Ausgeschlossen in Venedig

„Unbuilding Walls“  – Titel und Thema des Deutschen Pavillons auf der diesjährigen Venedig Biennale für Architektur passen bestens zu „Ausgeschlossen: Eine Weltreise entlang Mauern, Zäunen und Abgründen“, dem neuen Buch der Weltreporter.  

Deshalb präsentierten die Weltreporter Marc Engelhardt (Herausgeber; Schweiz) und Clemens Bomsdorf (Autor des Kapitels über Grenzen in der Kunst; Nordeuropa) das Buch erstmals in Italien. Zum Abschluss der Architektur Biennale diskutierten sie am Samstag, 24. November, um 18.30 in der Evangelisch-Lutherischen Kirche, mit Marita Liebermann (Direktorin des Deutschen Studienzentrums in Venedig) und Agnes Kohlmeyer (Kuratorin, Uni Venedig) über Sinn und Unsinn von Grenzen und wie Kunst und Architektur damit umgehen.

Obwohl auf Deutsch debattiert wurde und obwohl an dem Wochenende die Konkurrenz an spannenden Veranstaltungen in Venedig groß gewesen sein dürfte, wie man es aus Berlin kennt, kamen geschätzt mindestens 60 Leute zu der Veranstaltung. Das Interesse am Thema ist eben grenzenlos.

11. 12. Cantuccini selbst machen

Da mag das traditionelle Weihnachtsessen aus Antipasti, Tortellini in heißer Fleischbrühe und Kapaun noch so reichhaltig gewesen sein, in der Familie meines Mannes gab es zum krönenden Abschluss immer auch die typisch toskanischen Mandelplätzchen, Cantuccini oder heute auch Biscotti di Prato genannt. (mehr …)

Weltreporter-Forum 2016 – hier ist das Programm!

Das Programm des Weltreporter-Forums 2016 in Raiding/Burgenland steht:

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Wir freuen uns mit unseren internationalen Gästen auf einen spannenden Sommer-Nachmittag auf dem Land. Und auf Sie!

Los Angeles – soviel mehr als Hollywood

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Jedes Jahr am 31. Dezember wandere ich mit Freunden auf eine Hügelkuppe in den Bergen von Los Angeles. Von dort schauen wir beim Picknick vom glitzernden Pazifik im Westen über Wolkenkratzer von Downtown bis zu schneebedeckten Bergen im Osten. Es ist immer eine gute Gelegenheit, mich an Menschen und Orte zu erinnern, die ich im vergangenen Jahr getroffen und entdeckt habe. Wieviel ich selbst nach zehn Jahren in Los Angeles noch zu entdecken habe wurde mir bei meinem letzten Interview im Jahr 2013 mal wieder sehr bewusst. Für Reporter Corps, ein Projekt der USC Journalismus Schule ging ich mit einer Studentin durch das Viertel, in dem sie aufgewachsen ist: Watts. Im Süden der Wolkenkratzer gelegen, ist es vor allem bekannt für die Rassenunruhen, die dort 1965 ausbrachen, Bandenkriege und Schießereien über die die Abendnachrichten berichten. In alternativen Reiseführern werden außerdem die Watts Towers erwähnt, das Kunstwerk eines italienischen Einwanderers, der in jahrelanger Arbeit aus Fundstücken Türme schuf, die sich bis heute dem blauen Himmel entgegen strecken.
Shanice, die Studentin, zeigte mir ein anderes Watts: einen Park, in dem Pärchen auf Bänken sitzen, Mütter ihre Kinder auf Schaukeln und Rutschen beobachten und Teenager Baseball spielen; daneben eine Bibliothek und ein Beratungszentrum für Jugendliche, zwei Künstler, IMG_3708 die eine Wand des Jugendzentrums mit bunten Symbolen für Freundschaft und Verständigung verschönern und ein stolzer hispanischer Vater, dessen Kinder in Watts aufgewachsen sind und ihren Uniabschluß gemacht haben.
“Ich lebe gerne in Watts” sagt die 22 jahre alte Shanice. “Hier ist immer etwas los, die Leute sind meistens freundlich und helfen einander. Viele hier haben es nicht leicht und erreichen trotzdem viel! Viele starke Menschen leben in Watts!”
Shanice über das Leben in Watts

Es gibt so viele Geschichten zu erzählen, die zeigen: Los Angeles hat unendlich mehr zu bieten als Hollywood. Ich freu mich schon auf die Entdeckungsreisen im neuen Jahr!

