The impending disappearance of the world

The German-speaking global freelance journalism network weltreporter.net celebrated its 15th anniversary in Berlin with a panel discussion about foreign journalism. In the sold-out Grüne Salon of the Volksbühne more than 120 guests took part in the discussion with the theme “The impending disappearance of the world”. High quality foreign journalism is struggling due to the media crisis in Germany, where a lack of resources means risks are often outsourced to foreign correspondents. What does the future hold then in this situation?

The future of foreign journalism discussed (l-r) Bettina Rühl (Weltreporter Nairobi), Lutz Mükke (Reporter und media scientist), Marcus Bensmann (Correctiv) Jochen Wegner (editor Zeit online). © Rainer Stosberg

The world became so complicated and confusing that even long standing foreign correspondents are finding it harder to understand it, said Jochen Wegner, editor in chief of Zeit online. Bettina Ruehl, weltreporter.net spokesperson and freelance correspondent in Nairobi, had a different view: in fact, correspondents often foresee crises, but media are reluctant to publish or broadcast the reports as long as there is no major ‘bang’. Christina Schott (weltreporter in Indonesia) confirmed this assessment: the creeping Islamicisation in Southeast Asia, for example, is largely ignored, despite the threatening escalation.

Marcus Bensmann © Rainer Stosberg

Marcus Bensmann (Correctiv) pleaded for the increased use of social media: classical media use is being replaced by social and electronic media, and ultimately everyone could now be journalist and reader – provided they know how journalism works.
As an example, Bensmann cited the reporter factory of the foundation-financed research network Correctiv.

Full house in the Salon of the Volksbühne Berlin ©Rainer Stosberg

For reporter and media scientist Lutz Mükke, the classic correspondents remain indispensable. Only they could assume the bridging function needed to mediate events abroad to the public back home.

A young journalist asked in the debate: should I still become a foreign correspondent? The reporters’ advice: absolutely! There is hardly a more exciting job than reporting from abroad. With this in mind, reporters and audience raised champagne glasses at the end of the debate: “To the next 15 years!”

Weltreporter-Forum 2016 – hier ist das Programm!

Das Programm des Weltreporter-Forums 2016 in Raiding/Burgenland steht!

Wir freuen uns mit unseren internationalen Gästen auf einen spannenden Sommer-Nachmittag auf dem Land. Das Programm des Weltreporter-Forums 2016 in Raiding/Burgenland steht!

Im Ausland ist alles so anders…

Au weia, erst können die Russen kein Englisch und dann ist auch alles noch “ganz anders als in Deutschland”. “Verloren” fühlten sich die eingeflogenen Reporter! Das muss ein Schock für die Kollegen vom Spiegel gewesen sein. Einer, der immerhin die erste Seite wert war.

IMG_2332Hoffentlich konnte Kollege Bidder aus Moskau den eingeflogenen Reportern ein bisschen unter die Arme greifen, eventuell gar in der Landessprache das Fremdeln erleichtern.

Um künftige traumatische Erlebnisse in der Fremde zu vermeiden empfehlen wir: Freie Korrespondenten im Lande (wie sie zB über das Weltreporternetzwerk leicht zu finden sind), kennen sich gut aus, sprechen die örtliche Mundart und haben bereits funktionierende Internetanschlüsse.

Die gelbe Gefahr!

 

Aus aktuellem Anlass ein paar Worte zur »gelben Gefahr«, weil mir vorhin auf Facebook jemand Folgendes schrieb:

 

»Ich frage mich, warum der gelbe Hintergrund in Ihrem Facebook-Profilfoto, der aktuell als Kennzeichen der Muslimbrüder-Sympathisanten angesehen wird? Ich erwarte Neutralität von Journalistinnen und Journalisten!«

Nun, ähemm, das Foto steht so, wie es aussieht, seit April 2011 auf meiner Facebook-Seite, weil ich damals dachte, dass rot und gelb zusammen so’ne schöne Signalwirkung entfalten. Hat mir einfach gut gefallen. Dass es die Farbe der Muslimbrüder sein soll, ist mir unbekannt (seit GESTERN verwenden sie allerdings einen gelben Hintergrund in einem ihrer Protestlogos). Man könnte über den Vorwurf an mich lachen, wenn er nicht ein Beispiel dafür wäre, wie so manchem Ägypter (und Deutschen in Ägypten und Deutschen in Deutschland, der sich für Ägypten interessiert) in dieser Atmosphäre der Hysterie die Nerven durchgehen.

