Unser sexy Akzent

Seit der Nominierung von Jacinda Ardern für den Friedensnobelpreis hat keine Nachricht aus Aotearoa internationale Wellen geschlagen wie diese. Besser setzen, jetzt kommt’s: Der neuseeländische Akzent ist sexier als jeder andere der Welt! Das löst auch bei Inländern unfassbaren Stolz aus – und Unglauben. Denn bisher hat uns das noch nie jemand gesagt.

Rund 7.000 Sprachen gibt es. Was akustisch schön anmutet oder heiß macht, ist Geschmackssache, so wie beim Essen: der Samoaner schätzt Hund, die Schottin Haggis. In Brasilien sind dicke Popos attraktiv, bei den Karen in Thailand lange Hälse. In westlichen Ländern ist man sich einig, dass Italiener und Franzosen verführerisch klingen; einige Dialekte, zum Beispiel in den neuen Bundesländern, eher nicht so. Das ist natürlich auch Snobismus. Upper-Class-Briten klangen sexy, bis Jamie Oliver kam.

Bevor Mutter Jacinda das Image-Ruder für uns rumriss und die Weltbühne eroberte, klangen Kiwis für nichteinheimische Ohren immer komisch. Irgendwie gequetscht, und am Ende des Satzes zieht die Tonlage hoch, gerne mit einem „aye“ oder „bro“ als Abschluss. „Fish and Chips“ mutieren zu „Fush’n Chups“ und Eier zu „iggs“. Wenn Papa sich ins Bett legt, dann geht „Did to bid“ statt „Dad to bed“.

Diese Verquetschung der Sprache wird extremer, hat Professor Allan Bell von der Auckland University of Technology festgestellt. Er hat 300 Tonaufnahmen der letzten 30 Jahre ausgewertet. In den 70ern klangen neuseeländische Radiosprecher noch wie vom BBC – das Englisch der Queen war Norm. „Seit den 80ern klingen sie jedoch mehr wie Kiwis“, so Bell. Auch ein bisschen Cockney hat sich eingeschlichen: Bei „what“ oder „but“ wird das „t“ am Ende verschluckt.

Außerdem rollen uns zunehmend Maori-Wörter von der Zunge, von denen die Nachbarn drüben auf der barbarischen Seite der tasmanischen See nur träumen können: iwi, mana, whanau. Bis auf Southland, den Südzipfel der Südinsel, gibt es im Land der langen weißen Wolke keine regionalen Unterschiede beim Reden, nur ethnische. Und niemals, niemals, niemals ist der Kiwi-Akzent mit dem Australischen zu verwechseln. Darauf steht Todesstrafe.

Auf unserem urtypischen Slang darf in Zukunft niemand mehr rumhacken. Die Reise-Webseite „Big 7 Travel“ hat eine unwissenschaftliche Umfrage der 50 „sexiest accents“ veröffentlicht. Sie krönte den Sound von „Newzild“ als den verführerischsten: „Es ist offiziell!“ An zweiter Stelle: Südafrika. Die Iren an dritter, die Australier erst an fünfter. Bätsch. Mit Ach und Krach schafften es die Deutschen auf den 46. Platz. „Zuweilen hart, aber superklar“, so die Bewertung der Teutonensprache.

Die TV-Sendung “Seven Sharp“ hat zur Feier unseres Weltrekords die romantischsten Szenen aus Filmklassikern wie „The Notebook“ oder „Titanic“ nachvertont – auf kiwianisch. Noch nicht Oscar-verdächtig, aber turnt total an.

Der Fluss als Mensch

Die Welt hat den Kiwis viel zu verdanken: das erste Wahlrecht für Frauen, Bungy-Springer und die Pavlova-Baiser-Torte. Aber als Trendsetter galt mein kleines Völkchen am untersten Rand des Globus‘ bisher eher nicht. Meistens hinken wir Jahre hinterher. Alter Scherz: „What’s the time in New Zealand?“ – „Still 1995“. Doch jetzt setzen wir Weltrekorde: Erstmals wurde hier ein Fluss zur juristischen Person benannt.

