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17. Geschenk: Storkhouse Red Bag

advent_thumb_2bag-red-cottonAuf Einladung von Roland Hagenberg hat Terunobu Fujimori in Raiding, Geburtsort von Franz Liszt, ein Gästehaus entworfen. Bis zu vier Besucher können dort übernachten. Über dem Dach nisten von April bis August Störche aus Afrika. Unter dem Namen „Raiding Project“ plant Hagenberg noch weitere Gebäude mit namhaften japanischen Architekten. Auf der Projektseite finden sich unter dem Titel “Goods. Life inside art” Projektskizzen und extra für das “Storkhouse” produzierte Alltagsartikel in japanischem Design.

 

 

 

 

 

 

 

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Weltreporter-Forum 2016 – hier ist das Programm!

Das Programm des Weltreporter-Forums 2016 in Raiding/Burgenland steht:

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Wir freuen uns mit unseren internationalen Gästen auf einen spannenden Sommer-Nachmittag auf dem Land. Und auf Sie!

 

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Adventston 18. 12. – Bahnsteig-Melodie in Tokio

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Jede Bahnstation in Tokio hat eine Kennmelodie, die aus Lautsprechern plärrt, kurz bevor der Zug abfährt. Eine automatisierte Frauenstimme ruft danach zum zweiten Mal den Stationsnamen aus und sagt: „Bitte Türknopf drücken, wenn notwendig!“

Ihre Ansage überschlägt sich mit der Stimme des Stationsbeamten:

„Aufpassen, gleich schliessen sich die Türen!“ – während der Zugfahrer bereits die nächste Station ankündigt.

Anhören: zum tönenden Adventskalender

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Roland Hagenberg lebt seit 1994 als freier Autor, Fotograf, Videojournalist und Produzent in Tokio. Schwerpunkte seiner Reportagen sind Kunst, Architektur, Film, Mode, Reisen und Design. Auf “hagenworld”, seinem You-Tube-Channel, gibt er regelmäßig einen Einblick in seine Arbeit “from my street”.

 

 

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Foto: Bahnsteig der Yamanote-Linie in der Shinjuku-Station,
wo täglich mehrere Millionen Menschen ein- und aussteigen.

 

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Wut und Ehre: Yasukuni-Schrein spaltet Asien

Vor drei Wochen der Premier. Vor zwei Wochen der Innenminister. Und nun ich. Alle privat – versteht sich. Wir haben den umstrittenen Yasukuni-Schrein besucht: Shinzo Abe, weil er für den Frieden betet. Shindo Yoshitaka, weil er Neujahr feiert. Und ich, weil mich Zero Jagdbomber an meine Kindheit erinnern – ich war fanatischer Papiermodellbauer.

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Selfie mit Mitsubishi:  Der A6M Zero hatte eine Kill-Rate von 1:12. 

Der Yasukuni-Schrein ist ein schintoistisches Heiligtum in dem 2,466,532 „Seelen“ geehrt werden – die Gefallenen aller Kriege und 14 verurteilte “Klasse A” Kriegsverbrecher. Neben dem Schrein steht das  „Yushu“ Museum. 100,000 Kriegsartifakte sind dort ausgestellt. Yasukuni-Besuche von japanischen Politikern bringen Anrainerstaaten zur Weissglut. Verständlich,  denn sie waren Opfer von Japans Expansionspolitik und ihren Folgen: Massaker, Zwangsprostitution und biologische Experimente an lebenden Menschen.

Umgemünzt auf deutsche Verhältnisse, würde der Schreinbesuch des japanischen Premierministers so aussehen:

Merkel betet vor laufenden Fernsehkameras im Kölner Dom für den Frieden, gedenkt aller Gefallenen, die für Kaiser und Hitler ihr Leben liessen. Auch die „Opfer“ vom Nürnberger Prozess schliesst sie in ihr Gebet mit ein:  Göring, Hess, Bormann, Kaltenbrunner und Konsorten. Gleich neben dem Dom ist Kriegsgerät ausgestellt, darunter eine  Messerschmitt, zwei Vergeltungswaffen (V1 und V2) sowie ein Typ XVI U-Boot mit dem Spitznamen „Milchkuh“. Die Beschilderung schwärmt vom germanischen Heldentod neben Insignien der SS.  Die Überfälle auf Polen und Russland werden als „Geschehnis Polen”  und „Geschehnis Russland“ bezeichnet. Kaum ist Merkel in ihre Audi-Dienstlimousine gestiegen, treffen die ersten Protestschreiben ein, unter anderem aus Polen, Russland und Frankreich. Amerika ermahnt den Verbündeten zur Mässigung. Merkel betont, dass sie nur für den Weltfrieden gebetet habe.

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Schrein des Anstosses: Jährlich besuchen hunderttausende Japaner den Yasukuni-Schrein, ehren gefallene Verwandte. Die Trennung von Kirche und Staat ist in Japan zwar strikter als in Deutschland und Österreich – hat aber die Kontroverse um den Yasukuni-Schrein nicht verhindern können. 

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Geschütz mit Einschusslöchern im Yushu Museum.

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 Symbolische Reinigung vor dem Schrein: Hände waschen, Mund spülen.

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Der Drache garantiert Aufstieg, bringt Glück: Für 100 Yen lasse ich mir vor dem Shinto-Heiligtum in den Kopf beissen.

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Softdrinks als Opfergabe: Neben dem Schrein steht ein lebensgrosser Kamikaze-Pilot aus Bronze. Die japanischen Selbstmordkommandos heissen offiziell immer noch : „Spezialangriffstruppe“.

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Früh übt sich: Schiessbude vor dem Schrein.

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Das macht auch der japanische Premierminister: Geld in die Truhe werfen, zwei mal verbeugen, zwei mal klatschen, dann beten.

 

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Japan Haushalt 2014: Angst fressen Seele auf

Das japanische Budget für 2014 liegt vor. Ich bin Optimist und kein Miesmacher (obwohl Wiener). Und so habe ich zum Thema Haushalt beide Seiten zu Wort kommen lassen.

Zunächst aber: Happy New Year und danke an alle, die Weltreporter „verfolgen“. Egal was wir uns 2013 vorgenommen hatten, erreichen konnten, auf die lange Bank schieben mussten oder fallen liessen – eins hat ermutigt: Die Aufdeckung der NSA-Affäre unter Beteiligung von Glenn Greenwald. Warum dem freien Journalisten der Coup gelungen ist? Snowden vertraute ihm. Glenn sollte Ehrenmitglied unseres Netzwerks werden.

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Ein Jahr ohne „eyes in the skies“? Für meine Neujahrskarte hat mich Gerhild Nieberg in Raiding fotografiert.

Und nun zum japanischen Haushalt.

Nippon steht mit 15 Nullen in der Kreide: Eine Billiarde Yen. Das sind fast 250% des Bruttoninlandsprodukts. Die höchste Staatsverschuldung der Welt. (Zum Vergleich: Griechenland „nur“ 180%, USA 112%, Deutschland 82%). Um diesen Schuldenberg abzubauen, müssten sämtliche Japaner 2500 Jahre lang ihren gesamten Verdienst an die Gläubiger abliefern.

Für 2014 sind die Staatsausgaben der drittgrössten Weltwirtschaft mit 95 Billionen Yen veranschlagt (12 Nullen). 43% davon decken neue Kredite ab, Steuereinnahmen allein reichen nicht aus. Der Wahnsinn: Ein Viertel vom Haushalt fressen Zinsen weg – und da könnte man wie Rainer Werner Fassbinder sagen „Angst fressen Seele auf“. Was bleibt sind 32% für Sozialausgaben, 5% für die Armee und 6% für Ausbildung und Forschung (Zahlen abgerundet) –der Rest dient der Systemerhaltung.

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Budget-Angst fressen Seele auf: Rainer Werner Fassbinder mit Einladung zu meinem Japan Event, Berlin 1980.

Der Budget-Optimist sagt:

Bis 2020 (rechtzeitig zur Olympiade in Tokio) sind alle Schulden abbezahlt – wie die Regierung verkündet. Japan hat sich neu erfunden, erobert die Welt mit Exporten zurück. Reissend Absatz finden Roboter für Katastrophendienst, Alten- und Krankenpflege. AKWs stehen in Japan still, werden deshalb umso mehr im Ausland verkauft. Wundersam schrumpfen weltweit die Energiekosten (Japan importiert 80% seines Bedarfs). Investitionen in Alternativenergien tragen Früchte, angespornt durch die Stilllegung der AKWs. In der Aufschwungeuphorie strömt ausländisches Investitionskapital in den Inselstaat. Die angehobene Mehrwertsteuer (im April 2014 von 5 auf 8 Prozent) hat die Wirtschaft nicht gedrosselt, wie befürchtet. Die Zahl von derzeit einer Million ausländischer Touristen vervielfacht sich. (Zum Vergleich: Österreich hat jährlich 23 Millionen Besucher aus dem Ausland). Die meisten Reisenden kommen dann aus China, Korea und Taiwan. Denn Japan hat sich ein für allemal für seine Weltkriegsgreuel entschuldigt (allerdings nicht unter Abes rechtslastiger Regierung). Das Arbeitsalter wurde auf 75 Jahre angehoben, um die Sozialausgaben in den Griff zu bekommen. (Ein Viertel der Bevölkerung ist derzeit über 65 Jahre alt. Bis 2060 werden es 40 Prozent sein).

Der Wiener sagt:

Die Regierung Abe druckt Geld wie verrückt. Bis 2020 verfällt der Wechselkurs auf den Stand von 1985: 250 Yen für einen Dollar. (2012 kostete der Greenback nur 76 Yen, ein Jahr später bereits 105 Yen). Energieimporte werden unerschwinglich. Eine „export-driven-economy“ materialisiert sich nicht, denn die von Abe angekündigten Reformen und Innovationen bleiben aus. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer 2015 auf 10% (von derzeit 5%) drosselt den Konsum. Atomkraftwerke werden dazugebaut und laufen auf Hochtouren. Das wiederum reduziert Forschungsinvestitionen für Alternativenergien und deren Spin-offs). Mit der rasant alternden Bevölkerung explodieren die Sozialkosten. Die bisher pazifistisch ausgerichtete Konstitution hat die Regierung umgeschrieben, die Armee darf nun ausserhalb Japans operieren. Das Land sitzt weiterhin auf einem Vorrat von 44 Tonnen Plutonium – genug für 5000 Atombomben. Territorialstreitereien mit Nachbarländern intensivieren sich und das Verteidigungsbudget steigt (dieses Jahr um 2.1 Prozent). Am Ende kann Japan seine Schulden nicht mehr finanzieren, macht bankrott und reisst die Weltwirtschaft mit sich.

 

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Hilfe, die Chinesen kommen!

Die Propagandaschlacht um die erweiterte chinesische Luftraumüberwachungszone ADIZ (Air Defence Identification Zone) haben letzte Woche Japan und die USA gewonnen. Die Entrüstung hätten sie sich aber sparen können. Denn die ADIZ kann als Frühwarnzone von jedem Staat individuell festgelegt werden und darf sich mit Frühwarnzonen anderer Länder sehr wohl überschneiden.

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Katz und Maus im Gelben Meer: Wie lange kann Amerika mithalten?

Gelungen ist Amerika und seinem Protektorat Japan der Mediencoup deshalb, weil beide bewusst den Unterschied zwischen Warnzone und Hoheitsgebiet heruntergespielt haben. Auch in deutschen Berichterstattungen wirkte der chinesische Beschluss eher wie ein unverschämter Territorialraub als eine legale Vorgehensweise. Wie gesagt, die ADIZ ist kein Luftverteidigungsraum. Der darf nur 22 Kilometer über die Küste hinaus reichen. Und hier dürfen Unangemeldete, jene, die sich nicht zu erkennen gegeben haben, abgeschossen werden.

Genau das soll eine ADIZ verhindern: Zeit geben, um Missverständnisse aufzuklären.

Die Proteste Japans sind auch deshalb unangebracht, da das Kaiserreich über Jahrzehnte unilateral Schritt für Schritt seine eigene ADIZ erweitert hat. Der Abstand zum chinesischen Festland beträgt bisweilen nur noch 130 Kilometer. In diesem lautstarken Streit um Luftraum und verlassene Felseninseln (deren Besitzverhältnisse Japan als moralisch vorbelasteter Weltkriegsverlierer ebenfalls unilateral festnageln will), da kann die geopolitische Langfrist-Perspektive schnell aus dem Blickfeld geraten. Hier eine spekulative Einschätzung zum Thema China-Japan-USA:

1. In zwanzig, dreissig Jahren werden wir auf 2013 zurückblicken und sagen: „Damals hat offiziell das pazifische Jahrhundert der Chinesen begonnen“. Amerika kann sein Weltimperium nicht mehr finanzieren, beherrscht den Pazifik bis Hawaii – aber nicht darüber hinaus.

2. Die Erweiterung der ADIZ ist für China einer von vielen legalen Schachzügen, die nun folgen werden, um die USA-Japan Allianz zu testen und den Zugang vom Ostchinesischen Meer zum Pazifik zu sichern.

3. Der Masse China ist kein Staat gewachsen, und schon gar nicht, wenn Peking im Techno-Militärbereich aufgeholt hat. Japan bleiben dann nur zwei Optionen: Es wird die Schweiz Asiens – eine eigenwillige, kuriose und neutrale Insel im chinesischen Machtbereich. Oder ein Protektorat Chinas. In beiden Fällen ist es nicht ausgeschlossen, dass in Japan das demokratische System kippt und einem Überwachungsstaat weicht, der sich auf Notstandsgesetze beruft.

4. China und Japan sind nationalistisch gestimmt und versuchen Reformen durchzuboxen, von denen das wirtschaftliche Wohlergehen der kommenden Jahrzehnte abhängt. In China heissen die heissen Eisen „Korruption, Umweltvergiftung und Einkommensungleichheit“. In Japan sind es „Korruption, Atomverschmutzung, Altersversorgung und allgemeiner Wirtschaftsstillstand“. Laufen Reformen schief, könnten die Rivalen mit den alten Territorialansprüche ablenken, die Bevölkerung aufhetzen. Ein Kleingefecht würde dann China (vor)schneller riskieren als Japan – auch hier, um die Allianz zu testen.

5. Das Katz- und Mausspiel zwischen amerikanischen und chinesischen Kampffliegern findet schon seit Jahrzehnten statt – wobei sich amerikanische Piloten (in der chinesichen ADIZ) beschweren, dass sich die Konkurrenten bis auf drei Meter Flügelabstand nähern. Mit der erweiterten chinesischen ADIZ wird sich das nicht ändern. Unfälle gab es bisher fast keine – anzunehmen, dass es so bleibt. Ausser, man will bewusst eskalieren. Umgekehrte Frage: Wie nahe würden amerikanische Jets in der eigenen ADIZ, sagen wir vor der Küste Kaliforniens, an chinesische Shenyang Fighters heranfliegen, bzw. diese heranlassen?

6. Ein katastrophales Beben in Japan – wie zum Beispiel entlang des Nankai-Grabens (Wahrscheinlichkeit 70% in den nächsten dreissig Jahren mit 330,000 Toten) kann Abläufe in den Punkten 1 bis 5 beschleunigen oder verzögern. Vorab wird jedoch eine Propagandaschlacht einsetzen. Wer ist die bessere Weltmacht, die gute, die helfende? China oder Amerika?