 

 

Ich richte ja nie meine Berichterstattung an den Stimmungswogen der Leute aus. Eine der Hauptfragen, die ich mir beim Recherchieren und Schreiben selber stelle, lautet: »Ist das, was ich sehe, jetzt wirklich das, was ich denke, was es ist…?« Will sagen: Es gibt ziemlich viele Gründe dafür, immer und überall kritisch unter die Oberfläche zu gucken. Was Ägypten betrifft, gilt das nicht nur für die Islamisten, auch für Militär, Sicherheitskräfte, Opposition usw. usf. Alles andere wäre journalistisch falsch (und außerdem sterbenslangweilig).

 

 

Ich weiß, dass das schwierig für jene ist, die nach einfachen ›Wahrheiten‹ dürsten, nach solchen, die am besten auch noch ihren Stimmungen und Erwartungen entsprechen. Ich verstehe das ja, aber es ist journalistisch nicht machbar. Ich erhalte auch Post, in denen Unterstellungen stehen wie: »Sie haben doch die Muslimbruderschaft immer geschont und die Gefahr verharmlost!« — Wahlweise steht statt Sie auch gern Ihr für »Ihr Journalisten«…

 

 

Wen es interessiert, ich verlinke hier mal ein paar meiner Beiträge, die ich eben auf die Schnelle rausgesucht habe. Das soll keine Rechtfertigungsein (dazu gibt es keinen Grund), sondern eine Ermunterung dazu, mal ein bisschen genauer in die deutschen Medien hineinzugucken oder hineinzuhören. Da gibt es bei meinen Kollegen (auch von WELTREPORTER.NET) ne ganze Menge zu entdecken, zum Beispiel in den Tageszeitungen und auf den öffentlich-rechtlichen Radiosendern (sehr empfehlenswert!) und zum Beispiel besonders auch bei Karim El-Gawhary.

 

 

Hier Links zu ARD-Hörfunkbeiträgen von mir aus dem Frühjahr und Winter:

 

 

Das folgende Stück hier wurde knapp drei Monate vor der Entmachtung Mursis gesendet, ich lasse einen ägyptischen Gesprächspartner erklären, warum er die Ideologie der Muslimbruderschaft für gefährlich & faschistisch hält :

 

 

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2013/04/12/drk_20130412_2248_aeceaafc.mp3

 

 

Hier zu Menschenrechtsverletzungen unter Mursi (April 2013):

 

 

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2013/02/11/drk_20130211_1214_7d7da371.mp3

 

 

Hier genau zur Hälfte der Amtszeit Mursis (Januar 2013), ebenfalls über Menschenrechtsverletzungen und repressive Politik:

 

 

http://www.tagesschau.de/ausland/aegypten1410.html

 

 

Hier die ersten Massenproteste gegen Mursi & Muslimbruderschaft im Dezember 2012:

 

 

http://www.tagesschau.de/ausland/aegypten-proteste110.html

 

 

Das sind einige von vielen Beispielen. Auf den Text-Webseiten gibt es jeweils immer auch ein Audio-Logo, auf das man klicken kann, um sich das jeweilige Stück anzuhören.

 

 

Mal auch ganz spannend für mich, in der Rückschau zu gucken, wie die eigene Berichterstattung damals aussah. ■

