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2007: Aus der Hütte ins Hochhaus

 

Die Bewohner des Slums Dharavi setzten große Hoffnungen in das Projekt. Britta Peterson hat 2007 über den geplanten Umbau berichtet.

 

 Der größte Slum Asiens liegt im Zentrum der indischen Wirtschaftsmetropole Mumbai. Mit dem Geld privater Investoren soll es in eine moderne Siedlung verwandelt werden – mit kostenlosen Wohnungen für die Armen.

Britta Petersen für Die Zeit 39/2007

Iqbal Chahal hat ein schönes Büro mit Klimaanlage und Marmorfußboden. Marmor! Das ist zu schön, zu schick, zu teuer für einen normalen indischen Landesbeamten. Alle seine Kollegen im Verwaltungsgebäude des Bundesstaats Maharashtra arbeiten in den üblichen heruntergekommenen Räumen, die einem Albtraum Franz Kafkas entsprungen zu sein scheinen: Vergilbte Wände, offen liegende Stromleitungen, verstaubte Aktenstapel drängen bis auf den Flur.

Dabei ist Iqbal Chahal nicht etwa der Chef der Verwaltung und betreut normalerweise Menschen, die von Marmorfußböden nicht einmal träumen können. Aber als Vizepräsident der Slum Rehabilitation Authority arbeitet er derzeit an einem Projekt, bei dem es um Geld geht. Viel Geld. Und in dessen Nähe kann offenbar auch die Behörde eine bella figura machen. Chahal ist für die Sanierung des größten Slums Asiens zuständig: Dharavi in Indiens Wirtschaftsmetropole Mumbai (Bombay). Rund 600.000 Menschen leben dort nach Regierungsangaben auf einem Filetgrundstück von knapp zwei Quadratkilometern mitten in der Stadt.

Direkt gegenüber liegt der Finanzdistrikt Banda Kurla mit seinen Glaspalästen und gleich um die Ecke der völlig überlastete Flughafen der Stadt, der dringend ausgebaut werden muss. Das weckt Begehrlichkeiten, denn Indiens boomende Wirtschaft verlangt derzeit vor allem in den Großstädten überall nach mehr. Mehr Büros, mehr Straßen, mehr Flüge, mehr Gewerbeflächen. Mumbai mit seinen 13 Millionen Einwohnern gehört schon heute zu den Städten mit den höchsten Immobilienpreisen der Welt. Eine Hütte von 20 Quadratmetern in Dharavi, ohne Wasseranschluss und Bad, ist derzeit 22.000 Euro wert.

Die indischen Behörden sehen deshalb in Dharavi die einmalige Chance, aus einem Slum ein Musterbeispiel gelungener Entwicklung zu machen. Mit Hilfe privater Investoren sollen statt der eingeschossigen Hütten siebenstöckige Häuser gebaut werden, in denen die Slumfamilien umsonst eine kleine Wohnung zugewiesen bekommen. Die übrigen Flächen können die Baugesellschaften gewinnbringend verkaufen. “Um einen Slum zu entwickeln, braucht man enorme Summen. Das können wir nicht aus Steuereinnahmen finanzieren. Der Plan ist eine Win-win-Situation für alle”, schwärmt Iqbal Chahal.

Zumindest die privaten Investoren sehen das ähnlich. Mehr als hundert Unternehmen haben sich auf die Ausschreibung mit einem Volumen von zwei Milliarden Euro beworben, unter ihnen die größten indischen Immobilienentwickler DLF, Tata Housing und Reliance Energy, aber auch ausländische Gesellschaften wie Emaar aus Dubai und der US-Riese Tishman Speyer. Ende September soll bekannt gegeben werden, wer den Zuschlag erhält.

