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Grenzenlose EU: Das spanisch-französische Krankenhaus Hospital de Cerdanya

 

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Opulent statt karg: Neue Perspektiven fürs Restaurantdesign

 

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Unschön, aber praktisch: Hommage an den Einkaufstrolley

 

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Superblocks: Selbst für Barcelona zu radikal?

 

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“Aus heutiger Perspektive war das Zwangsarbeit”

 

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Manifesta in Barcelona

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Reif von der Insel

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Spanien und die ETA – Zehn Jahre Waffenstillstand

 

Die Buchhandlung “Lagun” ist in der baskischen Metropole San Sebastián eine Institution. 1968 gegründet, zeigten die Besitzer der Franco-Diktatur die Stirn und verkauften sogenannte “verbotene Literatur”. Später, als sie sich in der Demokratie wähnten, wurden sie wieder angegriffen, dieses Mal von der linksseparatistischen baskischen Untergrundorganisation ETA.

Mitgründer Ignacio Latierro ist stadtbekannt. Der rüstige, schlaksige Mann Anfang 70 bekam die Gewalt der ETA erstmals 1983 zu spüren. Nachdem ein Terrorist beim Manipulieren mit Sprengstoff ums Leben gekommen war, forderte die ETA den lokalen Handel auf als Zeichen der Solidarität in Streik zu treten und zu schließen. Doch Latierro und seine Kollegen weigerten sich.

“Nachdem das Kommando die Buchhandlung beschmiert hatte, kam die Anführerin auf mich zu und drohte: ‚Ihr seht, was wir tagsüber machen. Passt auf, was Euch nachts passiert.’ Ich antwortete: ‚Das ist ja genauso wie damals unter Franco, als die ultrarechten ‚Guerrilleros de Cristo Rey’ erst die Wände beschmierten und dann nachts Bomben legten'”, erzählt er.

“In diesem Augenblick kam ein Priester hinter einer Säule hervor und flüsterte der Frau etwas ins Ohr. Daraufhin ging sie. 1983 war es für die ETA noch unpassend, gegen eine Institution vorzugehen, die wie die Buchhandlung Lagun ganz eindeutig auf der Seite des antifranquistischen Widerstands gekämpft hatte.”

 

Zertrümmerte Schaufenster, verbrannte Bücher

 

Aber die Zeiten änderten sich schnell. Richteten sich die Anschläge der ETA zunächst überwiegend gegen die Guardia Civil, gerieten in den 1990er-Jahren auch Lokalpolitiker und Journalisten ins Visier. Grundsätzlich konnten Autobomben und Brandanschläge jede öffentliche Person treffen, die sich nicht eindeutig hinter die Organisation stellte – so wie die Betreiber der Buchhandlung Lagun, die in ihrem Sortiment zwar jede Menge baskische Bücher hatten, den Terror der ETA aber offen kritisierten. Weihnachten 1996 klingelte eine Nachbarin Ignacio Latierro aus dem Bett. Alle Schaufenster des Ladens waren zertrümmert, alle Bücher beschmiert worden. Er räumte auf. Nachts gingen die Krawalle weiter.

Wie viele Anzeigen er damals gestellt habe, wisse er nicht mehr. Dennoch hat Latierro diese Tage in guter Erinnerung: Wegen der Solidarität seiner Kunden.

“Bis Mitte Januar kauften tagsüber Hunderte Menschen die beschmutzten Bücher, Glasscherben, alles was wir hatten. Und nachts kamen die Randalier wieder – bis sie dann tatsächlich Bücher hier auf dem Platz verbrannten. Da haben endlich auch die Behörden reagiert und eine Polizeistreife für uns abbestellt.”

 

Baskische Solidarität mit ETA-Häftlingen

 

Auf der Plaza de la Constitución erinnert nur ein Transparent an die jüngste Vergangenheit. Darauf wird die Verlegung aller baskischen Häftlinge ins Baskenland fordert. Nach wie vor sind 190 ETA-Mitglieder in Haft.

In der Calle Juan de Bilbao gleich nebenan ist die Solidarität mit ihnen groß. Vor den Kneipen weht die Ikurriña, die baskische Fahne mit einem weißen und grünen Kreuz auf roten Grund, an den Wänden kleben Aufrufe zu Demos. Früher standen Solidaritätskassen auf dem Tresen, die guten Kontakte mancher Kneipenbesitzer zur ETA waren stadtbekannt.

Ainara Esteran, 46 Jahre alt, war Mitglied der ETA. Wenn sie von ihrem Weg in die Terrororganisation erzählt, bleibt sie allgemein.

“Es war in meinem Lebenslauf vorgezeichnet: Ich fühlte mich als Teil der Arbeiterklasse und wollte für ein gerechteres Land kämpfen. Die 1980er-Jahre waren sehr gewalttätig. Auf dem Weg zur Schule habe ich Blutlachen gesehen, bei den Demonstrationen hat die Polizei auf alles geschossen, Nachbarn von mir sind umgekommen. Das prägt natürlich.”

Wegen der Vorbereitung von Attentaten und Mitgliedschaft in einer Terrorvereinigung hat Ainara Esteran neuneinhalb Jahre im Gefängnis verbracht, den Großteil davon wie fast alle ETA-Terroristen unter Bedingungen “ersten Grades”, den härtesten des spanischen Strafvollzugs: 90 Prozent der Zeit verbrachte sie allein in der Zelle, Gespräche, Briefe, Besuch wurden überwacht.

Den größten Teil der Strafe saß Esteran in Alicante ab, 800 Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. ETA-Mitglieder wurden jahrzehntelang grundsätzlich in Gefängnissen untergebracht, die so weit wie möglich vom Baskenland entfernt waren: So sollte die Organisation zerschlagen werden.

“Ich bin ein staatliches Folteropfer”

 

Esteran ist heute Sprecherin von Egiari Zor, einer Stiftung, die die Interessen der Opfer der “staatlichen Gewalt” vertritt. Dazu zählen die etwa hundert Menschen, die von den staatlichen Todesschwadronen GAL in den 1980er-Jahren getötet wurden und ihre Angehörigen – sowie die, laut Studien, mehrere Tausend Häftlinge, Sympathisanten, Unbekannte, die von Sicherheitsbehörden misshandelt wurden. Auch sie habe man 2001 gefoltert, sagt Esteran. Wie, will sie nicht erzählen.

Finanzielle Entschädigung erhalten in Spanien derzeit nur Folteropfer der Jahre zwischen 1979 und 1999. Egiari Zor will, dass der Zeitraum bis in die Gegenwart ausgeweitet wird. Sie beurteilt die Vergangenheit wie viele im Baskenland: Es war ein Konflikt, für den beide Seiten gleichermaßen Verantwortung tragen, die ETA und die Regierung.

 

Noch heute haben die ETA-Terroristen vielerorts Heldenstatus

 

In Hernani, einer Kleinstadt zehn Zugminuten von San Sebastian entfernt, prangt an einer weißen Häuserwand ein Graffiti mit den Porträts aller verurteilten ETA-Häftlinge aus dem Ort. Mehrere Quadrate sind bereits geweißt, als Zeichen dafür, dass die Häftlinge frei und wieder “zu Hause” sind. Die “Ongi Etorris”, öffentliche Willkommensfeiern für Ex-Terroristen, werden in der spanischen Presse scharf kritisiert.

Von Unterstützervereinen wurden Besuchsreisen in die entlegensten Winkel Spaniens organisiert, wo man die ETA-Gefangenen inhaftiert hatte. Für Josune Dorronsoro gehören Gefängnisbesuche zum Alltag. Ihr Bruder José Mari war in Gefängnissen in Frankreich, Madrid, Cádiz inhaftiert – und sitzt jetzt, seit März, in Pamplona. Eine deutliche Verbesserung, denn so ist er seiner Familie viel näher.

Aber eigentlich sollte José Mari Dorronsoro längst in Freiheit sein. Nur ein Sonderstrafrecht, das Spanien speziell für ehemalige ETA-Mitglieder anwendet, macht eine quasi lebenslange Haftstrafe möglich. Dieses Sonderstrafrecht müsse sofort beendet werden, fordern Unterstützerverbände, weil sich die Organisation ETA 2018 aufgelöst hat, also keine Gefahr besteht, dass sie wieder straffällig werden.

 

Zarte Versöhnungsversuche

 

In Vitoria, der Hauptstadt der autonomen Region des Baskenlandes, hat die spanische Regierung im Sommer das “Memorial para las Víctimas del Terrorismo” eröffnet, eine Gedenkstätte für alle Opfer des Terrorismus. In einer Videoinstallation direkt am Eingang erzählen nicht nur Opfer der ETA oder anderer Terrorgruppen von ihrem Schmerz, sondern auch Menschen, die Angehörige durch staatliche Gewalt verloren haben. Themen wie Polizeifolter allerdings bleiben ausgespart.

Gorka Landaburu, Journalist, wurde 2001 Opfer der ETA. Eine Briefbombe zerfetzte ihm mehrere Fingerglieder an beiden Händen und das Trommelfell. Auch seine Sehkraft ist seitdem eingeschränkt. Landaburu bezeichnet sich als “privilegiertes Opfer”: Als Journalist hatte er die Öffentlichkeit auf seiner Seite. Der Mitinitiator von “Gesto por la paz” gehörte zu den wenigen, die bereits in den 1980er-Jahren für einen Gewaltverzicht eintraten.

“Wunden müssen vernarben, um zu heilen. Die beste Methode dafür ist der Dialog. Allerdings muss es dabei ein übergeordnetes Prinzip geben. Und das ist das Recht auf Leben. Zu töten, war ungerecht. Das anzuerkennen, ist Vorbedingung für alle zukünftigen Debatten. Und bei der Anerkennung dieses Prinzips hat das Umfeld von ETA mehr Hausaufgaben zu erledigen als andere”, sagt er.

Kurz vor dem endgültigen Waffenstillstand nahm der Journalist auch an Opfer-Täter-Begegnungen teil: Die Resozialisierungsmaßnahme sollte Ex-Terroristen, die der Organisation öffentlich abgeschworen hatten, den Weg in die Normalität erleichtern.