Zeitungskrise? Es kriselt eher die Qualität

Morgen, am Freitag, 7. Dezember, erscheint die Financial Times Deutschland zum letzten Mal. Wir haben dazu Folgendes gedacht (und als Pressemitteilung in die Welt geschickt):
Die nach der Insolvenz von Financial Times Deutschland, Frankfurter Rundschau und dapd heraufbeschworene Zeitungskrise ist in Wirklichkeit eine Krise des Qualitätsjournalismus.
„Verleger klagen, dass immer weniger Leser bereit sind, Geld für ihre Zeitung auszugeben – dabei sind sie häufig selber nicht willens, in Qualitätsjournalismus zu investieren, um damit ihre Leser zu überzeugen“, kritisiert der Weltreporter-Vorsitzende Marc Engelhardt. Durchschnittliches fänden die Leser inzwischen kostenlos im Internet. „Wer eine Zeitung kauft, erwartet mehr: qualitativ hochwertige Berichte, exklusive Reportagen und tiefgehende Analysen. Für solche Texte müssen die Autoren dann aber auch angemessen bezahlt werden.”
Das gilt auch und gerade für die Berichterstattung aus dem Ausland. „Wenn derzeit auf dem Tahrir-Platz wieder gekämpft wird, dann möchten Leser wissen, was genau dahintersteckt – genauso wie bei den Unruhen in Syrien oder dem Aufflammen des Bürgerkriegs im Kongo. Dafür müssen Zeitungen es ihren Korrespondenten, die zunehmend freiberuflich arbeiten, ermöglichen, vor Ort zu berichten – mit vernünftigen Honoraren, mit kaum noch üblichen Reisekostenerstattungen oder mit Pauschalen.”
Wenn jetzt als Konsequenz aus der angeblichen Zeitungskrise weiter bei denen gespart werde, die den Inhalt und damit den wirklichen Wert der Zeitungen bestreiten, sei das genau der falsche Weg. „Dann werden unweigerlich noch mehr Leser ihre Abos kündigen und weitere Zeitungen dichtmachen. Der einzige Weg aus der Krise ist eine Qualitätsoffensive.”

Im Vermieterparadies

Argentinien ist ein Land mit eigenen Regeln: Hier fahren Krankenschwestern in der gleichen Kleidung, in der sie später in der Notaufnahme stehen, morgens im voll besetzten Bus zur Arbeit. Rechnungen (auch Gas, Strom, Wasser) haben einen Strichcode und man kann sie an der Supermarktkasse zahlen. Und um eine Wohnung zu mieten, muss man eigentlich schon eine haben.


Glücklich schlafen in Buenos Aires: Nur mit garantía!

In Argentinien braucht man eine garantía, um eine Mietwohnung zu bekommen. Eine garantía ist eine Bürgschaft in Form einer anderen Wohnung. Sollte der Mieter die Bude abfackeln oder Mietschulden haben, bekommt der Vermieter die Wohnung des Bürgen. Und das kann nicht irgendeine Wohnung sein: Der Wohnraum muss einen vergleichbaren Wert haben und in einer dem Vermieter genehmen Gegend liegen. Wenn dem die Immobilie des Bürgen nicht gefällt, wird der Vertrag nicht unterschrieben.

Wer also keine eigene (Erst-)Wohnung hat, braucht Freunde, die bereit sind, Haus und Hof zu verpfänden. Jemandem eine garantía zu geben ist der vielleicht grösste Freundschaftsbeweis, den ein Argentinier machen kann. Zum Grillen einladen kann man mehrere Großfamilien und das jeden Sonntag. Die Wohnung kann nur zweidrei Mal verbürgt werden.

Als Ausländer ohne garantía hat man drei Möglichkeiten: Zu meist absurd hohen Preisen zur Untermiete hausen (und wenn Besuch aus der Heimat kommt hat man Pech, denn in den möblierten Zimmern darf man oft keine Gäste haben). Eine gefälschte garantía auf dem Schwarzmarkt kaufen und hoffen, dass sie nicht auffliegt. Jemanden finden, der sein Haus für einen verpfändet.

Es wäre allerdings ungerecht, auf die Vermieter zu schimpfen, ohne die andere Seite zu sehen (1): Argentinische Mieter scheinen außer Rand und Band zu geraten, wenn sie irgendwann ausziehen. Als ich in meine jetzige Wohnung einzog, fehlte das Rohr vom Spülkasten zur Toilette und der Sicherungskasten war weg, die Stromkabel waren mit Klebeband direkt aneinander geklebt.

Inzwischen miete ich nun seit sechs Jahren die gleiche Wohnung. Ruhe habe ich aber immer noch nicht. Erstens kümmern sich Vermieter hier um nichts (immerhin – den neuen Durchlauferhitzer hat meiner zur Hälfte übernommen, weil der alte unkontrolliert Gas ausspuckte und eine echte Gefahr war). Und zweitens werden Mietverträge in Argentinien alle zwei Jahre erneuert. Dann kann sich nicht nur die Miete verdoppeln, sondern der Makler heimst jedes Mal neu zwei ganze Monatsmieten Provision ein. Eine Quittung gibt er mir dafür – natürlich! – nicht. Mieterrechte sind gesetzlich so gut wie nicht geregelt, sagte man mir übrigens beim Mieterschutzbund. Ich könne den Vermieter ja darauf hinweisen, dass das “gegen die guten Sitten verstoße”. Mach’ ich gleich morgen. Da wird er sicher nachts ins Kissen heulen.