Andernorts ist das Projekt heftig umstritten. Im Juli schrieben namhafte Intellektuelle einen offenen Brief an Premierminister Manmohan Singh, in dem sie der Regierung von Maharashtra vorwerfen, den Plan ohne ausreichende Untersuchung und Befragung der Anwohner durchzupeitschen. Zu den Unterzeichnern gehören der indische UN-Diplomat Shashi Tharoor ebenso wie die US-Soziologen Richard Sennett und Saskia Sassen.

Auch Arvind Prajapatti Wadel kann die Begeisterung nicht teilen. “Wenn die Regierungspläne durchkommen, nehme ich mir einen Strick”, sagt der 38-jährige Töpfer. Wadel hat Grund zum Misstrauen. Seine Familie lebt seit drei Generationen in dem Slum, und alle bisherigen Rehabilitierungspläne sind gescheitert. “Schauen Sie sich das an”, sagt er und zeigt auf einen stinkenden offenen Abwasserkanal direkt vor seiner Hütte. “Unsere Kinder werden ständig krank durch den Dreck. Die Regierung schafft es noch nicht einmal, so ein kleines Problem zu beheben. Wie will sie da ganz Dharavi sanieren?”

Sein Geschäft läuft schlecht, obwohl die etwa 2.000 Töpferfamilien in Dharavi zum Arbeiteradel des Bezirks zählen. Ihnen gehört im Gegensatz zu vielen anderen Bewohnern das Land, auf dem sie leben und produzieren. Dennoch wirft die Werkstatt gerade genug ab, um die zehnköpfige Familie satt zu kriegen. Ersparnisse habe er keine, sagt Wadel.

Die Töpfer und viele andere Gewerbetreibende in Dharavi fürchten um ihre Lebensgrundlage, denn in einer Wohnung von 20 Quadratmetern, wie der Rehabilitierungsplan es vorsieht, lässt sich keine Werkstatt betreiben. Wadels Hütte ist allein 100 Quadratmeter groß; seinen Brennofen betreibt er im Hof unter freiem Himmel. Eine gesetzliche Grundlage für seine Enteignung gibt es nicht. Die Töpfer haben deshalb Widerstand im großen Stil angekündigt, und zahlreiche Organisationen unterstützen sie dabei.

“Wir haben die Macht, den Plan zu stoppen”, droht Jockin Arputham, Präsident der National Slum Dwellers Association, mit dem Selbstbewusstsein eines alten Gewerkschaftsfunktionärs. “Dharavi liegt direkt zwischen den wichtigsten Eisenbahnlinien. Wenn wir die blockieren, können wir den gesamten Nahverkehr Mumbais lahmlegen.”

Dharavi ist nur auf den ersten Blick eine chaotische Ansammlung von Wellblechhütten. Es ist zugleich ein Industriegebiet, in dem 50 Prozent der Bewohner ihren Lebensunterhalt verdienen. Zwischen 300 und 400 Millionen Euro werden nach Schätzungen der Regierung jedes Jahr in dem Slum umgesetzt. Zu den wichtigsten Industrien gehören Töpferei, Lederverarbeitung, Recycling und Lebensmittelherstellung – ein Großteil des in Mumbai verkauften Salzgebäcks wird in Dharavis düsteren Hütten frittiert.

Mukesh Mehta hält die Ängste der Anwohner für unbegründet. Der leitende Architekt des Projekts blickt aus seinem Büro in Mumbais Nobelvorort Bandra direkt auf den Indischen Ozean. An der Wand hängt eine Karikatur, die wütende Töpfer zeigt, die den Architekten mit irdenen Wurfgeschossen aus dem Slum vertreiben. “Wir haben tiefes Verständnis für die Situation der Töpfer”, sagt er. Die Gegner des Projekts hätten seine Pläne bewusst verzerrt. “Es gibt hier Nichtregierungsorganisationen, die die Armut der Leute im Ausland geschickt vermarkten. Wir machen aus Dharavi ein Weltklasseviertel. Wer kann dagegen sein, saubere neue Wohnungen zu bekommen?”

