Weckruf mit der Nobel-Nachricht

Aus dem Schlaf gerissen, verstand Alice Munro zunächst nicht die Nachricht, die ihr ihre Tochter telefonisch übermittelte: „Mama, Du hast gewonnen.“ Es war heute morgen, kurz nach 4 Uhr in Victoria in Kanadas Pazifikprovinz British Columbia. Dann aber dämmerte es ihr: Sie, die 82 Jahre alte Grand Old Lady der kanadischen Literatur, war für ihr Lebenswerk mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden.

 

Als sie wenige Minuten später die ersten Interviews gab, hatte sie immer noch Mühe, die richtigen Worte zu finden. „Es ist mitten in der Nacht hier“, sagte sie fast entschuldigend in einem Gespräch mit dem kanadischen Rundfunk CBC. „ich kann es nicht beschreiben. Was soll ich sagen?“ antwortet sie auf die Frage, wie sie die Nachricht aufnahm. „Meine Tochter weckte mich und zunächst verstand ich nicht warum“, erzählt die „Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte“, wie das Nobelkomitee in Stockholm sie bezeichnet. Erst „kürzlich“ sei sie darauf aufmerksam gemacht worden, dass sie wieder eine Kandidatin für den Nobelpreis sei. „Ich hatte daran nicht gedacht. Ich bin hier für Familienangelegenheiten.“ Ja, sie weiss, dass sie schon öfter als Kandidatin im Gespräch war. Aber den Nobelpreis zu erhalten, das sei „eines dieser Hirngespinste, die passieren könnten, aber wahrscheinlich doch nicht“.

 

Nun hat sie ihn doch bekommen. Alice Munro, die erste Kanadierin, die mit Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird, die 110. in der langen Reihe der Geehrten, aber erst die dreizehnte Frau. Als sie damit konfrontiert wird, reagiert sie schlagfertig. Es sei „haarsträubend“, dass erst dreizehn Frauen den Preis erhalten haben. Ob sie auch der erste kanadische Preisträger in Literatur ist, ist eine Frage der Definition: Kanadische Medien verweisen darauf, dass der in Kanada geborene, aber in den USA aufgewachsene Saul Bellow den Preis 1976 erhielt.

 

Alice Munro, die grauhaarige Dame, ist in Kanada hoch angesehen. Ihre nicht minder bekannte kanadische Kollegin Margret Atwood nennt sie eine „internationale Literatur-Heiligkeit“. “Hurra, Alice Munro erhält den Literaturnobelpreis”, gab sie ihrer Freude auf Twitter Ausdruck. Die US-amerikanische Schriftstellerin Cynthia Ozick nannte Munro Kanadas „Tschechov“ und verglich sie damit mit dem russischen Schriftsteller Anton Tschechov. Ihr langjähriger Publizist Doug Gibson nennt die Preisverleihung „eine wunderbare Nachricht für uns alle. Kanada hat den Literatzurnobelpreis gewonnen.“ Er sei über die Auszeichnung für Munro „nicht überrascht. Sie verdient es. Es ist an der Zeit.“

 

Ihr Ansehen in Kanada wird durch mehrere Preise unterstrichen. Für ihr Debutwerk „Dance of the Happy Shades“ (Tanz der seligen geister) erhielt sie den Literaturpreis des kanadischen Generalgouverneurs, ebenso für ihre 1978 erschienene Sammlung „Who Do You Think You Are?“ (Das Bettlermädchen). Für „The Love of a Good Woman“ (Die Liebe einer Frau) und „Runaway“ (Tricks) wurde sie mit dem Giller-Preis ausgezeichnet, und 2009 gewann sie den renommierten Man Booker International Prize für ihr Lebenswerk.