Mafia, Maori, Maasdamer

Picture 2Manchmal ist doch wunderbar, wenn die Welt klar, kompakt und Entscheidungen einfach sind. Ich zb wüßte genau, was ich machen würde, wenn ich am 1. August um 20 Uhr nicht in silly Sydney, sondern ausnahmsweise circa 16500 Kilometer weiter nördlich wäre: Ich würde in die Rudi-Dutschke-Straße 23 in BerlinKreuzberg radeln, mich im taz-Café an einen schattigen Tisch setzen, zuhören, am Kaltgetränk nippen und viel und laut lachen.

Dann und dort nämlich lesen drei Weltreporter aus ihren extrem kurzweiligen Büchern: Anke Richter (Christchurch), Kerstin Schweighöfer (Den Haag) und Martin Zöller (Rom/München) lassen bei ihrer Culture-Clash Lesung übrigens auch mit sich reden und diskutieren. Das Motto des Abends ist sommerlich freudvoll alliteriert und geht so: “Mafia, Maori und Maasdamer”. Aber lassen Sie sich davon nicht abschrecken 😉 es wird garantiert ein urkomisch vergnüglicher Abend! Viel Spass und gute Unterhaltung!

Ps: der Eintritt ist übrigens frei.

Finale der Oblehrer – “Vaidenfellere” und andere deutsche Monster

Es war Ende April und schlimmer konnte man es sich nicht vorstellen: keine italienische Mannschaft im Halbfinale der Champions-League, und dazu auch noch zwei deutsche! Nicht nur, dass damit die Euro-Krisen-Oberlehrer nun auch noch als Fußball-Oberlehrer herumstrebten; vor allem hatte man an vier Spielen mit Wortmonstern wie “Vaidenfellere” und “Emullere” zu kämpfen. Ganz zu schweigen von Obermonster „Esvainstaigere“.

Und doch, es geht noch schlimmer. Die Steigerung erleben wir am heutigen Abend. 90 Minuten ein Spiel mit der maximal denkbaren Anzahl von deutschen Nachnamen auf dem Platz und drumherum! Ein Albtraum. Die Folge: Ich bekomme seit Tagen Anrufe von Sportjournalisten. Denn früher gab es die Radio- und Fernsehübertragung in der „RAI“ und später auf „SKY“. Heute gibt es unzählige Wettanbieter und Regionalradios, die vom Fernsehbild aus das Spiel kommentieren. Meistens kommen die Kollegen ohne Umschweife rasch zur Sache:”Come cazzo si pronuncia questi nomi?”, etwas geglättet übersetzt mit: „wie zum Teufel spricht man diese Namen aus?” „Allora“, „also“, sage ich dann und stelle mich auf eine gute halbe Stunde Deutschkurs ein, ich baue von Zeit zu Zeit Eselsbrücken: „Neuer“, spreche man aus wie „Noia“, „Langeweile“, sage ich dann. Die Eselsbrücke? Neuer sei im Vergleich zur Bestie Oliver Kahn vergleichsweise langweilig. Konstruiert? Wirksam! Beim Dortmunder „Weidenfeller“ muss das Lautbild „Vaidenfellere“ dagegen buchstabiert werden: „V“ wie „Venezia“, „A“ wie „Ancona“, „I“ wie „Imola“, „D“ wie „Domodossola“, „E“ wie Empoli, „N“ wie „Napoli“….und so weiter. Jedesmal eine kleine Italienreise. Ein kleiner Urlaub, allein durch die Wörter.