Der Whanganui auf der Nordinsel ist der drittlängste Fluss Neuseelands. Von den Maori wird er Te Awa Tupua genannt und tief verehrt. Was war passiert? War jemand in ihm ertrunken und wird er dafür nun verklagt? Kann alles noch passieren, inklusive Schmerzensgeld, denn der Fluss ist jetzt reich. Letzte Woche stufte ihn das Parlament in Wellington als lebende Einheit ein, „mit allen dazugehörigen Rechten und Pflichten“. Das gab’s noch nirgendwo. Indien zog darauf gleich nach und gab – angelehnt an unser Vorbild – den Flüssen Ganges und Yamuna menschlichen Status.

Zum Whanganui gibt es eine tiefe spirituelle Verbindung. Jeder Baum, jeder Berg, jeder See ist für einen Maori genauso wichtig und lebendig wie ein Mensch. Ein bekanntes Sprichwort der Maori, und davon gibt es viele, heißt: „Ich bin der Fluss und der Fluss bin ich.“ Im Wasser tummelt sich außerdem gerne der taniwha – ein Geist, mit dem nicht zu spaßen ist. Aber nicht übernatürliche Kräfte waren bei dem historischen Sieg im Spiel, sondern vor allem teuer bezahlte Anwälte.

Seit 170 Jahren kämpft ein Stamm der Ureinwohner bereits um seine Rechte an dem heiligen Fluss. Es ist der längste Rechtstreit in der Geschichte des Landes – alles im Rahmen der Wiedergutmachungen unter dem „Treaty“, dem Vertrag von Waitangi, der indigene Kultur, Rechte und Landbesitz schützen soll. 80 Millionen Neuseeland-Dollar (über 52 Millionen Euro) bekam der Stamm als Entschädigung, dazu 30 Millionen, um den Fluss wieder flott zu machen. Und noch eine Million für die juristische Abwicklung des Ganzen.

Für Kiwi-Rednecks ist das „politisch-korrekter Wahnsinn“ und rausgeworfenes Steuergeld. Viele der Meckerer sind jedoch genau die Milchbauern, deren Abertausende von Kühen die einst so klaren Flüsse entlang ihrer Weiden mit Gülle verseuchen. Dem Whanganui, der jetzt zumindest auf dem Papier und vor Gericht ein eigenes Leben hat, stehen etliche andere gegenüber, die bald tot sind: voller Algenschleim und Koli-Bakterien. „Clean and green“ – dieses Image hat die Agrarnation sich Kuhfladen um Kuhfladen ruiniert.

Wasser hatte die konservative Regierung bislang „nicht auf dem Radar“ – so drückte es die stellvertretende Premierministerin Paula Bennett letzte Woche aus. Sie meinte jedoch nicht die sterbenden Flüsse, sondern eine Firma aus China: Die will in Zukunft pro Tag fünf Millionen Liter Wasser bei uns abzapfen – umsonst. Denn Wasser ist hier so frei zu haben wie Luft zum Atmen. Das könnte sich bald ändern. Vielleicht redet der Whanganui da ein Wörtchen mit.