(1) Liebe Vermieter mit Wohungseigentum in Argentinien. Bitte seht davon ab, mir Leserbriefe zu schreiben. Es tut mir sehr Leid für Euch, wenn Eure Mieter nicht auf Eure Wohnungen aufpassen. Gebt sie einfach mir! (allen, denen diese Fußnote absurd erscheint sei gesagt: Ist sie nicht! Ich habe tatsächlich schon böse Leserbriefe von Menschen bekommen, die in Argentinien Wohnungen vermieten und das System der garantía verteidigen. Dabei zweifele ich ja gar nicht daran, dass auch die Vermieter hier ein hartes Los treffen mag!)

Ein hilfreicher Link für wohnungssuchende Buenos Aires-Besucher: http://buenosaires.es.craigslist.org/

Hauptsache feste Schuhe neben dem Bett – Erdbeben-Erfahrung aus Kalifornien

Das Erdbeben in Neuseeland und der Blog der heftig beben-geschüttelten Kollegin Anke Richter aus Christchurch haben mich daran erinnert, dass unsere Decken und das Notproviant für alle kalifornischen Bebenfälle mal wieder bei irgendeinem Campingtrip oder Ausflug zum Strand verschwunden sind, dass ich immernoch nicht das handbetriebene Radio gekauft habe, das es seit Wochen zum Sonderpreis im Supermarkt gibt und dass in dem Schrank, in dem eigentlich Wasser und Erste-Hilfe-Kiste sein sollten aus irgendeinem Grund seit Monaten leere Bierflaschen vor der Abgabe beim Recycling zwischengelagert sind.

Immerhin ist die Sicherheits-Lasche noch an der Schranktür. Die verhindert im Fall eines Bebens dass die Flaschen auf den Boden fallen. Das erinnert mich daran, wieder feste Schuhe neben das Bett zu stellen. Denn scheinbar gibt es vor allem nachts Erdbeben in Kalifornien, Fenster gehen kaputt, Bilderrahmen kommen von den Wänden und wenn man im verschreckten Halbschlaf barfuß aus dem Bett klettert hat man als erstes einen Glassplitter im Fuß und damit unnötig zusätzlich Probleme! Das habe ich jedenfalls bei der Recherche für zahlreiche Beiträge rund ums Phänomen Erdbeben gelernt. Kurz nach diesen Recherchen lege ich dann immer Vorräte an, stelle eine Erste-Hilfe-Kiste zusammen, deponiere Bargeld und Dokumente in einem Safe, schreibe wichtige Kontaktnummern auf, entwickle einen Fluchtplan, zwinge meinen Mann dazu, einen Treffpunkt zu vereinbaren, wo wir uns finden, falls uns das Beben getrennt voneinander erwischt und eine Telefonnummer zu vereinbaren, die wir beide erreichen, wenn unsere Handys ausfallen. Theoretisch bin ich inzwischen sehr gut in der Erdbebenvorbereitung – ein paar Wochen nach der Recherche sieht es in der Praxis aber nicht mehr so gut aus – siehe leere Bierflaschen im Erste-Hilfe-Schrank! 

 

Es gab ein paar mittel-heftige Beben in Los Angeles über die vergangenen Monate und Wissenschaftler grübeln nun ob das ein gutes Zeichen ist – heißt, dass sich Spannungen abbauen und deshalb größere Beben unwahrscheinlicher geworden sind – oder ob das kleine Ouvertüren sind für THE BIG ONE, das seit Jahren vorhergesagt wird mit mehreren tausend Toten und Milliarden an Sachschaden. Ich habe von den Beben nicht viel mitbekommen. Allerdings muss sich unser Haus innerhalb der letzten zwei Jahre bewegt haben. Und nicht wenig! Das hab ich entdeckt, als ich ein Bücherregal von einer Bürowand wegschob, die wir vor zwei Jahren frisch gestrichen hatten. Zwischen Staubwolken und Spinnweben klafft ein ziemlich heftiger Riss!

Kein Grund zur Beunruhigung! Häuser sind hier ja bevorzugt aus Holz gebaut, das hält sie flexibel und bebentauglich. Wir werden wohl nochmal streichen müssen. Oder das Regal wieder davor stellen.