Doch die Kollegen denken nicht weit genug: Denn beim Champions-League-Finale geht es ja nur zum Teil um diesen silbernen Pokal. Es geht ja auch um das „sich präsentieren“: Jeder, der in den 90 Minuten des Finales zu sehen ist, und sei es der Vize-Masseur auf der Trainerbank, muss damit rechnen, vom Fleck weg von einem Groß-Club verpflichtet zu werden. Steht nach den „Legionären“ von Lothar Matthäus bis Thomas Doll jetzt die nächste Wanderung über die Alpen an? Um nicht zu weiterer Verunsicherung bei den geschätzten Radiokollegen zu sorgen, habe ich dieses Szenario bisher nicht erwähnt. Sollen sie erst einmal den Samstagabend ohne Zungenkollaps überleben! Die Fans sind da schon deutlich weiter. Auf einem Fan-Blog von „Lazio Rom“ findet sich der schöne Eintrag eines gewissen „Lucio“: „Thomas Hitzelsberger ist 2010 gegangen und ich weiß immer noch nicht, wie man ihn schreibt oder ausspricht. Wenn irgendwann einmal Schweinsteiger kommen sollte, buona notte, gute Nacht.“

Um den Kollegen ein positives Gefühl zu geben, nenne ich zum Schluß immer den Namen des bayerischen Abwehrspielers „Dante“. Auf die Wirkung ist stets Verlass: „Dante Alghieri! Göttliche Komödie!“, kommt dann sofort und ein Kollege aus Palermo fing sogar an, einen Vers aufzusagen: “Nel mezzo del cammin di nostra vita…“ Und schon ist man als Italiener wieder obenauf. Weltgeschichtlich bleibt auf lange Sicht von Italien einfach die Kultur. Von den Deutschen nur die Wortmonster.

Klein, aber riesig! Das Geheimnis römischer Trattorien

“Schön, dass es noch solche Trattorien gibt”, seufzte ich zufrieden und stellte mein Glas Rotwein ab. Ich war einfach begeistert. Und in diesem Moment noch ahnungslos.

Es ist nur wenige Tage her, ich war mit Freunden in einem kleinen Lokal im altrömischen Stadtteil Trastevere zum Essen.  Als ich den Laden betrat war ich noch angetan. Gerade einmal acht Tische! Hier, so mutmaßte ich, muss das Essen gut sein! Hier wird noch mit Liebe gekocht! Hier bestimmt noch die Leidenschaft, nicht das Geld! Hier, so war ich überzeugt, gilt das Motto: “Wirtschaftlich lohnt es sich zwar nicht, aber es ist uns ein Bedürfnis, auch für wenige Gäste gut zu kochen.”

Tatsächlich, die Nudeln waren spitze und ich bester Laune. “Wie habt ihr dieses Mini-Lokal nur gefunden?”, fragte ich meine Freunde anerkennend. Sie schauten, als hätten sie mich nicht recht verstanden.

Nach dem Essen wurde mir klar, warum.  Ich fragte nach der Toilette, der Kellner sagte “sotto!” und ich stieg die Treppe hinab. Je tiefer ich stieg, desto laute wurde es: Gemurmel und Gebrummel von Menschen. Vielen Menschen! Und tatsächlich: Unten stand ich nicht, wie gedacht, im geheimnisvollen Weinkeller einer vermeintlich schnuckeligen Trattoria, sondern in einem ziemlich großen, neonbeleuchteten und mit Marmor verkleideten Essenssaal. Gut 40 Gäste saßen da, Pizza essend und Bier trinkend, weitere Türen zu weiteren Räumen. Verdattert blieb ich auf der untersten Stufe stehen. Erst ein forsches “Avanti!” des von oben nachdrängenden Kellners weckte mich auf: Die vermeintlich kleine, gemütliche, Trattoria, war in Wirklichkeit ein Freßtempel wie jeder andere! 

 So geht es einem ständig in Rom: Man besucht ein Lokal, glaubt, man habe den Geheimtipp des Jahrhunderts entdeckt – um dann zu merken, dass im Untergeschoss noch drei Touristengruppen aus Wuppertal und zwei Dutzend Pilger aus Polen sitzen und auch noch Platz wäre für weitere drei Busladungen. Wie oft schon ist es mir so gegangen! Von der Gasse aus linst man in ein kleines Lokal hinein und dann lotst einen der Kellner die Kellertreppe hinunter. Da sitzt man dann zwischen Leuten, denen es genauso geht wie einem selbst: Enttäuscht, dass der Geheimtipp eine Fata Morgana war. 