Ab in die Tiefe

Fußball hin, Halbfinale her – gestern fand ein großes Jubiläum statt. Ein Gedenktag, damit die wahren Heldentaten der Menschheit nicht in Vergessenheit geraten. Denn vor einem Vierteljahrhundert erschütterte ein Schrei Europa, der noch immer nachhallt. Erstmals stürzte sich ein Bungy-Springer vom Eiffelturm.
Der da am Seil baumelte, war AJ (kurz für „Alan John“) Hackett. Der gut abgehangene Tausendsassa ist für Neuseeland und den Extremsport das, was Reinhold Messner für Tirol und die Yeti-Jagd ist: eine Ikone , von übermäßiger Adrenalinausschüttung gezeichnet. Testosteronbrüder im Geiste: Den einen zog’s in die Höhe, den anderen in die Tiefe.
Hackett, der antipodische Pionier des kommerzialisierten Wahnsinns, hatte sich von Südseeinsulanern in Vanuatu inspirieren lassen, die an Lianen gebunden von wackeligen Türmen springen. Zum Glück hielt er sich von einer anderen vanuatischen Tradition, dem berauschenden Kava-Trinken, fern. Sonst hätte Hackett seitdem den Extremsport Kaving exzessiv betrieben und nur breit in der pazifischen Sonne gelegen. Was er mittlerweile hoffentlich tut, denn der Bungy-Mann hat längst ausgesorgt.
Was AJ Hacket und seine Mannen für den großen Eiffelsprung am 26. Juni 1987 ausheckten, stellt „Ocean’s 11“ an Konspiration in den Schatten. Wochenlang hatte die Bungy-Crew den Turm ausspioniert, Kameras platziert und die Ausrüstung nach oben geschmuggelt. Im Morgengrauen ließ sich Hackett dann verknoten. Die exakte Länge des Seils war mit Angelschnur gemessen worden. Als die Sonne über Paris aufging und die Polizei am Boden mitbekam, was vor sich ging, spazierte AJ in die Luft. „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein verdammt großer Sprung für den Abenteuertourismus“, beschreibt er es flott in seinen eigenen Worten. „Jeden Tag soll man sich daran erinnern, das man noch lebt.“
Wir wissen alle, was dann passierte. Auf jeder Kirmes im Rheinland, auf jedem besseren Parkplatz zwischen Polarkreis und Dubai stand fortan ein Kran mit Gummiseil. Es wurde gesprungen und geschrien und gebaumelt, selbst aus Hubschraubern, dass es eine Zumutung war, von all den Zerrungen ganz zu schweigen. Total überteuerter Schwachsinn, natürlich – aber ach so geil, wenn man es denn doch tat. Ich bekam einen Freisprung vom Fernsehturm in Hamburg geschenkt und überwand mich in einem Anflug von Todesmut und Angeberei. Von sowas zehrt man im Alter, wenn man es nicht mal vom Fünfmeterbrett geschafft hat.
Das ist alles lange vorbei, aber nicht in Queenstown auf der Südinsel Neuseelands: Von dort aus hat das AJ Hackett Imperium die Welt erobert. Einen Bungy-Tempel haben sie dort errichtet, mit wummernden Beats und athletischem Personal. Noch immer wird dort von der Brücke über der Kawarau-Schlucht im Minutentakt gesprungen, als gäbe es keine Schwerkraft. Unten im Fluß liegen viele Schlüsselbunde, aus all den Hosentaschen. Wenn vorbeifahrende Touristen glotzen, karambolieren sie oft in ihren Wohnmobilen und erinnern sich daran, dass man noch lebt.

