Weltreporter-Forum 2016 – hier ist das Programm!

Das Programm des Weltreporter-Forums 2016 in Raiding/Burgenland steht:

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Wir freuen uns mit unseren internationalen Gästen auf einen spannenden Sommer-Nachmittag auf dem Land. Und auf Sie!

Flüchtlinge? No thanks

Alle reden von Donald Trump, aber niemand von John Key. Das ist Neuseelands konservativer Premierminister, manchmal auch „Donkey“ (Esel) genannt. Er beginnt seine Sätze gerne mit Plattitüden wie „At the end of the day“, die der Beschwichtigung und Verneblung dienen. Was Trump von sich gibt, ist krasser – jeder kennt die einschlägigen „Trumpisms“ über Frauen, Mexikaner, Moslems. In Neuseeland ist alles eine Nummer kleiner. Hier haben wir die Sprachkategorie „Keyisms“. Die klingen sanfter, haben aber auch brutale Konsequenzen.

Ein Key-ismus bedeutet, aalglatt genau das Gegenteil einer Tatsache zu behaupten, ohne dass die Verdrehung auffällt. „Wir haben die Sache eigentlich gut gemacht“, lobte sich John Key diese Woche. Was er am Montag vollbrachte, und was in all der Orlando-Trauer unterging: Key erhöhte die Flüchtlingsquote. Für eine Verdopplung trommeln hier seit letztem Jahr emsig Organisationen wie „Doing our bit“. Neuseeland, eines der sichersten und friedlichsten Länder der Welt, wo gerade mal ein Mensch auf 17 Quadratkilometer kommt, nimmt in Zukunft mehr Flüchtlinge auf. Es sind aber nur 250 mehr, von schlappen 750 pro Jahr auf 1000. Von wegen doppelt. Und das auch erst ab 2018.

Grant Bayldon, Vorsitzender von Amnesty International in Neuseeland, nannte Keys Entscheidung „absolut beschämend angesichts der größten humanitären Krise der Welt.“ Neuseeland sitzt im UN-Sicherheitsrat, aber seit dreißig Jahren wurde die Flüchtlingsquote in Neuseeland nicht erhöht. Wir stehen an schlapper 87. Stelle der Länder, die gemessen an ihrer Einwohnerzahl die meisten Flüchtlinge aufnehmen. Daran haben auch die früheren linken Staatsoberhäupter nichts geändert – wie Helen Clark, die sich gerade als Generalsekretärin für die UN zu profilieren versucht. John Key ist Sohn einer jüdischen Immigrantin aus Österreich, die vor Hitler ins gelobte Aotearoa flohen. Aber statt für Flüchtlingshilfe pumpt er lieber 20 Millionen Dollar seines Jahresbudgets ins Militär.

Immigrationsminister Michael Woodhouse begründete die Entscheidung damit, dass die syrischen Flüchtlinge weder Englisch sprechen noch Arbeit finden würden. Man müsse nur auf Australien schauen, die hätten „einiges zu erklären“, da sie dreimal so viele „refugees“ aufnehmen. Erklären müssen die Australier sich in der Tat. Dafür, dass sie „boat people“ in menschenunwürdigen Lagern auf Pazifik-Inseln wie Nauru unterbringen. Und sechs Millionen Dollar Steuergelder dafür ausgeben, einen Propaganda-Film voller Ertrinkender und Hoffnungsloser namens „The Journey“ (Die Reise) zu drehen. Der wurde bereits in Afghanistan gezeigt  und dient allein dem Zweck, potentielle Asylbewerber abzuschrecken.

Nicht nur seine erbärmliche Flüchtlingsquote hat Neuseeland dem großen Nachbarn voraus: Aotearoa ist das einzige westliche Land, in das man weder auf dem Land- noch dem Seeweg illegal hineinkommt. Das freut viele Kiwis. Volkes Stimme ist in allen Umfragen eindeutig: Refugees? Bitte draußen bleiben und lieber ertrinken.

Wird diese strenge Dänin die neue UN-Flüchtlingskommissarin?

Die damalige dänische Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt mit dem damaligen afghanischen Präsidenten Hamid Karzai in Kopenhagen am 2. Mai 2013 (Foto: Bomsdorf).

Eine internetaffine Überschrift für die dänische Selfie-Queen… Der UNHCR ist seit Monaten wieder einmal eine vielzitierte Institution, schließlich ist es jene UN-Einrichtung, die sich um die Flüchtlinge dieser Welt kümmert. Und die chronisch unterfinanziert ist, was mit zu den vielen syrischen Flüchtlingen beitrug wie Thomas Gutschker vor kurzem in der FAZ schrieb. Demnächst tritt der derzeitige UN Flüchtlingshochkommissar Antonio Guterres ab und von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt wird hinter den Kulissen bereits ein Nachfolger gesucht.

Offizielle dänische Kandidatin ist die ehemalige dänische Premierministerin Helle Thorning-Schmidt. Wegen ihrer strammen Asylpolitik erscheint die auf den ersten Blick wenig geeignet. Doch gerade das könnte ihr helfen gegen den Deutschen Achim Steiner zu gewinnen, schrieb ich kürzlich in Das Parlament.

„Wir haben die Asylregeln drastisch verschärft, als die ersten in 12 Jahren,“ sagte Helle Thorning-Schmidt im diesjährigen dänischen Wahlkampf. Unter anderem wurde der Familiennachzug erschwert.