 

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Stadt der Mauerblümchen

Auch deshalb liebe ich Tokio: Begehbare Dächer im zehnten, zwölften oder fünfzehnten Stock. Umgeben von Wolkenkratzern, Himmelsfetzen, Neonblitzen. Mit einem Horizont, wie er sonst in überregulierten, zivilisierten Metropolen unerlebbar ist: Mittendrin im Lebens-Canyon einer wuchernden Stadt.

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Stadterlebnis auf halber Höhe: Privater Wohnbau “Garden and House” von Ryue Nishizawa.

Aus Platzmangel sind Treppenaufgänge oft seitlich an Gebäuden montiert – führen von der Strasse direkt zum Rooftop. Ohne Tür und Gitter dient der Zugang auch als Fluchtweg bei Feuer und Beben. Das Betreten ist nur Bewohnern gestattet, aber man kann sich ja auch verlaufen haben. Und so entdecke ich Tokio von oben immer wieder aufs Neue, wie es sich – trotz widersprüchlicher Unordnung, als Einheit präsentiert. In Ritzen und Nischen jedoch blüht die Rebellion der Details.

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Schwindelerregender Treppenaufgang vor der Azabu Kreuzung. “Garden and House” eingezwängt zwischen Büro- und Wohntürmen. Im Hintergrund ein Ausläufer vom Sumida Fluss.

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Mein Aussichtsposten gegenüber „Garden and House“ in Hachobori.

Vom eleganten Ginza Viertel spazierte ich letzte Woche hinüber zur Hachobori Station, wollte mir immer schon „Garden and House“ von Pritzker Preisträger Ryue Nishizawa ansehen, vor allem das Umfeld. Angrenzendes Chaos filtern Magazine bei Architekturfotos ja meistens raus. Gegenüber dem weltbekannten Kleinbau finde ich einen Treppenaufgang. Der Rooftop im zehnten Stock ist abgesperrt, doch der Ausblick auf der Treppenplattform reicht aus – und reicht bis zu einem Seitenkanal vom Sumida Fluss.

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Versteckte Rückenansicht von “Garden and House”.

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Den Drink auf der Kühlanlage abstellen: Tokio Rooftops bieten ungewöhnliche Settings für Spontanparties und Stelldicheins – zum Beispiel vor Kisho Kurokawas legendärem Nakagin Capsule Tower. Jean Nouvels Dentsu Wolkenkratzer zwischen den Rostfassaden zählt 48 Stockwerke.

 

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Nackt und nass im Nirgendwo

Japaner sind schlank, sehen fünfzehn Jahre jünger aus und werden älter als alle anderen Erdbewohner. Nicht Fisch, Reis und Gene allein sind das Geheimnis ihrer Langlebigkeit, sondern Wasser. 43 Grad. Täglich. Mittlerweile hat es sich auch im Westen herumgesprochen, dass die Badewanne in Japan nicht zum Einseifen und Shampoonieren da ist, sondern zur Entspannung. Waschen tut man sich auf dem Schemel vor der Wanne. Erst danach taucht die ganze Familie ein, ins selbe Wasser, einer nach dem anderen.

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Gedanken gedämpft im Dampf: Ferne Erinnerung an mein Embryonaldasein

Zurück zum langen Leben: Jedes Strassenviertel in Japans Metropolen hat heute noch ein Sento, ein öffentliches Bad, geöffnet bis Mitternacht oder länger. Suchte man es in alten Zeiten auf, fehlte zu Hause die Waschgelegenheit. Geht man heute hin, will man sich entspannen, praktiziert Hausputz im Kopf (bei mir drei, vier mal die Woche). Der Eintritt kostet 450 Yen (3.50 Euro). Den kassiert die „Sento-Mama“. Sie sitzt auf einem überhöhten Stuhl und hat Einblick sowohl in die Männer- als auch Frauenabteilung. (Getrenntes Baden hatten die Amerikaner nach dem zweiten Weltkrieg verordnet.)

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Im Blickfang der Sento-Mama: Umkleiden mit klassischer Musik

Mitunter ruft die Chefin des Familienbetriebs zu den Frauen rüber: „Nakamura-san, der werte Ehemann ist bereits angezogen!“ Oder umgekehrt. „Nakamura-san, lassen Sie doch die werte Ehefrau nicht warten!“ Meine Sento-Mama kennt die Familien der Umgebung, hört alles, weiss alles. Sie liebt klassische Musik und manchmal fragt sie mich nach einer Melodie, während ich mich vor ihr ausziehe. Ich lege die Kleidung in eine Box und gehe mit Seife, Zahnbürste und Handtuch in die Badehalle. Ich schnappe mir einen Plastikschemel und setze mich vor einen der dutzenden Wandspiegel. Und dann beginnt mein Ritual, mit dem ich seit zwanzig Jahren in der 35-Millionen-Metropole Tokio den Stress loswerde – und mein Leben um 15 Jahre verlängere.

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Schuhbox mit Holzschlüssel

Ich fülle einen Kübel mit Wasser, übergiesse meinen Kopf, seife mich ein. Ringsum Plätschern und Glucksen, gedämpft vom Dampf – wie eine ferne Erinnerung an mein Embryonaldasein. Ich werde langsamer. Ich stehe auf, steige in eines der Becken mit Digitalanzeige: 39 Grad. Ich seufze, wie alle Japaner, wenn sie ins heisse Wasser steigen mit diesem langgezogenen, kehlige „Ahhhhhh“. Dabei öffnet sich der Mund wie beim Gähnen. Nun wissen die anderen Sento-Mitverschworenen, dass man „heimgekommen“ ist und mit der Welt draussen nichts mehr zu tun hat. Sie nicken zustimmend und sagen „Ii neeee! Wunderbar!“ Ich setze mich zu ihnen. Meine Füsse schwimmen oben und mein Nacken ruht auf einer eisgekühlten Röhre. Dann das zweite Einseifen. Die Haut ist nun aufgewärmt und die alte Schicht lässt sich leicht mit einem Tuch abreiben. Rauh ist es wie Sandpapier. Väter, Kinder, Brüder, Freunde schrubben sich abwechselnd den Rücken.

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Füsse schwimmen oben. Der Nacken ruht auf einer eisgekühlten Röhre

Anschliessend ins Becken mit 43 Grad. Sollten noch Restbestände der Aussenwelt im Kopf herumschwirren – nun werden auch die eliminiert, wobei das kehlige „Ahhhhhh!“ diesmal Ausdruck des Schmerzes ist. Ich halte es im Becken länger aus, als die meisten Japaner. Dabei hilft mir ein Trick, den ich durch Zufall vor Jahren entdeckt hatte: Ich lege die flachen Hände auf die Nierenseiten. Damit sinkt die Temperaturempfindlichkeit. Zumindest bilde ich mir das ein. Danach sitze ich – der Körper krebsrot – wieder auf dem Hocker vor dem Spiegel. Diesmal sind die Augen geschlossen und ich wasche mir den Kopf innen, das heisst, ich tauche in ein Gedanken- und Bildernichts ein und verliere das Zeitgefühl. Abschliessend probiere ich es mit einer alten Übung, die mir noch nie gelungen ist: in Gedanken einen Salto schlagen. Es klappt einfach nicht, aber ich bin nicht enttäuscht. Ich bin über alles erhaben. Ich habe die Ärgernisse des Tages vergessen und bin mit dem Leben im Reinen. Die Sento-Mama hat Schubert aufgelegt. Ich trete hinaus in die Nacht und finde die hässliche, fünfstöckige Strassenkreuzung eigentlich recht interessant.

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Meine Kreuzung nebenan

 

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Im Zentrum der Macht

Unterirdische Gänge führen vom japanischen Parlament zu den Büros der 480 Abgeordneten . Einer von ihnen ist Hideki Miyauchi (52). Er vertritt die Anliegen von 350,000 Einwohnern und ist Mitglied der Liberal Democratic Party (LPD). Ich besuche den konservativen Politiker, passiere dabei unbedrohlich wirkende Sicherheitszonen.

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Anzug zurechtrücken im Granittunnel: Sauber und steril ist der Zugang und unscheinbar die Videoüberwachung.

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Unterstützung vom Boss: Mit dem Wahlsieg von Premierminister Shinzo Abe (rechts) ist Hideki Miyauchi im Dezember 2012 zum ersten Mal ins Parlament eingezogen. 25 Jahre hat er sich darauf vorbereitet – als Mitarbeiter von einem Abgeordneten. „Ich fliege jedes Wochenende in meine Heimatstadt Fukuoka, besuche Bauern und Geschäftsleute. Wir müssen auf Biegen und Brechen die japanische Wirtschaft ankurbeln!“ sagt Miyauchi.

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Bürogebäude der Abgeordneten: Ich passiere einen Metalldetektor. Die Wachen tragen hellblaue Uniformen, sind zuvorkommend, Waffen erkenne ich auf den ersten Blick nicht. Die Atmosphäre ist kühl, geschäftsmässig. Keine Spur von Überheblickeit, wie ich sie sonst bei Sicherheitskontrollen an deutschen oder österreichischen Flughäfen erlebe. Eine uniformierte Dame kontrolliert hinter Panzerglas meinen Ausweis. Vor mir ist eine kleine Kamerakugel aufgebaut, davor das Schild: „Sie werden nun im Büro, das Sie besuchen wollen, identifiziert“.

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Nach dem Security Check Hände desinfizieren: Ich besprühe meine Hände mit antiseptischer Flüssigkeit, hänge mir eine Magnetkarte um den Hals, passiere die zweite Absperrung. Sie sieht aus wie eine Fahrkartenschranke.

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Delegationen in Schwarz: Ich folge dunklen Anzügen zum Aufzug. Miyauchis Büro hat die Nummer 604 und liegt gleich neben dem des LDP-Granden Ichiro Ozawa.

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Abenomics: Mit Deficit spending und strukturpolitischen Reformen will Premierminister Abe dem Land auf die Beine Helfen. Seine LDP hat die absolute Mehrheit. Gefolgsleute wie Miyauchi predigen Verzicht (niedrigere Renten), Zusammenarbeit (Freiwilligenarbeit unterJugendlichen im Sozialbereich) und Mut (mehr Investitionen für Forschung und Ausbildung). Kritiker bezeichen den Abenomics-Kurs als leichtsinnig. Der Geldumlauf soll sich innerhalb von zwei Jahren verdoppeln.

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Marmelade und Nudeln: In seinem Büro hat Miyauchi Produkte aus seiner Heimat ausgelegt. „Die Leute aus meinem Wahlkreis sagen nicht direkt ‚wir wollen höhere Löhne‘. Sie sprechen indirekt, sagen zum Beispiel ‚Die Wirtschaft soll besser werden!‘ Als Abgeordneter muss ich die Wünsche herausfiltern, interpretieren. Meine Heimatstadt Fukuoka war immer schon Japans Tor zu Asien. Diesen Standortsvorteil sollten wir nützen.“

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Kühlen Kopf bewahren: „Militärisch gesehen bereitet uns die Nähe zu China keine Sorge,“ sagt Miyauchi. „Was immer in Zukunft passiert, Amerika bleibt unser Partner. Wir wollen einen sachlichen, konstruktiven Dialog mit unseren Nachbarländern.“

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Room with a view: Die Begrünung rund um das Abgeordentenhaus gleicht Wehranlagen aus alten Samurai-Zeiten.

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Auf Wiedersehen und alles Gute! Miyauchi empfängt Besucher und Delegationen im 30-Minuten-Rhythmus.

 

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Olympiade 2020: Kampf der greisen Giganten

Schon jetzt fliegen die Fetzen. Zwar bekrittelt niemand öffentlich (noch nicht), dass die gebürtige Irakerin „Dame“ Zaha Hadid das Stadion in Tokio bauen wird (siehe Blog 9. September 2013), doch Unmut über Grösse und Location wird lauter.

Befürworter des protzigen Projekts ist der ehemalige Boxer, Pritzker Preisträger und Beton-Purist Tadao Ando,72. Er hat als Jurymitglied die Entscheidung massgeblich beeinflusst und letzten November Hadids Sieg verkündet. Sein Gegenspieler, Fumihiko Maki, 85, sieht in dem Projekt Geldverschwendung und Umweltzerstörung. Deshalb schart der suave Harvard Absolvent – ebenfalls ein Pritzker Preisträger – eine Protestgruppe japanischer Architekten um sich. Unter anderem gehören ihr Toyo Ito, Kengo Kuma, Taro Igarashi und Sou Fujimoto an.

Am Wochenende bin ich durch das zuküftige Olympia-Viertel spaziert.

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Last Tange: Für die olympischen Spiele 1964 baute Kenzo Tange (1913-2005) zwei Stadien im Yoyogi Park. Auch 2020 sollen sie zum Einsatz kommen. Doch der Hadid Bau wird sie erdrücken.

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Lachend in die Zukunft? Yoyogi ist eine der wenigen grünen Lungen Tokios und mit seinen angrenzenden Vierteln Harajuku, Aoyama und Shibuya Freizeitspielplatz der Jugend. Grünanlagen werden dem Hadid-Bau zum Opfer fallen. Die Skyline hinter den beiden Gebäudespitzen von Kenzo Tange dominiert dann das neue Stadion.

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Der Kritiker: Fumihiko Maki will retten was zu retten ist. Er prangert Grösse, Umweltbelastung und fehlendes Einfühlungsvermögen an. Hadids Stadion wird ca. eine Milliarde Euro kosten (Umrechnungskurs 130 Yen) und drei mal so gross werden, wie das Hauptstadion bei den Spielen in Londen. „Viel können wir nicht mehr ändern“, gesteht Maki, „aber zumindest verkleinern. 85,000 Sitzplätze sind nicht notwendig.“ In der Yomiuri Shinbun warnt ein Beamter davor, dass die Kosten explodieren würden. Korruption ist aber nicht auf Japan beschränkt, wie wir das bei den Flughäfen Berlin und Wien gesehen haben.

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Fahrradhelm im CG-Grün: Hadids Olympia Stadion täuscht vor, friedlich in der Natur eingebettet zu sein. Zu sehen sind aber weder die geopferten Grünflächen, noch die breitspurigen Auswirkungen auf das Gesamtstadtbild. Hadid hat 400 Angestellte und Projekte in 55 Ländern, einige davon Diktaturen. (Einen interessanten Fotobericht von Hadids Heydar Aliyev Center in Baku, Aserbaidschan, gab es am 11. Oktober 2013 in der New York Times. Heydar Aliyev war der ehemalige KGB-Chef des Landes. Am Ende des Artikels betont die Times, dass die Fotos von Hadid zwar beauftragt, aber nicht von ihr vor Veröffentlichung abgesegnet wurden.)

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Habt acht beim Strippenzieher: Tadao Ando findet, dass Hadids Design Japans Zukunft interpretiert. Er war in Osaka immer schon ein kompromissloser Einzelkämpfer gewesen, dem die Elite in Tokio suspekt erschien. Die internationale Olympia-Ausschreibung für 2020, wo hochkarätige japanische Architekten aus Tokio teilgenommen haben (Toyo Ito und das SANAA Team), wirkt unter diesem Blickwinkel unglaubwürdig. Zudem hätte der Wettbewerb – meiner Meinung nach, ohnehin nur unter japanischen Architekten stattfinden sollen. Japan ist nicht China, dass mit Leuten wie Koolhaas und Co. Anerkennung im Ausland erheischen muss.