Invasion der Maori-Mücken

Dass vom Erzfeind am anderen Ufer der tasmanischen See – also Australien – nur Schlechtes kommt, ist für einen Neuseeländer so selbstverständlich, wie dass die Sonne mittags hoch im Norden steht. Ein Naturgesetz quasi. Und die Natur ist es, die wir hier im schönen Aotearoa besonders schätzen und schützen, auch wenn nicht alles so rein und „100% pur“ ist, wie es die Tourismuswerbung vorbetet.
Aber an unseren knackigen Äpfeln zum Beispiel hängt nicht nur unser Herz, sondern auch die Wirtschaft: Wir exportieren pro Jahr Obst und Gemüse im Wert von über einer Milliarde Euro. Daher ist mit uns nicht zu spaßen, wenn das finstere Reich der Känguruhs (kurz: Oz), in dem es ja von giftigen Viechern nur so wimmelt und auch die Eingeborenen nicht viel zu lachen haben, uns eine Agrar-Pest beschert. Die letzte Attacke der Australier hat das halbe Land in Alarmbereitschaft versetzt: In Auckland wurde eine Fruchtfliege aus Queensland geortet.
Was dann auf dem Markt von Avondale passierte, stellte den spektakulären FBI-Helikoptereinsatz bei der Verhaftung des Megaupload-Millionärs Kim Dotcom in den Schatten. 30 Beamte patroullierten zwischen Gemüsekisten. 388 Fliegenfallen wurden rund um die Stelle platziert, wo die eingeschleuste Fruchtfliege ihre Invasion gestartet hatte. 200 Bio-Mülltonnen wurden aufgestellt, um gezielt verdächtige Obstabfälle abzufangen. Überreifes wurde auf Larven getestet.
Erst nach zwei Wochen wurde Entwarnung gegeben. Niemand musste diesmal evakuiert werden, so wie vor acht Jahren, als wegen der gemeingefährlichen Apfelmotte ganze Landstriche aus der Luft mit Pestiziden besprüht wurden. Nein, wir können uns wieder ganz sicher in unserem hart verteidigten Ökosystem fühlen, uns bequem im Fernsehsessel zurücklehnen und uns jede Woche genüßlich angucken, wie wir‘s den verdammten Ozzies heimgezahlt haben.
‚The GC‘ heißt die Rache der Kiwis. Das ist eine neue Reality-Soap und spielt an der ‚GC‘, also der Gold Coast – jene berüchtigte Ferienküste voller Vergügungsparks und schlechter Bars, gegen die der Ballermann wie Worpswede wirkt. Die seltene Spezies aus Neuseeland, die die Australier dort ertragen müssen, sind junge Maori. 130.000 von ihnen suchen südlich von Brisbane das schnelle Glück. Die Kamera begleitet Tame, Nate, Rosie und wie sie nicht alle heißen – ‚Möchtegern-Model‘, ‚angehender Rapper‘,‚Investor‘, ‚besorgte Mitbewohnerin‘ – bei ihren Streifzügen durchs Nachtleben, ins Tattoo-Studio, beim Fotoshooting und Friseur. Hanteln und Haarverlängerungen spielen tragende Rollen. Es wird viel gezofft, Sonnencreme aufgetragen und zerbrochenes Glas weggekehrt, immerhin.
Alle Protagonisten werden mit ihrer Herkunft vorgestellt, die meisten ‚Bros‘ sind vom Stamme ‚Ngati Porou‘. Daheim nennt man sie jedoch lieber ‚Ngati Skippy‘, so wie das Buschkänguruh, weil sie einfach „nach drüben“ gehüpft sind. An der Gold Coast haben die Kiwi-Prolls auch einen Namen: Mozzies, weil ‚Maori-Ozzies‘. Mozzie bedeutet Mücke. Die Invasion ist gelungen.

Rotschopftag

Ihr hattet alle schöne Pfingsten? Pah! Wir hatten in Neuseeland letzte Woche den Tag der Roten. Alle Jahre wieder ruft der Radiosender The Edge am 25. Mai die Parole ‚Hug a Ginga‘ aus – umarme einen Rotschopf. Denn wer obenrum feurig aussieht, hat’s schwer. Narkosärzte müssen einem stärkere Schmerzmittel geben, im Bett ist man angeblich unersättlich, und früher wurde man als Hexe verbrannt, vom Sonnenbrand ganz zu schweigen.
In England wurde vor fünf Jahren eine rothaarige Familie aus ihrem Haus geekelt, und die größte Samenbank der Welt nimmt keine Gaben von rothaarigen Spendern mehr an, weil die Nachfrage danach zu gering sei. Angesichts dieser Schieflage dürfen sich Rote als Randgruppe verstehen, die ihren Behindertentag braucht. Und wir anderen müssen die Karottenköpfe einmal im Jahr zwangsumarmen, ob sie das wollen oder nicht. Das macht die Integration in der Schule und am Arbeitsplatz sicher um vieles leichter. Der Begriff ‚Ginga‘, den ich erst dank des Plärrsenders gelernt habe, ist ja auch ungefähr so schmeichelhaft wie ‚Fettsack‘. Vielleicht sollte man den genetisch Benachteiligten direkt ein rotes Blinklicht auf den Kopf setzen? Und auch der geniale Vorschlag von ‚The Edge‘ wird die Diskriminierung sofort stoppen: In diesem Jahr sollte man am ‚Ginga-Day‘ einen freien Arbeitstag fordern – natürlich nur als ‚Ginga‘. Das Formular dazu konnte man sich runterladen.
Anfang nächster Woche steht uns dann „Queen’s Birthday“ ins Haus. Man hat frei, mehr auch nicht. Kein Kiwi, der im 20. Jahrhundert geboren wurde, würde ersthaft den Geburtstag der britischen Monarchin begehen, der übrigens im April war. Aber der erste Montag im Juni wurde einst als Feiertag von der Monarchie für den Beginn des englischen Sommers ausgerufen. Bei uns ist es jedoch Winter. Das ist alles so absurd wie die Tatsache, dass die Queen unser Oberhaupt ist, aber am anderen Ende der Welt lebt und nur alle Jubeljahre ihre Untertanen im Südpazifik besucht. Für die olle Elizabeth böllert die Regierung in Wellington am Montag brav 21 mal in die Luft. Das war’s. Lang lebe die Kolonie, äh, die Queen.
Seit langem kämpft die republikanische Bewegung Aotearoas nicht nur um eine eigene Flagge und die Unabhängigkeit von Mutter England, sondern auch darum, dass der peinliche Feiertag abgeschafft oder in Matariki umbenannt wird. Matariki ist die Neujahrszeit der Maori und feiert das Auftreten der Pleiaden am Firmament. Es geht um Wachstum und Pflanzzyklen, um Einkehr und Besinnung. In der Schule wird dazu gebastelt und gesungen. Viele Gemeinden machen ein Konzert oder garen was Herzhaftes im Hangi, dem Erdofen. Ein schönes Fest, politisch korrekt sowieso, und in seiner Bedeutung fürs Volk relevanter als die pastellfarbene Matrone im Buckingham Palast.
Dank einer neuen Feiertagsregelung kann man mit seinem Arbeitgeber regeln, statt dem Königinnengeburtstag lieber einen Matariki-Tag zu nehmen. Ja, das ist bikultureller Fortschritt. Die Blonden und Brünetten sollten das Gleiche mit dem Tag der Roten versuchen.