“Beim Abschied eines Gesprächs kamen zwei der Terroristen auf mich zu und sagten, sie hätten zu dem Kommando gehört, das mir damals die Briefbombe geschickt hat. Sie haben mich um Verzeihung gebeten. Das hat mich betroffen gemacht. Ich habe ihnen geantwortet: Das freut mich – für mich, aber auch für euch. Ich werde mich dafür einsetzen, dass ihr so schnell wie möglich aus der Haft kommt. Im Auto überkam mich dann ein Gefühl der tiefen Erleichterung – und Befriedigung: Ich habe mir gesagt: Genau das ist der Weg. Reden, reden, reden. Reden und erinnern.”

 

 

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Cannabisclubs: Kiffen, bis die Polizei kommt

Zufällig findet niemand den Weg zu La Kalada. Das Vereinslokal des Cannabisclubs liegt in einer ruhigen Seitenstraße am Hang von Barcelonas Hausberg Montjuïc. Ein schlichter zweistöckiger grauer Bau, am garagenähnlichen Eingangstor ist nur eine namenlose Klingel. Wer darauf drückt, muss zunächst dem Pförtner seinen Mitgliedsausweis vorzeigen. Wer keinen hat: Die Ausstellung erfolgt nach Vorlage von Pass oder Personalausweis in ein paar Minuten. Erst danach geht es durch eine schwere Brandschutztür in den eigentlichen Club: ein weitläufiger, etwa 100 Quadratmeter großer Raum, die Wände mit großflächigen Graffiti bemalt. Ein paar ausladende Sitzgruppen, ein Tresen mit Zubehör für Joints, in der Ecke eine kleine Bar.

Am frühen Nachmittag ist noch nicht viel los. Ein schwacher Geruch von Reinigungsmitteln und süßlich-würzigem Marihuana hängt in der Luft. Zwei Frauen Mitte 40 unterhalten sich leise. Vereinspräsident Alessio Mondini grüßt sie mit einem Kopfnicken. Die beiden winken freundlich zurück. Man kennt sich.

La Kalada, zu Deutsch “Der Zug” (aus Zigarette oder Joint), ist einer von Barcelonas bekanntesten Cannabisclubs. Internetrezensionen rühmen das künstlerische Ambiente und die frei verfügbaren Videospiele. Und natürlich die verschiedenen Marihuanasorten, die bei Verkostungen diverse Preise gewonnen haben.

Ähnliche Clubs soll es bald auch in Deutschland geben: private Vereine Gleichgesinnter, in denen sich Cannabisliebhaber nach Einlasskontrolle in begrenzten Mengen mit gemeinschaftlich angebautem Marihuana zumindest versorgen können. Das sieht ein Entwurf vor, den Gesundheitsminister Karl Lauterbach jüngst vorgestellt hat. Vom “spanischen Modell” ist die Rede. Dabei existiert dieses Modell streng genommen gar nicht. Und gemeinschaftlichen Konsum sieht Lauterbachs Plan auch gar nicht vor.

 

Bereits 1.500 Clubs landesweit

 

Es gibt in Spanien kein Gesetz, das die Cannabisclubs explizit gestattet. Anbau, Handel und Transport von sind in Spanien weiterhin verboten, lediglich der Konsum in privaten Räumen ist erlaubt. Die Cannabisclubs haben ihre Organisationsform aus spanischen Gerichtsurteilen aus den Neunzigerjahren abgeleitet, die den gemeinschaftlichen Anbau von Cannabis für den Privatkonsum und den gemeinsamen Drogengebrauch für straffrei erklären.

Laut der Wissenschaftszeitschrift The Lancet ist das Land mit dem EU-weit dritthöchsten Cannabiskonsum. Und Growshops, also Läden mit Zubehör für den Eigenanbau, fehlen in keiner Fußgängerzone. Auch wenn Kiffen in Spanien weit verbreitet ist, bewegen sich die Cannabisclubs in einer rechtlichen Grauzone. Dabei gibt es sie bereits seit über 30 Jahren. Die ersten entstanden in Katalonien und im Baskenland. Inzwischen sind es nach einer Schätzung des überregionalen Zusammenschlusses ConFac etwa 1.500 im ganzen Land.

Alessandro Mondini lässt sich auf eines der breiten roten Sofas fallen und bröselt etwas Marihuana aufs Drehpapier. Mondini ist Musiker. Künstlername: Jahki Revi; Stilrichtung: Reggae. Kiffen sei Teil seines Lebensstils, sagt er. Nach Barcelona kam er, weil die Rechtsprechung beim Cannabiskonsum hier im Vergleich zu seinem Geburtsland Italien liberaler schien. 2012 gründete er gemeinsam mit befreundeten Musikern den Club La Kalada, laut Vereinsregister als Kulturverein. Damals gründeten sich in der Mittelmeerstadt ganz viele solcher Clubs – Barcelona ist seitdem das Amsterdam des Südens.

Vier Jahre später schuf die linksalternative Stadtverwaltung sogar eine spezifische Regulierungsrichtlinie für Cannabisclubs, mit Vorgaben für Filteranlagen und Mindestabständen zu Schulen. Nach mehreren Urteilen des spanischen Verfassungsgerichts musste die Stadt diese Richtlinie allerdings inzwischen zurückziehen.

 

“Die Lage ist verzwickt”, sagt Mondini und nimmt einen tiefen Zug. Ende des Jahres habe er nach einer Razzia drei Tage in einer Gefängniszelle verbringen müssen, “wegen der üblichen Vorwürfe”. Mehr sagt er nicht. Sein Anwalt habe ihm empfohlen, sich nicht zum laufenden Verfahren zu äußern. “Ich bin es jedenfalls satt, morgens nicht zu wissen, ob ich abends zu Hause oder auf einer Polizeistation schlafen werde.”

Die Anwältin Gabriela Sierra Fontecilla hat sich auf das Thema Cannabis spezialisiert. “Der Druck auf die Cannabisclubs ist größer als je zuvor”, bestätigt sie. Klienten gibt es genug: Etwa 70 Prozent der Clubs haben oder hatten Probleme mit der Justiz, heißt es von ConFac, einem überregionalen Zusammenschluss von Cannabisclubs. Illegaler Anbau oder Handel mit Cannabis können in Spanien mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden.

2016 ließ das oberste Gericht mehrere Cannabisclubs schließen, wegen Verstößen gegen die öffentliche Gesundheit und Bildung einer illegalen Vereinigung. Seither geht die Justiz immer restriktiver gegen die Vereine vor. In der spanischen Presse häufen sich Berichte über Gewächshäuser in leer stehenden Fabrikanlagen oder abgelegene Felder, die für illegalen Anbau benutzt wurden. Allein in Katalonien beschlagnahmte die Polizei im letzten Jahr 26 Tonnen Marihuana, 2.130 Menschen wurden im Zusammenhang damit verhaftet.

 

Die Szene gibt sich bedeckt. Kaum ein Cannabisclub verrät, woher er sein Gras bezieht. Kaum einer spricht über Grammpreise. Offiziell verwahren die Vereine lediglich kommissarisch das  arihuana, das ihre Mitglieder zu Hause anbauen. Die Mitgliedsgebühren, bei La Kalada 20 Euro im Jahr, sind die einzigen Einnahmen, die die Vereine offiziell erwirtschaften dürfen. Dabei ist es
ein offenes Geheimnis, dass auch gehandelt wird. In vielen Clubs liegen Preislisten aus, inklusive genauer Beschreibung der psychoaktiven Wirkungen und der Geschmacksnuancen.

“Bei uns hat jedes Mitglied ein eigenes Schließfach mit Namen”, beteuert Vereinspräsident Mondini. Etwa 300 kämen regelmäßig einmal die Woche. Wie viele Mitglieder der Club insgesamt hat,  öchte er nicht sagen. Im spanischen Modell ist die Abgabe, abgeleitet aus Rechtsprechung, auf zwischen 60 und 100 Gramm pro Mitglied im Monat begrenzt – Deutschland plant eine Obergrenze von 50 Gramm. Allerdings sind in Spanien Mehrfachmitgliedschaften nicht ausgeschlossen. Auch Mondini hat mehrere Ausweise “von befreundeten Clubs”.

Das wacklige Konstrukt ist auch ein Einfallstor für Organisierte Kriminalität. Laut spanischer Polizei mischen zunehmend “Banden aus Osteuropa, Marokko und Spanien” mit. Deren Gewinnmargen sind enorm: “Mit einer Investition von 6.000 Euro lassen sich 240.000 Euro verdienen”, sagte der Richter Josep Perarnau im spanischen Fernsehen. Das Geschäft sei straff
durchorganisiert: von der Suche nach leer stehenden Fabrikanlagen über das illegale Abzapfen von Elektrizität für die UV-Lampen für den Indooranbau bis zum Verkauf an den Meistbietenden. Das bekommen auch die Cannabisclubs zu spüren. Immer wieder brechen bewaffnete Kriminelle ein, auch ins La Kalada. “Die meisten Clubs bringen das gar nicht erst zur Anzeige, um sich nicht noch ein zusätzliches Problem mit der Polizei aufzuhalsen”, sagt Mondini.

Dabei wäre die Lösung des Problems einfach: “Wir brauchen endlich einen gesetzlichen Rahmen – sowohl für die Clubs als auch für den Anbau und den Handel”, fordert Anwältin Sierra Fontecilla. Drei parlamentarische Vorstöße für eine Legalisierung gab es in Spanien bisher, unter anderem von Unidas Podemos, dem kleineren Koalitionspartner der spanischen Linksregierung. Doch bisher ließen die regierenden Sozialisten lediglich über medizinisches Cannabis mit sich reden. Eine Freigabe als Genussmittel lehnten sie mit Blick auf die europäische Rechtslage und die Gesetze in den europäischen Nachbarländern ab.