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Obdachlosen-Architektur: Die bisher stillschweigend geduldeten Zeltlager im Yoyogi Park werden ebenfalls dem Hadid Stadion weichen müssen.

 

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Gangster, Gelder, Gammastrahlen

Nach meiner Konfrontation mit einem Yakuza bin ich sicher: An der Fukushima-Katastrophe bereichern sich Verbrechersyndikate.

Was ist passiert?

Drei markante Gebäude markieren die Yoyogi-koen Kreuzung im Herzen Tokios: Ein Glaskubus von Mode-Shogun Issey Miyake, ein Family Mart Convenience-Store und ein koban. Das Polizeihäuschen ist 24 Stunden geöffnet. Manchmal sitzt dort ein Polizist, manchmal stehen dort drei. In Japan gibt es weder Strassennamen noch Strassennummern. Deshalb liegen im koban Stadtkarten auf, wo Häuser des Viertels mit Familiennamen eingezeichnet sind. Die Polizei gibt Auskunft, besucht zudem einmal im Jahr alle Bewohner im Revier. Sie fragt, wie’s geht oder warnt Omas vor „ore-Telefonaten. Das sind Anrufe von angeblichen Enkelkindern in Not, die um eine Banküberweisung bitten. Jährlich erschwindeln Banden wie die Yakuza auf diese Art Milliarden.

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Yakuza im Manga: “Sorry. Ich habe kein Geld!”

Unweit vom Yoyogi-koban, beim Family Mart, will ich mein Fahrrad abstellen. Neben dem Eingang aber schreit ein bulliger, kurzbeiniger Typ. Vor ihm – zwei Teenager. Sie nicken reumütig. Hinter ihm – eine junge Frau. Der Rock ist kurz, die Absätze lang, der Blick trüb.

„Mit den Scheiss-Fahrrädern habt ihr der Frau das Knie verletzt!“

Mein Seitenblick streift ihre Beine. Schlank sind sie und weiss und unverletzt.

„Was ist? Zahlt ihr? Habt ihr Geld ? Einen Ausweis? Wo wohnt ihr?“

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Koban bei der Yoyogi Kreuzung

Einkäufer gehen an uns vorbei. Nur keinem Yakusa in die Augen schauen! Mir reicht’s, laufe rüber zur koban. „Da drüben werden Jugendliche attackiert!“ Drei Polizisten springen los, halten Pistolentasche, Stahlrute, Funkgerät und Schellen am Gürtel fest, damit sie nicht klappern. Wie ein kleiner Bruder, der Geschwister zur Verstärkung mitbringt, stelle ich mich vor den Ganoven.

„Das ist er!“ sage ich. Der Yakuza baut sich vor den Polizisten auf: „Dreckskerle. Habt ihr nichts besseres zu tun? Arschlöcher! Verschwindet!“

Die Polizisten verziehen keine Miene, fragen höflich, was das Problem sei.

„Geht euch einen Scheiss an. Erzähle ich eurem Boss. Verpisst euch,“ sagt der Wegelagerer.

„Ist doch klar, dass er die Teenager erpresst,“ sage ich.

„Alles OK,“ sagt ein Polizist.

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Fahndungsposter bei der koban

Der Yakusa tritt an mich heran und ich rieche seinen ranzigen Sake-Atem. Er brüllt und bellt und lässt das „R“ rollen, wie es sich nur unter seinesgleichen geziemt. Er zieht sein Handy. Er fotografiert mich. Er fotografiert die Polizisten. Er hält die Faust mit den Goldringen vor meine Nase. Und erst dann stellen sich die Polizisten dazwischen.

„Ich kriege euch alle. Eure Familien. Eure Kinder!“ In seiner Stimme – keine Spur von Heiserkeit. Auf der Strasse – keine Schaulustigen. Im Family Mart – kein Aufruhr – der Laden könnte nächstes Opfer sein. Hinter dem Rücken des Gelegenheitsparasiten deutet die schlanke Frau den Jungen, sie sollen weglaufen – doch sie rühren sich nicht vom Fleck. Denken sie, nun sei Hilfe gekommen? Denken sie, sie müssten sich dem Polizisten erklären? Denken sie, bei einem Yakusa hat auch die Polizei keine Chance?

Und dann sagt der ranghöchste Uniformierte: „Das hier ist eine Privatunterhaltung.“

“Wo ist die Verletzung am Knie?” wiederhole ich.

Die Polizisten drehen sich um und spazieren zurück zum koban. „Scheisskerle! Wird Zeit!“ schreit ihnen das Bronsongesicht nach und wendet sich zu mir und ich ergreife die Flucht und die Jungen tun mir deshalb heute noch leid.

Und was hat das mit Fukushima zu tun?

1000-Tonnen-Tanks mit radioaktivem Wasser sind miserabel zusammengeschraubt. Viele davon stehen schief. Arbeiter pumpen von einer Seite Wasser hinein, auf der anderen läufte es ab. Die Dummheiten werden auch in Zukunft nicht aufhören und ich habe dafür eine Erklärungen. Das Arbeiterfussvolk im AKW ist nicht geschult. Niemand will den Laden freiwillig aufräumen, sein Leben riskieren. Deshalb ist die Yakuza nun Job-Vermittler für den Energiebetreiber, rekrutiert Obdachlose, Arbeitslose, Hilflose. Das munkeln Japaner. Ich glaube es. Ich habe die Polizisten weggehen gesehen.

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Roland in Fukushima

 

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Zen und die Kunst der Zigarettenverpackung

Camel White ist in Japan angekommen – mit der schönsten Zigerattenpackung der Welt. Ich musste sie gleich fotografieren. Vorweggenommen: Ich bin Trockenraucher. Die Marke ist mir egal. Der Look ist wichtig, schlicht soll er sein und nicht schreien. Sackt die Schreiblust vor Redaktionsschluss ab, öffne ich eine Zigarettenschachtel und nuckle am Filter so lange herum, bis er flach und aufgeweicht ist. Anschliessend werfe ich die unverbrannte Zigarette weg. Mit vierzehen habe ich mir zum ersten Mal eine angezündet, eine A3. Ich sass unter Kastanienbäumen bei der Lainzer Tiergargartenmauer mit Blick auf Wien und dachte, dass ich von nun an mein Leben für immer im Griff haben würde. Die Zigarettenpackung war ausgehungert-graugrün mit einer schmutzig-violetten Schrift. A3 stand darauf. Das schlichte Design faszinierte mich, obwohl ich „Minimalismus“ noch nicht kannte. Instinktiv fragte ich, warum sich mit einer A3 in Österreich nur Proleten, Maurer und Arbeitslose sehen lassen konnten.

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Meine bewunderte A3 (1969) und meine Hand mit Camel White (2013);

Beim Anblick der Camel White in Tokio dachte ich sofort an die A3. Mattes Weiss hat Graugrün ersetzt, Silberbuchstaben die violette Schrift. Entstanden ist ein Architekturmodell, ein Miniaturwolkenkratzer, eine Skulptur – geschaffen wie für New Yorker Galerien. Als würde die Verpackungsevolution nun sagen, „liebe österreichische Proleten und Maurer, ihr ward damals blind, habt den Designwert nicht erkannt, denn sonst würde es die A3 heute noch geben.“

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Camel Crushed: Wie eine John Chamberlain Autowrack -Skulptur – aber immer noch schön.

 

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Mindestlohn Japan: Hello Work, Robot Cafe und Tepco

First Lady Eleanor Roosevelt hatte recht: Verdammt, wenn du’s tust, verdammt, wenn nicht. Bleibt der Mindestlohn gleich, fressen ihn nächstes Jahr Mehrwertsteuererhöhung, steigende Energie- und Sozialkosten auf. Verteilt Premierminister Shinzo Abe die Brosamen am Ende der Nahrungskette zu grosszügig, riskiert er den Verlust seiner Power Base – Japans Wirtschaftskapitäne. Nun sind 2 Prozent Erhöhung angedacht. Der landesweite Durchschnitt (es gibt regionale Unterschiede) beträgt dann 763 Yen/5.80 Euro pro Stunde (Umrechnungskurs 1€=130Yen).

Wie lebt man in der Welt des Minimums? Yumi Kimura, 32, (Name gändert) erzählt:

Robot Cafe Tokyo

VIDEO: Roland besucht Robot Cafe (nicht ganz am Ende der Nahrungskette)

Ich bin ausgebildete Grafikerin, ledig und seit zwei Jahren arbeitslos. Der Boss meiner Firma war eines Tages verschwunden. Seitdem gehe ich regelmässig zu „Hello Work“, so heisst in Japan das Arbeitsamt. Dort sitzen viele, die selber einmal arbeitslos waren und zu Hello Work gegangen sind. Sie arbeiten für die Stadt und deshalb nur von acht bis fünf. Sind sie krank, können sie zu Hause bleiben. Bei Privatfirmen ist das schwierig. Zudem arbeitest du dort jeden Tag unbezahlt vier, fünf Überstunden. Fahrkosten übernimmt der Betrieb.

Nach jeder Jobvermittlung von Hello Work gibt es ein Vorstellungsgespräch. Die Fragen sind immer gleich. Was haben Sie studiert, wer sind Ihre Eltern, was haben Sie vorher gemacht, was ist Ihr Lieblingshobby? Nur einmal war ich überrascht, als der Personalchef fragte: „Was würden Sie tun, wenn neben Ihnen im Büro jemand ausflippt, agressiv wird, attackiert?“ Ich habe gesagt, ich war noch nie in so einer Situation, gehe aber oft zu Parties mit Ausländern, und mit denen komme ich immer klar.“ Der Personalchef hat wissend genickt. „Ach so, wenn Sie mit Ausländern umgehen können, ja dann…“

Die meisten Hello Work Berater engagieren sich, sind freundlich. Es gibt aber immer welche, die werfen dir ein Magazin mit Jobangeboten auf den Tisch. Und das war‘s. Die vermittelten Jobs zahlen etwas mehr als den Mindestlohn, dauern zwei, drei Monate. Für diese Teilzeitarbeit sagen wir alubaito, haben das Wort aus dem Deutschen übernommen. Eine Statistik behauptet, dass 40 Prozent der Japaner von arubaito leben. Ich denke dann an meine Freundinnen. Sie wohnen bei den Eltern oder bei den Eltern vom Mann und leben von deren Ersparnissen. Hello Work bietet auch Ausbildingskurse an: Massage, Kosmetik, Haarbehandlung, Blumenarrangieren – kannst du alles nicht brauchen, ausser zum Zeittotschlagen.

Einmal fragten sie mich bei Hello Work, wo ich die letzten drei Monate war. Und ich habe geantwortet, ich wollte über mein Leben nachdenken, wollte Ruhe. Die Beraterin hat geschwiegen, was sollte sie auch sagen, war sicher selber mit dieser Frage beschäftigt. Dass ich im Robot Cafe im Rotlichtviertel von Shinjuku aufgetreten bin, habe ich verschwiegen, obwohl das kein Sexklub ist, sondern ein Theater mit Manga-inspirierten Shows – für Angestellte nach der Arbeit, für Männer, Frauen und Touristen. Jeden Abend gibt es drei Vorstellungen, dauern insgesamt drei Stunden. Ich musste winken, tanzen, lachen, schlank sein – das war alles. Ich habe einen schillernden Bikini getragen, bin mit riesigen Robotern herumspaziert, auf einem Panzer gesessen und habe 76€ die Stunde erhalten. Gäste durften uns nicht berühren, Hande schütteln war Ok. Zum Abschluss sassen wir immer auf einem Sessellift und schwebten über den Köpfen der Besucher. Das hat mich etwas an eine Fleischfabrik erinnert, mit Haken am Fliessband. Nach drei Monaten kam ein jüngeres, schlankeres Girl, und so bin ich wieder zu Hello Work.

Für meine 20 Quadratmeter-Wohnung mit Dusche, Toilette und Kochnische zahle ich 650€. Ein ehemaliger Arbeitskollege übernachtet dagegen seit Monaten im Internet-Cafe. Es gibt dort Duschen, Computerkojen und du darfst unter dem Tisch schlafen. Sex ist aber nicht erlaubt.

Einmal vermittelte mir eine Privatagentur einen streng geheimen Job. Als er zu Ende war, ging ich zu Hello Work. Wie immer wollte die Beraterin wissen, wie das Arbeitsklima gewesen sei. „Streng geheim,“ habe ich gesagt. „ Ich musste im Regierungsviertel eine Geheimhaltungspflicht unterschreiben!“ Die Hello Workerin hat nicht weiter nachgefragt. Der Geheimjob war im Abrechnungszentrum der Tokyo Electric Power Corporation, wo ich Belege für Schadensansprüche überprüfte. 8 Uhr abends bis 6 Uhr früh. In der Halle sassen tausend Menschen. Unsere Mobiltelefone mussten wir in Schliessfächern deponieren, Privatsachen durften wir zum Arbeitsplatz mitnehmen – in durchsichtigen Plastiktüten. Die tausend Mindestlohnmenschen haben alle nicht gesprochen. Es war totenstill. Und wenn ich auf die Toilette wollte, bin ich aufgestanden, habe den Arm nach oben gestreckt und gewartet, bis der Grupplenleiter kam. Ich teilte ihm den Wunsch mit und durfte zur Toilette. Wir mussten Zahlungsquittungen der Atomflüchtlinge prüfen und speichern. Kühlschrank, Futon, Staubsauger, Decken, Kinderspielzeug – das war alles Ok, wurde rückerstattet, aber nicht 55-Zoll-Bildschirme.

Mein Gruppenleiter hiess Murata. Bei Fragen setzte er sich zu mir, mit einem abstehenden kleinen Finger, was mir zunächst nicht auffiel. Wenn er sich aber zum Bildschirm vorbeugte, drückte der Finger gegen meine Hüfte. Ich dachte, vielleicht ist er gelähmt oder so. Am nächsten Tag sass Murata wieder neben mir und legte die Hand auf meinen Oberschenkel. Ich habe ganz laut gesagt: „Murata-san!“ In der totstillen Halle haben alle tausend Menschen auf mich gestarrt. Murata ist aufgestanden und kam nie wieder.

Ein paar Monate später, ich war schon wieder woanders beschäftigt, bekam ich morgens einen Anruf von der Polizei. „Sind Sie Yumi-san?“ Das hat mich irritiert, denn in Japan wirst du nur mit Familiennamen angesprochen. Der Mann stellte sich als Inspektor vor. „Wir haben Ihren Vornamen gefunden mit Telfonnummer, im Notizbuch von einem Herrn Murata. Kennen Sie Herrn Murata? Und warum hat er Ihre Telefonnummer?“ Wieder habe ich gezögert. Wer ist Murata? Und dann fiel mir der Gruppenleiter ein. „Ja, er war mein Vorgesetzter bei Tepco. Für den Notfall haben dort alle die Telefonnummern der Angestellten“, habe ich gesagt, und dabei vergessen, dass die Sache streng geheim ist. Der Inspektor erklärte, dass Herr Murata in der U-Bahn verhaftet worden sei. „Hat er sich Ihnen gegenüber auffällig verhalten?“ wollte er wissen. „Chotto, ein wenig“, habe ich gesagt. „Sonst noch etwas?“ „Nein, sonst nichts“, habe ich geantwortet und dann hat er aufgelegt.