 Doch halt! Ausnahmsweise können da die Römer nichts dafür und es steckt keine Schlitzohrigkeit dahinter. Es geht eben nicht anders. Die mittelalterlichen Häuser sind eben so kleinteilig gebaut.

Da ein Räumlein! Da ein Zimmerchen! Da eins! Und da noch eins! So ist es übrigends auch bei einem Elektroladen in meinem Stadtviertel. “Kyndes” heißt der und alle empfehlen ihn als besten Elektro-.”Großmarkt” in Rom. Und dann fährt man hin und es ist wie bei den Restaurants: Ein winziger Eingang – doch innen zieht sich der Laden im Paterre und Keller auf hunderten Quadratmeter dahin: Hier ein Räumlein für die Kühlschränke, da ein Kämmerchen für die Toaster, da ein Zimmerchen für die DVD-Player…und so weiter und so fort. Kein Konsumtempel. Schlimmer noch: Ein Konsumlabyrinth.

Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrums! – Martin Zöller über seine Angst vor den Balkonen der Nachbarn

Träumen darf man ja, nur bringt’s halt manchmal nichts. Zum Beispiel in Rom. Jeder der nach Rom geht, träumt von einer Dachterrassenwohnung. Nur sind diese Wohnungen so teuer, dass man sie sich eh nicht leisten kann. Deshalb wohne ich zum Beispiel im ersten Stock und schaue neidisch von meiner schattigen Terrasse hinauf zu den sonnigen Höhen der Nachbarn.

 

                       

Doch Vorsicht: Da meine Terrasse größer ist, als die Balkone darüber, sind schon zwei Mal Blumentöpfe von oben hinuntergekracht. Sie verfehlten mich knapp, anders übrigens als jener schwarze Socke, der mitten auf meinen Pasta-Teller segelte.

Doch jetzt geht’s den Oben-Wohnern an den Kragen. Die Polizei hat sich angekündigt und will alle Balkone des Hauses überprüfen. Der Grund: Kürzlich hatte ein Nachbar die Feuerwehr gerufen, weil es im ganzen Haus nach Gas stank – die Feuerwehr spürte das Gas-Leck auf: Auf dem Balkon des Nachbarn. Dieser hatte frecherweise seinen Balkon zur Küche ausgebaut und offenbar die Gas-Anschlüsse versemmelt. Hmm, dachte sich so die Baupolizei. Wie werden wohl die anderen Balkone genutzt? Zum Frische-Luft-Schnappen und Geranien-Gießen? Oder für was? 

 

Deshalb ist mein Freund und Nachbar Andrea jetzt in Panik.

                   

Denn auch Andrea hat kürzlich seinen Balkon ausgebaut und zwar zur Superküche: Man rührt in der Spaghettisoße und schaut auf die Kuppel des Petersdoms. Er hatte sogar wilden Wein und Jasmin angepflanzt, um den Schwarzbau zu tarnen. Und jetzt? “Eeeeeeeeeeh”, macht Andrea. Er weiß es nicht.Er tut mir leid. Er hat die Küche nicht aus Spaß auf den Balkon gebaut, sondern weil seine Frau ein drittes Kind erwartet. Und eine größere Wohnung können sie sich nicht leisten. Was für Andrea schlimm wäre, wäre für andere höchstens ärgerlich: Frau Lovello müsste ihr Esszimmer und den Fernseher wieder nach innen verlegen, und Frau Prosperi müsste anderswo Platz für Waschmaschine, Trockner und Gefriertruhe finden.

Doch vielleicht passiert auch gar nichts: Trotzig sagen im Haus nun alle, sie würden einfach in Zukunft nicht mehr aufmachen, wenn es an der Tür klingelt – könnte ja die Polizei sein. Aber was, wenn draußen an der Tür eine energische Stimme sagt “Polizia!” – und plötzlich fängt Andreas jüngster Sohn, der einjähige Alessandro, zu schreien an? “Dann wären wir verraten”, sagt Andrea mit ernstem Gesicht.