Sierra, die sich als Aktivistin auch in der Procannabispartei Luz Verde engagiert, setzt daher große Hoffnungen in den Entwurf der Bundesregierung. “Wenn in einem so wichtigen EU-Land wie Deutschland Cannabiskonsum erlaubt wird, ziehen früher oder später alle anderen Länder nach.” Die notwendige gesellschaftliche Unterstützung gebe es längst. Laut einer Befragung des staatlichen Meinungsforschungsinstitut CIS von 2021 befürworten 90 Prozent der Spanierinnen und Spanier die medizinische Therapie mittels Cannabis und Marihuana – wie sie in Deutschland bereits möglich ist. Und knapp 50 Prozent haben keine Einwände gegen einen Joint zur Entspannung. Bis auch der Handel mit Freizeitcannabis in der EU und im Schengenraum möglich werden, sei dann nur noch eine Frage der Zeit.

Die Gründer von La Kalada wollen so lang nicht mehr warten. Mondinis Partner ist derzeit in Thailand, wo die Regierung den Handel mit Cannabis Anfang des Jahres freigegeben hat.
Auf der Insel Ko Samui eröffnet demnächst das Ferienresort La Kalada, ein eigenständiges Unternehmen, aber unter dem Namen der Dachmarke aus Barcelona. Mit zehn Apartments, einem italienischen Restaurant, einer Bar und einem Marihuanashop. Und alles ganz legal.

 

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Küstenerosion am spanischen Mittelmeer – Wie Katalonien um seine Strände kämpft

„Die Entwicklung hier ist brutal. Ich arbeite seit sieben Jahren an dieser Segelschule.
Als ich angefangen habe, war der Strand noch doppelt so groß und doppelt
so lang: Es gab bestimmt 60, 70 Meter mehr.“ Xavi Ferrer steht auf dem
schmalen Stück Strand, das das Meer übriggelassen hat: ein zwanzig Meter
breiter Streifen Sand in Masnou, einem Küstenstädtchen in der Provinz
Barcelona. Ein paar Meter hinter ihm ragt das Stahlbetonskelett einer
Treppe zur Promenade in die Luft: Brandung, Wind und Stürme haben sie
stückchenweise mitgerissen.
Das Wasser rückt jedes Jahr ein Stückchen näher. Weil der Meeresspiegel
steigt. Weil Unwetter an der Küste nagen. Weil der dicht bebaute Strand
sich nicht mehr erholen kann. In den Nachbarorten sieht es ähnlich aus.
Nach einer Studie des katalanischen Instituts für Klimaresilienz könnten
bis 2034 neun Prozent der katalanischen Strände komplett verschwunden
sein. 54 Prozent wären dann so schmal, dass kaum noch Platz für
Badetücher und Sonnenschirme bleiben würde.
„Das Problem hier in Maresme ist, dass die Strände künstlich angelegt sind:
Wir haben überall Häfen und Molen gebaut, um den Sand zu fixieren. Aber
sie bringen das natürliche Gleichgewicht durcheinander.“ Das ist ein
Teil des Problems. Der andere: Der Nachschub an Sand fehlt. 90 Prozent
des Sandes an der Küste werden von den Flüssen angespült. Doch Staudämme
im Landesinneren verhindern, dass Sedimente, dass Sand, Mineralien,
Partikel von Pflanzen, ins Meer gelangen. Das kann in der Klimakrise
dramatische Folgen haben.

Strände schützen Straßen, Häuser, Landwirtschaft und Industrie

Sandstrände haben eine wichtige Funktion beim Küstenschutz: Sie bilden eine
natürliche Grenze zum Meeresspiegel, der aufgrund der Erderwärmung,
schmelzender Pole und Gletscher steigt. Strände schützen Straßen,
Häuser, Landwirtschaft und Industrie. Wenn sie verschwinden und der
Meeresspiegel steigt, dann wird das vor allem am Mittelmeer zur
Bedrohung. Denn während am Atlantik die Gezeiten seit jeher die Menschen
dazu gezwungen haben, mehr Abstand zum Wasser zu wahren, sind weite
Teile der Mittelmeerküste bebaut.Der Biologe Carles Ibañez spricht von einem „Tsunami im Zeitlupentempo“. Er leitet das
katalanische Institut für Klimaresilienz. Es hat seinen Sitz im Delta
des Ebro, 200 Kilometer südwestlich von Barcelona. Hier, an der Mündung
eines der längsten Ströme der iberischen Halbinsel, wird das zerstörte
Gleichgewicht zwischen Fluss und Meer und die Verschärfung des Problems
durch die Klimakrise, besonders deutlich.

„Deltas sind dynamische Systeme. Die Sedimente, die der Fluss an die Küste spült, werden mit
der Zeit zusammengepresst, der Boden sinkt. Früher wurde das
ausgeglichen, weil der Fluss über die Ufer trat und immer wieder neue
Sedimente ins Delta spülte. Ein steigender Meeresspiegel wäre damals
kein Problem gewesen, der Nachschub hätte Kompression und Erosion
ausgeglichen. Aber jetzt kommen keine Sedimente mehr, der Meeresspiegel
steigt und nichts gleicht die Senkung aus. Die Küste weicht zurück.“

Seit den 1950er-Jahren wird der Ebro aufgestaut – um Strom zu erzeugen, zur
Speicherung von Trinkwasser und um die Landwirtschaft mit Wasser zu
versorgen. Dadurch fehlen laut Berechnungen der Polytechnischen
Universität Katalonien jedes Jahr 300.000 Tonnen Sand. Das Delta ist vom
Verschwinden bedroht. „Wir haben einfach zu spät reagiert. Der Strand
ist so fragil, dass jeder Sturm ihn zerstören kann, die Reisfelder
überspült und Infrastrukturen geschädigt werden können.“

Als im Januar 2020 das Sturmtief Gloria über das Delta zog, floss das Wasser
drei Kilometer über die Landzunge. Häuser, Landwirtschaftsbetriebe,
Küstenwege, Äcker wurden überflutet: Von einer „Katastrophe historischen
Ausmaßes“ sprachen Wissenschaftler.

Auch Juan Carlos Cirera hat die Folgen damals gespürt. Er ist Direktor der
Finca Riet Vell, eines Landwirtschaftsprojekts der
Umweltschutzorganisation SEO Birdlife. Auf den Feldern wird seit etwa 20
Jahren ökologischer Reis angebaut, an einer Lagune können Ornithologen
Flamingos und Kommodore beobachten. Cirera führt zu einem Messpunkt,
über den Satelliten die Absenkung des Bodens ermitteln. Drei bis vier
Millimeter sind es jährlich, dazu kommt ein steigender Meeresspiegel von
vier Millimetern.

„Das ist fast ein Zentimeter pro Jahr! Und wir sind hier gerade einmal einen knappen Meter über dem Meeresspiegel.
Das bedeutet, dass wir in 10, 15, 20 Jahren dem Meer ein Drittel näher
sind – mit allem, was das mit sich bringt: salzigere Böden, Wasser, das
von den Stürmen auf unser Land gedrängt wird. Das ist eine astronomische
Geschwindigkeit.“

Wird die Entwicklung nicht gestoppt, könnte in 50 Jahren in der fruchtbaren Ebene keine Landwirtschaft mehr möglich sein.

„Wir brauchen mehr Sedimente, wir brauchen ausreichend organische Materie,
damit sich neuer Boden bilden kann und so natürliche Barrieren gegen das
Meer geschaffen werden. Dem kann man nur mit langfristigen Lösungen
begegnen. Eine riesige Staumauer zu bauen, bringt nichts. Das ist nicht
nur teuer und wegen des Untergrunds technisch unmöglich, sondern
zerstört auch die Landschaft, die Feuchtgebiete und mindert den Wert
dieser Landschaft.“

Talsperren werden weltweit von Sedimenten verlandet

In einem Pilotprojekt will die katalanische Regionalregierung 40 Millionen
Kubikmeter Sand zurücktransportieren, die das Sturmtief Gloria mit sich
gerissen hat. So soll eine natürliche Barriere gebaut werden. Eine
Reparaturmaßnahme, die nur kurzfristig Abhilfe schaffen soll.
Langfristig gelöst werden soll das Problem Hunderte Kilometer weiter
westlich, im Landesinneren.Über 100 Stauseen gibt es entlang des Ebro. Viele von ihnen sind Prestigeprojekte aus der Franco-Zeit und
hatten einst ein enormes Fassungsvolumen. Jahrzehntelang war es kein
Problem, dass sich Pflanzenreste, Erde, Sand auf dem Grund der Becken
absetzten. Es war ja Platz genug. Doch inzwischen hat sich das
Fassungsvolumen so verringert, dass die Wirtschaftlichkeit auch für die
Betreiber gesunken ist, sagt Alberto Gonzalo Carracedo von der
spanischen Kommission für Talsperren Spancold.