 

 

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Olympiastadt Tokio 2020: Meine fünf Wünsche

Das Kaiserreich ist ausgelaugt. Fukushima strahlt. China schikaniert. Und der nationalgesinnte Premier Shinzo Abe will sein Land reformieren. Da kommt die Entscheidung des Olympischen Komitees wie gerufen. Nippon gambare! Viel Glück! Es geht aufwärts. Auch ich bin begeistert. Wird die 35-Millionen-Metropole ihre Urbanität überarbeiten, wie damals bei den Spielen 1964? Querdenker Kenzo Tange baute das olympische Stadion im Yoyogi Park, brachte Aufbruch, Hoffnung und Vision zum Ausdruck. Seine Kollegen, die „Metabolisten“, experimentierten ebenfalls mit radikalen Bauten: Städte im Meer, Wolkenkratzer mit Wäldern, transportable Apartments – alles ohne Computer. Die kreative Atmosphäre war geladen, ansteckend, berauschend. So was wünsche ich mir für 2020. Nicht nur in Japan.

Nach der Olympiade 1964 rückte das Inselreich zur Weltwirtschaftsmacht Nummer zwei auf. Seit den 90er Jahren aber siecht das Land dahin. Selbstvertrauen fehlt. Die Vision ist fern oder fort für immer. Soll deshalb die in Bagdat geborene und in London arbeitenden Stararchitektin Zaha Hadid das Olympia Stadion bauen? Futuristisch und Blade-Runner-isch sehen die Entwürfe aus, tragen Hadids charakteristische – nicht von Hand gezeichnete – Handschrift: Schleimige Flocken und Windkanalkreationen. Dabei hätte Japan genug eigene international anerkannte Form- und Vorausdenker. Allein in den letzten vier Jahren wurden drei Tokioter mit dem Pritzker Architekturpreis geehrt. Hadid erhielt als erste Frau diese Auszeichnung. Doch für die Olympiade 2020 ist die Exil-Irakerin eine Fehlbesetzung. Ich wünsche mir stattdessen einen japanischen Architekten.

Olympic stadion tokyo zaha hadid und mein studio

Die Entscheidung des IOC für 2020 ist keine Überraschung. Die geheimnistuerischen Vereinsmitglieder mit Weltrepräsentanz-Anspruch bestehen zu 13% aus Euro-Adel und Scharia-Scheichen. Die schütteln keine Bäume, wo alte Äpfel fallen könnten – wie nach einem arabischen Frühling. Sie gehen auf Nummer sicher. Natürlich wäre es ein tolles Experiment gewesen, die Spiele zum ersten Mal in einem islamischen Land abzuwickeln (Ob IOC Mitglied Prinz Nawaf bin Faisal bin Fahd bin Abdulaziz al Saud wohl dafür gestimmt hat?) Aber – Oh Inschallah! Wer weiss, was im nahen Aleppo und Homs noch passiert. Und dass die Hälfte der spanischen Jugend arbeitslos ist, diese Lunte haben IOC Vertreter nicht nur gerochen, sie haben sich das Pulverfass auch schillernd ausgemalt. Und deshalb diese Runde an Japan, eine Wirtschaftsmacht mit der politisch desinteressiertesten Bevölkerung der Welt. Zankfrei ist sie, harmonisch und Unruhe-immun. Die Insel ist zudem hermetisch abgeriegelt, fotografiert Einreisende und speichert deren Fingerabdrücke. Ich wünsche mir, dass sich bis 2020 die EU nicht nur zur Reziprozität bekennt, sondern auch praktiziert. Solange (zum Beispiel) Amerikaner und Japaner Europäer an ihren Grenzen fotografieren und deren Fingerabdrücke sammeln, solange sollen sich Amerikaner und Japaner an europäischen Grenzen separat anstellen, um sich der gleichen Prozedur zu unterziehen. Ach ja, und ein japanischer Edward Snowden könnte bis 2020 auch nicht schaden.

Zur Erinnerung: 4.4 Millionen Bestechungsdollar gingen 1997 an einzelne IOC Mitglieder auf Besuch in Nagano. Nicht dass Tokio diesmal unter ähnlichen Voraussetzungen zum Zug gekommen wäre. Für den Fall des olympischen Falles hatten die Japaner jedoch seit Jahren 4.5 Milliarden Dollar eingebunkert. Das überzeugt. Sie können morgen bauen, müssen nicht wie Spanier zuerst sammeln gehen. Ich wünsche mir, dass bis 2020 die Vereinten Nationen zwei permanente Orte für die olympischen Spiele finden, einen für den Winter, einen für den Sommer. Dann gibt es kein Länderaustrixen mehr und die Finanzen werden transparenter.

Ich nehme Premier Shinzo Abe beim Wort, dass die Strahlenwerte in Tokio die gleichen sind wie in Berlin und New York. Die lokalen Auswirkungen von Fukushima, das komplexe Zusammenspiel von lecken Tanks, Kühlwasser im Grundwasser, Strahlenpartikel, China-Syndrom – das alles entzieht sich meinem Verständnis und dem der Experten. Hinzu kommt die Sorge um das nächste grosse Beben entlang des Nankai-Grabens. Es wird die Hälfte Japans erschüttern. Es wird vermutlich 330.000 Tote fordern. Es wird zu 70% in den nächsten dreissig Jahren stattfinden. Ich wünsche mir bis 2020 kein grosses Erdbeben.

 

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Der 11. März 2011

Eigentlich hab‘ ich es nicht so mit Jahrestagen. Ich fand‘ immer, das hat so etwas Bemühtes. Aber den 11. März 2011, jenen Tag vor einem Jahr, den werde ich für den Rest meines Lebens nicht vergessen. Dieser Moment, als erst ein leichtes Zittern den Boden unter meinen Füßen in Bewegung versetzte, das dann in ein Rucken und Beben überging, das immer stärker wurde und gar nicht mehr aufzuhören schien. Es war der Moment, dem schlaflose Nächte und von Furcht geprägte Wochen folgten, der nicht nur meine Welt aus den Fugen geraten ließ.

Denn das Erdbeben, das uns in Tokio durchschüttelte, war ja nur der Beginn, nur der Auslöser viel größerer Katastrophen, die Japan heimsuchten. Zunächst schien das Beben schlimm genug. Jedem war sofort klar, das war es gewesen, „the big one“, vor dem schon lange gewarnt worden war. Keiner ahnte da, dass nur wenige Minuten später an der Küste im Norden 22.000 Menschen sterben würden, weggerissen und zermalmt von den Monsterwellen eines Tsunamis. Dass einige Stunden später die letzten Notstromaggregate im AKW Fukushima-Daiichi versagten und kein Mensch mehr den Gau verhindern konnte. Kein Drehbuchautor in Hollywood war bisher irre genug, sich eine solch zerstörerische Kettenreaktion vorzustellen.

Dies alles passierte an einem ganz normalen Arbeitstag, einem Freitag. Bestimmt hatten viele Menschen schon Pläne fürs Wochenende gehabt. Jetzt hieß es Notfallpläne schmieden, Taschen mit dem Nötigsten packen, die dauernden Nachbeben ertragen und die sich überschlagenden Nachrichten aus Fukushima einordnen.

Ein Jahr ist vergangen. Nein, ich habe nicht jeden Tag an die Dreifachkatastrophe gedacht. Glücklicherweise. Es geht ja weiter, das Leben. Zumal für uns, die wir inzwischen wieder auf den Philippinen leben. Die glimpflich aus Japans schwärzestem Tag davongekommen sind. Ich ärgere mich wieder über Belanglosigkeiten, rege mich über Bagatellen auf, freue mich über meine Kinder oder einen guten Auftrag. Alltag eben, nicht der Rede wert. Oder doch? Seit dem 11. März 2011 weiß ich: Normalität hat etwas sehr beruhigendes. Normalität – das ist wunderbarer, kostenloser Luxus.

 

 

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Nachhilfe im Supermarkt

Seit kurzem habe ich eine neue Routine. Einmal die Woche geht’s zu einem Supermarkt, um den ich früher aus Prinzip einen großen Bogen gemacht habe. Ich fand es ätzend, wie Ausländer scheinbar jeden Preis zahlen, um ihren Kühlschrank mit vertrauten Produkten aus den USA, Europa oder Australien bestücken zu können. Kam für mich nicht in Frage. War ja auch nicht nötig, beim japanischen Tante-Emma-Laden um die Ecke gab’s alles, was ich brauchte, und halb so teuer wie im Internationalen Supermarkt.

Doch das strahlende Atomskelett in Fukushima hat meine Einkaufsgewohnheiten verändert. Etwas verschämt parke ich nun mein altes Rad im Diplomatenviertel zwischen all den Staatskarossen und Protzautos „made in Germany“. Ich ärgere mich zwar weiter über die Preise, die einem abgeknöpft werden. ABER ich kann lesen, wo das Gemüse, das Obst und die Milch herkommen, denn die Geschäftssprache dort ist Englisch. Zwar verraten auch viele japanische Läden ihren Kunden, aus welcher Präfektur der Salat oder der Kohl kommen, doch die drei in Japan gebräuchlichen Alphabete stellen mich noch immer vor zu viele Rätsel. Die Furcht vor kontaminierten Lebensmitteln aus dem Gebiet um das kollabierte AKW ist ein bindendes Glied zwischen den Ausländern und Einheimischen. Auch viele Japaner greifen derzeit lieber zu, wenn die Waren aus einer Gegend fernab von Fukushima kommen.

Aber wie gesagt, ich kann die japanischen Etiketten nicht lesen und misch mich daher unter die illustre Kundschaft im Internationalen Supermarkt in Hiro-o. Ist schlecht für den Geldbeutel, aber gut fürs störanfällige seelische Gleichgewicht. Und ich muss zugeben –das Management hat sich etwas einfallen lassen. Nicht nur ist die kleinste Knoblauchknolle mit Herkunftsort ausgezeichnet. Nein, es gibt nun auch Handzettel, die der werten Kundschaft in Geographie helfen. Die praktischen Flyer verraten, wo in Japan denn Fukuoka, Aomori  oder Saitama liegen.

Als Grundregel gilt: Alles südwestlich von Tokio kommt ins Körbchen, alles aus den Präfekturen rund um das nördlich der Hauptstadt gelegene Fukushima tendiert zum Ladenhüter. Ganz und gar unverkäuflich waren jüngst wohl die köstlichen Shiitake-Pilze. Sie stammten aus der an Fukushima angrenzenden Präfektur Gunma und da kann ein plakativ aufgestelltes Strahlenfreiheits-Zertifikat noch so versprechen, dass die Pilze astrein sind. Auch ich kaufe sie nicht, obgleich es ein Dilemma ist.

 

Das veränderte Konsumverhalten in Japan trifft ausgerechnet jene, die ohnehin am stärksten von den Katastrophen des 11. März betroffen sind. Bauern aus der Region um das AKW haben ihre Lebensgrundlage verloren, da helfen alle Zertifikate nichts. Es wird eine ganze Weile dauern, bis in den Supermärkten wieder Normalität eingekehrt ist, und sich die Verbraucher wieder am Preis oder der Qualität der Lebensmittel orientieren und nicht an der Herkunft.   

 

 

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Deutsche Botschaft hält Abstand

Eigentlich hätte dieses Wochenende das schönste im Jahresverlauf für die Bewohner Tokios sein können. Es ist Sakura-Zeit, überall in den Parks, auf Plätzen und entlang der Flüsse blühen Kirschbäume. Ihre zartrosa, weißen oder pinkfarbenen Blüten symbolisieren für die Japaner einen Lebenszyklus in all seiner Schönheit und Vergänglichkeit. Sakura wird jedes Jahr ausgiebig gefeiert: Nie sieht man Japaner ausgelassener (und betrunkener) als bei Hanami, dem Picknick unter blühenden Kirschbäumen.Trotz der Ereignisse vom 11. März sind sie in bei lauen Frühlingstemperaturen in den vergangenen Tagen mit ihren blauen Plastikplanen in Tokios Parks gezogen, haben sich mit Kollegen, Freunden und Familie getroffen. Der Wind wehte von Süden und vertrieb damit etwaige Sorgen. Südwind heißt: keine Gefahr aus Fukushima, alles weht aufs Meer hinaus. Heute, am Samstag, regnet es. Das verhindert viele geplante Hanami-Feiern, aber immerhin ist die Nachrichtenlage nicht ganz so düster wie an manch anderen Tagen. Die Amerikaner, so heißt es, überlegen, ob sie mit der Ausweisung einer 80 km-Evakuierungszone um das AKW nicht etwas übertrieben haben.

 Und die Deutschen? Das offizielle Deutschland sitzt weiterhin in Osaka. Am 18. März hat sich die Botschaft aus Tokio abgesetzt und Zuflucht in der 500 km weiter südlich gelegenen Großstadt gesucht. Während die Mehrheit der insgesamt 24 Botschaften, die Tokio in den Wirren nach dem 11. März ebenfalls verlassen haben, inzwischen wieder in der Hauptstadt sind, rücken die Deutschen nicht von ihrer Meinung ab. Momentan bestehe in Tokio aus radiologischer Sicht zwar keine Gefahr, aber so lange die Kühlsysteme in den havarierten Reaktoren nicht wieder zuverlässig arbeiteten, sollte man sich im Raum Tokio/Yokohama nur wegen eines zwingenden Grundes aufhalten und möglichst nicht länger als einen Tag. Nun ist aber inzwischen bekannt, dass die Kühlung erst in Wochen, möglicherweise Monaten wieder funktionieren wird.

Mit ihrer Argumentation hat sich die Botschaft in eine Sackgasse manövriert. Und die Deutsche Schule in Yokohama so wie deutsche Firmen gleich mit. Wegen der Warnung der Botschaft ist die Deutsche Schule die einzige in Japan (außer jenen in den Evakuierungszonen), die noch geschlossen ist. Hunderte Kinder müssen vorübergehend im In- oder Ausland auf andere Schulen gehen. 35 Abiturienten fragen sich, wie sie im Mai ihre Prüfungen ablegen sollen. Große Firmen wie VW, die ihre Angestellten samt Familien wenige Tage nach dem großen Beben nach Deutschland geflogen haben, trauen sich nicht, ihre Leute wieder nach Japan zu schicken.

Unser aller Außenminister, der sich vor zehn Tagen nach Tokio gewagt hatte, brachte das Totschlag-Argument: Sicherheit gehe vor, so Westerwelle. Da frage ich mich, wie es kommt, dass die Briten, Italiener oder Australier nie daran gedacht haben, ihre Botschaft zu evakuieren und auch ihren Landsleuten dies nicht so eindringlich rieten?

 Sind die Deutschen einfach hysterisch, wenn es um die potenzielle Gefahr atomarer Verstrahlung geht? Oder sind wir von Natur aus übervorsichtig, misstrauisch, skeptisch? Andersherum gefragt: Bin ich, weil ich mit meinen Kindern in Tokio bin, leichtsinnig, naiv, schlecht informiert? Letzteres sicher nicht. Wenn mich eines beruhigt, dann ist es der Zugang zu Informationsquellen, die aktuelle Strahlenwerte in Tokio aufzeichnen und die seit meiner Rückkehr aus Singapur im grünen Bereich liegen.

