TOULOUSE, Freitag, der 15. Januar 2010
Birgit Kaspar

Grenzenlose Inkompetenz

Willkommen im vor-elektrischen Zeitalter! Wir befinden uns im Libanon im Jahre 2010. Und zwar nicht irgendwo in den fast jemenitisch anmutenden, vernachlässigten Orten im Norden an der Grenze zu Syrien. Nein, mitten in der Hauptstadt Beirut, im Stadtviertel Sanayeh. Seit über 50 Stunden sind wir stromlos. Dafür haben die Bauarbeiter zwei Straßen entfernt gesorgt, als sie mit ihrem Bulldozer ein Versorgungskabel durchtrennten. Die Konsequenz: Ein Kurzschluss im nahe gelegenen Verteilerkasten, einige private Generatoren in der Nachbarschaft gerieten in Brand (ja, auch aus unserem Keller stieg am Dienstagmittag gegen 13 Uhr dicker, bläulicher Rauch auf) und in vier Strassen gingen die Lichter aus.

Klar, Pannen am Bau passieren auch in Deutschland. Man darf sich trotzdem fragen, warum diese Bauarbeiter nicht wussten, dass dort wichtige Hauptleitungen verlegt waren und dass man vielleicht etwas vorsichtig vorgehen sollte. Die Antwort ist relativ einfach: Hier werden Bauarbeiten nicht unbedingt nach einem ausgefeilten Plan ausgeführt. Auch in diesem Bereich rühmen die Libanesen sich ihrer Improvisationskünste und oft nicht ganz so glücklicher ad hoc Entscheidungen. Allerdings geht man als Mitteleuropäer davon aus, dass ein solcher Kabelschaden mit Fachkräften leicht wieder zu beheben sein müsste. Nur: Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Die wenigsten Bauarbeiter oder Elektriker in diesem Land haben eine Fachausbildung. Hier wird bestenfalls das Handwerk vom Vater an den Sohn weitergegeben, schlimmstenfalls heißt es einfach: Learning by doing. Und deshalb oft: Grenzenlose Inkompetenz.

Nach dieser Glanzleistung wurde erstmal auf der Strasse debattiert, keiner wollte die Verantwortung übernehmen. Dann traten die Experten leicht betreten den Rückzug zur weiteren Beratung an, denn inzwischen hatte es zu regnen angefangen. Immerhin 30 Stunden später begannen die Presslufthammer die Gegend zu erschüttern. Die ganze Strasse wurde bis zum Verteiler aufgerissen, die Kabel wieder verbunden und die Sicherungen im Verteilerkasten ausgetauscht. Gestern Nachmittag machte plötzlich die frohe Botschaft die Runde: Am Abend sollten die Lichter wieder angehen. Inshallah. 

Zum Glück sind wir nicht ganz unvorbereitet, denn in der Glitzermetropole Beirut kommt jeden Tag mindestens drei Stunden lang kein Strom aus der Steckdose. Das liegt daran dass die Electricité du Liban das Land nur mit rund 70 Prozent des Energiebedarfs versorgen kann, was unterm Strich wiederum an Inkompetenz, Ineffizienz aber noch viel mehr an der unvorstellbaren Korruption im Lande liegt. Viele Haushalte sind deshalb an einen sehr teuren Nachbarschaftsstromgenerator angeschlossen, der anspringt, wenn der Strom ausfällt. Oder sie betreiben – wie wir – einen eigenen kleinen Generator auf dem Balkon. Der überbrückt drei Stunden problemlos, wenn man keine Stromfresser anschließt,  muss dann aber zum Abkühlen wieder abgeschaltet werden. 

Ich lebte also im Dreistundentakt. Drei Stunden Internet, Computer und Drucker, dann wieder lesen, im Zweifelsfalle bei Kerzenlicht. Abends gab’s romantische Candlelight-Dinner und mit geschicktem Energiemanagement sorgten wir dafür, dass der volle Tiefkühlschrank irgendwie doch nicht abtaute. Nur für die Spülmaschine, die Waschmaschine oder die Heißwasserboiler reichte der Generator dann doch nicht aus. Mein Flehen „Herr, wirf Hirn vom Himmel“ wurde letztlich erhört. Die verehrten Meister der Inkompetenz haben es schließlich geschafft – gestern Abend gingen die Lichter wieder an in unserem Viertel. Das haben wir gefeiert! Licht an in allen Räumen und endlich wieder eine heiße Dusche! So sehen sie aus, die einfachen Freuden 2010 in Beirut, dieser Perle am Mittelmeer.

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