„Wie viele Sedimente tatsächlich in den Stauseen liegen, weiß niemand so genau.
Laut dem Studienzentrum für öffentliche Infrastrukturen haben wir zwölf
Prozent der Wasserspeicherkapazität verloren. Aber das ist regional sehr
unterschiedlich: In Südspanien geht man von 30 Prozent aus, beim Ebro,
einem der wichtigsten Flüsse, ist es ein Viertel. Das Problem ist aber,
dass die Messmethoden nicht genau sind.“

Der Stausee La Baells in Katalonien (Spanien) hat nur noch 56 Prozent seines Fassungsvermögens. (picture alliance / abaca)
Die Verlandung großer Talsperren ist weltweit ein Problem: Laut Studien der
technisch-naturwissenschaftlichen Hochschule ETH in Lausanne geht pro
Jahr ein Prozent an Stauraumvolumen verloren. Auch hier verschärft der
Klimawandel die Lage. Wenn Gletscher schmelzen, die Erde austrocknet,
gelangen mehr Sedimente in die Stauseen. Das gefährdet die
Trinkwasserversorgung, die nachhaltige Nutzung von Wasserkraft – und die
Strände an den Küsten. Die Weltbank zählt Verlandung daher zu den
größten globalen Herausforderungen. Nach Jahrzehnten des Laissez-faire
versprechen die spanischen Betreiber nun einen Paradigmenwechsel.„Über sehr lange Zeit hat man die Sedimente einfach als Dreck betrachtet, als
Abfallprodukt, das in den Talsperren hängen bleibt. Wir haben zwar
versucht, den Sedimenten einen Nutzwert zu geben und daraus Düngemittel
hergestellt – aber am wertvollsten sind sie eben an der Küste. Außerdem
war das Ausleiten von Sedimenten sehr teuer, aber inzwischen haben wir
Methoden entwickelt, die die Kosten massiv senken.“

Der schwierige Weg der Sedimente aus den Talsperren

Bisher wurden die Sedimente mit Diesel-betriebenen Motorpumpen an die
Oberfläche gefördert. Ein energie-aufwendiges und havarieanfälliges
Verfahren, denn größere Pflanzenteile wie Zweige oder Baumstämme können
die Mechanik beschädigen. Jetzt will man die Sedimente über ein mit
druckluftbetriebenes Schlauchsystem nach oben treiben, dann über ein
Siphonsystem oder Öffnungen in der Staumauer ausleihen. Das System
komme, so Gonzalo Carracedo von der spanischen Kommission für
Talsperren, mit einem Sechstel der Energie aus. Nach Modellversuchen
soll die Methode jetzt im großen Stil eingesetzt werden.Auch die Politik will sich des Themas Verlandung annehmen. Das spanische
Klimaschutzgesetz schreibt zwar „effektive Maßnahmen“ vor, die
gewährleisen sollen, dass die Sedimente ihren Weg von den Talsperren an
die Küste finden. Doch die Vorschriften seien zu schwammig, klagen
Umweltschützer – und die Talsperren-Betreiber sprechen von gesetzlichen
Lücken. Alberto Gonzalo Carracedo:

„Das Problem ist, dass bei Ausleitungen oft Umweltschützer protestieren oder eine Gruppe von
Fischern, weil das Wasser ja „schmutzig“ ist. Uns fehlt es einfach an
einer ganzheitlichen Vision – und an einem klaren gesetzlichen Rahmen.
Bei einem Hochwasser protestiert niemand, wenn das Wasser braun ist.
Aber wehe es kommt aus einem Staudamm. Solange ein Fischer einen
Talsperrenbetreiber verklagen kann, weil das Wasser braun ist, wird der
seine Abflüsse nicht öffnen.“

Lokaler Umweltschutz versus globaler Küstenschutz

Lokaler Umweltschutz stößt auf globalen Küstenschutz: Auch Carles Ibañez vom
katalanischen Zentrum für Klimaresilienz hält das für ein Problem. Im
Lauf der Zeit sind rings um die Stauseen Feuchtgebiete entstanden.
Seltene Vogel- und Pflanzenarten haben sich angesiedelt, viele von ihnen
stehen unter Naturschutz.„Wir schaffen rings um die Stauseen künstliche Deltas und zerstören die natürlichen an der Küste. Im
Szenario des Klimawandels, in dem wir den Strand als natürliche
Verteidigungslinie brauchen, ist das eine echte Katastrophe. Die
Verwaltung müsste Sedimentmanagement in den Einzugsgebieten der Flüsse
zur obersten Priorität erklären. Denn wenn künstliche Feuchtgebiete
wegen der dort lebenden Vogel- und Pflanzenarten zu Naturschutzgebieten
erklärt werden, können Sedimente von dort nicht mehr abgeführt werden.
Das macht einfach keinen Sinn.“

Solche Interessenskonflikte erschweren den Kampf gegen Erosion auch an der katalanischen Küste.
Knapp 60 Prozent des Küstenstreifens sind auf den ersten hundert Metern
bebaut. Dabei hat auch dort das Sturmtief Gloria im Januar 2020 gezeigt,
wie fragil die Infrastrukturen an der katalanischen Küste sind. Die
Wellen zerstörten Hafenanlagen und unterspülten die Strandpromenaden.
Die Folgen der Klimakrise so hautnah zu erleben, war für die
Lokalpolitik ein Schock. In der Provinz Tarragona schlossen sich 18
Gemeinden zusammen, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln.

Sturmtief Gloria offenbarte Folgen der Kimakrise – und Lösungen

Aron Marcos ist einer der Initiatoren. Er ist Stadtrat für urbane Ökologie
und Sicherheit im Küstenort Calafell. Die Gemeinde hat 30.000 Einwohner,
im Sommer können es schon einmal 120.000 werden. Calafell lebt vom
Tourismus und von Großstädtern, die hier ihre Zweit- oder Sommerresidenz
haben. Am Meer ziehen sich achtstöckige Neubauten entlang.„Gloria war eine Lehrstunde für uns. Das Sturmtief hat uns gezeigt, welche
Folgen die Klimakrise haben kann. Gloria hat uns aber auch Lösungen
aufgezeigt. Denn dort, wo es noch Dünen gibt, war das Ausmaß der
Zerstörung sehr viel geringer als dort, wo sie verschwunden sind.“

Aron Marcos führt zum Stadtstrand. Bereits 2018 hat die Gemeinde an der
Promenade eine künstliche Düne angelegt: zwei mit Pfosten und Seilen
abgegrenzte Parzellen, zwischen acht und zehn Metern breit. Vor zwei
Wochen wurde die Anlage erweitert, Paravents aus Stroh schützen die
frisch angepflanzten Gräser vor Winden, bis sie selbst stark genug sind,
um das Terrain zu stabilisieren. Finanziert hat das Pilotprojekt das
spanische Umweltministerium. In den nächsten Jahren soll es über die
gesamte, knapp fünf Kilometer lange Küstenlinie der Gemeinde ausgeweitet
werden. Zwei künstliche Molen wurden im Gegenzug entfernt.„Solche Molen sind teuer, sowohl beim Bau wie auch bei der Herstellung. Und vor
allem: Sie lösen das Problem nicht, reduzieren es allenfalls, aber auf
Kosten der Nachbarn, die weniger Sand bekommen. Außerdem mindern Molen
auf lange Sicht den Sauerstoffgehalt im Wasser und zerstören so den
Lebensraum der Unterwasser-Fauna. Wenn wir aber Dünen anlegen, dann
respektieren wir die natürlichen Verläufe und helfen so, das natürliche
Gleichgewicht wieder herzustellen.“

Aron Marcos hofft, dass die Dünen den Strand nachhaltig sichern. Nicht nur aus Gründen des
Klimaschutzes, sondern auch aus wirtschaftlichen Interessen.

„Wenn wir den Strand verlieren, verliert Calafell eine wichtige
Einnahmequelle: Das gesamte Dorf lebt vom Tourismus. Und der Rohstoff
des Tourismus ist nun einmal der Sand. Wir haben in den letzten zehn
Jahren zwar die Hälfte der Oberfläche eingebüßt, aber das war ein
Strand, den wir in den 1990er-Jahren künstlich aufgeschüttet haben.
Jetzt ist er Strand wieder in seinem natürlichen Zustand. Den können wir
erhalten, wenn wir bestimmte Maßnahmen einhalten.“

Dass sich die Nutzfläche ihres Stadtstrands nicht nur durch die Erosion, sondern
auch durch die Renaturierung verkleinert hat, stört – so sagt Aron
Marcos – weder Besucher noch Touristen. Ein paar Anwohner hätten zwar
über die Kunstdünen mitten im Ort gemurrt, insgesamt aber hielten sich
die Klagen in Grenzen.

„Wir haben weniger Beschwerden bekommen,
als wir erwartet haben, aber mehr als wir uns wünschen. Aber tatsächlich
beeinflussen solchen Maßnahmen ja nur einen Teil des Strandes,
schränken also seine Verwendung nicht ein. Alle wollen so nah wie
möglich ans Wasser. Außerdem hat es uns geholfen, dass die
Nachbargemeinden ähnliche Strategien befolgen: Wir entfernen
beispielsweise alle nicht mehr die Algen und Tangreste, die im Winter
angespült werden. Denn auch sie helfen, das Gleichgewicht zu bewahren.
Wenn der Strand des Nachbarn genauso aussieht wie deiner, beschwert sich
auch niemand.“

Infrastruktur zurückbauen – um Strand als Schutzwall zu erhalten

Das hat die Stadtverwaltung ermutigt, noch einen Schritt weiter zu gehen und
nicht nur am Strand, sondern auch an der Bebauung selbst Hand
anzulegen. Im Ortskern von Calafell schlägt die Promenade einen Bogen
über den Strand. Doch die Erosion hat die Promenade unterspült. Will man
den Strand als Schutzwall vor dem steigenden Meeresspiegel erhalten,
muss abgerissen werden.„Wir haben hier einen Bürgersteig, einen Parkstreifen, zwei Fahrbahnen, noch einen Bürgersteig – und die
Promenade. Das ist alles Strand. Wenn wir einen Kanal reparieren, stoßen
wir auf Sand. Das ist gut, denn es zeigt, dass wir – unter der
Infrastruktur – noch Strand haben, der uns vor dem steigenden
Meeresspiegel schützt. Und Straßen und Promenaden sind ja rückbaubar.
Problematischer wäre es, wenn es Häuser wären.  Das Meer stellt uns vor
die Wahl: Entweder Wasser oder Strand. Und wir wollen Strand.“

Die Promenade in Calafell ist nur ein kleines Beispiel für die
Herausforderungen, die auf Anwohner und Verwaltung in den nächsten
Jahren zurollen. Im Maresme, nördlich von Barcelona, fährt die
Regionalbahn direkt neben der Küste. Angelegt im Jahr 1848 ist sie die
älteste Spaniens und noch heute mit mehr als 100.000 Nutzern eine der
meist befahrenen Strecken. Aber jetzt schlagen hier bei Stürmen die
Wellen über die Gleise, der Boden erodiert. Es ist nur eine Frage der
Zeit, bis die Gleise ins Hinterland verlegt werden müssen. Anfang des
Jahrtausends wurde erstmals über eine Verlegung diskutiert, aber das
Projekt verschwand in der Schublade: zu teuer, ergo unpopulär.