Ich bin gespannt, wann die deutsche Fahne wieder über der Botschaft im Bezirk Minato-Ku wehen wird. Vielleicht bekomme ich es aber auch gar nicht mehr mit. Im Sommer ziehen wir zurück auf die Philippinen. Ob die Kühlung in Fukushimas AKW bis dahin wieder funktioniert, ist nicht abzusehen.

 

 

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Südostasiens nukleare Zeitbomben

Von Fukushima könne man lernen, erklärte Vietnams stellvertretender Technologieminister. Damit meinte er allerdings nicht, dass Atomenergie unberechenbar gefährlich sei, sondern was man beim Neubau eines Atomkraftwerks beachten müsse, um ähnliche Vorfälle zu vermeiden: Acht Reaktoren sollen in Vietnam bis 2031 ans Netz gehen. Damit führt das Land das Rennen um den ersten Nuklearstrom in der Region an.

Thailand plant die Fertigstellung seines ersten AKW bis 2020, vier weitere sollen folgen. Die Atomenergiepläne in Indonesien und auf den Philippinen sind besonders beängstigend: Beide Länder liegen auf dem pazifischen Feuerring und sind daher extrem erdbebengefährdet. Doch während die Regierungschefs in Thailand und den Philippinen angesichts der Katastrophe in Japan zurückrudern, scheinen sich die Atomlobbyisten in Vietnam und Indonesien einig zu sein, dass die Fehler der Japaner ihnen nie passieren könnten. 

„Jakarta ist bei einer solchen Katastrophe sicher“, erklärte ein indonesischer Lokalpolitiker in der Jakarta Post. Woher er diese Sicherheit nimmt, bleibt rätselhaft: Simulationen zeigen, dass etwa ein Drittel der Neun-Millionen-Metropole von einem Tsunami derselben Größe weggewaschen würde – und die wenigen glaubhaft erdbebensicheren Gebäude haben Japaner gebaut. Indonesische Unternehmer sind zudem nicht gerade bekannt für die Einhaltung von Abmachungen und Vorschriften, sondern eher für Korruption und Unpünktlichkeit, weswegen viele technische Vorhaben bereits an menschlichem Versagen und Materialmängeln gescheitert sind.

Das Lieblings-AKW der südostasiatischen Atomgegner steht in Bataan auf den Philippinen: Der 1986 fertig gestellte Reaktor ging nach Tschernobyl niemals ans Netz. 

 

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Lost in Transition

Heute hatten meine Kinder den ersten Schultag. Um zehn sollten sie zur Bibliothek der Tanglin Trust School in Singapur kommen. Eigentlich gehen sie in Tokio zur Schule, aber die ist seit dem Erdbeben am 11. Maerz geschlossen. Nun duerfen sie zusammen mit etwa zwei Dutzend Schulkameraden einen Ersatzunterricht besuchen. Zwei Lehrer, die aus Tokio gekommen sind, werden dafuer sorgen, dass sie die online verschickten Lernpakete durcharbeiten.

Wir gehen zu Fuss, es ist tropisch schwuel, Schweiss laeuft den Ruecken runter . “Ich mag nicht zur Schule”, sagt meine Aeltere. “Sind wir spaet dran?”, fragt die Juengste besorgt. Sind wir nicht. Vor der Bibliothek steht ein kleiner Trupp, ein Lehrer nimmt meine Kinder in Empfang. Ich halte mich etwas fern, sage Tschuess und schaue zu, dass ich wegkomme, bevor mich andere Muetter in ein Gespraech verwickeln.

Ich mag nicht wieder diese Muehle in meinem Kopf in Gang setzen. All diese Informationen hineinstopfen, die aus Tokio kommen. Versuchen, sie zu sortieren: In relevant und unwichtig, in glaubwuerdig und unglaubwuerdig. Seit acht Tagen sind wir in Singapur, die ersten Tage habe ich vollkommen neben mir gestanden. Habe brav weiter geschrieben fuer deutsche Zeitungen, alle news gescannt, mit Freunden geskypt und gemailt, die selbst im Ausland waren oder in Osaka. Einen klaren Kopf hatte ich nie.

Wie in einem Karussell drehen sich die Gedanken in meinem Kopf. Wie geht es weiter, wie lange sollen wir hier bleiben? Ist es wieder sicher, koennen wir nach Hause, nach Tokio? Viele Freunde melden sich. Sie sind froh, dass wir nicht mehr in Tokio sind. Sie wuenschen mir Glueck, richten Gruesse an die Kinder aus. Als waeren wir im Urlaub. Aber wir sind nicht im Urlaub. Weg von zu Hause, ja. Aber Ferien fuehlen sich anders an.

Wir sind irgendwie “lost in transition”. Im Niemandsland. Ich will so schnell wie moeglich zurueck. Will in Japan helfen, so gut ich kann. Wir konnten weg, haben uns Tickets gekauft und sind in Sicherheit geflogen. Anders als die Japaner, die ausharren und abwarten. Auch sie fuerchten sich, doch sie bleiben.  

 Ich habe in Singapur zwar keine Angst mehr um meine Kinder, das Handy warnt nicht regelmaessig vor einem neuen Erdstoss, die Strahlengefahr ist weit weg. Aber da ist diese Unruhe, die immer wieder aufflackert. Es ist schwer zu erklaeren, ich verstehe es letztlich selber nicht. Verglichen mit dem, was die Ueberlebenden in den Tsunamigebieten oder die Bewohner rund um das kollabierende AKW in Fukushima durchmachen muessen, sind meine Probleme laecherlich. Das weiss ich, aber dieses Wissen hilft mir auch nicht. Eine Entscheidung musste her.  

Vor zwei Tagen habe ich beschlossen, dass wir zurueckkehren. Am Freitag geht unser Flug. Ich schwanke zwischen Hoffen und Bangen, die Ungewissheit nagt wieder an mir. Ist es zu frueh? Warum bist du ueberhaupt weggegangen, wenn du jetzt nicht warten kannst?

Als ich die Kinder in der Schule abhole, sind sie ausgelassen. Beide haben es genossen, den Tag mit Freundinnen aus Tokio zu verbringen. Vor dem Einschlafen sagte meine Aelteste: “Ich freu’ mich auf die Schule morgen”. Es wird ihr zweiter Schultag in Singapur sein, und wahrscheinlich auch ihr vorletzter.

    

 

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Wo der Wind weht

Es macht keine Freude, seiner Familie samstagmorgens erklären zu müssen, dass man nicht früh aufsteht, um Croissants zu holen, sondern um in ein Katastrophengebiet zu fliegen. Aber bedeutet ein Wochenende neben der Erdbebenkatastrophe in Japan? 

Am Pekinger Flughafen sehe ich, dass ich nicht der einzige Familienenttäuscher bin. Zwei Dutzend internationale Journalisten warten auf den ersten verfügbaren Flug nach Tokio – und fragen sich, ob es Pflicht oder Wahnsinn ist, in eine Region zu fliegen, in der ein Atomkraftwerk kurz vor der Kernschmelze stehen könnte. Wir googeln Wetterberichte und Windrichtungen und versuchen uns zu erinnern, wie das damals mit der Wolke von Tschernobyl war. Ich erzähle, wie mein Vater damals in unserem Garten eine Erdprobe genommen und im Keller mit einem Geigerzähler überprüft hat. Jahre später war die Strahlung immer noch erhöht. Die Anekdote kommt nicht gut an. Tschernobyl ist von Niedersachsen 1300 Kilometer entfernt, Tokio vom AKW Fukushima nur 200. Einige Journalisten drehen kurz vor der Passkontrolle wieder um, doch die meisten verlassen sich auf die Vorhersage, dass der Wind in den kommenden Tagen nicht Richtung Tokio blasen würde. Oder geht es einfach nicht in unsere Köpfe, dass es tatsächlich einen Super-GAU geben könnte und was die Folgen wären? Die Grenze zwischen Schwarmintelligenz und Herdentrieb verschwimmt. 

Im Flugzeug werden Pläne geschmiedet, um ins Tsunamigebiet zu gelangen. Wir hoffen, dass es am Flughafen Taxis gibt, bilden Fahrgemeinschaften, zählen Bargeldbestände und überprüfen die Limits unserer Kreditkarten. Doch kaum haben die Handys wieder Empfang, verbreitet sich die Meldung, dass die Nachrichtenagentur Kyodo über den Beginn der Kernschmelze berichtet. Wenig später wird eine Explosion gemeldet. Ich fluche auf meinen chinesischen Handyanbieter, der mir in Japan keinen Internetempfang gewährt. Alle Roaminggebühren wären mir recht, wenn ich noch einmal überprüfen könnte, dass sich an den Windrichtungsvorhersagen nichts geändert hat. Einige Kollegen sind noch immer fest entschlossen, so nah wie möglich an die Evakuierungszone zu kommen. Dort winken die besten Geschichten und dramatischsten Bilder. Wenn sie sicher zurückkommen, werde ich sie gewiss beneiden. Aber auch bewundern?

Fünf Stunden dauert es, um vom Flughafen Narita mit einem Vorortzug in die Tokioer Innenstadt zu gelangen. An den Bahnhöfen steht alle fünf Meter ein Uniformierter und dirigiert die Menschenströme. Die Japaner haben den Ausnahmezustand im Griff. Ihre scheinbare Normalität beruhigt und man trägt gerne dazu bei. Im Hotel haben Stromschwankungen die meisten Fernseher zerstört, aber das Internet funktioniert. An den Windrichtungen hat sich nichts geändert, aber im Umkreis von Fukushima werden hunderttausende  angewiesen, in ihren Häusern zu bleiben und Türen und Fenster geschlossen zu halten. Die Hochhausfenster meines Hotelzimmers lassen sich ohnehin nicht öffnen. Ab und zu lassen Nachbeben den Turm wackeln. Per Skype beruhige ich meine Familie, dass sie sich um mich keine Sorgen zu machen braucht, und hoffe, dass das auch stimmt.

 

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Oh Tannenbaum…

Um es gleich vorwegzunehmen: diese Geschichte wird keinen brisanten Inhalt haben. Sie dreht sich um etwas Banales – um unseren Weihnachtsbaum. Da wir erstmals seit Jahren Weihnachten zu Hause feiern werden, muss natürlich auch ein Christbaum her. Nur: ein solcher ist im Land der Bonsais eigentlich nicht erschwinglich.

Selbst ein spindeldürres Bäumchen ist in Tokio nicht unter 80 Euro zu haben. Stattliche Christbäume gibt’s zwischen 100 und 500 Euro. Mit einer Ausnahme: IKEA bietet japanische Nadelbäume zu europäischen Preisen an. Solange der Vorrat reicht. Und das ist nicht lange, nach zwei Tagen sind sie alle weg.

Am 17. November war es soweit, auf ihrer Internetseite warben die Schweden mit einem Sonderverkauf für 20 Euro pro Stück. Eigentlich viel zu früh, mehr als fünf Wochen vor Heilig Abend. Gemeinsam mit einigen Dutzend Japanern – die Weihnachten ja eigentlich gar nicht feiern – stand ich auf einem mächtig zugigen Platz vor dem blau-gelben Möbelhaus und fahndete nach dem perfekten Exemplar. Eine halbe Stunde später schob ich mit triumphierendem Blick den in Zeitungspapier gewickelten und gut verschnürten Weihnachtsbaum zum Lieferservice. Doch die zeigten keine Gnade mit autolosen Kunden: Pflanzen grundsätzlich nicht, sorry.

Und so kam es, dass ich Mitte November mit einem Weihnachtsbaum über der Schulter die einstündige Bahnfahrt nach Hause machte. Da entgleisten doch so manchem Japaner die sonst unbeweglichen Gesichtszüge und pubertierende Schülerinnen versuchten erst gar nicht, ihr Kichern zu verbergen. Prekär wurde die Situation beim Umsteigen, als sich die Spitze meines stacheligen Gefährten in den langen Haaren einer Japanerin verfing.

Das letzte Stück des Weges legte der Baum dann liegend auf meinem alten Fahrrad zurück, dass ich fluchend und schwitzend durch die vollen Straßen unseres Wohnviertels schob.

Jetzt steht der grüne Kamerad im Garten zwischen Bambus und japanischem Ahorn. Er genießt ein Fußbad und ich dusche ihn jeden Tag mit dem Gartenschlauch und rede ihm gut zu, nur ja durchzuhalten. Bis zu seinem großen Auftritt sind es immerhin noch einige Wochen.

Von meiner Schwägerin kam inzwischen eine ermutigende email: „Wenn die Nadeln bis Heilig Abend braun sind, sprühst du den Baum einfach mit Goldspray an.“

 

 

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Voll daneben

Neulich hab‘ ich mich wieder total daneben benommen. Am 11. Oktober war’s, dem „Tag des Sports“ in Japan. Das Feiertagswetter war fantastisch, warme 26 Grad. Perfekt für eine Wanderung im Gebiet des Mt.Takao, Tokios Hausberg. Schweißtreibend war die Bergtour, Kalorien haben wir ordentlich verbrannt beim steten Auf und Ab.

Die Zeit haben wir auch ein wenig vergessen und daher den Zug zurück nach Tokio nur durch einen beherzten Sprint erreicht. Mir hat das den Rest gegeben. Hungrig und durstig kramte ich im Rucksack, holte eine Mandarine raus und begann sie zu schälen, in Gedanken noch im lichtdurchfluteten Bergwald.  „Ich setz‘ mich gleich weg“, maulte da mein Mann und holte mich grob zurück in die japanische Wirklichkeit. Und da herrscht nun mal Zucht und Ordnung im Öffentlichen Nahverkehr. Will heißen: Lautes Unterhalten, Telefonieren oder Musikhören sind ein Tabu. Essen und Trinken ebenso.

 Gosh, da saß ich nun tatsächlich in diesem Vorortzug, und hantierte mit der Mandarine so heimlich wie ein Pennäler bei der Klassenarbeit mit seinem Spickzettel. Schuldbewusst dachte ich daran, wie meine Japanisch-Lehrerin wenige Tage vor meinem Sündenfall empört auf den Verfall der Sitten in Tokios U-Bahnen zu sprechen gekommen war. „Seit einigen Jahren“ hatte sie geseufzt, „benehmen sich die Leute immer schlechter. Die jungen Mädchen schminken sich ungeniert oder quatschen laut. Und telefoniert wird auch immer öfter.“

Ich konnte da nur halbherzig zustimmen. Hatte ich im Sommerurlaub doch oft genug gedacht, wie super gesittet es in japanischen Zügen zugeht. Während sich in Frankfurt oder München jeder so benimmt, wie es ihm passt und manche U-Bahnen nach der Rushhour fahrenden Mülltonnen gleichen, sind Tokios Züge immer tipp topp sauber und 99 Prozent der Fahrgäste verhalten sich tadellos.

Und nun saß ich selber da, fühlte mich ertappt und steckte hastig das letzte Mandarinenstückchen in den Mund. Mein Mann hat sich zwar nicht weggesetzt. Aber die saftige Frucht, auf die ich mich so gefreut hatte, die hat irgendwie sauer geschmeckt.  

 

 

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Tour de Trottoir

Ich gestehe: ich bin eine Gesetzesbrecherin. Und als solche bin ich ein schlechtes Vorbild für meine Kinder, die sich inzwischen auch wie selbstverständlich über so manche Regel hinwegzusetzen. Ich rede nicht von Ausnahmen, sondern von unserem Alltag in Tokio. Als bekennende Nicht-Autobesitzer radeln wir beherzt durch Japans Radwege-freie Hauptstadt.