 

Alice Laidlaw, am 10. Juli 1931 in Wingham in Ontario geboren, wuchs auf der elterlichen Farm auf, studierte an der University of Western Ontario in London Journalismus, brach das Studium aber aus Geldmangel ab. Sie heiratete James Munro, mit dem sie drei Töchter hat. Die Ehe wurde 1972 geschieden und sie heiratete den Geografen Gerold Fremlin, der vor wenigen Monaten starb. Einige Jahre lebte sie in British Columbia, jetzt lebt sie zeitweise in Ontario und in British Columbia, wo sie am Donnerstag die Nachricht vom Nobelpreis erreichte.

 

Im vergangenen Jahr veröffentlichte Alice Munro ihre Sammlung „Dear Life“, für die sie ihren dritten Trillium Book Award erhielt, den Literaturpreis ihrer Heimatprovinz Ontario. Erst vor wenigen Wochen hatte sie in einem Interview mit der kanadischen Zeitung National Post erklärt, dass sie „wahrscheinlich nicht mehr schreiben wird“. Jetzt gefragt, ob sie diese Aussage nach dem Nobelpreis revidieren wolle, meinte sie lachend, dass sie das nicht glaube. „Ich werde ziemlich alt.“

Drohne gegen Kanadagänse

Steve Wambolt liebt, was man hier „gadgets“ nennt. Mit „technisches Spielzeug“ kann man das übersetzen. Eines seiner „gadgets“ ist ein kleiner ferngesteuerter Hubschrauber. Ich treffe Steve am Sandstrand von Petrie Island, einer Insel im Ottawa-Fluss in der kanadischen Hauptstadt. Hier lässt er seinen kleinen Hubschrauber steigen.

 

Was wie ein Freizeitspaß aussieht, ist für Steve Wambolt tatsächlich aber Arbeit. Der Hubschrauber fliegt im Auftrag der Stadt Ottawa. Denn diese startete vor ein paar Wochen ein Pilotprojekt: Mit Steve Wambolts Hubschrauber, einer Art Drohne, werden die Kanadagänse vom Strand von Petrie Island vertrieben. Kanadagänse haben sich in Ottawa zu einer Plage entwickelt. Mit ihren Fäkalien verschmutzen sie Strandbäder und Parks. Der Hubschraubereinsatz zeitigt bereits Erfolge: Die Zahl der Gänse, die sich dort niederlassen, ist drastisch gesunken.

 

Steve Wambolt stellt seinen „Hexacopter“ auf den Sand. Mit seinem Mitarbeiter David Dutrisac checkt er Batterien und MP3-Player, der an dem etwa 70 bis 80 Zentimeter großen ferngesteuerten Fluggerät angebracht ist. Mit einem Knopfdruck am Steuergerät setzt er die Rotorblätter in Gang. Dann steigt die Drohne auf. Mit dem Steuerknüppelt dirigiert der 50-jährige Technikfreak sein unbemanntes Flugobjekt, das die Grundform eines Sechsecks hat und einer Kombination von „fliegender Untertasse“, Mondlandegerät und Hubschrauber ähnelt, zum Strand von Petrie Island. Eine Schar von etwa 20 Kanadagänsen hat sich dort niedergelassen. Mit einem Geräusch, das dem eines großen Bienenschwarms ähnelt, fliegt der Hubschrauber auf die Gänse zu, wenige Meter über dem Strand. Erst recken die Gänse verwundert ihren Kopf, dann nehmen sie mit Geschrei und Flügelschlag Reissaus. Sie stürzen Richtung Wasser, erheben sich in die Luft. Draußen auf dem Fluss lassen sie sich wieder nieder.

 

Der Gänsejäger ist zufrieden. Seit vier Wochen hat er den Vertrag mit der Stadt Ottawa. „Früher hatten wir ständig etwa 150 Kanadagänse auf der Petrie-Insel. Jetzt sind es vielleicht noch zwei Dutzend, die sich hier niederlassen“, sagt Steve Wambolt. Die „Drohnenschläge gegen Gänse“, wie in den Zeitungen Ottawas das Pilotprojekt martialisch genannt wird, sind offenbar erfolgreich.