Für die Kollegin Richter und ihre Familie, denen glücklicherweise allen nichts wirklich schlimmes passiert ist noch ein Tipp: hier raten alle Experten, sich möglichst NICHT in einen Türrahmen zu stellen wenn die Erde anfängt unruhig zu werden, eben weil Türen und andere Sachen da gut hinscheppern können. Sie empfehlen, sich unter eine solide Tischplatte zu begeben. Die einzige, die wir haben ist mein Schreibtisch und darunter ist wegen Kabelgewirr und Computer höchsten Platz für eine Person. Das bedeutet, mein lieber Mann muss im Fall des Falles vermutlich unter den Teak-Couchtisch kriechen. Hauptsache, er hat feste Schuhe an!  

 

 

Die Weltreporter werden erwachsen

Auf einem Podium mit Guardian-Starreporter Nick Davies und Krisenberichterstatter Ashwin Raman, mit  ARD-Legende Dagobert Lindlau, Stern-Auslandschef Hans-Hermann Klare und Tagesthemenredakteurin Ariane Reimers. Alle preisgekrönt und weit bekannt. Und mittendrin ich? Klar, warum nicht! Schließlich sitzt Du da für die  Weltreporter – und die haben mittlerweile auch einen guten Namen. Außerdem organisieren wir immerhin die ganze Veranstaltung. Sagt unsere Geschäftsführerin Barbara Heine, für die das Wort unmöglich irgendwie nicht existiert. Doch dann kommt Dagobert Lindlau als Erster durch die Tür, mittlerweile 78 und mit Stock in der Hand, aber mit jungenhaft verschmitztem Lächeln, und alle Bedenken sind vergessen.

Zum ersten Mal präsentieren die Weltreporter auf der Jahrestagung von Netzwerk Recherche eine  Podiumsdiskussion zur Auslandsberichterstattung. „Früher war alles besser!“ ist der Titel der Veranstaltung. War wirklich alles besser? fragt Moderatorin Julia Sen zum Auftakt. Nein! sagt Dagobert Lindlau fröhlich, während  Ashwin Raman schimpft, dass heute auf jeden Fall alles schlecht sei. Reimers und Klare relativieren ihre  Einschätzungen: Als Mitverantwortliche für das, was wir heute über das Ausland zu sehen und zu lesen bekommen, könnten sie wohl auch schlecht sagen, dass früher alles besser war. Aus meiner Freien-Sicht würde etwas mehr Rückgewandtheit zu intensiver und qualitativer Recherche vor Ort allerdings nichts schaden. Und deswegen gibt es ja die Weltreporter, sage ich. Dann trifft Stargast Nick Davies ein, dessen Platz neben mir bislang leer blieb, weil das Flugzeug zu spät landete. Der Guardian-Reporter erhält sogleich das Wort, das er für die nächsten fünf Minuten auch nicht mehr abgibt und – mit einem Arm noch in der Jacke – sogleich für eine Zusammenfassung seines  Bestsellers „Flat Earth News“ nutzt.

Trotz des redegewandten Briten kommen alle Podiumsteilnehmer etwa gleich oft zu Wort, es geht um   „Fallschirmspringer“ und zu viel Agenturjournalismus (was offensichtlich alle schlecht finden), um Abgrenzung zur  Propaganda von öffentlichen Institutionen und NGOs sowie „Embedded Journalism“ (was nicht alle ganz so schlimm finden). Hier wird es schon differenzierter: Raman zum Beispiel meint, es komme darauf an, ob der Journalist sich auch wirklich einbetten lasse, er könne sich samt seiner Kamera langfristig sozusagen unbemerkbar machen. Davies dagegen glaubt, dass unsere Weltmedien heute überwiegend propagandagesteuert sind.