So leid es mir täte für Andrea: ich kann der Balkon-Prüfung auch etwas Gutes abgewinnen. Denn von Balkonen stürzende Socken und Topfpflanzen kann ich vielleicht noch schwerverletzt überleben. Wenn aber alle sechs Balkone über mir mitsamt Küchen, Kühlschränken., Waschmaschinen und Fernsehern auf meine Terrasse stürzen während ich dort Spaghetti esse, was dann? Dann hätte ich viel zu schnell doch noch meine Dachterrasse. Eine flauschige Wolke im Himmel mit Panoramablick.

So krank ist Italien gar nicht!

Am Wochenende wurde in Kampanien der Bürgermeister  von Pollica vor seiner Haustür erschossen. Angelo Vassallo war beliebt. Er hat dafür gesorgt, dass in seiner süditalienischen Kommune, die Dinge funktionieren.  Der 57-Jährige konnte eine positive Wirtschaftsbilanz vorweisen, war engagierter Umweltschützer, der sich dafür einsetzte, dass die Schönheit des Nationalparks Cilento bewahrt wurde. Und er hat dafür gesorgt, dass in seiner kleinen Gemeinde in Kampanien, wo das Müllproblem sozusagen sprichwörtlich ist, die Mülltrennung bei 85 Prozent liegt.

Genau diese Effizienz, den Bürgersinn und die Anständigkeit hat Angelo Vassallo anscheinend mit dem Leben bezahlt. Noch weiß man nicht, wer für diesen feigen Mord verantwortlich ist. Die Camorra, heißt es. Es wird noch untersucht.

Warum erzähle ich das? Mafiamorde sind in Italien schließlich nichts Ungewöhnliches.

Nur war ich eben am selben Wochenende mit Kollegen der Stampa Estera unterwegs, Vertretern der Auslandspresse in Italien. Und dort fiel der Satz: „Italia è profondamente malata.  Italien ist durch und durch krank.“  Und  natürlich kam dann auch der Nachsatz: bei uns in der Schweiz, in Deutschland, in Frankreich hingegen …

Ich habe mich über diese Behauptung geärgert und sie als unangebrachten Allgemeinplatz abgetan. Mit dem Hinweis, dass wir nicht das Recht haben, ein Land mit den Maßstäben eines anderen zu messen, selbst wenn wir dort seit Jahren leben.  Und auch wenn sich gerade der Mord an Angelo Vassallo  als passendes Beispiel für die These vom „kranken Italien“ eignen würde, habe ich meine Meinung nicht geändert.

Für mich ist Italien nicht „durch und durch krank“.  Es stimmt.  Vieles ist krank in diesem Land. Doch hat das meiste davon mit Politik, mit Macht und den Institutionen zu tun. Ein gutes Beispiel ist das abscheuliche Sommerspektakel von Berlusconi, Bossi, Fini & co der letzten Wochen, das zeigt, dass in Italien, vielleicht mehr als anderswo, die Politik ausschließlich mit sicher selbst beschäftigt ist, während  Wirtschaft und Sozialstaat den Bach heruntergehen.

Der  feige Mord an Angelo Vassallo hingegen  bringt zum Vorschein, dass in Italien, weit weg von Rom, nach wie vor die Bürger an einer modernen, an einer zivilen, an einer gesunden Gesellschaft arbeiten.  Nur  tun sie es meist im Verborgenen. Denn etwas, das funktioniert, ist keine Schlagzeile wert.  Und vielleicht macht gerade das ihr Engagement eben auch gefährlich.

Um diesem Land also gerecht zu werden, sollten wir  von der Auslandspresse unser Augenmerk wieder mehr  auf  die Ereignisse hinter den Meldungen richten.  Denn sicherlich haben viele  von uns über den Mord berichtet, als weiteres Indiz für die These vom kranken Italien vielleicht…  Doch Hand aufs Herz! Welchem Redaktionsleiter war es anschließend die Meldung wert,  dass am darauf folgenden Tag in Pollica Tausende von Bürgern  mit einem Fackelumzug auf die Straße gegangen sind? Auf ihren Spruchbändern konnte man unter anderem lesen: Angelo, du warst unser Vorbild und wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir werden in deinem Sinne weitermachen.