Für Carles Ibañez vom Zentrum für Klimaresilienz ist es an der Zeit, diese
Pläne wiederhervorzuholen. „Es ist es sowohl politisch wie auch
wirtschaftlich absurd, jetzt nicht zu handeln. Denn nichts zu tun, macht
alles nur noch teurer. Wenn wir nicht jetzt in den Umbau investieren,
werden wir für Reparationen und Entschädigungen aufkommen und dann
trotzdem neu bauen, trotzdem investieren müssen.“

Der Wissenschaftler fordert einen parteiübergreifenden Pakt für Küstenschutz
in ganz Spanien – und zwar für die nächsten 30 bis 40 Jahre

 

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Coronavirus-Pandemie: Die Folgen in der Welt

Die Corona-Krise hat noch wichtiger gemacht, was uns Weltreporter auszeichnet: Wir sind schon da, wohin andere erst reisen müssen – und genau das jetzt nicht mehr können. Quarantäne, geschlossene Grenzen, Reisebeschränkungen, Ausgangssperren – Reisen sind schwierig geworden, nicht nur ins Ausland, und auch für Journalisten. Wer zum Coronavirus jenseits der Landesgrenzen recherchieren will, schaut ins Internet, telefoniert – oder beauftragt einen Weltreporter. Wir wissen, wie die Situation in vielen Regionen der Welt ist, denn wir arbeiten und leben dort.

Fabian Kretschmer berichtet aus China zur Öffnung der Stadt Wuhan und beschreibt, welche Auswirkungen die Krise auf die Blase des chinesischen Profifussballs hat. Anke Richter hat mit Deutschen gesprochen, die in Neuseeland festsitzen.

Sarah Mersch beobachtet, wie die Tunesier daraf reagieren, wenn Ausgangssperren plötzlich mit Drohnen überwacht werden.  Wolf-Dieter Vogel schreibt aus Mexiko, weshalb ein Essayband mit philosophischen Texten in der Coronakrise offenbar einen wichtigen Nerv trifft.

Haben Ihre Orangen etwas mit dem Coronavirus zu tun?

Vermutlich schon, schreibt Julia Macher, aus dem Brennpunkt-Land Spanien. Sie arbeitet in Barcelona und berichtet von dort unter anderem darüber, was sich Hotels einfallen lassen, wenn Touristen fehlen.

Bettina Rühl und Marc Engelhardt recherchieren im dem Kongo und in Genf, wie die Ebolakrise zu Ende geht – und was sich für die Corona-Pandemie daraus lernen lässt.

Bettina Ruehl weiß außerdem, wie ein gespensticher Flughafen aussieht, sie war im Terminal von Nairobis Airport, als dort die letzten internationalen Flüge landeten. Im Deutschlandfunk berichtet sie an diesem Wochenende gemeinsam mit Südafrika-Weltreporterin Leonie March und anderen Korrespondenten über die Situation in Afrika.

Wie sich das Virus in Townships und Slums in Südafrika ausbreitet, schildert Leonie March außerdem in einem Korrespondentengespräch mit dem SWR.

Warum die Australier derzeit nicht sonderlich gut auf Kreuzfahrer zu sprechen sind – und wie es aussieht wenn Strände geschlossen werden – habe ich in einem kurzen Länder-Update zusammengestellt. In Brüssel fragt sich Eric Bonse, wann die EU-Staaten den “Exit” aus der Coronakrise vorbereiten?

So aktuell wie es uns möglich ist, halten wir Weltreporter Sie aus mehr als 100 Ländern auch über unsere Weltreporter.net-Facebookseite und unseren Twitter-Kanal auf dem Laufenden.

Bleiben Sie gesund, bleiben Sie demokratisch, bleiben Sie informiert.

 

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Katalonien: Vergiftetes Klima – auf Jahre

Soll keiner sagen, er hätte es nicht gewusst. Seit Jahren zanken sich die katalanische Regierung Generalitat und die Zentralregierung in Madrid um ein Referendum über die Unabhängigkeit der Region im Nordosten. Keine Seite wich von ihrer Maximalforderung zurück: Barcelona setzte auf „Referendum, si o si“; Madrid hielt am „Ist rechtlich nicht möglich“ fest und verweigerte politische Zugeständnisse jeder Art.

Vor dem Büro des katalanischen Vizepräsidenten demonstrieren Unabhängigkeitsbefürworter gegen Festnahmen

Jetzt spitzt sich die Lage von Tag zu Tag zu. Mit der Organisation des für den 1. Oktober angesetzten , umstrittenen Referendums beaufragte Beamte der katalanischen Regionalregierung wurden zeitweise verhaftet. Madrid sendet 5000 Beamte der Policia Nacional und der Militärpolizei Guardia Civil, an die viele noch ungute Erinnerungen aus der Franco-Zeit haben, in die renitente Region und stellte auch die autonome, katalanische Landespolizei Mossos d’Esquadra unter zentralstaatliches Kommando. Und auf den Straßen rufen die Menschen „Raus mit den Besatzungskräften“. Die Hafenarbeiter weigern sich, die auf zwei Kreuzfahrtschiffen untergebrachten spanischen Polizisten zu beliefern und veranstalten frühmorgendliche Hupkonzerte. Dass das umstrittene Referendum stattfindet, ist so gut wie ausgeschlossen: Die Wahlkommission hat sich aufgelöst, Wahlzettel und -listen wurden beschlagnahmt. Unter diesen Bedingungen ist höchstens irgendeine Art von Protestwahl möglich.
Das politische Klima aber wird auf Jahre vergiftet bleiben. Ich habe in den letzten Tagen mit vielen Menschen gesprochen, die mit dem Traum von einer unabhängigen katalanischen Republik eigentlich nicht viel am Hut hatten, jetzt aber wütend und empört über das Verhalten aus Madrid sind. Schlechter hätte die Regierung Mariano Rajoy die Katalonienfrage nicht lösen können.

 

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Frühkindliche Erziehung in Manegen

Musische Früherziehung, Unterrichtseinheit Tradition und Brauchtum

Musische Früherziehung, Unterrichtseinheit Tradition und Brauchtum

Spanien kommt aus der Bluthochdruckzone gar nicht mehr raus. Ein Skandal jagt den anderen, Oberthema: Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Klingt schrecklich langweilig, ist aber ein echter Aufreger, zumindest wenn die Protagonisten ein Stierkämpfer und eine Podemos-Abgeordnete sind. Fran Rivera, genannt Paquirrí, hat ein Foto von sich und seiner jüngsten Tochter gepostet. Es zeigt ihn beim Training, in der heimischen Arena, mit einer Jungkuh, und zwar in obiger Pose.

Daneben der Text: “Carmens Debüt – Sie gehört zur fünften Generation einer Stierkämpferfamilie. Mein Großvater zeigte das gleiche meinem Vater, mein Vater mir, ich meinen beiden Töchtern…”
Innerhalb weniger Stunden war die Debattennation zweigeteilt, in den Talkshows liefen die Mikrofone heiß, Verfechter (“Tradition”, “Weitergabe von Werten”) und Gegner (“Angeber”, “unverantwortlich”, “Tierquälerei”) warfen sich alle Nettigkeiten zwischen “Banause” und “Mörder” an den Kopf. Und natürlich wurde sogleich die Parallele zu diesem Skandal gezogen:

Politische Früherziehung, Unterrichtseinheit Eltern-Kind-Rechte

Politische Früherziehung, Unterrichtseinheit Eltern-Kind-Rechte

Podemos-Abgeordnete Carolina Bescansa hatte doch tatsächlich zur ersten Parlamentssitzung ihr Baby mitgebracht. Die Vize-Parlamentspräsidentin höchstpersönlich wies die Neue darauf hin, dass es auch eine KiTa im Parlament gäbe und ließ sich dann lang und breit in einer Talkshow darüber aus, ob ein “geschlossener Raum mit 400 Erwachsenen” tatsächlich das richtige Ambiente für einen Säugling wäre. Auch da verliefen tiefe Fronten zwischen Befürwortern (“Biologie, Mutter-Kind-Bindung”, “Zeichen setzen für arbeitende Eltern”) und Gegnern (“Populismus”, “unverantwortlich”). Man könnte jetzt lang und breit tatsächliche und mutmaßliche Gesundheitsrisiken für die jeweiligen Säuglinge in Plenarsaal/Arena analysieren, über die Ähnlichkeiten und Unterschiede beider Manegen sinnieren; interessant bei der Debatte ist vor allem, dass diejenigen, die sich über Bescansas Baby echauffierten Paquirris Baby beklatschen. Und umgekehrt natürlich. Die Argumente sind austauschbar, denn im Kern geht es nicht um die Kinder, Mütter, Väter, sondern um Politik: um die ungezogenen Neuen (Podemos und Co) gegen die überkommenen Alten (Toreros und Co).

Das zeigte sich auch am anderen großen Aufreger der letzten Wochen, Oberthema: angemessene Bekleidung/Haartracht. Die Vizepräsidentin des Parlaments kommentierte die Rasta-Locken eines Podemos-Abgeordneten mit einem “So lange da keine Läuse überspringen, ist mir das egal”, Podemos-Chef Pablo Iglesias revanchierte sich dafür, in dem er auf einer Pressekonferenz eine Journalistin für ihren “prächtigen Pelzmantel” lobte – das ist stilistisch eleganter, in der Sache aber  genauso dämlich.

Es wird jedenfalls höchste Zeit, dass die Legislatur ins Rollen kommt und so vielleicht, vielleicht, ein bisschen mehr Inhalt in die Scheindebatten rutscht.