Wie kommen Themen überhaupt ins Blatt oder auf Sendung, hinterfragt die Moderatorin, und lässt mich erklären, warum welche Themen gut ankommen (einfache Antwort: Katastrophen, Krisen, Krankheiten, deutsche Akteure oder islamische Extremisten) oder nicht (einheimische Akteure bei friedlichen Themen oder muslimische  Menschenrechtler zum Beispiel). Klare und Reimers bestätigen und scheinen sich doch irgendwie schuldig zu fühlen, zumindest holen sie zu längeren Rechtfertigungen ihrer Themenwahl aus. Dann die Frage an den Auslandschef des Stern: Warum jetzt ein Titel mit Folterfotos aus dem Irak? Bestimmt nicht für die Auflage, so Klare, man habe die Fotos bekommen und der Zeitpunkt passte zu den brisanten Äußerungen der neuen und der  alten US-Regierung. Der Stern wollte Haltung zeigen. Ein Relikt aus alten Zeiten der Auslandsberichterstattung, als  alles besser war? Oder doch eher die Sensation? Raman schimpft, was an den Fotos denn Besonderes sei, er habe diese seit Langem gehabt.

Davies von der Moderatorin auf den Stern-Titel angesprochen wirkt trotz der brillanten Übersetzerin an seiner Seite  verwirrt, den habe er nun wirklich noch nicht lesen können. Daher nutzt er die Gelegenheit eine weitere Kostprobe seiner provokanten Beredsamkeit zu geben und über neue Möglichkeiten der länderübergreifenden Zusammenarbeit von Medien zu referieren. Ob die Weltreporter denn nur für deutsche Medien berichten würden oder auch schon mal über Partnerorganisationen in anderen Ländern nachgedacht hätten? fragt er mich im  Anschluss an die Diskussion.

Für Fragen aus dem Publikum blieb bei der kurz bemessenen Stunde leider nicht viel Zeit, so blieb es bei drei Fragern, die sich vor allem für die Themenauswahl interessierten. Wie man denn als Freier Geschichten beim Stern unterbringen könne, fragte ein Kollege. Man habe keine guten Erfahrungen mit Freien, erklärte Hans-Hermann Klare, daher würden sie selten Geschichten von außen nehmen. Dann schob er jedoch nach: Bei den Weltreportern allerdings würden sich die Redaktion immer auf der sicheren Seite fühlen. Nette Geste, so zum Schluss.

Der gut gefüllte Seminarraum blieb dies auch bis zum Ende der Veranstaltung, offensichtlich war die Diskussion spannend genug, um nicht vorzeitig zu gehen. Ein Journalistikstudent bittet mich im Anschluss um ein Interview für seine Diplomarbeit, ein Redakteur aus Osnabrück um Tipps für die freie Arbeit im Ausland. Andere Kollegen  erzählen beim Mittagessen im Stehen von ihren erfolgreichen oder weniger erfolgreichen Versuchen als freie Korrespondenten, man tauscht sich aus. Es läuft immer auf das erfolgreiche Verkaufen der Geschichten heraus –  und das Non-plus-Ultra dafür ist: ein gut funktionierendes Netzwerk.

Am gleichen Abend noch feiert die Henri-Nannen-Schule ihr 30-jähriges Jubiläum in Hamburgs  Völkerkundemuseum. Bei der Begrüßung erkenne ich einige Gesichter aus dem Publikum der Podiumsdiskussion wieder: die aktuellen Journalistenschüler. Eine Schülerin kommt auf mich zu und fragt: Sie saßen doch heute Mittag auf dem Podium? Waren Sie wirklich bei der Gründung der Weltreporter dabei? Ich muss lachen und denke daran, dass ich mich heute Morgen noch selbst wie eine Journalistenschülerin gefühlt habe. Offensichtlich alles eine Frage der Perspektive. Ja, sage ich, und der Begrüßungssekt prickelt im Hals.

(Foto: Wulf Rohwedder, netzwerk recherche e.V.)

Eine Pressemitteilung aus allen Ecken der Welt

In der vergangenen Woche hat zunächst der Focus darüber berichtet, dass freie Auslandsjournalisten für den BND gearbeitet haben sollen, später die Berliner Zeitung. Viele Weltreporter haben regelmäßig Probleme bei ihrer Arbeit, weil sie unter dem Verdacht stehen, in Wirklichkeit nicht an Geschichten, sondern für Geheimdienste zu arbeiten – nicht, weil man sie persönlich verdächtigen würde, sondern weil Journalisten im Ausland oft grundsätzlich mit diesem Vorbehalt leben müssen. Wir haben uns deshalb entschieden, mit einer Pressemitteilung gegen diese Praxis zu protestieren.Nebenbei haben wir so zum ersten Mal weltweit gemeinsam an einem Text gearbeitet: Geschrieben wurde er wechselweise in Kairo und Teheran, anschließend unter allen Weltreportern diskutiert, schlussgelesen in Rom – und verschickt wurde er von Berlin aus. Diese Pressemitteilung ist also gewissermaßen ein Weltreport:

»Geheimdiensttätigkeit und Journalismus sind unvereinbar – WELTREPORTER.NET, das Netzwerk freier deutschsprachiger Auslandskorrespondenten, sieht die eventuelle Zusammenarbeit von Korrespondenten und Bundesnachrichtendienst mit großer Sorge und fordert die rasche Klärung des Sachverhalts.

