Covid-19 – Wie geht’s dem Rest der Welt?

Maßnahmen lockern? Anders forschen? Alte Menschen isolieren? – Debatten, die in Deutschland geführt werden, beschäftigen auch andere Länder. Aber es gibt dort auch völlig andere Lösungen, Ansätze und Konflikte. Die Weltreporter berichten in diesen Wochen von allen Kontinenten fast ausschließlich über Situationen, Menschen und Ereignisse, die irgendwie mit Covid-19 zu tun haben.

Falls Sie eine C-Verschnaufpause brauchen: Manche Themen – wie Cornelia Funkes neuer Roman, über den Kerstin Zilm im Deutschlandfunk Kultur spricht  – haben weniger inhaltlich als vielmehr anlässlich mit Corona zu tun: Die Bestsellerautorin Funke lässt in den kommenden Wochen live auf Instagram und YouTube aus dem vierten Buch ihrer Tintenwelt-Serie lesen. Das Buch ist noch gar nicht veröffentlicht. Funke erzählte Kerstin Zilm, warum sie die ersten 14 Kapitel von ‘Die Farbe der Rache’ trotzdem schon aus ihrer Schublade geholt hat.

Ein Geschenk für die Fans – Kerstin Zilm spricht mit Cornelia Funke

In Taiwan wurden die ersten Coronavirus-Infektionen noch vor jenen in Deutschland gemeldet, doch bis heute gibt es in dem asiatischen Land weniger als 450 Infektionen und sechs Tote – Wie gelingt eine so beeindruckende Bilanz? Nicht ohne Einschränkungen, aber mit raschen, wirksamen Maßnahmen hat der Inselstaat vor der Küste Chinas geschafft, die Ausbreitung des Virus unter den 23 Millionen Einwohnern stark einzudämmen. Einen spannenden Bericht dazu hat Klaus Bardenhagen für die Umschau des MDR gefilmt.

Klaus Bardenhagen berichtet aus Taipei Foto: Screenshot mdr

Klaus Bardenhagen berichtet aus Taipei    Foto: Screenshot mdr

Dort erklärt er – diesmal auch vor der Kamera – warum Taiwan in diesen Tagen so eine Art Insel der Seligen ist. Über die strenge Heimquarantäne und die besondere Rolle der Taxifahrer in Taiwan hatte Klaus Bardenhagen zuvor bereits mit dem ARD Studio Tokio für das Mittagsmagazin einen Beitrag gedreht.

Knapp 10.000 Kilometer weiter südwestlich arbeitet Anke Richter, die sich in den vergangenen drei Wochen kaum wie Kollege Bardenhagen auf einem vor Menschen wimmelnden Markt getummelt haben dürfte. In Christchurch  wurde der Lockdown mit deutlich härteren Sanktionen durchgesetzt als in vielen deutschen Städten. Und Neuseeland  liegt jetzt im weltweiten Kampf gegen das Coronavirus mit einem Reproduktionsfaktor von 0,5 vorne. Als sonderlich harsch wurden die Maßnahmen dort jedoch von vielen nicht empfunden. “Nett und schlau” nennt Anke in ihrer Story für Zeit Online die Strategie, mit der der Pazifikstaat bisher offenbar gut fährt. Regierungschefin Jacinda Ardern sitzt dort im Sweatshirt zu Hause und beantwortet im Livechat auf Facebook Fragen ihrer Landsleute – unprätentiös, herzlich, sachkundig.

Jacinda Ardern plaudert mit ihren Landsleuten ©Screenshot Facebook

Neuseelands PM Jacinda Ardern plaudert mit ihren Landsleuten © Screenshot Facebook

Während anderswo Mediziner fehlen, schickt Kuba Doktoren in die Welt: 596 Ärztinnen und Ärzte habe man in insgesamt 14 Länder entsandt, um sie zu unterstützen, hieß es aus dem kubanischen Gesundheitsministerium. Wie es dazu kam, dass sich der sozialistische Inselstaat in der medizinischen Kooperation derzeit so profiliert, hat Wolf-Dieter Vogel analysiert.

Singapur hatte die Krise fast im Griff. Doch jetzt schockiert ein massiver Ausbruch in den Wohnheimen für ausländische Arbeiter den reichen Stadtstaat, schreibt Mathias Peer im Handelsblatt. Zwar gehört Singapur zu den reichsten Ländern der Welt, doch bei ihren Gastarbeitern sparen viele Unternehmen wo es geht – das rächt sich nun offenbar.