 

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Frühkindliche Erziehung in der Manege

Spanien kommt aus der Bluthochdruckzone gar nicht mehr raus. Ein Skandal jagt den anderen, Oberthema: Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Klingt schrecklich langweilig, ist aber ein echter Aufreger, zumindest wenn die Protagonisten ein Stierkämpfer und eine Podemos-Abgeordnete sind.
Fran Rivera, genannt Paquirri, hat ein Foto von sich und seiner jüngsten Tochter gepostet. Es zeigt ihn beim Training, in der heimischen Arena, mit einer Jungkuh, und zwar in dieser Pose:

Anschauungsunterricht in Sachen Tradition und Kulturpflege

Musische Früherziehung, Unterrichtseinheit Tradition

Daneben der Text: “Carmens Debüt – Sie gehört zur fünften Generation einer Stierkämpferfamilie. Mein Großvater zeigte das gleiche meinem Vater, mein Vater mir, ich meinen beiden Töchtern…”
Innerhalb weniger Stunden war die Debattennation zweigeteilt, in den Talkshows liefen die Mikrofone heiß, Verfechter (“Tradition”, “Weitergabe von Werten”) und Gegner (“Angeber”, “unverantwortlich”, “Tierquälerei”) warfen sich alle Nettigkeiten zwischen “Banause” und “Mörder” an den Kopf. Und natürlich wurde sogleich die Parallele zu diesem Skandal gezogen:

Politische Früherziehung, Unterrichtseinheit Eltern-Kind-Rechte

Politische Früherziehung, Unterrichtseinheit Eltern-Kind-Rechte

Podemos-Abgeordnete Carolina Bescansa hatte doch tatsächlich zur ersten Parlamentssitzung ihr Baby mitgebracht. Die Vize-Parlamentspräsidentin höchstpersönlich wies die Neue darauf hin, dass es auch eine KiTa im Parlament gäbe und ließ sich dann lang und breit in einer Talkshow darüber aus, ob ein “geschlossener Raum mit 400 Erwachsenen” tatsächlich das richtige Ambiente für einen Säugling wäre. Auch da verliefen tiefe Fronten zwischen Befürwortern (“Biologie, Mutter-Kind-Bindung”, “Zeichen setzen für arbeitende Eltern”) und Gegnern (“Populismus”, “unverantwortlich”). Man könnte jetzt lang und breit tatsächliche und mutmaßliche Gesundheitsrisiken für die jeweiligen Säuglinge in Plenarsaal/Arena analysieren, über die Ähnlichkeiten und Unterschiede beider Manegen sinnieren; interessant bei der Debatte ist vor allem, dass diejenigen, die sich über Bescansas Baby echauffierten Paquirris Baby beklatschen. Und umgekehrt natürlich. Die Argumente sind austauschbar, denn im Kern geht es nicht um die Kinder, Mütter, Väter, sondern um Politik: um die ungezogenen Neuen (Podemos und Co) gegen die überkommenen Alten (Toreros und Co).

Das zeigte sich auch am anderen großen Aufreger der letzten Wochen, Oberthema: angemessene Bekleidung/Haartracht. Die Vizepräsidentin des Parlaments kommentierte die Rasta-Locken eines Podemos-Abgeordneten mit einem “So lange da keine Läuse überspringen, ist mir das egal”, Podemos-Chef Pablo Iglesias revanchierte sich dafür, in dem er auf einer Pressekonferenz eine Journalistin für ihren “prächtigen Pelzmantel” lobte – das ist stilistisch eleganter, in der Sache aber  genauso dämlich.

Es wird jedenfalls höchste Zeit, dass die Legislatur ins Rollen kommt und so vielleicht, vielleicht, ein bisschen mehr Inhalt in die Scheindebatten rutscht.

 

 

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Standortvorteil “Verbuschung”

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle schon längst über die zum Quasi-Referendum erklärten, katalanischen Wahlen geschrieben haben, aber ich kam bisher nicht dazu, weil ich mit den Nachwehen eines zum Politikum gewordenen Interviews beschäftigt war. Ein ARD-Kollege und ich haben uns am Freitag vor der Wahl mit Oriol Amat, Wirtschaftsprofessor und Nummer 7 der separatistischen Junts pel Si-Liste getroffen. Ursprünglich sollte es um mögliche wirtschaftliche Konsequenzen einer Sezession gehen, das Interview mit dem Experten der Gegenseite war bereits geführt. Aber schon bald sprachen wir von möglichen Szenarien nach einem Regierungswechsel in Spanien. Als ein sehr wahrscheinliches Szenario schien Amat ein Madrider Angebot zu Verhandlungen um ein neues Autonomiestatut. Dass eine solche Offerte von den Katalanen angenommen würde, schien ihm nicht ausgeschlossen. Ich war überrascht: Seit Jahren demonstrieren regelmäßig Hunderttausende für einen „eigenen Staat“, die „In-, Inde-, Independencia“-Rufe sind fester Bestandteil der politischen Folklore und in jedem zweiten Interview beschwören Politiker, „es gebe keinen Weg zurück“. Zwei Tage vor der „plebiszitären“ Wahl ein Autonomiestatut als mögliche Lösung zu präsentieren, ist etwa so, als lasse man Sprinter monatelang im Hochland für Olympia trainieren, nur um sie dann zur Bushaltestelle joggen zu lassen. Ich fragte nach. Amat blieb dabei.

Was der Wirtschaftsprofessor da sagte, bestätigte, was viele langjährige Korrespondenten vermuten: dass es innerhalb der heterogenen Junts pel Si-Liste Differenzen über Weg und Ziel gibt, dass der Minimalkonsens nicht Unabhängigkeit um jeden Preis, sondern Verhandlungen mit Madrid und Brüssel sind. Vom Gezerre um Freigabe des Gesamtinterviews (einen Tweet hatte ich unmittelbar nach Interview abgesetzt), vom Druck und den widersprüchlichen Gedanken, die mir dabei durch den Kopf gingen, von der Unterstützung durch die Kollegen vor Ort und vom Círculo de Corresponsales, erzähle ich gern mal an anderer Stelle. Samstag Nachmittag packte ich jedenfalls einen Ausschnitt aus dem Interview auf Soundcloud, die Online-Zeitung Eldiario.es brachte die Geschichte, El País, La Vanguardia, Antena 3 und ein halbes Dutzend anderer Medien nahmen das Thema auf, die beiden Unabhängigkeitslisten veröffentlichten Kommuniqués. Natürlich schmeicheln solche 15 Minuten Ruhm dem journalistischen Ego, wesentlicher ist für mich eine andere Erkenntnis: Freie Korrespondenten haben einen Standortvorteil. Wir sind meist lange genug in einem Land, um auch die Zwischentöne einer Debatte zu verstehen.  Botschaften und Sender wechseln ihre Mitarbeiter gerne aus, um einen “frischen Blick von außen” zu garantieren oder – weniger nett gesagt – “Verbuschung” zu vermeiden. Aber genau diese Expertise ist unser großes Kapital. Und unverzichtbar, wenn es um Analyse, Interpretation, um Hintergrund geht. Das hoffe ich zumindest.

 

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Raus aus der Stadt!

Barcelona im August, das ist die Hölle. Bruthitze, bis auf Souvenirshops und Großketten fast alle Geschäfte geschlossen und in der Altstadt Heerscharen von Touristen, die mit elektrisch betriebenen Skateboards, SegWays, GoCars und anderen Vehikeln des Grauens die Gassen blockieren. Deswegen am besten der Stadt entfliehen, und raus an den Strand fahren, z. B. nach Empúries.Foto Merian1

Gegründet im sechsten Jahrhundert vor Christus von phokäischen Händlern, gehörte die Stadt einst zu den wichtigsten des Mittelmeers. Heute zeugt von der griechisch-römischen Doppelstadt ein beeindruckendes Ruinenfeld, Asklepiosstatue und Forum inklusive. Direkt davor, auf der anderen Seite des Radweges, hinter einem Kiefernwäldchen gibt’s drei hübsche Buchten, mit flach abfallendem Strand für die Kinder und einem unprätentiösen Xiringuito für hungrige und durstige Erwachsene (und einem tollen Spa-Hotel).

Mehr Strand-Tipps von mir gibt’s übrigens im jetzt erschienenen Katalonien-Merian. Da geht es um Strand mit Hinterland, also um Strände, die nicht nur mit Sand und Wasser, sondern auch sehenswertem Küstenort punkten. Wie Empúries. Barcelona ist natürlich auch dabei. Das ist kein Widerspruch. Ich mag Besuch nämlich wirklich gerne. Gegen Touristen als solche habe ich natürlich auch nichts. Bin ja selber eine. Nur Segway fahren sollten sie bitte nicht.

 

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Psssssst! Der König ist…

Spaniens König dankt ab – und kurz darauf kündigen acht spanische Karrikaturisten ihren Job. Nicht, weil ihnen ihr Lieblingssujet und somit die Inspiration abhanden gekommen ist, sondern aus Protest: Ihr Arbeitgeber, der Verlag RBA, hatte 60.000 frisch gedruckte Exemplare der Satire-Zeitschrift El Jueves einstampfen lassen, weil auf dem Cover der royale Rentner zu sehen war, wie er seinem Sohn eine ramponierte Krone überreicht.

 

El Jueves Rey

Gemessen am Skandalpotenzial des Königshauses (Elefantenjagd, Corinna-Affäre, Steuerhinterziehung, Korruptionsverdacht und derzeitige Sympathie-Werte von 3,72 auf eine Skala von 1 bis 10)  eigentlich ziemlich harmlos. Dem Verlag aber stank die Karrikatur gewaltig. “Setzt auf keinen Fall den König auf den Titel”, soll die Verlagsleitung die Redaktion angewiesen haben. Die leistete Folge – und fast alle Stammautoren des Blattes gingen.

Schon erstaunlich: Jeder journalistische Instinkt gebietet, das Top-Ereignis der Woche an herausragender Stelle zu würdigen. Dem Verlag RBA aber galt es als Faux-Pas. Und nicht nur dem. In Spaniens Medienlandschaft greift dieser Tage ein Reflex, der schon überwunden schien: Bloss nix Schlechtes über JuanCa, bloss nix gegens Könighaus…

Dass bereits am Abend der Abdankung  in allen grösseren spanischen Städten Zehntausende Spanier die Abschaffung der Monarchie forderten, war den grossen (Print-)Tageszeitungen und staatlichen Rundfunkanstalten nur eine Randnotiz wert. Ein Königshaus-Experte hatte in einer der vielen Talkrunden schon einmal vorausschauend geurteilt, es gäbe jetzt bestimmt viele Bürger, die im Überschwang der Gefühle Dinge sagten (z. B. “España mañana será republicana”  “Morgen ist Spanien republikanisch”) und täten (z. B. demonstrieren und oben genannten Sprechchor anstimmen), die sie eigentlich gar nicht dächten oder wollten. Wer so allwissende Analysten hat, braucht auch keinen Beichtvater mehr.