Spenden vom Diktator

Das letzte Mal, als ich Sacha Baron Cohen sah, war er Brüno und ich im Paradiso. Das Paradiso ist ein winziges Kino im alternativ angehauchten Bergdorf Wanaka, tief in den Südalpen am See gelegen. Dort kann man auf alten Plüschsofas und in einem ausrangierten Morris Minor sitzen. Es gibt mitten in der Vorstellung eine Pause, dazu frische warme Kekse. Fehlt nur noch der kreisende Joint. „So sollte jedes Kino sein“, schwärmte sogar der britische Guardian. Dem kann man nicht widersprechen.
Soviel zu Brüno-Borat, an den ich also nur beste Erinnerungen habe, auch ohne Joint. Jetzt steht uns ein Wiedersehen bevor: Heute läuft ,Der Diktator‘ in Neuseeland an. Leider dauert die Fahrt bis zum Paradiso in Wanaka mindestens fünf Stunden. In Christchurch bleibt einem nur die schreckliche Westfiel Mall, ein riesiger nerv- und seelentötender Einkaufskomplex mit Plärrmusik und Plastikdeko. Seit all den schweren Erdbeben möchte man sich in solch einem Betonmonster nicht unbedingt länger als möglich aufhalten, und vorher wollte man es aus ästethischen Gründen eigentlich auch nicht. Aber im dünnen Freizeitangebot der Unglücksstadt ist selbst ein Mall-Besuch zum kulturellen Highlight geworden.
In seinem neuen Film spielt Cohen den bärtigen „Admiral General Aladeen“ – einen Nahost-Clown in Despotenkluft, der im nordafrikanischen Phantasiestaat Wadiya herrscht und Atomwaffen entwickelt. In einer Grußbotschaft, die jedem Al-Quaeda-Kommando alle Ehre machen würde, stellte der Hauptdarsteller sich vor dem Filmstart per Videoclip den neuseeländischen Zuschauern vor, flankiert von weiblichen Milizen im Minirock: „Hallo, neuseeländische Teufel!“ Sein in bester Hisbollah-Manier hervorgestoßenes Pseudo-Arabisch wird in Untertiteln übersetzt.
So erfahren wir, dass der General sich früher oft mit unserer bärbeißigen Ex-Premierministerin Helen Clark getroffen hat. „Wir pflegten eine wunderbare Beziehung, basierend auf gegenseitigem Vertrauen und Respekt, wie es nur zwei starken männlichen Führern möglich ist“. Ha! Der alte Testosteron-Witz – Cohen kennt sich inden abgelegenen Winkeln der Weltpolitik aus. Ob er auch weiß, dass Wellington damals ‚Helengrad‘ hieß?
„Heute bitte ich Euch, inne zu halten“, poltert Führer Aladeen weiter. „Stellt Euer Saufen ein, hört auf, Kiwis zu killen, um daraus leckere Früchte zu machen, und schafft diese dummen Gesetze ab, die den besten Rohstoff verbieten – Atomkraft.“ Heute sollen wir alle nur ins Kino gehen und uns ‚The Dictator‘ anschauen. „Alle Einnahmen werden in den Spendenfundus für das Erdbeben in Christchurch gehen und werden garantiert nicht verwendet, um mir einen neuen Palast in Wadiya zu bauen.“
Helen Clarks holde Weiblichkeit verhöhnen und uns alle Schluckspechte nennen? Das geht ja noch gerade. Zum Glück hat er keine sexuellen Übergriffe auf Schafe erwähnt. Aber über die größte Katastrophe im Lande spotten? Alles Satire, betonte der Filmverleih. Doch Christchurch fordert: Plündert die Kriegskasse des Diktators!