Warum die Römer ständig auf meine Urgroßeltern schimpfen

Ich habe meine Urgroßeltern nie kennengelernt, aber seitdem ich in Rom lebe, leidet unser Verhältnis sehr. Wie soll es auch anders sein, wo sie, also die seligen Karl-Theodor, Hugo, Franziska, Matilde und die anderen vier, ständig für meine Fehltritte verantwortlich gemacht werden? Ständig höre ich es, wenn ich auf dem Roller angehupt werde oder wenn ich selbst jemanden zur Rechenschaft hupe. „Mortacci tua!“ 

„Mortacci tua“, das heißt so etwas wie „Deine unwürdigen verstorbenen Verwandten!“ Es ist die fieseste Beleidigung in Rom und gleichzeitig die am meisten verbreitete; das will etwas heißen, denn die Römer fluchen und schimpfen die ganze Zeit. Wer also auf ein gutes Verhältnis zu den eigenen Ahnen wert legt, sollte sich in Rom unauffällig verhalten. Denn sind sie aufmüpfig – etwa indem sie an der roten Ampel halten – werden nicht nur Sie selbst, sondern ihre ganze Sippschaft der vergangenen Jahrhunderte verflucht. 

Erst gestern hörte ich wieder den auf ein prägnantes „’Cci tua!“ reduzierten Fluch, als ich zugegebenermaßen fälschlicherweise rechts blinkte und links abbog. Weil ich aber partout nicht den Zusammenhang zu meinem Urgroßvater Karl-Theodor erkennen wollte, schimpfte ich auf deutsch zurück, etwas in die Richtung: „Du mich auch!“. 

Aber „Cci tua!“ kann ich und noch viel mehr römisches, seitdem ich einmal die finstere Trattoria „La Parolaccia“ in Trastevere besuchte. Dass das Lokal „Schimpfwort“ heißt, sagt eigentlich schon alles: Die Kellner beschimpfen die Gäste und die zahlen dafür (und für überteuertes Essen). Die Kellner rufen „Hier, Deine Spaghetti, Du Idiot“, wenn sie das Essen bringen, oder „Kannst mich mal!“ wenn man sie um einen weiteren Krug Wein bittet. Besonders herzlich werden neue Gäste begrüßt, so auch ich, als ich zum ersten Mal das Lokal betrat. Ein Kellner griff zum Mikrofon und rief – hörbar für alle Gäste: „Schaut Leute, da kommen zwei Oberidioten, ihr seid die hässlichsten Typen, die ich je gesehen habe, es ist zum Kotzen, dass ihr hier seid.“ Schallendes Gelächter des ganzen Lokals. Und natürlich mischte der Kellner unter seine Flüche auch ein „Mortacci tua!“ und ließ selbst also selbst an diesem Abend meine Urgroßeltern, Karl-Theodor, Hugo, Franziska, Matilde und die anderen vier nicht in Frieden.  

Bevor ich ging, traute ich mich, einen Kellner anzusprechen. Erst fragte er, was ich denn wolle, ich hässlicher Idiot, dann aber erklärte er mir allen ernstes: Wer sich in Rom besonders gern mag, der beschimpft sich. Seither gehe ich recht unbeschwert mit Schimpfwörtern um und mit dem Kassierer in meiner Kaffeebar hat sich ein seltsames Morgenritual ergeben. Er fragt mich, „Was nimmst Du, pezzo di merda?“, worauf ich ganz entspannt sage: „Mortacci tua, einen Cappuccino, stronzo!“ 

Ich kann meine Urgroßeltern, Karl-Theodor, Hugo, Franziska, Matilde und die weiteren vier, also beruhigen: Ich verfluche mindestens so oft die Verwandten der andern, wie ihr verflucht werdet!