Ach ja, schon einmal war ein königliches El-Jueves-Cover zensiert worden. 2007 waren auf dem Titel Kronprinz Felipe und Letizia beim Zeugungsakt zu sehen, es ging um das frisch eingeführte (und längst wieder abgeschaffte) Kindergeld. Damals hatte ein Richter darin eine “Ehrverletzung” gesehen und die Auflage beschlagnahmen lassen. So viel Brimborium war diesmal gar nicht nötig. Selbstzensur ist ja so effektiv. Und dazu noch Kosten sparend.

 

 

 

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Advent, Advent…

Im Supermarkt habe ich neulich eine spanische Adaption des Adventskalender entdeckt. Der hilft wie das deutsche Pendant beim Überbrücken der Wartezeit, allerdings nicht auf Christkind respektive Weihnachtsmann, sondern auf die heiligen drei Könige, die in Spanien traditionell die Geschenke bringen – und hat folgedessen nur 12 Türchen: von Heiligabend bis zum 6. Januar.

 

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Gefüllt ist er nicht mit Süssigkeiten, sondern – thematisch zu den morgenländischen Weihrauch- und Myrrhe-Überbringern passend – mit Parfümproben und “andere Überraschungen”. Jede Wette, dass die auch so augenschmerzend genderspezifisch ausfallen wie die Verpackungen. A propos: Nach was duftet eigentlich Hulk?

 

 

 

 

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Universum im Abflussrohr

In Spanien über Handwerker zu schimpfen ist ungefähr so originell wie sich in Deutschland über die Verspätungen der Bahn zu echauffieren. Zeit also für eine Ehrenrettung: Spanischen Handwerkern verdanke ich wesentliche Erkenntnisse über Sprache und Weltanschauung.

Die Sachlage: Wir haben seit einem Jahr ein Zimmer mit einer feuchten Wand. Seit genau so langer Zeit bemühen wir uns, unsere Vermieterin zur Lösung dieses Problems zu bewegen. Neulich tropfte es auch im Supermarkt unter uns auf die Kasse. Und so hatten wir innerhalb weniger Wochen das Vergnügen mit gleich vier (4!) Handwerkern.

Die ersten schickte die Vermieterin. “Son de confianza”, Vertrauensleute also. Ich interpretierte das als “Denen kannst du vertrauen”. Meine Vermieterin wollte damit aber lediglich zu erkennen geben, dass es ihre Vertrauten waren: vermutlich Kumpel ihres erwachsenen Sohnes, die sich ein Zubrot verdienen wollten. Hochmotiviert klopften die beiden im Bad Kacheln ab, wickelten etwas um die tropfende Kupferleitung und begannen am gleichen Nachmittag im Nebenzimmer Gips auf die feuchte Wand zu spachteln und dann darüber zu pinseln.

Auf mein schüchtern hervorgebrachtes “Sollte das nicht zuerst trocknen? Und was ist mit der Grundierung?” entgegnete man mir, die “Señora” solle sich keine Sorgen machen, man werde das Zimmer “to’ guapo, to’ guapo” hinterlassen (was mit “tip-top” nur unzureichend übersetzt ist). Tatsächlich hatte ich am nächsten Tag eine originell gestaltete Wand, reliefartig weissgelb, hellbraun gesprengelt. Glatt weiss ist für Spiesser!

Da das Wandrelief in den nächsten Wochen wieder in Bewegung geriet und sich schliesslich auf Rohrhöhe auflöste, riefen wir wieder an, diesmal nicht bei der Vermieterin, sondern bei der Hausverwaltung, die uns den “offiziellen Handwerker des Gebäudes” schickte. Der machte uns mit einem der schönsten Worte der spanischen Sprache bekannt: “Esto es una chapuza”. Das heisst so viel Schlamperei, Murks, Pfusch, ist aber weniger negativ behaftet, da “chapuza” streng genommen nichts weiter ist als eine zwangsläufige Transformation von “arreglo” (so viel wie “schnelle Reparatur”), und einen “arreglo” hatte der erste Handwerker gemacht. Da half jetzt nur eine gründliche Reparatur, und die kostete ihre Zeit. Wir lebten tagelang in einer offenen WG mit Handwerkern, die Farbe abspachtelten, Kacheln abklopfen, Rohre verschweissten. Manchmal sang ich leise “cha-pu-za, cha-pu-za” vor mich hin – das Wort tröstete mich als melodiöser Ohrenschmeichler über den Dreck und das zu Unzeiten abgestellte Wasser hinweg.

Diesmal wurde auch nicht sofort gestrichen, da aber auch nichts trocknete, kam drei Wochen später ein anderer, von Hausverwaltung und Vermieterin gemeinsam bestellter Handwerker vorbei. Er sei der Chef, wurde uns gesagt. Der Chef ging ins Bad, klopfte drei Mal melancholisch gegen die Kacheln, ging in das Zimmer mit der feuchten Wand, seufzte tief, ging dann in den Innenhof, wo er den Kopf in den Nacken legte und den Blick das Rohrgewirr im Lichschacht emporwandern liess. Dann schüttelte er den Kopf und sagte: “Esto es un universo” – “Das ist ein Universum!”. Er packte seinen Werkzeugkoffer zusammen, drückte uns die Hand und ging. Für immer.

Ich war erschüttert: Ein Universum im Abflussrohr! Die Welt als Rohrsystem! Auf so eine Metapher muss man erst einmal kommen. Und dann dieser Abgang! Würdevoller kann man vor der Ausweglosigkeit des Lebens nicht kapitulieren.Spanische Handwerker sind die letzten grossen Poeten der Post-Postmoderne.

Ach ja, das Problem mit der tropfenden Wasserleitung haben dann keine spanischen Handwerker, sondern “manitas”, wörtlich “Händchen”, gelöst: zwei Ecuadorianer ohne “offiziellen Titel”, die das defekte Rohrstück durch ein neues ersetzten. Prosaisch, aber effizient.

 

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Mit Kleister und Trillerpfeife

Überlebensgrosse Portraits von Menschen, die kurz vor dem Verlust ihrer Wohnung stehen, Trillerpfeifenkonzerte und eine Postkartenaktion, bei der sich jeder Passant persönlich für einen “Hypothekengeschädigten” einsetzen konnte: So haben letzte Woche in Barcelona Hunderte gegen Zwangsräumungen und die schuldnerfeindliche Bankengesetze protestiert, hier vor der Zentrale der Sparkasse Caixa Catalunya.

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Spanien hält einen traurigen Rekord: Über 126.000 Zwangsvollstreckungen wegen nicht bedienter Kredite wurden im letzten Jahr verhängt. Und wer aus seiner Wohnung geworfen wird, ist deswegen noch lange nicht schuldenfrei. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern wird die Schuld in Spanien nicht dadurch getilgt, dass die Wohnung an die Bank zurückfällt. Nachdem im letzten Jahr eine Reihe von Selbstmorden die Öffentlichkeit erschütterte, hat die Regierung Rajoy Zwangsräumungen in besonders prekären Fällen zwar gestoppt, an der Situation an sich hat sich allerdings kaum etwas geändert.

Die landesweiten “Plattformen der Hypothekengeschädigten” (P.A.H., Plataforma de Afectados por la hipteca) haben daher für kommende Woche zu Protesten aufgerufen. Am 24. Januar wollen Vertreter dem Parlament 750.000 Unterschriften für eine Gesetzesänderung übergeben, für den 16. Februar sind Grossdemonstrationen geplant.

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Zumindest die Plakataktionen scheinen ihr Ziel zu erreichen: Nachdem vor einer anderen Filiale wochenlang das Portrait eines Schuldners prankte und Aktivisten unter den Passanten Postkarten mit der Kurzfassung seines Falls verteilten, rückte die Bank von der Zwangsvollstreckung ab und hat die Rahmenbedingugnen des Kredits geändert. Die Plakatkampagne ist eine Initiative des Künstlerkollektivs Enmedio, über dessen Arbeit ich am Sonntag im Neonlicht von Deutschlandradio Kultur berichte.

 

 

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Vorsicht Korrespondenten – bitte nicht füttern!

Heute der Generalstreik, nächste Woche die Parlamentswahlen: Katalonien steht zur Zeit etwas mehr im Interesse der Weltöffentlichkeit als normalerweise. Und das goutiert man sehr. Denn für fast nichts interessiert man sich hier so sehr wie über die veröffentliche Weltmeinung. Artikel in der Financial Times oder der New York Times werden breit rezipiert und intensiv diskutiert und das gute Dutzend internationaler Korrespondenten mit Sitz in Barcelona wird immer vors Mikro gebeten und auf Tertulias, diese ausufernden und lautstarken Diskussionsrunden, eingeladen. Allein in der letzten Woche hatte ich drei Interviewanfragen und eine Einladung auf eine Podiumsdiskussion. Die Fragen sind immer die gleichen: Was halten die Deutschen/Franzosen/Engländer von Kataloniens Unabhängigkeitsbestrebungen? Wie sehen sie uns als Volk? Glauben sie, dass wir auch als eigenständige Nation in der EU bleiben werden? Die Antworten sind natürlich bestenfalls spekulativ. Und da ich finde, dass meine persönliche Meinung über Unabhängigkeitsbestrebungen nichts zur Sache tut, sage ich immer häufiger ab, Ego-Schmeichelei hin, Ego-Schmeichelei her.
Auf der anderen Seite dagegen scheint unser Korrespondentenblick überhaupt nicht zu interessieren. Seit Wochen bemühen sich die hier ansässigen internationalen Journalisten um einen Termin mit Artur Mas, dem katalanischen Ministerpräsidenten. Zu voller Terminkalender, keine Chance.
Umso ärgerlicher dann zu lesen, dass die katalanische Regionalregierung Pressereisen für in Deutschland ansässige Journalisten organisiert, zu denen natürlich auf Gespräche mit dem Ministerpräsidenten gehören. In Madrid, so erzählten mir Kollegen, verfährt man ähnlich: Auch dort bemühen sich die Korrespondenten seit Wochen, gar Monaten um Interviewtermine mit diversen Ministern, auch dort lädt die Regierung lieber nach Gutdünken in Deutschland ansässige Politik- und Wirtschaftsredakteure zu Pressereisen und persönlichen Gesprächen ein.
Man muss keine Verschwörungstheoretikerin sein, um dahinter System zu wittern: Verspricht sich die katalanische/spanische Regierung davon, ihre Version der Dinge ungefiltert publiziert zu bekommen? Ohne den von Jahren Landeserfahrung “verstellten” Korrespondentenblick sozusagen? Ich zweifle nicht an der Kompetenz der deutschen Kollegen, solche Manöver zu durchschauen und objektiv zu berichten. Aber es ärgert mich, als Kollektiv so übergangen zu werden.
Vielleicht sollte man solche Manöver als indirektes Kompliment an unsere unbestechliche, kritische Arbeit werden. Ein schwacher Trost.