Beleidigte Finnen

Was Finnland nicht alles hat! Wälder, Schnaps, lange Winter. Rentiere. Melancholie, Metal-Bands und Marimekko. Nur keine Atomwaffen – was ein Segen. Denn seit einer Woche bibbern wir in Neuseeland vor dem dritten Weltkrieg. Den hat unser dicker Erdbebenminister um ein Haar ausgelöst. Er hat das Volk der Elchjäger und Saunagänger aufs Gröbste beleidigt. Und wie jeder weiß, der Aki Kaurismäki und Konsorten kennt: Der Finne versteht keinen Spaß.
Der Eklat begann im neuseeländischen Parlament. Die Labour-Partei plädierte dafür, sich doch Finnland als soziales Vorbild zu nehmen. Darauf konterte Gerry Brownlee von der National Party, Finnland habe eine „schlechtere Arbeitslosenquote als wir, kann seine Bürger kaum ernähren, hat eine fürchterliche Mordrate, bildet seine Menschen nicht aus und respektiert seine Frauen nicht.“
Was kann man dazu sagen außer dem Trinkspruch „Hölkyn kölkyn“? Im diplomatischen Dienst wird Brownlee mit so viel landeskundlichem Sachverstand und Feingefühl nicht mehr landen. Und von der Pisa-Studie hat er auch noch nie gehört, in der die Finnen weltweit an der Spitze glänzen. Das Finnen-Bashing sprach sich bis zum Nuklear-Gipfel in Südkorea herum, wo Neuseelands Premierminister John Key dem finnischen Präsidenten Sauli Niinisto über den Weg lief. „Sehr entspannt“ habe das nordische Staatsoberhaupt auf den pazifischen Tiefschlag reagiert, behauptet Key. Und Minister Brownlee habe nun mal einen „ausgelassenen Humor“.
Entspannt? Von wegen. Die Finnen sind völlig von Sinnen. Helsinki ist kurz davor, die Leningrad Cowboys gen Wellington zu schicken. Wahrscheinlich drohen dem schwergewichtigen Brownlee Peitschenhiebe mit frischgeschälten Birkenreisern in der Sauna samt anschließender Abkühlung im zugefrorenen See. Als erste militärische Maßnahme wurde der finnische Komiker Tuomas Enbuske auf die Kiwis losgelassen. In einer Ansprache wandte der Moderator sich in seiner Fernsehsendung auf Englisch an den neuen Erzfeind im tiefen Süden: „Hi there, Minister Gerry Brownlee!“
„Ich weiß nicht, ob Sie gerade Ihr drittes Frühstück essen oder Ihr fünftes Abendessen, aber wenn ich mir die Bilder anschaue, die wir hier in Finnland von Ihnen haben, dann bin ich sicher, dass Sie irgendetwas essen.“ Es folgte eine Aufzählung der mannigfaltigen finnischen Erfindungen (SMS-Nachrichten, Geschirrabtropfschrank, zuckerfreies Kaugummi). Neuseeland habe dagegen das Spiel „Wie erschwindle ich Land von den Maori und fick sie ins Knie“ erfunden. Er zählte Formel-Eins-Rennfahrer, Architekten und Nobelpreisträger auf: „Wir haben Kimi Raikkonen“, so Enbuske, „Sie haben Schafe.Wir haben Alvar Aalto – Sie haben Schafe. Wir haben Martti Ahtisaari – Sie haben Schafe. Wir haben Nokia – Sie haben Schafe. Danke. Grüße aus Finnland.“
Entschuldigt hat sich Gerry Brownlee nicht, aber sein Urteil revidiert: „Wunderbares Land, sehr schlau, wir mögen vieles dort“, beteuert er jetzt. Und zeigt sein Nokia-Handy vor: „Ich trage immer ein kleines Stück Finnland mit mir herum.“