 Dabei haben wir uns sehr schnell abgeguckt, wie es die Einheimischen machen. Bis auf eine Minorität, die es wagt auf den notorisch verstopften Hauptstraßen die Spur rücksichtsloser Taxi- und Busfahrer zu kreuzen, radeln hier alle auf den Bürgersteigen. Nicht, dass es dort viel Platz gäbe. Im Gegenteil, wenn ich meine Jüngste zur Schule begleite, konkurrieren wir bereits mit den Regimentern der Angestellten, die aus den umliegenden U-Bahnstationen quellen und ebenso zielstrebig wie zügig ihren Büros entgegen streben. Nachmittags wird es dann noch heikler, da die Gehwege zusätzlich mit Bummlern auf Shoppingtour verstopft sind. Zu Beginn unserer Radfahrerkarriere führte das zu so manchem „Feindkontakt“ und mein Blutdruck stieg auf dem Schulweg immens an.

Doch inzwischen erspähen wir geübt jede Lücke, schlängeln uns geschickt um langsame Fußgänger herum, klingeln uns notfalls keck den Weg frei und nehmen Abkürzungen entgegen einer Einbahnstraße. Und das in Japan, wo Gesetze und Regeln sonst in Stein gemeißelt sind. Aber wie gesagt, wir haben uns das alles abgeguckt und nur zu einer gewissen Perfektion gebracht. Gesetzesbrecher auf zwei Rädern sind ein geduldetes Übel in Tokio. Und ein schlechtes Gewissen habe ich nicht mehr, seit ich die ersten Polizisten gelassen über die Trottoirs pedalieren sah. Mangels Radwegen und angesichts der kritischen Verkehrsdichte sind Radler auf Gehwegen toleriert, ab und zu warnen an notorischen Unfallstellen auf den Boden gesprühte Bilder. Putzig ist, dass sich Einheimische nicht selten höflich entschuldigen, weil sie einem Radfahrer nicht fix genug ausgewichen sind.

Bei meinen Kindern hat diese Art der Verkehrserziehung allerdings fatale Folgen, wie sich bei unserem Sommerurlaub in Deutschland herausstellte. Mit größter Selbstverständlichkeit fuhren sie wie in Japan zunächst auf der linken Straßenseite, ignorierten das Vorhandensein von Radwegen und wunderten sich zutiefst, dass sie von Fußgängern barsch zurechtgewiesen wurden, nur weil sie fröhlich klingelnd auf den Gehwegen unterwegs waren. Mein im Reflex gestammeltes „Gomenasai“ – „ich entschuldige mich tausend Mal!“ – hat im Frankfurter Umland auch niemanden befriedet.

Aber jetzt ist alles wieder gut. Zurück in Tokio radeln wir mit großer Lässigkeit durch die dichtesten Passantenströme und grüßen freundlich die netten Polizisten, an deren Wache wir dabei  jeden Morgen vorbeikommen. 

 

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Japan in der Sinnkrise

Was ist nur mit Japan los? Nicht genug damit, dass es in der Politik drunter und drüber geht und ein Premierminister nach dem anderen zurücktritt. Die wirtschaftliche Entwicklung ist auch nur noch eine lahme Ente. Und nun erschüttern auch noch Skandale ohne Ende die Sumo-Szene.

Diese ur-japanische Sportart, eigentlich eine Bastion nationaler Traditionen, scheint kurz vor dem Ableben zu stehen. Seit geraumer Zeit macht Sumo nur noch negative Schlagzeilen. Vor wenigen Monaten musste der Großmeister Asashoryu nach einer Schlägerei im Suff seinen unehrenhaften Abschied nehmen. Ein Vorbild als besoffener Haudrauf, das ziemt sich nicht. Aber jetzt kommt’s richtig dicke. Die schwergewichtigen Ringer haben sich mit den schwerkriminellen Yakuza eingelassen, so wurde bekannt. Das japanische Pendant der italienischen Mafia hat den dicken Männern geholfen, fette Gewinne bei illegalen Wetten zu machen. Das stürzt so manchen Japaner in eine Sinnkrise. Nichts scheint mehr heilig zu sein im Land der aufgehenden Sonne. Die Idole im Ring sind in Wahrheit Halunken, die sich in der Halbwelt herumtreiben. Nippon liegt im Staub, Rettung ist nicht in Sicht. Fehlte nur noch, dass sich im Kaiserpalast Unerhörtes zutragen würde. Aber das wollen wir den Japanern nicht wünschen. Sie haben es derzeit schon schwer genug. 

 

 

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Fußballfieber beim Zahnarzt

Für mich waren Zahnarztbesuche ein Graus als ich ein Kind war. Ich erinnere mich an eine muffelige Sprechstundenhilfe und einen Herrn im weißen Kittel, den ich furchtsam mit Knicks begrüßte. Dennoch fahndete der erbarmungslos nach neuen Löchern in meinen nicht sehr guten Zähnen. Meine Kinder haben’s da besser. In der hochmodernen Zahnarztpraxis hier in Tokio gibt es im Wartezimmer so viele Videogames und anderen Schnickschnack, den sie zu Hause vermissen, dass meine Ältere mitkommt, selbst wenn sie keinen Termin hat. Aber auch im Behandlungszimmer lässt es sich dank reichem Filmangebots gut aushalten. Ganz entspannt liegen meine Töchter dort im Sessel und schauen auf dem in die Decke eingelassenen Monitor „Cinderella“ oder „Marley & Me“.

Gestern überraschte das jugendliche Zahnarztteam uns dann noch mit einem besonders sportlichen Auftritt: Alle trugen das Trikot der japanischen Fußball-Nationalmannschaft. Damit bekam der Besuch beim Zahnarzt endgültig Event-Charakter. Und statt small talk war Fachsimpeln angesagt. Die nette Ärztin, die meiner Jüngsten behutsam die Zähne säuberte, tröstete mich über die bittere Niederlage der Deutschen gegen die Serben hinweg. Um mich abzulenken, erzählte sie von einem weiteren Clou, mit dem die Praxis derzeit ihre Kunden bei Laune hält. Kinder, die eine Spange brauchen, können sich die elastischen Bänder dafür in ihren Nationalfarben aussuchen. Ein Gag, der besonders bei Jungen ankomme. „Gestern war ein deutscher Schüler hier, der hat sich natürlich für  Schwarz-Rot-Gold entschieden“, erzählt die Zahnärztin fröhlich.

Mit meiner guten Laune ist es eine halbe Stunde später vorbei. Das Ergebnis unseres Zahnarztbesuches ist fast so desaströs wie das Spiel der deutschen Elf am Vortag. Die Jüngste hat ein Riesenloch im Zahn, die Ältere braucht – eine Zahnspange. Auf  eine Verschönerung in den Landesfarben wird sie verzichten müssen. Bis sie die Spange bekommt, ist die WM vorbei. Pech gehabt. Und ich kann nicht mal einem Schiedsrichter den schwarzen Peter zuschieben.

    

 

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Schnäppchenpreis

Dass Japan ein teures Land ist und die Lebenshaltungskosten insbesondere in der Hauptstadt Tokio außerirdische Dimensionen haben, ist nicht wirklich das, was man als “breaking news” bezeichnen würde. Ich will trotzdem drüber schreiben. Weil ich selber staune, wie leicht der Mensch – damit meine ich mich – sich an horrende Preise gewöhnen kann.

Als wir letztes Jahr nach Tokio zogen, waren meine ersten Einkäufe geprägt von, hm, nennen wir es ruhig Fassungslosigkeit. Der Käse kostet grob zwischen 2,50 Euro und 5,50 Euro – pro 100 Gramm. Macht für ein ordentliches Stück Parmesan mal eben 20 Euro. Einen Laib Brot, sollte er eine festere Konsistenz als Marshmallows haben, gibt es ab etwa fünf Euro. Für einen Liter Milch muss man 1,50 Euro oder mehr berappen. Über Preise für Öko-Produkte wollen wir gar nicht reden.

 

Inzwischen ist meine Einkaufswelt wieder halbwegs im Lot. Denn a) ist der Mensch (= ich) ein Gewohnheitstier, siehe oben. Es schmerzt nicht mehr ganz so, wenn die junge Japanerin an der Supermarktkasse einem mit bezaubernden Lächeln 100 Euro für ein mäßig gefülltes Einkaufskörbchen abknöpft. Und b) habe ich natürlich längst herausgefunden, wo es wann was etwas günstiger gibt.

Vor zwei Tagen habe ich mich dennoch bei der Lektüre des “Daily Yomiuri”  beinahe an meinem Frühstücksbrot verschluckt. Am Seitenende stand in einer unscheinbaren Meldung, dass für ein Paar Cantaloupe-Melonen bei einer Auktion in Sapporo sage und schreibe 1,5 Millionen Yen bezahlt wurden. Wow, mehr als 13.000 Euro für zwei Melonen! Für verderbliche Ware also, nicht für ein Gemälde oder eine tolle Kinderzimmereinrichtung oder einen Kleinwagen. Welch ein Irrsinn. Und dann stand da noch, dass der Rekordpreis von 2008 leider nicht übertroffen werden konnte: Vor zwei Jahren berappte jemand gar 2,5 Millionen Yen (22.000 Euro) für zwei sicherlich absolut perfekt aussehende Melonen.

Was war ich froh, als ich eine Stunde später in einem der Geheimtipp-Märkte Honigmelonen fand, die im Sonderangebot waren. Nur 200 Yen habe ich für eine halbe Frucht bezahlt. Das Triumphgefühl war perfekt, als meinen Kindern abends der süße Saft das Kinn runterlief, während sie nach mehr verlangten.

Preisfrage: Kann eine Melone, die das xxxxx-fache kostet, wirklich sooooo viel besser schmecken?     

 

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Wo die Ehrlichkeit zu Hause ist

Schon mal versucht, einen Tisch in einem Café an einer belebten Einkaufsstraße mit einem demonstrativ darauf abgelegten Handy freizuhalten? Nee, oder? Ist ja auch ‘ne bekloppte Idee, denn während man sich an der Theke seinen Espresso holt, findet das Handy einen neuen Besitzer. So ist das jedenfalls in den Ländern, die ich bisher bereist habe. Egal ob in Europa, Asien oder den USA. In Tokio hingegen ist eine solch laxe Art der Tischreservierung kein Problem. Niemand würde sich an dem fremden Handy vergreifen. Die Japaner, so scheint es, verdienten den Nobelpreis für Anstand und Ehrlichkeit.

 Heute früh’ hatte ich wieder so einen Aha-Moment: Während ich mich mit einer Bekannten unterhielt, tippt mir ein junger Japaner auf die Schulter. Ob mir das Geld gehöre, dass hinter mir auf der Straße liegt, fragte er. Die 2.000 Yen, knapp 16 Euro, gehörten mir nicht und auch sonst war niemand in der Nähe, der Geld vermisste.

 Dann solle er es eben nehmen, schließlich habe er es gefunden, schlug ich dem Japaner vor. Der hob nur abwehrend die Hände, und meinte: “Nein, das gehört mir doch nicht.” Meine Freundin und ich haben schließlich jeweils einen 1000-Yen-Schein mit nach Hause genommen als Erinnerung an eine sehr japanische Begebenheit. Meiner hängt jetzt am Kühlschrank zwischen Einkaufszetteln und Notizen mit Schulterminen. Ist doch klasse, oft auf etwas zu schauen, das einem das Gastland so sympathisch macht.    

 

 

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Abschied von AC/DC

Mal ehrlich, wann verlassen Sie für gewöhnlich einen Kinosaal? Gehören Sie zu jenen, die ihn fluchtartig vor den Massen verlassen, sobald James Bond zum letzten Kuss angesetzt hat? Oder halten Sie es auch mal etwas länger aus, vielleicht weil die Musik so klasse ist, während der Abspann läuft? Aber die Endlos-Namensliste, die nach jedem Film über die Leinwand flimmert, lesen Sie garantiert nicht. Wen interessiert schon, wer Meg Ryans Garderobe in Ordnung hält? Oder wer George Clooney die grauen Haare fönt? Eben, das interessiert gemeinhin keinen Mensch.

In Japan ist das anders. Da wird jede Minute im Filmtheater ausgekostet. Von den ersten Warnungen “Do not eat or drink!”, “Do not talk!” und “No trouble!” bis hin zum letzten Eintrag im Abspann. Und ich mein’ den letzten, den allerletzten Eintrag. Neulich, bei “New York, I love you”, saß das Publikum knapp fünf Minuten und ertrug die nicht enden wollende Namensliste mit totaler Ruhe (“Do not talk”) und ohne Fluchtversuch. Famos, diese Japaner.

Disziplin ist eben alles im Land der aufgehenden Sonne.  Das gilt auch für Rockkonzerte. Jüngst heizten AC/DC (ja, es gibt sie noch) in Tokio einigen Tausend Fans ein. Und was für paradiesische Zustände fanden die in die Jahre gekommenen Pioniere des Heavy-Metal vor: Ihre Kernarbeitszeit ging von 19 Uhr bis 21 Uhr! Danach wurde die Bühne schwarz, gingen die Zuschauer brav nach Hause und die Hardrocker vermutlich zum Entspannen ins heiße Onsenbad. Einen besseren Stundenlohn bekommen sie wohl nirgends auf der Welt. Klingt wie ein Aprilscherz, ist aber keiner. Selbst die wildeste Show muss ihre Grenzen haben. Und zwei Stunden ausgeflippt sein, das ist ja auch schon was.

Da lob ich mir doch das altehrwürdige Kabuki-Schauspiel. Auch wenn ich kein eingefleischter Fan dieses japanischen Kostümspektakels aus der Edo-Zeit bin, so bekomm’ ich doch wenigstens was für mein Geld. Vier Stunden dauert die Show und reden und essen darf man auch, denn jede Stunde gibt’s extra dafür eine Pause. Ein Fest für alle Sinne ist dieses Kabuki also. Sorry AC/DC, aber in Zukunft halt’ ich’s eher mit den dick geschminkten und prächtig kostümierten Herren der japanischen Schauspielzunft.

 

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Gänsehaut auf dem Schulweg

Bei der Recherche für eine Geschichte über Japans schlappe Geburtenrate hat mir eine der befragten Mütter neulich ganz landesuntypisch aufrichtig ihre Meinung gesagt: “Kindheit in Japan, das ist kein Spaß”, seufzte sie. Bereits in den pre-schools ginge es um Leistung und Talent. Um danach in gute Schulen zu kommen, müssen die Kinder schwierige Aufnahmetests bestehen. Zur Vorbereitung pauken die kleinen Japaner wochenlang mit einem Tutor. Haben sie die Tests geschafft, sind die Eltern glücklich und die kids erschöpft. Doch Ausruhen ist nicht. In den Schulen wird viel gefordert und wer nicht mitkommt, muss wieder mit einem Tutor nachsitzen. Die Eltern kostet das alles Geld, sehr viel Geld. Vom Staat gibt es bisher nur läppische finanzielle Unterstützung für den Nachwuchs. “Das reicht nicht einmal für die Windeln”, sagte mir eine andere Mutter.