 

Die bis zu sechs Kilogramm schwere Kanadagans (Branta Canadensis) ist mit ihrem schwarzen Kopf und Hals und dem weißen Band am Hals ein schöner Vogel. Und mit einer Flügelspannweite von rund eineinhalb Metern eine der größten Gänsearten. Auch in Europa brüten diese Tiere seit einigen Jahrzehnten. In Ottawa sind Tausende Kanadagänse, die sich in Parks und Strandbädern am Ottawa-, Rideau- und Gatineaufluss tummeln, eine Plage geworden. Sie fressen mehrere Pfund Gras pro Tag und lassen eine entsprechende Menge Fäkalien zurück. Der Vogelschiss führt öfter dazu, dass Liegewiesen, Bäder und Volleyballfelder wegen der davon ausgehenden Gesundheitsgefahren gesperrt werden müssen. Alle bisherigen Maßnahmen, durch Änderung der Vegetation oder dem Errichten von Zäunen, durch Licht, Geräusche oder Hunde der Plage Herr zu werden, förderten bisher allenfalls bescheidene Erfolge zu Tage. Auf rabiatere Vorschläge, etwa mehrere Jahre lang eine große Zahl von Gänsen zu erlegen und an Bedürftige zu verteilen, geht die Stadt nicht ein.

 

Im Mai trat IT-Techniker Wambolt mit seinem Hubschrauber an Stadtratsmitglied Bob Monette heran. Eigentlich mit einer ganz anderen Intention: Er bemühte sich für sein neu gegründetes Unternehmen Aerial Perspective um Verträge für Luftaufnahmen von Parks, um nach Unwettern die Schäden begutachten zu können. Monette hörte sich den Vortrag an, dann fragte er: „Kann man damit Gänse verscheuchen?“ Jedes Jahr wird er mit dem Gänseproblem auf Petrie Island konfrontiert, das zu seinem Wahlkreis gehört. Wambolt zögerte. „Eigentlich will man mit Fluggeräten Gänsen fern bleiben. Sie können ja sogar Flugzeuge zum Absturz bringen. Aber ich sagte mir: Warum soll ich das nicht mal probieren?“ Das Gerät wurde modifiziert. Auf dem MP3-Player wurden die Geräusche der natürlichen Feinde der Gänse gespeichert, von Raben, Falken, Wölfen und Eulen.

 

Aber schon allein das Brummen des kleinen Hubschraubers entfaltet seine Wirkung. Die Gänse fliehen, wenn das Geräte über ihnen auftaucht. „Sie lernen schnell, dass Petrie Island ein unwirtlicher Ort ist“, beschreibt Wambolt den Erfolg seiner Arbeit. Seit er im Einsatz ist, musste der Strand nicht geschlossen werden. Wichtig ist, Einsatzzeit und Geräusche der Drohne ständig zu variieren, damit sich die Vögel nicht daran gewöhnen können. Einmal verscheucht, kehrt ein Gänseschwarm viele Stunden lang nicht zur Insel zurück. Manchmal beginnt Wambolt seinen Einsatz am frühen Morgen bei Anbruch der Dämmerung. Bis zu sechs Stunden sind er und seine beiden Mitarbeiter an der Arbeit.

 

Der Vertrag, der die Stadt 30.000 Dollar kostet, läuft bis in den Herbst. Dann soll Bilanz gezogen werden. Das Geld sei gut investiert, wenn dafür ein stark frequentierter Park sicherer und für die Besucher angenehmer gemacht werden kann, meint Stadtratsmitglied Monette. Wambolt hofft, dass er sein Spielzeug, die Drohne gegen Kanadagänse, im nächsten Jahr auch an anderen Stränden einsetzen kann. Ein Patentverfahren für Fluggerät und Idee hat er bereits gestartet.