Marmageddon

60.000 Menschen pilgerten in den letzten Wochen zu den Resten von Christchurchs Kathedrale, die nun endgültig abgerissen werden soll. Das ist für Neuseeland ungefährt so, als wenn das Rheinland den Kölner Dom verlöre. Der Zauberer von Christchurch protestiert seitdem öffentlich, damit zumindest die Ruine stehen bleibt. Der „Wizard“ war so etwas wie das Maskottchen der Stadt – ein erzkonservativer Wüterich, der sich gerne vor der Kathedrale über moderne Unsitten und Frauen aufregte. Dass ihn das Erdbeben vorübergehend zum Schweigen brachte, kann man als gnädigen Akt der Natur werten.
Was der Zauselbart am letzten Wochenende noch nicht wusste, sonst hätte er sich vielleicht noch bei lebendigem Leibe verbrannt: Wir verlieren nicht nur unser Gotteshaus. Auch das Marmite wird knapp. Schlimmer kann es ein Katastrophengebiet kaum noch treffen.
Marmite, auch als ‚tar in the jar‘ („Teer im Glas“) bezeichnet, ist das Kraftfutter der Angelsachsen: Ein salziger, schmierölähnlicher Brotaufstrich aus Bierhefe, einst von einem Deutschen namens Justus von Liebig entdeckt und für die kulinarisch eher unterverwöhnte Nation so unersätzlich, dass man ihn sogar den Soldaten im zweiten Weltkrieg in ihren Proviant steckte. Voller toller B-Vitamine, angeblich gesund –und scheußlich lecker. ‚Love it or hate it‘ hieß mal eine bekannte Marmite-Werbung. Längst gibt es Kopien.
Seit der Entdeckung des Südpazifiks tobt in Australien und Neuseeland der Krieg um die Hefepastenhoheit. Drüben beim Erzfeind am anderen Ufer der tasmanischen See wird das ähnlich tranige Vegemite hergestellt. Kein Vergleich, natürlich. Denn das neuseeländische Marmite, das in der gesamten Südsee verkauft wird, kommt längst nicht mehr aus England, sondern seit hundert Jahren aus einer Fabrik in Christchurch. Und die ist, wie die trauernde Bevölkerung gerade erfuhr, ebenfalls angeknackst. Der Kühlturm muss repariert oder abgerissen werden. 640 Tonnen Schmiere wurden hier pro Jahr herausgequetsch, doch jetzt ist erst mal bis Juli Schluss. Die Bestände werden knapp, die Supermärkte haben ihre letzten Lieferungen erhalten, und der Manager der Herstellerfirma appellierte ans Volk, keine Hamsterkäufe zu tätigen. Angesichts dieser Notlage meldete sich der Premierminister zu Wort: Auch er habe nur noch einen knappen Vorrat im Büro. Marmageddon!
In einem ‚New World‘-Supermarkt mitten in der Krisenzone verschwanden bereits am Dienstag die letzten gelbroten Marmite-Gläser vom Regal. Supermarkt-Chef Phillip Blackburn riet, die Reste daheim möglichst auf Toast zu essen, denn durch die Wärme ließe sich die Paste dünner verstreichen. Eine Kundin prophezeite Probleme: „Meine siebenjährige Tochter wird ausrasten. Sie isst mittags immer Marmite auf Knäckebrot.“ Auch die Stimmung der zweifachen Mutter war kurz vor dem Umkippen. „Es wird häßliche Szenen geben. Aber zum Glück habe ich daheim noch Sauvignon Blanc.“ Entwarnung an alle, die jetzt Care-Pakete schicken wollen: Unsere Weingüter stehen alle noch.