Für die Gewerbetreibenden sei gesorgt, betont Mehta und zeigt den Bebauungsplan, in dem verschiedene Industriegebiete ausgewiesen sind, in die die Werkstätten umziehen sollen. “Die Töpfer in Dharavi produzieren noch wie im 19. Jahrhundert. Die Brennöfen werden mit Abfällen angeheizt und sind wahre Dreckschleudern. Wir werden ihnen moderne Öfen zur Verfügung stellen und sogar ein Trainingsinstitut einrichten, das moderne Techniken lehrt.”

Mehtas Problem ist, dass viele Anwohner ihm nicht glauben, weil sie immer schlechte Erfahrungen mit dem Staat gemacht haben. Shankar Poojari etwa wurde bereits in einem früheren Rehabilitierungsplan enteignet. “Ich bin überhaupt nicht zufrieden”, klagt er. Früher hatte seine Werkstatt, die Kondensatoren für Klimaanlagen fertigt, 45 Quadratmeter. Sie wurde von der Regierung abgerissen, obwohl er das Haus sechs Jahre zuvor selbst gekauft hatte. Zugewiesen bekam er danach 20 Quadratmeter. “Damit ich weiterarbeiten konnte, musste ich weitere 20 Quadratmeter dazukaufen.” Kein guter Tausch.

Die von Mehta geschmähten Nichtregierungsorganisationen werfen den Stadtplanern vor, das Projekt im Hauruck-Verfahren ohne gesicherte Datenbasis durchzuziehen. “Laut Regierungsangaben sollen 57.000 Familien umgesiedelt werden”, sagt Simpreet Singh von der National Alliance of People’s Movement, einer Dachorganisation verschiedener sozialer Bewegungen. “Dabei wird davon ausgegangen, dass eine Familie aus fünf Personen besteht. Das heißt, nur 285.000 Menschen bekommen ein Dach über dem Kopf. Der Rest wird obdachlos.” Er sieht deshalb in dem Rehabilitierungsplan vor allem eine Umverteilung von unten nach oben. “In fast allen Bauprojekten ist Korruption im Spiel. Unsere Regierung hat in den letzten Jahren permanent die Armen enteignet, um die Reichen profitieren zu lassen.”

Tatsächlich aber stimmen viele Slumbewohner den Regierungsplänen zu. Die meisten Familien in Dharavi haben mehr als fünf Mitglieder und sind es gewohnt, zusammenzurücken. Wie Vaishali Ashok, die bereits in eine neue Wohnung umgesiedelt wurde. Sie lebt mit ihrer zwölfköpfigen Familie auf 20 Quadratmetern und ist zufrieden, denn ihre frühere Hütte war noch kleiner. “Ich bin glücklich”, sagt sie und zeigt stolz das kleine geflieste Bad und die blitzsaubere Küche. “Wir unterstützen den Regierungsplan, weil er besser ist als alles, was bisher vorgelegt wurde”, sagt Prashant Anthony von der christlichen NGO Proud, die seit 1979 in dem Slum arbeitet. “Es protestieren vor allem diejenigen, denen es besser geht.” Den Kürzeren ziehen aber auch Bewohner, die nach 1995 nach Dharavi gekommen sind und damit keinen gesetzlichen Anspruch auf Rehabilitierung haben.

Iqbal Chahal hat vielleicht recht, wenn er betont, dass 70 Prozent der Bewohner von Dharavi auf seiner Seite sind. Um die Regierungsgegner ein für alle Mal ruhig zu stellen, will Chahal daher eine offizielle Befragung durchführen. “Wir haben eine sehr lebendige Demokratie, da gibt es immer Leute, die etwas auszusetzen haben”, sagt der Bürokrat.

Das Problem ist nur: Den restlichen 30 Prozent wird nichts anderes übrig bleiben, als in einen anderen Slum zu ziehen. Der liegt weit außerhalb der Stadt – und er ist in schlechterem Zustand als die Quartiere, die sich die meisten Bewohner von Dharavi mit ihren eigenen Händen gebaut haben.

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