 Teuer sind auch die Schuluniformen, mit denen sich Japans Lehranstalten optisch voneinander abgrenzen. Da gibt es unauffällige graue Anzüge mit Schullogo und Krawatte – die perfekte Vorbereitung aufs Berufsleben. Richtig neckisch sehen hingegen die Kleinen aus, die in einer marineblauen Matrosenuniform mit goldenen Knöpfen und schickem Hütchen unterwegs sind.  Auch meine Kinder tragen Uniform. Blau-rotes Schottenmuster fürs Kleid, weiße Bluse, blaue Strumpfhose, schwarze Schuhe. Nicht gerade der Mode letzter Schrei, aber es ist ja ohnehin Winter und die dicken Jacken geben kaum etwas von der Uniform frei.

So mancher einheimische Knirps ist da schlechter dran. Selbst wenn die Temperaturen am Gefrierpunkt kratzen, staksen einige Steppkes mit kurzen Hosen oder Röckchen und Kniestrümpfen zur Schule. Eine Winterjacke? Fehlanzeige, der Popeline-Blazer muss reichen. Mütze, Handschuh, Schal? Nix da. Nebenher tippelt die Frau Mama, warm gewandet im Wollmantel und Fellstiefeln. Ist aber keine Strafaktion für einen unartigen Filius, sondern, man glaubt es kaum, rigide Schulpolitik. Ja, in Japan dürfen die Schulen sogar bestimmen, ob Kinder frieren oder nicht. Allein der Anblick der nackten Kinderbeine lässt mich frösteln.

 Mit dem Spaßfaktor scheint es für Nippons Nachwuchs wirklich nicht so weit her zu sein.  

 

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Biometrische Reziprozität

Im Gespräch unlängst mit einem österreichischen Diplomaten kam das zugespitzt-gespreizte Wort “Reziprozität” auf. Ich wollte wissen, warum unsere Volksvertreter sang- und klanglos akzeptieren, dass die japanische Einwanderungsbehörde europäischen Staatsbürgern zwei Fingerabdrücke  sowie ein Digitalfoto abverlangt – und zwar bei jedem Japan Besuch.  Die Logik wäre, wenn die Japaner weiter auf diese Regelung bestehen, dann müssen eben alle Japaner, die nach Europa kommen, ebenfalls die gleiche Prozedur über sich ergehen lassen.  „Biometrische Reziprozität wäre angebracht,“ meinte der Diplomat und fügte hinzu, „aber Europa ist derzeit ein führungsloser Koloss.“ Dabei sind es in Japan nur zwei Finger und nicht – wie in Amerika – zehn (wo zudem auch der Harddrive vom Laptop kopiert werden darf). Aufgelehnt hat sich dagegen bisher nur Brasilien: Im Januar 2004  mussten zum ersten Mal Amerikaner (und nur Amerikaner)  ihre biometrischen Daten  am Guarulhos International Airport in Sao Paulo abgeben –  so wie es von allen Brasilianern (und der Welt) auf den US-Flughäfen verlangt wird. (Die Amerikaner haben protestiert. „Das Fingerprinting von US-Bürgern sei diskriminierend!“) Die Frage ist, kann man dieser vor sich hinfressenden Eigendynamik, die wahllos Privatdaten unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung hortet, einen Riegel vorschieben? Der einzelne europäische Reisende an Japans und Amerikas Grenzen kann da gar nichts ausrichten. Verantwortung auf die Europäische Gemeinschaft schieben, bringt wenig. Stattdessen bei Vertretern in den einzelnen Aussenministerien anfragen, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass wir reziprozitätslos Dastehen, wäre vielleicht ein angebrachter erster Schritt, besonders für Journalisten. Dabei muss ich den Japanern zugute halten, dass  sie sich bei der Datenabnahme zumindest schämen. Sonst hätten die Einwanderungsbeamten auf ihren Kontrolltischen nicht Bildschirme stehen, die ausländische Besucher mit lieblichen Comic-Figuren – verbeugend, lächelnd – zu beschwichtigen suchen,  bis dann die Aufforderung kommt, in die Kamera zu schauen, und ja nicht zu lächeln! 

Audio vom Flughafen Austin, Texas: „Scherzen führt zur Verhaftung.“

 

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Selbst Mr. President kann es nicht

Gut, dass er in Japan war, der amerikanische Präsident. Mir geht’s seither besser. Der angeblich mächtigste Mann der Welt kann’s nämlich auch nicht besser als ich. Was denn? Na, das Verbeugen. Was den Europäern ein kräftiger Händedruck  ist und in den ehemals sozialistischen Ländern der Bruderkuss war, ist hier in Japan das Verbeugen. Aber so einfach machen es einem die Hiesigen nicht. So viele Regeln gibt es, wann, wie oft und wie tief man sein Haupt oder den ganzen Oberkörper zu neigen hat, dass es ein Ausländer kaum kapieren kann. Ich jedenfalls weiß nie, ob ich nun stocksteif stehen bleiben oder doch höflich lächelnd meinen Oberkörper beugen soll.

Auch Barack Obama hat’s nicht kapiert. Der war nämlich am vergangenen Samstag eingeladen zum feierlichen Dinner mit Kaiser Akihito und dessen Gemahlin Michiko. Und was passiert? Während der Kaiser dem Staatsgast aus Amerika in westlicher Manier die Hand reicht, verneigt sich Obama brav und nahezu im 90-Grad-Winkel.  

In den USA war das ein gefundenes Fressen für seine Kritiker. Ein Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika habe sich vor nichts und niemandem zu verbeugen, geiferten bissige Kommentatoren. In Japan hingegen wurde Obama gelobt. Nobuko Akashi, Chef der “Japan Manners and Protocol Association” (die gibt’s wirklich!), meinte in der Tageszeitung Asahi Shimbun: “Indem er sich so tief vor unserem Kaiser verbeugt hat, zeigte er Respekt.”

Allerdings, ein wenig was haben auch die Japaner zu mäkeln. Denn eigentlich verbietet es die Etikette sich gleichzeitig zu verneigen und die Hand des Gegenüber zu schütteln. Genau das aber ist dem US-Präsidenten passiert. Wie gesagt, Obama kann’s eben auch nicht besser als ich. Bloß ernte ich keine hämischen Zeitungskommentare, auch ein entlarvendes Fotodokument meines tappsigen Benehmens geistert nicht durchs Internet. Das macht mein Leben hier gleich viel entspannter.

Thank you, Mr. President, you made my day!  

 

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Wer zum Teufel ist Noripi?

Kann mir jemand sagen was 0.008 Gramm auf der Hand sind, unter dem Fingernagel oder sonst wo? Ich meine, wie sieht das aus, Mehl, Staubzucker, Tabak,Vitamine? Am Montag stand Noripi vor Gericht. Kerker, 18 Monate für 0.008 Gramm, “stimulierende Substanz”, aber was genau? 3000 Neugierige balgen sich um 21 Lotterie-Tickets für Plätze im Gerichtsaal. Erniedrigung, Reue, mitunter Nachlass – das alte japanische Spiel auf dem Weg zur Läuterung.  In einem Land, wo Galgen-Bodentüren genauso schnell fallen wie im Irak (mit einem Unterschied: japanische Angehörige erfahren von der geheimen Hinrichtung erst Monate später), in so einem Land verwundert ein Drama um 0.008 Gramm nicht. Begonnen hatte alles am 2. August. Die Polizei stoppt Ehemann Yuichi Takaso, findet “eine stimulierende Substanz”. Telefoniert dann mit seiner Frau. „Kommen Sie!“ Sie kommt sofort. Entschuldigt sich für das Verhalten ihres Mannes. Danach ist sie bis zum 8. August verschwunden. Sie habe die Zeit genutzt, um “stimulierende Substanzen” in der Wohnung zu entsorgen (ausser diese 0.008 Gramm). Das sei niederträchtig, gemein, verbrecherisch. Richter Hiroaki Murayama (übersetzt „Dorfberg“) lässt die Japaner wissen: Noriko Sakai (bürgerlicher Name) habe seit vier Jahren genau einmal pro Monat eine “stimulierende Substanz” zu sich genommen. Yuichi habe sie dazu animiert. Von der eigenen Sucht sei sie auch ein paar Mal getrieben worden. Ein Mal pro Monat. Woher die Information? Geständnis? Freiwillig? (Europäische Botschaftsangehörige wissen um die mittelalterlichen Zustände in den japanischen Gefängnissen, unterliegen aber der Schweigepflicht).

Der Richter schimpft. Stoesst kaum auf Widerstand, und wenn, dann ist das Auflehnen wattiert, verfloskelt, vage.  Kommen auf 10,000 Deutsche 15 Rechtsanwälte, sind es in Japan nicht einmal 2 (genau 1.8). Bei denen gilt die Faustregel: Besser sich als Unschuldiger schuldig bekennnen, als  sich unschuldig verteidigen. Die Polizei irrt nie. Die Verurteilungsrate nach Verhaftung ist 99 Prozent Komma nochwas.

Und dann schwenkt Richter Murayama plötzlich ein. Er wird Gnade walten lassen. Noriko Sakai habe ihn überzeugt, ihre Reue, ihr Wille zur Besserung, dass sie dem Show-Business für immer den Rücken kehren wird, den Krankenpflegeberuf erlenen will,  und vor allem, ihre Scheidung vom Nichtsnutz-Verbrecher-Ehemann, demnächst, irgendwann, wie versprochen. Noriko Sakai – Noripi — hat in ihrem Leben hunderte Millionen CDs verkauft. „18 Monate auf Bewährung!“ verkündet Richter Murayama und geniesst seine letzten Sekunden vor dem Star: „Ich will meine Worte aus Ihrem Mund hören, langsam und deutlich!“ Der Saal ist still. Noripi verbeugt sich tief, sehr tief und haucht: „18 — Monate — auf —  Bewährung.“

 

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Schlaraffenland für Gruselfans

Aus meiner Zeit in Manila bin ich einiges gewohnt, wenn es darum geht, Feste zu feiern. Vor allem Weihnachten ist auf den Philippinen eine Riesennummer. Bereits Ende September bimmeln die Glöckchen, dudeln die Christmals Carols und glitzern kunterbunt geschmückte Plastiktannen in den Einkaufszentren. Unterbrochen wird die monatelange Weihnachtseuphorie nur durch Halloween. Geister, Gespenster, Monster – alles, was hässlich und gruselig ist, wird im Oktober in die Schaufenster geräumt. Trick and Treat nach amerikanischem Muster darf natürlich auch nicht fehlen, und meine Kinder fieberten immer dem Tag entgegen, an dem sie mit ihren Eimern in Kürbisform auf Süßigkeitenjagd gehen konnten.

Mit unserem Umzug nach Tokio, so hatte ich gedacht, hätte dieser Spuk ein Ende. Von wegen. Die Japaner finden das Geistertreiben noch spaßiger als ihre philippinischen Nachbarn. Gestern paradierten Hunderte verkleidete Gestalten Tokios schicken Einkaufsboulevard Omote Sando entlang. Auch wenn Sambaklänge und Glitzerkostüme eher an Karneval in Rio erinnerten, die Halloween-Fans hatten ihren Spaß.

Apropos Kostüme. Wer nicht ein kümmerliches Dasein als Bettlaken-Gespenst führen möchte, muss nur ins nächstbeste Kaufhaus gehen. Ganze Stockwerke haben sich dort in ein Schlaraffenland für Gruselfans verwandelt. Dutzende Verkleidungen gibt es zu kaufen, von blutbesudelt-teuflisch bis neckisch-sexy. Und Unmengen an Accessoires, Deko-Materialien und natürlich kiloweise Süßigkeiten für Trick and Treat.

Mir steht der Einkauf in solch einem Halloween-Store noch bevor. Denn am nächsten Samstag ist in unserer Nachbarschaft Trick and Treat angesagt. Eine große Nummer ist das, habe ich mir erzählen lassen. Letztes Jahr seien 400 marodierende Kinder durch die Straßen gezogen und hätten lautstark drohend nach Süßem verlangt. Womit schon klar ist: meine Rechnung im Halloween-Store wird garantiert schaurig sein, schaurig hoch.    

 

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Architekt und Vagabund

Gestern beim Architekten Hiroshi Hara in Shibuya. Ich zwänge mich in das Studio des 73-jährigen wie in eins der altertümlichen Dörfer, die er seit dreissig Jahren auf allen Kontinenten durchforscht.  Eng wie die Strassen der Steinfestung von Hajjarah in Yemen ist der Eingangsschacht. Ruhe und Geborgenheit folgen, erinnern an die chinesische Erdfestung Tian Luo Keng. Hier hält sich  Hara einen Privatdschungel, eine kleine verwilderte Herzkammer, die er vor sich hinpumpen lässt, als wollte er der Natur all das zurückgeben, was er ihr über die Jahrzehnte in Japan amputiert und abgewürgt hatte – mit Wolkenkratzern, Sportstadien und Bahnstationen.

Hara sitzt am Schreibtisch. Zwischen uns ein Schlachtfeld aus Skizzen, Bleistiften und Büchern. Er zündet sich eine Zigarette an und der Rauch klettert seine weissen Haare hoch, verleiht ihm die Würde eines Jetztzeit-Schamanen – oder eines gut gereiften Hollywood Stars. An der Wand hängt eine kleine Arbeit von seinem Freund Christo. Der wollte ursprünglich was viel Grösseres verpacken: Haras Umeda Sky Building in Osaka, samt 40-stöckigen Zwillingstürmen. Das notwendige Geld liess sich nicht auftreiben, und so verschnürte Christo einfach Haras Telefon.

Ich zeige dem Japaner neue Fotos von Raiding im Burgenland, Geburtsort von Franz Liszt. Auch Hara will dort bis 2011 – zum 200. Geburtstag des Komponisten – einen kleinen experimentellen Bau gestalten. „Vielleicht nenne ich ihn Pollenhaus,“ sagt er und zeigt mir mikroskopische Ansichten von einem Blütenstaub, der Jahrhunderte überlebt hat. „Pollen treibt dahin, um die Welt, lässt sich nieder, wartet, und dann wird irgendwann was aus ihm, eine Form, eine Farbe, die wir vielleicht schon längst vergessen haben.“ Zusammen mit  Hara wollen sich auch andere japanische Architekten am Raiding Projekt beteiligen: Kengo Kuma zum Beispiel, Jun Aoki, Terunobu Fujimori und Kazuyo Sejima.

 Immer noch amüsiert sich Hara darüber, dass er – ein Kinder der 60er Jahre – in Japan gigantomanische Bauten verwirklichen durfte, die Kyoto Station zum Beispiel oder den Sapporo Dome. Aber ein Nomade, ein Dritte-Welt-Vagabund ist er trotzdem geblieben. Sein Herumreisen hat nur bestätigt, was er immer schon geahnt hat: wenn heutzutage eine Metropole versagt, dann deshalb, weil das Wissen um antike Dorfstrukturen ignoriert wurde. Und so tun ihm nun auch einige seiner eigenen Bauten leid. „Heute würde ich nicht mehr zulassen, dass die Kyoto Station die Stadt zerteilt!“ Über die Amerikaner kann der Schamane nur lachen. In den 50er Jahren, als ihre Spionagesatelliten die 700 Jahre alten Strukturen des Tian Luo Keng fotografierten, erkannte der CIA eindeutig chinesische Atomreaktoren.

 

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Bye Bye Bicycle!