Unter Berufung auf das Magazin »Focus« berichteten deutsche Medien über eine mögliche Zusammenarbeit zwischen dem Bundesnachrichtendienst und einzelnen freien deutschen Auslandskorrespondenten. Die Rede ist von 20 Reportern, die vom BND als Quellen geführt und für ihre Informantendienste bezahlt worden sein sollen. Dass sich dieser Verdacht erhärten könnte, beunruhigt uns.

Viele der Auslandskorrespondenten von WELTREPORTER.NET gehen ihrem Beruf in Regionen nach, in denen westlichen Journalisten immer wieder vorgeworfen wird, sie arbeiteten für die Nachrichtendienste ihrer Heimatländer. Der Vorwurf der Agententätigkeit unter dem Deckmantel des Journalismus bedroht nicht nur die kritische, unabhängige Arbeit der Korrespondenten, sondern auch ihre Gesundheit und manchmal ihr Leben. Sie werden dadurch von unparteiischen Beobachtern zu Teilnehmern an Konflikten und zur Zielscheibe verschiedener Interessengruppen.

Dieser Generalverdacht der Spitzeltätigkeit, dem sich viele ausländische Korrespondenten zum Beispiel in China, Ägypten, im Iran oder im Irak ohnehin schon ausgesetzt sehen, dient Regimes wie Oppositionellen, Aufständischen wie Terrorgruppen immer wieder als Vorwand, um gegen Reporter vorzugehen – auch gegen westliche. So wurden Korrespondenten mit dem Hinweis auf eine mutmaßliche Agententätigkeit bei ihrer Arbeit behindert, misshandelt, ins Gefängnis gesteckt, entführt oder auch ermordet.

Deshalb erfüllen uns die jüngsten Berichte mit Sorge. Allen Beteiligten muss klar sein, dass eine Zusammenarbeit zwischen BND-Mitarbeitern und einzelnen Auslandskorrespondenten keine Privatangelegenheit dieser beiden Personengruppen ist. Sie würde dazu führen, dass Journalisten in Zukunft noch häufiger generell als Agenten betrachtet werden. Wir Korrespondenten könnten den Verdacht dann kaum mehr entkräften. Darüber hinaus erhöht sich auch das Risiko jener, die vor Ort zum Gespräch mit Korrespondenten bereit sind. Sie müssten mehr denn je befürchten, der Zusammenarbeit mit einem Nachrichtendienst verdächtigt zu werden.

Wir fordern deshalb eine zügige und transparente Aufklärung aller Vorwürfe. Wir erwarten, dass die Verantwortlichen benannt und zur Rechenschaft gezogen werden und dass Nachrichtendienste von vornherein darauf verzichten, Auslandskorrespondenten anzuwerben. Nur dann ist es den Korrespondenten – freien wie festangestellten -– möglich, das Risiko ihrer Arbeit zu kalkulieren. Wir, die Mitglieder von WELTREPORTER.NET, halten fest: Geheimdiensttätigkeit und Journalismus sind unvereinbar.«

Weltreporter schon älter?

Im Herbst vor zwei Jahren haben wir das Korrespondentennetz Weltreporter.net gegründet. Wir wollten damit den ersten weltweiten Zusammenschluss deutschsprachiger Auslandskorrespondenten schaffen.

Die internationalen Fotoagenturen hatten uns dazu inspiriert. Für Schreiber gab es nichts Vergleichbares. Vielleicht spielte auch der Neid auf die Fotografen bei der Gründung eine Rolle, auf jeden Fall dachten wir, dass wir etwas völlig Neues anfangen.

Unsere Idee hatte so großen Erfolg, dass bald die ersten Nachahmer auftauchten.

Jetzt wurden bei Ausgrabungsarbeiten in österreichischen Antiquariaten Hinweise darauf entdeckt, dass es bereits vor uns Weltreporter gegeben haben könnte.