschaftliche und politische Autonomie für die indigenen Gemeinden. Die Anerkennung beziehe sich vielmehr auf eine historische Schuld am Leid der Mapuche, deren Reparation nun in die Praxis umgesetzt werden müsse.

«Wir haben nicht den Anspruch, den Konflikt innerhalb einer Regierungsperiode zu lösen», sagt Ramos. Dies sei der grosse Unterschied zu den Vorgängerregierungen, die versucht hätten, schnelle Lösungen zu erzielen, und dabei gescheitert seien. «Wir wollen die Grundlagen schaffen für einen Dialog, um den Weg zur Lösung des Konflikts zu ebnen.» Die Kommission solle nicht ein weiteres Mal feststellen, welche Probleme herrschten, sondern konkrete Lösungswege vorschlagen.

Dabei sei er auf offene Ohren gestossen: «Überall, wo ich hingehe, herrscht der Wunsch nach Dialog und einer Lösung des Konflikts.» Jedoch ist es für Ramos keineswegs gegeben, dass sich die Konfliktparteien auch an einen Tisch setzen und dort über den ganzen Prozess hinweg bleiben. «Das ist unsere grösste Herausforderung», so schliesst der Beauftragte ab.

Die Mapuche misstrauen dem Staat

Die Aussagen des Präsidialbeauftragten in der Hauptstadt Santiago verblassen in der eine Tagesreise entfernten Konfliktregion. Im Parlament bei Victoria zeigt sich der Lonko Alfredo Caniullan, das Oberhaupt einer Gemeinde in Küstennähe, entschlossen: «Der chilenische Staat hat zu häufig seine eigenen Versprechen gebrochen.» Bevor keine konkreten Schritte erkennbar seien, trete man nicht in Dialog.

Doch das Parlament ist klein. Gerade einmal zehn verschiedene Gemeinden sind gekommen. Eigentlich waren Dutzende von Gemeinschaften angekündigt. Doch kurz vor dem Treffen hatten mehrere Lonkos aufgrund interner Konflikte abgesagt. Ein gefällter Baum versperrt unweit des Treffpunkts den Weg zur benachbarten indigenen Gemeinschaft.

«Wieso sollten wir heute sinnlose Gedenkveranstaltungen über Verträge durchführen?», fragt Andy Marilao. Er ist ein Werkén, ein Sprecher einer indigenen Gemeinschaft, die etwa eine Stunde von Victoria entfernt liegt. Er steht neben einer Sägemaschine. Dort wird das Holz eines Forsts verarbeitet, den seine Gemeinschaft seit über zwanzig Jahren besetzt hält. Das internationale Unternehmen habe die Ländereien illegal erworben, meint Marilao, dessen Familie bis heute die staatlichen Besitztitel des damaligen Indigenen-Reservats aufbewahrt.

Der Staat habe immer mit Repression und Einschüchterungen auf die Forderungen der Mapuche reagiert, meint Marilao. «Ich bin aufgewachsen mit Polizisten, die Tränengasgranaten in mein Haus schossen und auf meine Eltern einprügelten, wie soll ich da Vertrauen in den Staat haben?», fragt er fast rhetorisch.

Für ihn gebe es nur einen Weg, und der sei militant. Nur damit habe man Erfolg. Die Angst der Siedler kann er dabei durchaus verstehen, doch auch diese müssten das Leid der Indigenen anerkennen und akzeptieren, dass sie auf Land lebten, das eigentlich diesen gehöre.

Teufelskreis muss mit Dialog durchbrochen werden

«Aufarbeitung bedeutet, eine tiefe Wunde erneut zu öffnen», meint der Historiker und Mapuche Claudio Alvarado Lincopi. Der ehemalige Berater von Elisa Loncón, der indigenen Abgeordneten, die 2021 den chilenischen Verfassungskonvent präsidierte, sitzt in einem typischen Lokal der Innenstadt von Santiago. Im Hintergrund läuft der Fernseher, der am laufenden Band Raubüberfälle zeigt, auch aus dem Süden Chiles.

«Wir befinden uns in einem Teufelskreis», sagt Lincopi. Radikale Gruppen der Mapuche hätten sich über die letzten Jahre gegen jegliche institutionelle Lösung des Konflikts gestemmt. Der verfassunggebende Prozess, der den Mapuche mehr Autonomie gegeben hätte, wurde von breiten Teilen der Mapuche boykottiert. «Es fehlte an Vertrauen», meint Lincopi. In den Regionen der Indigenen fand der im September 2022 von den Chilenen abgelehnte Verfassungsentwurf eine noch deutlichere Ablehnung als im Rest des Landes.

Die Antwort der Regierung sei derweil enttäuschend. Bisher habe sie vor allem mit Repression auf den Konflikt reagiert. Bis heute herrscht im Gebiet der Mapuche der Ausnahmezustand, das Militär ist für die Sicherheit verantwortlich. Daneben seien alle Einladungen zum Dialog wirkungslos. «Wer will sich an einen Tisch setzen, während das Militär auf der Strasse ist?», fragt Lincopi. Die radikalen Sektoren seien daran nicht interessiert.

Wie soll man nun vorgehen? Die Frage sei schwierig, seit der Verfassungsentwurf abgelehnt wurde, haben rechte Positionen, die verlangen, mit Gewalt gegen militante Sektoren der Mapuche vorzugehen, überhandgenommen. Ein Abzug des Militärs sei derzeit politisch nicht machbar. Dialog sei weiterhin der richtige Weg. «Sofern es die Regierung schafft, alle Akteure zusammenzubringen, wäre das ein grosser Schritt», meint Lincopi.

Es sei wichtig, über sich gegenseitig zugefügtes Leid zu sprechen und dieses anzuerkennen. «Ich stelle mir etwas Ähnliches vor wie beim Friedensprozess in Kolumbien», sagt Lincopi. Dort gingen Kommissionen der beteiligten Parteien zu den Orten, wo Anschläge und Massaker stattgefunden hatten, um sich zu entschuldigen. An solchen Vorgängen sollten sich auch die Staaten beteiligen, die Siedler ins Gebiet geschickt haben. «Sie trifft eine Mitschuld, und für die chilenische Regierung wäre eine solche Unterstützung eine enorme Hilfe», sagt Lincopi.

Zurück beim Schweizer Carlos Spichiger: Er habe kein Problem damit, sein Land irgendwann gegen die passende Bezahlung abzutreten. Seine Kinder seien sowieso schon alle weggezogen, die Gewalt, der Hass und die besseren wirtschaftlichen Aussichten habe sie in die Grossstädte des Landes geführt. Doch das Ganze müsse geordnet ablaufen, ohne Besetzungen und ohne Gewalt. Schliesslich sei der Staat dabei gefragt, seit langem gemachte Versprechen in die Tat umzusetzen.

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