 

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Agit Prop auf Spanisch

Mit leerem Einkaufswagen in den Supermarkt rein, den Karren mit Nudeln, Reis, Bohnen, Speiseöl vollgepackt, und dann wieder raus – ohne an der Kasse halt zu machen, versteht sich und natürlich begleitet von diversen Kameras.In den andalusischen Städtchen Ecija und Arcos de la Frontera haben zwei Dutzend Aktivisten im mittelgroßem Stil Nahrungsmittel entwendet, um sie dann an bedürftige Familien bzw. das Rote Kreuz und andere Sozialeinrichtungen zu verteilen. An vorderster Stelle dabei: der Bürgermeister von Marinaleda und Abgeordnete der Linkspartei IU Juan Manuel Sánchez Gordillo.

In einem Land, in dem laut einer Studie der Caritas-Stiftung FOESSA inzwischen 22 Prozent der Familien unterhalb der Armutsgrenze leben, sorgt eine solche Aktion natürlich für Aufsehen: Politiker jeder Couleur fordern strafrechtliche Konsequenzen, die Kommentare in den Internetforen sind überwiegend positiv – und zwar in Medien der Rechten und Linken.

El País sieht eine neue Ära des künstlerischen Protests heraufziehen und verglich die Aktion mit Performances der Flamencogruppe Flo6x8, die flashmobartig Bankfilialen überfallen und dort den Betrieb mit Gesang- und Tanzeinlagen durcheinander wirbeln (zum Beispiel so). Tatsächlich gibt es (nicht erst seit den Protesten der „Empörten“) inzwischen eine ganze Menge Kunstinitiativen, die Gesellschaftskritik mit Revolte-Chic und kunsttheoretisch fundiertem Aktionismus kombinieren, unter anderem das barcelonesische Kollektiv Enmedio (ein Bericht von mir dazu hier).
Doch die Supermarktplünderungen haben eine andere Qualität, finde ich. Die Gewerkschafter haben vor dem Ausflug zum Supermarkt vermutlich keine Kunsttheorie gebüffelt, sondern haben etwas Naheliegendes getan: Natürlich ist im Krisenspanien noch niemand verhungert, aber die Schlangen vor den Suppenküchen haben sich verdoppelt; „Mülltaucher“, die die Tonnen vor den Supermärkten auf Essbares durchsuchen, sind in vielen spanischen Städten ein Alltagsphänomen. Man mag Aktionen wie die Supermarktplünderungen populistisch und politisch kurzatmig finden oder sie auch als organisierten Diebstahl kritisieren, aber das Ganze als Performance abzutun,damit macht man es sich etwas zu einfach…

 

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Mama Merkel

Meine Nachbarin begrüßt mich seit ein paar Tagen mit “Hallo Angela”. Der Grund: Dank der unvermeidlichen lautverstärkenden Funktion des spanischen Lichthofes bekommt die gesamte Nachbarschaft mit, wie ich versuche, ein Krabbelkind am Chaos stiften zu hindern. Und, leider, ähnelt meine Strategie der der deutschen Bundeskanzlerin: permanentes Nein sagen. Angela sagt Nein zu Euro-Bonds. Ich sage Nein zum Mülltonne ausräumen. Angela sagt: Nein, prinzipiell keine Abkehr vom Sparkurs. Ich sage: Nein, nicht das Handy ins Klo werfen. Der Unterschied: Merkels Wort hat Gewicht, meins nicht.

Tatsächlich ist die Frau im Krisen-Spanien omnipräsent. Kein Titelblatt, von dem nicht ihr Name prangt. Keine Nachrichtensendung, die ohne sie auskommt. In den Redaktionen stehen Spezialisten bereit, die jede neue Wendung deutscher Euro-Politik analysieren und kommentieren. Manchmal hat man den Eindruck, dass spanische Politik nicht in Madrid, sondern in Berlin gemacht wird.

Kein Wunder, dass inzwischen die ersten Ermüdungserscheinungen auftreten. Kein Wunder, dass das inzwischen zu erheblichen Ermüdungserscheinungen führt. Er leide unter „Ale-manía“, unter Deutschland-Manie, bekannte der Kolumnist Suso de Toro kürzlich in der katalanischen Zeitung La Vanguardia: Seine einstige Bewunderung für das Land verwandle sich langsam in eine Phobie.

Er ist nicht der einzige, der gegen Mama Merkel aufmüpft. Die Gratis-Zeitung Qué versucht es auf die Ätsch-Bätsch-Tour: „Merkel, Berlin hat keinen Strand“ titelte sie triumphierend über ein idyllisches Strandfoto. Die Rückbesinnung auf touristische Primärtugenden kommt nicht von ungefähr: Das Vertrauen in das Finanzsystem (Bankia steht vor dem Bankrott und unter dem Verdacht Bilanzen gefälscht zu haben), die Justiz (der Chef des Obersten Gerichtshofes verprasst Steuergelder auf Vergnügungsreisen und wundert sich über die Empörung) und die Politik (Amnestie für Steuersünder, Steuererhöhung für alle anderen) mag erschüttert sein, aber wenigstens aufs Wetter kann man sich verlassen. Und wem das zur Hebung des nationalen Selbstbewusstseins zu wenig ist, der hofft auf die EM.

 

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Krisenalltag

Die Krise schlägt den Spaniern auf den Magen. Die alte Hausfrauenkost ist plötzlich wieder in. Schluss mit feiner exotischer Küche, die in Spanien schon auf der anderen Seite der Pyrenäen beginnt. “El garbanzo”, die Kichererbse, und die Kroketten sind zurück. Die Presse würdigt diesen Wandel: Ein der großen Tageszeitungen, El Mundo, widmete der schwerverdaulichen Hülsenfrucht aus der die Spanier ihren berühmten Eintopf, “el cocido”, und andere deftige Gerichte fabrizieren, ein ganzes Sonntagsmagazin. Auch andere Hülsenfrüchte, wie Linsen und Bohnen finden wieder immer öfter den Weg auf den Tisch. Und die kostenlos verteilte 20minutos veröffentlichte eine Ode auf die Kroketten.

Die spanischen “croquetas” sind nicht mit den fritierten französischen oder deutschen Kartoffelpureebällchen zu verwechseln. Sie haben die gleiche Form sind allerdings wesentlich größer und werden aus einer dicken Bechamelmasse gemacht, die ihren Geschmack durch zuvor völlig ausgekochtem Hühnerfleisch, Gambas oder ganz einfach Reste des Bratens vom Vortag erhalten. Wo Schmalhans Küchenmeister ist, büßt allerdings der Geschmack. Denn in Zeiten der Krise verbannen viele Spanier das so gesunde und aromatische Olivenöl und ersetzten es durch … richtig befürchtet … durch Sonnenblumenöl.Von den sich wandelnden Essgewohnheiten wissen auch die Müllmänner zu berichten. Die Tonnen wiegen knapp ein Zehntel weniger als vor der Krise. Denn je einfacher die Produkte, umso weniger Verpackungsmüll fällt an.Auch die Wohnungseinrichtung leidet. Eines der unnötigsten Haushaltsgeräte hat Absatzprobleme. Es werden 40 Prozent weniger Wäschetrockner verkauft. Die Spanier erinnern sich plötzlich wieder an die gute alte Wäscheleine. Da es selten regnet und die Temperaturen fast das ganze Jahr über ihren Dienst tun, kommt die Wäsche wieder auf den Hinterhof. Vorbei sind die modernen Zeiten, in denen unnötig Strom verbraucht wurde.

Auch die Krankenhäuser haben plötzlich weniger zu tun. Wie bereits in den USA beobachtet, gehen jetzt auch in Spanien die Verkehrsunfälle zurück. Die Krise erreicht das, was weder durch ständig härtere Strafen und noch durch ein Punktesystem beim Führerschein gelang. Die Spanier fahren weniger und vor allem langsamer. Denn der Sprit ist teuer. Der Benzin- und Dieselkonsum geht deutlich zurück und es werden kaum noch Neuwagen verkauft.

Auch das Zwischenmenschliche scheint sich dank der Krise zu verändern. Immer weniger Paare lassen sich scheiden. Und das obwohl erst 2007 ein neues, schnelleres Scheidungsverfahren eingeführt wurde. Doch in Zeiten, in denen die Arbeitslosigkeit auf Rekordquoten steigt, ist eine Wohnung schon fast unbezahlbar, ganz zu schweigen von zweien. Als wäre dies nicht schon Strafe genug, muss das zerrüttete Paar jetzt auch noch enger zusammenrücken. Mehr als ein Fünftel der Kids, die sich mühsam von Mama und Papa emanzipiert hatten, kehren nach Hause zurück.

Nur ein Produkt erfreut sich eines ständig steigenden Absatzes: Der Lippenstift. Damit soll wohl die die Frustration übermalt werden. Und so manche möchte mit einem schönen Rot auch ihren Arbeitsplatzes sichern. Denn eine Statistik zeigt, dass attraktive Frauen leichter Arbeit finden bzw. später gekündigt werden, als ihre weniger hübschen Geschlechtsgenossinnen.

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