Ewiger Rosenmontag

Diese Woche war innerdeutscher Schunkelstopp: Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Pappnasen absetzen, Perücken einmotten, ein Jahr Ruhe. Für den Neuseeländer ist gar nichts vorbei. Es herrscht immerwährender Karneval, wohin ich auch gehe. Oder fliege. Ich habe jetzt vorsichthalber Konfetti im Handgepäck.
Als ich letztens nach Queenstown musste, sass mir am Flughafen eine Art Herzbub gegenüber: Keckes Hütchen, rot glitzernde Hotpants und enge Weste über nackter Brust. In anderen Städten hätte man auf einen Besucher des Christopher Street Days tippen können, aber nicht so in Christchurch. Der junge Mann feierte seinen Junggesellenabschied. Für die Stewardessen reine Routine. Kurz nach dem Start wurde der Fastverheiratete durch die Gangway geschickt und durfte Bonbons verteilen. Alle klatschten, der Countdown zum Traualtar hatte begonnen.
Ich war bereits initiiert, was solche Aufzüge angeht – saß ich doch erst wenige Wochen zuvor auf dem gleichen Flug, selber ein jeckes Käppi auf dem Kopf und Sekt im Bauch. Ich war Teil einer „Hen’s Party“, die den Ferienort Queenstown unsicher machen wollte. Der erste Akt der Junggesellinnenparty sah vor, dass wir alle mit bunter Kopfbedeckung reisen. „Ach, die ‚mad hatters‘“, begrüßte uns das Bodenpersonal, das damit offenbar Erfahrung hat und das alles nicht halb so peinlich fand wie ich.
Damit war der Kostümzwang noch lange nicht vorbei. Die angehende Braut wurde von der Hühnerschar hinterrücks zum Bungy-Sprung genötigt. Was musste sie vorher als Verkleidung anziehen? Ein altes Hochzeitskleid, für ein paar Doller im Internet ersteigert. Wie ein Engel flatterte sie weiß umflort durch die Luft, während wir Hühner uns wieder zuprosteten. Mit Verkleidung wird einfach alles schöner, auch ein Ausflug in die Abgründe der vorehelichen Riten. Eine Erfahrung eher ethnologischer Natur.
Vor ein paar Wochen flog ich nach Wellington. In der Hauptstadt liefen die „Sevens“, eine Mischung aus Fasching und Rugby. Die verkleideten Horden im Flugzeug waren nur der Vorgeschmack. Was auf den Straßen an mir vorbeiströmte, war Rosenmontag pur – Dirndl, Clowns, Scheiche, Sträflinge. Am Courtenay Place, der Ausgehmeile der Innenstadt, stand ein Schrein. Leere Schnapsflaschen, Blumen in Marmeladengläsern, handgeschriebene Gedichte, Kerzen und sentimentale Sprüche huldigten dem Mann, der hier tagein, tagaus elf Jahre lang in minimalistischer Verkleidung gesessen hatte. „Blanket Man“ war tot.
Der berühmteste Obdachlose Neuseelands hieß so, weil er sommers wie winters nur mit einer Decke und einem Lendenschurz bekleidet war. Jede Nachteule kannte ihn. Ben Hana war Anbeter eines Maori-Sonnengottes, Alkoholiker und Asphalt-Ikone – von vielen verachtet, von einigen verehrt, und so prominent, dass Lieder über ihn geschrieben wurden. Vor drei Jahren stand er vor Gericht und kam auf Kaution frei mit einer Auflage: Er müsse in der Öffentlichkeit Unterhosen tragen. Rest in peace. Alaaf forever.