Gerade habe ich sie gesehen. Wie die in Tokio allgegenwärtigen Krähen sich auf den Müll stürzen, so haben es diese Männer auf Fahrräder abgesehen. Der Tatort: eine Straßenecke im hippen Stadtteil Shibuya. Im unauffälligen Kleinlaster fahren drei Männer vor, schnappen sich alle hier abgestellten Räder und hieven sie auf die Ladefläche. Passanten lassen sich von dem Vorgang nicht irritieren –  der Radklau ist legal. Wer seinen Drahtesel hier länger als eine Stunde auf öffentlichen Plätzen oder Gehwegen stehen lässt, muss damit rechnen, dass dieser mit offizieller Genehmigung abtransportiert wird.

 Das hat mir der nette Mann im Bikedepot erklärt, wo ich vor zwei Wochen mein entführtes Rad gegen Zahlung von 2000 Yen, etwa 15 Euro, auslösen durfte. Als gerade Zugezogene hatte ich keine Ahnung, dass man sein Rad nicht einfach überall abstellen darf. Und so fand ich nach getätigtem Großeinkauf statt meines “Mama Chari”, wie die mit voluminösen Körben ausgestatteten Fahrräder hier heißen, lediglich einen Zettel vor. Mit Klebeband war er auf dem Gehweg befestigt und verkündete auf Japanisch, dass mein fahrbarer Untersatz nur gegen Zahlung von Lösegeld  wieder mir gehören würde.

Zu verstehen ist das alles nicht so richtig. Hatte nicht Japans neuer Ministerpräsident Yukio Hatoyama gleich nach seinem Wahlsieg Ende August ehrgeizige Klimaschutzziele  angekündigt? Die Industrienation werde 2020 um 25 Prozent weniger Treibhausgase produzieren als 1990, versprach Hatoyama. Eigentlich müsste Japans neuer starker Mann doch jedem dankbar sein, der statt mit Autoabgasen die Luft zu verpesten lieber in die Pedalen tritt.

 Was ohnehin im Trend liegt, glaubt man dem Stadtmagazin “tokyojournal”.  In seiner Sommerausgabe titelt das Heft “Bike Boom in Japan” und widmet dem Thema elf Seiten. Tatsächlich sind auf Tokios Straßen und Gehwegen (für Radwege ist im engen Tokio kein Platz) alle Spielarten von Rädern unterwegs, vom U-Bahn geeigneten Klapprad über angesagte Single Speed Bikes bis hin zu den unzähligen behäbigen “Mama Charis”. Und die Nachfrage steigt: Ein großes Kaufhaus hat gerade die Pflanzenabteilung in ein oberes Stockwerk verbannt, um im Erdgeschoss die zweirädrigen Verkaufsschlager anbieten zu können. Kein Wunder, steht man im Auto doch ohnehin im Stau. Und in der vollgepackten U-Bahn holt man sich nur das Schweinegrippe-Virus.

Aber was nutzt das alles, wenn man sein Rad zwar fahren, aber nicht sicher abstellen kann? Ich habe meine Lehre gezogen und halte mich momentan brav an die Ein-Stunden-Parkzeit, was dann doch etwas Gutes hat. Mein Einkäufe beschränken sich auf das Nötigste. Ausgedehntes Bummeln Shoppen mit Ausgaben auf extravagantem Tokioter Preisniveau fällt flach. Radfahren ist eben doch eine preiswerte Art sich fortzubewegen.

 

     

 

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Morgens auf dem Planeten Erde (8): Tokio

 

Die Krähen in Tokio sind fette, fliegende Freischärler. Zum Morgenappell versammeln sie sich um fünf auf Stromleitungen und warten auf meinen brennbaren Müll. Sie sitzen auch auf den Beton-Kabelmasten und den zentnerschweren Transformatoren und sind dankbar, dass die Japaner – trotz Erdbeben und Taifune – ihren Kabelsalat immer noch nicht unter der  Erde verlegen. Und so hat die laute Räuberbrut vor meinem Fenster in Shibuya die strategische Oberhand.

Wie viele Boden-Luft-Raketen ich an solchen Mülltagen im Halbschlaf und Wachtraum schon verschossen habe, weiss ich nicht. Zum Beispiel, wenn Nachbar Hatano im Pyjama seinen Müll rausbringt. Dann prasselt ein gnadenloses Krah-Krah-Stakkato durch zwei Kopfpolster auf mein Trommelfell. Ich ziehe die Decke übers Ohr und verpulvere weitere Raketen. Über Nacht sind im Plastiksack von Hatano Flachsen, Fettbolzen und Fischgedärme wie außerirdische Substanzen nach unten gekrochen. Die Sackspitzen sind deshalb so  prall, dass sie in einem meiner Krähenträume schon explodiert sind und unseren Häuserblock in ein schleimiges Inferno verwandelt haben.

Sorgfältig wie alle Nachbarn, rollt auch Hatano den Mittwoch-Müll unter das blaue Krähenabwehr-Nylonnetz der Stadtverwaltung. Kaum ist er wieder im Haus verschwunden, bereiten die Wegelagerer den Angriff vor. Zunächst stapft ein Spähtrupp aus zwei Fußsoldaten um das Netz. Die Luftaufklärung sichert gleichzeitig das Beutegebiet, segelt lautlos wie eine ferngesteuerte Drone im Kreis. Dann folgt der Minenräumdienst, zurrt am Plastiknetz – kurz, testend, dann heftig und ungeduldig. Wieder bleiben Gekreischgeschosse in meinem Trommelfell stecken. Aber diesmal klingt alles wie hämisches Lachen. Ich stehe auf, starte die Kaffemaschine. Frau Noguchi von gegenüber, eine OL – Office Lady – klappert mit hohen Absätzen zum blauen Netz, stellt dort ihren Sack mit Sake-Flaschen  ab. Herr Hatano springt freudig aus dem Haus. „Noguchi-san, sumimasen, sorry, ist nicht heute brennbarer Müll dran?“„Ah, sumimasen,“ sagt sie. Herr Hatano wartet an der Tür, genießt diesen Morgen, wie jedes Mal, wenn sich Frau Noguchi irrt, und deshalb zweimal aus ihrem Haus muss, mit diesem immer zu kurzen Rock. 

 So wie bei vermummten al-Kaida Kommandos ist auch bei meiner Rabenbrut der Rädelsführer schwer auszumachen. Vielleicht der, der als erster schnabuliert? Inzwischen hat der Minenräumdienst das Netz abgezogen. Die Drone kreist weiter. Der Spähtrupp hackt gezielt in die prallen Sackenden. Auf dem Stromkabel wird die Einsatztruppe ungeduldig. Ausgerechnet, als mir das erste Stück Blaubeertoast im Mund zergeht, entfaltet sich unter meinem Fenster das Schleiminferno. Der Spähtrupp springt zurück. Vom Kabel schwingen sich vier  Kampfpiloten, landen neben den auslaufenden Sackecken, rühren ihre Schnäbel wie in fetten Eiterbeulen.  Das ungeschriebene Gesetz zuvorkommender  Nachbarn verlangt, dass derjenige das Schlachtfeld reinigt, der den letzten Müll deponiert, und das bin wieder einmal ich. Ein kräftiger Schluck Kaffee. Ich schnappe den Abfall, den Besen und den Eimer mit Wasser. Tapfer stelle ich mich den Freischärlern. „Da, nehmt das!“ Mein Plastiksack ist gefüllt mit Papierknäueln, fliegt federleicht unter die Vögel. Sie springen nicht einmal zur Seite, wie bei Herrn Hatano oder Frau Noguchi. Sie schimmern wie Seide und ihre Augen zeigen Mitleid: „Armer Kerl, ging wohl gestern nicht so gut mit dem Schreiben!“

 

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Impressionen von den Pariser Modeschauen 3

Was haben Mode und ein Staubsauger gemein? Nichts. Falsch gedacht! Auf den Pariser Modeschauen tat sich Designer Dai Fujiwara vom Modehaus Issey Miyake mit dem Staubsauger-Tüftler James Dyson  zusammen. Das Ergebnis der Kooperation war eine ziemlich windige Sache. Unter dem Titel "The Wind" durfte sich die Front-Row wie bei einem Haarspray-Test fühlen (Sitzt die Frisur noch?), während die hinteren Reihen auf sich bewegende Mammut-Staubsaugerschläuche blickten. Das Spektakel hatte trotzdem was.

 

 

 

 

 

 

 

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Impressionen von der Pariser Modewoche

 

 

 

 

Die Frisur von Julia Timoschenko beim japanischen Designer Mina Perhohnen.

 

 

 

Fashion in the box beim deutschen Designer Bernhard Willhelm.

 

 

 

 

 

Magersüchtige Models? Ist uns doch wurscht. Bei der spanischen Designerin Estrella Archs.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wiener Alltag in Tokio

 

Japanerinnen: Lachen, als wären sie in dich verliebt

 

Alte Schulfreunde in Wien nennen mich immer noch Roli. Das geht in Tokio nicht. Hier wird das R zum L. Dann lachen die Japaner und sagen „Ah, so wie loli-kon“ — ihr Kürzel für Lolita Komplex. Mit meinem Yul Brunner Kopf sorgt auch „Hagenberg“ für Unterhaltung. Hage bedeutet „kahl“. Berg auf Japanisch yama. „Ah, hageyama, Glatzkopf!“. Japaner lieben Wortspiele, wie die Wiener, subtil, erfrischend, frech – untermauern sie mit 5000 Jahre alten chinesischen Zeichen. Aus denen besteht die japanische Schrift heute noch. Eins meiner Lieblingssymbole: „Frau, laufend, bewaffnet mit Stein“ – auf Deutsch: „Eifersucht“. Apropos Frauen. Alle gertenschlank. Schuhe, Kleider, Haarspangen, Taschen, Fingernägel, Make-up, Handy, sorgfältigst ausgewählt und farblich abgestimmt, und sei es nur für die 10 Minuten auf der Strasse rüber zum Supermarkt. Sie grüssen, als wären sie alle in dich verliebt, verbeugen sich tief.

Das schreckliche ist, wie schnell man sich daran gewöhnt, und die japanischen Gesten dann unbewusst auch von den Wienern erwartet. Ich gehe dann morgens im ersten Bezirk zur Bank, starre in ein mürrisches Gesicht mit zerzausten Haaren, und der Tag ist gelaufen. Bei jedem Heimatbesuch fühle ich mich wie ein Tiefseetaucher, der in den ersten zwei Tagen eine ästhetische Dekomprimierungsphase durchläuft. Wo mich in Japan in der U-Bahn gestylte, zuvorkommende Menschen auf Fischdiät umschwirren (zwei Millionen strömen neben meinem Büro täglich durch die Shinjuku Station) – wälzt sich in Wien eine übergewichtige Schweinsbraten-Gesellschaft langsam die Rolltreppen hoch, die Gesichter vergrämt, die Kleidung nichtssagend um ein paar Nummern zu gross. Die Japaner lieben Wien, glauben, dass jeder Wiener Geige spielt und Mozart singt. Dabei treiben sie mich, den Schreiber, mit ihrer Obsession für Selbstzensur in den Wahnsinn. Alles wollen sie gegenlesen, umschreiben, entschärfen. „Schlimmer als Nordkorea“ klagen Kollegen im Auslands-Korrespondenten Klub. Erst kürzlich verklagte Star-Architekt Kisho Kurokawa erfolgreich einen Kritiker, weil der seine Toyota Brücke verrissen hatte. Kosten für den Journalisten: 80,000 Euro. Kontakt habe ich zu den derzeit 400 Österreichern in Japan wenig. Aber einmal im Jahr, zum Nationalfeiertag, lädt uns der Herr Botschafter ein. Wir prosten uns zu mit Wein aus dem Weinviertel. Und wenn wir brav die Bundeshymne gesungen haben, gibt’s Tafelspitz und Apfelstrudel mit Vanilla Sauce.

 

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Der Tod auf dem Teller

 

 

Man weiß ja, dass Feinschmeckern Exklusivität so wichtig ist wie Geschmack. Da frühere Statussymbole wie Trüffelhobel und französische Austern inzwischen sogar in Studentenhaushalten auftauchen, ist es für Gourmets schwerer geworden. Wer Feinschmecker sein will, braucht heute Todesmut. Kürzlich war ich bei meinem spanischen Freund Juan eingeladen, einem langjährigen Restaurantkritiker. Es sollte ein besonderer Abend werden. „Ich weiß, wo wir Fugu bekommen können“, sagte Juan ein paar Tage vor unserer Verabredung am Telefon. Er klang sehr aufgeregt.

Fugu ist eine japanische Delikatesse, lernte ich, außerhalb Ostasiens nur Insidern vorbehalten, die über gute Kontakte zu japanischen Restaurantbesitzern verfügen. Fugu ist hochgiftig. In vielen Ländern ist der Fisch verboten. Bei falscher Zubereitung stirbt man innerhalb von 24 Stunden. „Der Fugu kommt mit dem Flieger direkt aus Japan“, sagte Juan. Ich schlug im Lexikon nach. Fugu heißt auf Deutsch Kugelfisch. Seine Organe enthalten ein Gift, das 1000 Mal stärker ist als Cyanid. In „Liebesgrüße aus Moskau“ überlebt James Bond knapp den Fugu-Anschlag eines russischen Exekutionskommandos.

Ein kleiner falscher Schnitt kann den ganzen Fisch vergiften. Es gibt in Japan nur ein paar hundert Fugu-Köche. Sie müssen eine spezielle staatliche Lizenz mit theoretischer und eine praktischer Prüfung erwerben. Man muss ein Führungszeugnis der Polizei vorlegen. Die Fugu-Reste werden in Spezialbehältern entsorgt, wie Giftmüll.

Juan ist vor zwei Monaten Vater geworden. Seine Frau Christina werde den Fisch nicht probieren, hatte er gesagt. „Wer soll sich denn um unsere Kleine kümmern, falls wir beide sterben?“ Er meinte das ernst.

Das Abendessen: Kerzenlicht, Weißwein, vorweg eine Suppe. Dann servierte Juan das Hauptgericht. „Hier kommt der Tod“, sagte er. Lachen, Nervosität. Der Fugu kam auf einem flachen Teller, Muskelfleisch in dünnen Scheiben. Wir aßen langsam und mit Stäbchen. Das Fleisch war von synthetisch-elastischer Konsistenz und so schmeckte es auch. Im Gesichtsausdruck der anderen Gäste konnte ich erkennen, dass auch sie den Höhepunkt des Festessens als Gummihappen erlebten. Keiner traute sich in dem Moment, das offen auszusprechen. Was für ein fantastischer Fisch! Juan glaubte, im Mund ein leichtes Taubheitsgefühl zu spüren. Auch das Fleisch enthalte noch Spuren des Gifts. Aber das war vielleicht nur eine Einbildung.

Ich kann rückblickend nicht sagen, dass mir das importierte Gummi-Giftfleisch besser geschmeckt hat als Hering oder Tunfisch. Aber nur beim Genuss von Fugu spürt man dieses eigenartige Gefühlsgemisch aus Adrenalin, Angst, Erleichterung, Todesmut und Draufgängertum – Russisches Roulett zum Hauptgericht. Für den Fisch ist das traurig: Eigentlich sollte das Gift ihn schützen. Heute wird er nur deshalb verspeist. Unser japanischer Fugu-Dealer hatte uns mit dem Fisch auch ein Geschenk geliefert: vier weiße T-Shirts mit dem fettgedruckten Schriftzug „Ich habe Fugu überlebt.“ Das neue Statussymbol der Feinschmecker.