Zwar verlor sie die Wahl, wurde aber vor kurzem von ihrem Nachfolger im Amt des Premiers als Chefin des UNHCR nominiert. Aus Deutschland kandidiert Achim Steiner, derzeit Chef des UN-Umweltprogramms.

Die strenge dänische Asylpolitik, die nach Thorning-Schmidts Abwahl im Sommer von ihrem Nachfolger weiter verschärft wurde, passt kaum zum UNHCR. Schließlich will der die Rechte von Flüchtlingen sichern und dafür sorgen, dass diese Asyl beantragen und eine sichere neue Heimat finden können. Dänemark hingegen wird vorgeworfen, Probleme auf die Nachbarländer Deutschland und Schweden abzuwälzen. Es gilt deshalb als „Ungarn des Nordens“.

Doch die strikte Haltung könnte Thorning-Schmidts Vorteil werden. Denn die Politiker vieler Länder stehen der dänischen Position näher als der deutschen. Angesichts der zunehmenden Anzahl von Flüchtlingen, die weltweit Sicherheit und eine neue Heimat suchen, sehen sie sich und ihre Länder überfordert. Eine UNHCR-Chefin, die für eine restriktive Flüchtlingspolitik steht, wäre da – so widersprüchlich das auch klingen mag – womöglich gewünscht.

In ihrer Heimat allerdings regt sich Kritik daran, ausgerechnet Thorning-Schmidt zur Flüchtlingskommissarin zu machen. „Ernennt Steiner!“, überschrieb die linksalternative Zeitung Information einen Kommentar. Der deutsche Kandidat sei fachlich besser qualifiziert, hieß es. Und der Publizist Herbert Pundik kritisiert Thorning-Schmidts Asylpolitik als „kleinlich“. Angesichts dessen sei es jetzt allenfalls „opportunistisch“, wenn sie sich nun plötzlich für Flüchtlinge einsetzen werde.

Flüchtlinge im Land der Grillwurst

Auch wir hier am untersten Ende der Welt schauen gerade gebannt auf Europa. Sind hautnah dran. Stehen sogar im Morgengrauen auf, um alles live auf dem Bildschirm zu verfolgen. Jeder neueste Stand geht uns an die Nieren – all das Drama, die vielen Nationen, das Gedrängel und Gerangel und Gebrülle. Herzzerreißend. Aufwühlend. Große Schlagzeilen, wir fühlen mit. Ja, Neuseeland lässt sich keine Sekunde der Rugby-Weltmeisterschaft entgehen, die in England gestartet ist.

Gut, dass so viele Kiwis auf Facebook sind. Denn ohne Aylan Kurdis Strandfoto hätten die meisten kaum mitbekommen, dass in der Ägäis nicht nur Tintenfische schwimmen, sondern auch Kinderleichen. Plötzlich war das Weltthema Nummer Eins endlich auch im Land der langen weißen Wolke angekommen. Zumindest für eine Woche. So lange dauerte es, bis Premierminister John Key – Zitat: „Wir wollen Touristen, nicht Migranten“ – sich zu einer halbherzigen humanitären Geste durchrang und 600 Syrern Zuflucht versprach. Gestaffelt über die nächsten drei Jahre und als Teil der Flüchtlingsquote von gerade mal 750 Menschen, die Neuseeland pro Jahr aufnimmt. Damit bekleiden wir den schlappen 90. Platz der Aufnahmeländer, auf die Einwohnerzahl umgerechnet. Ein Scherz. Wir liegen sogar noch hinter Australien, das sich bisher in Sachen Menschenrechte nicht mit Ruhm bekleckert hat. Neuseeland, ein Hort der Sicherheit, der im Weltkrieg vielen Holocaust-Flüchtlingen Zuflucht bot? Tja. Das war damals.

„Verdoppelt die Quote!” heißt seitdem der Protestruf aus linker Ecke. Der verhallt fast ungehört. Oder löst Reaktionen aus wie: Wer braucht die hier/wir müssen uns erst mal um unsere eigenen Leute kümmern/wer soll das alles bezahlen/werden wir dann alle moslemisch. Xenophobie und Ängste rundum, ähnlich wie zur großen Asyl-Welle Anfang der 90er Jahre in Deutschland. Obendrein noch unser früherer Außenminister Winston Peters, immer für einen fremdenfeindlichen Spruch gut, der den syrischen Flüchtlingen riet, sie sollen doch lieber zurückkehren in ihr Land, um dort gegen das Übel zu kämpfen. Klar. Alles ganz easy. Und jetzt wieder umschalten zum Rugby.

Für die Flüchtlinge, die es schließlich doch nach Aotearoa schaffen, steht Integrationshilfe bereit. Unter anderem ein 38-minütiges Video, das bei der Assimilation in den antipodischen Kulturkreis helfen soll. Darin sieht man viele nette Bürger, die Grillwürste beim Picknick wenden. Es gibt praktische Tipps: Wie man Arbeit findet, Steuern zahlt, einkauft. „Neuseeland bietet Ihnen die Chance, ein neues Leben in einem neuen Land zu beginnen“, verkündet ein Sprecher zur Säuselmusik. „Dieses Ziel ist erreichbar.“

Aber vorher werden ein paar Verhaltensregeln klargemacht. Die Liste dessen, was man als Neuankömmling in Neuseeland lieber vermeiden sollte, ist länger als manche weiße Wolke: Fahrradfahren ohne Helm, Autofahren ohne Führerschein, Frauen schlagen, in Räumen rauchen, Genitalien verstümmeln, Beamte bestechen, zwanghaft verheiraten oder polygamieren, in der Ehe vergewaltigen. Herzlich willkommen.bbq