Ein Straßenhändler verkauft Desinfektionsmittel @ Bettina Rühl

Ein Straßenhändler in Kenia verkauft Desinfektionsmittel © Bettina Rühl

Den afrikanischen Kontinent hat das Coronavirus mit Verzögerung erreicht. Inzwischen steigen die Infektionszahlen  deutlich an. In Kenia, Uganda, Simbabwe und Südafrika greifen Polizei und Militär hart durch, um Ausgangsbeschränkungen durchzusetzen. Im Deutschlandfunk berichten Bettina Rühl und Leonie March über die Situation in Slums der kenianischen Hauptstadt und über das zum Teil drastische Krisenmanagement  Südafrikas.

Julia Macher erzählt in ihrer Hörfunk-Reportage auf Deutschlandfunk Kultur wie Gesellschaft, Wirtschaft und Politik in Barcelona mit der Corona-Krise umgehen. Das war für die Weltreporterin in Spanien auch eine erzählerische Herausforderung: Wie bleibt man trotz Ausgangssperre und „social distancing“ nah dran an den Protagonisten?

19. 12. “Escudella i carn d’olla” aus Katalonien

Vergessen Sie Ferran Adriàs sphärisierte Oliven und andere Molekularküchenexperimente: Die traditionelle katalanische Küche ist bodenständig, ländlich und deftig. (mehr …)

5. Geschenk: eine spanische E-Gitarre

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Spanien ist bekannt für seine Gitarrenbauer. Klassische Gitarren und Flamenco-Gitarren “Made in Spain” sind weltweit beliebt. Doch die Spanier können es auch krachen lassen. Seit ein paar Jahren macht eine kleine Szene von jungen Handwerkern von sich reden, die sich der E-Gitarre verschrieben haben. Der 45-jährige Diego Vila ist einer von ihnen. In seiner kleinen Hinterhofwerkstatt in Lavapiés, der Madrider Altstadt, baut der gebürtige Argentinier begehrte Einzelstücke. Von Hardrockern bis hin zu Jazzern zählen zu seinen Kunden. Wer eine Vila-Gitarre will, braucht Geduld, viel Geduld. Nur rund zehn Instrumente verlassen die Werkstatt im Jahr.

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3. Geschenk: Pflanz einen Orangen-Baum in Spanien!

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Der Duft von Orangen und Mandarinen gehört zum Advent wie der von Zimt und Weihnachtsplätzchen: Spaniens Orangenbauern haben im Winter Hochsaison. Knapp 6,4 Millionen Tonnen Zitrusfrüchte werden jährlich geerntet, die meisten in der Region Valencia. Doch das Geschäft ist hart, der Druck von Konkurrenz und Zwischenhändler groß: Die Kilopreise, die die Bauern erwirtschaften, decken oft nicht einmal die laufenden Kosten. Kein Wunder, dass immer mehr Landwirte auf Direktversand umsatteln und die Früchte selbst an den Endverbraucher schicken. Der Familienbetrieb www.naranjasdelcarmen.com geht noch einen Schritt weiter.

Wer beim „Crowdfarming“ die Patenschaft für einen neu zu pflanzenden Baum übernimmt, erhält das ganze Jahr über frisches Bio-Obst – kann übers Internet seinem Baum beim Wachsen zusehen.

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Weltreporter-Forum 2016 – hier ist das Programm!

Das Programm des Weltreporter-Forums 2016 in Raiding/Burgenland steht:

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Wir freuen uns mit unseren internationalen Gästen auf einen spannenden Sommer-Nachmittag auf dem Land. Und auf Sie!

Frühkindliche Erziehung in der Manege

Spanien kommt aus der Bluthochdruckzone gar nicht mehr raus. Ein Skandal jagt den anderen, Oberthema: Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Klingt schrecklich langweilig, ist aber ein echter Aufreger, zumindest wenn die Protagonisten ein Stierkämpfer und eine Podemos-Abgeordnete sind.
Fran Rivera, genannt Paquirri, hat ein Foto von sich und seiner jüngsten Tochter gepostet. Es zeigt ihn beim Training, in der heimischen Arena, mit einer Jungkuh, und zwar in dieser Pose:

Anschauungsunterricht in Sachen Tradition und Kulturpflege

Musische Früherziehung, Unterrichtseinheit Tradition

Daneben der Text: “Carmens Debüt – Sie gehört zur fünften Generation einer Stierkämpferfamilie. Mein Großvater zeigte das gleiche meinem Vater, mein Vater mir, ich meinen beiden Töchtern…”
Innerhalb weniger Stunden war die Debattennation zweigeteilt, in den Talkshows liefen die Mikrofone heiß, Verfechter (“Tradition”, “Weitergabe von Werten”) und Gegner (“Angeber”, “unverantwortlich”, “Tierquälerei”) warfen sich alle Nettigkeiten zwischen “Banause” und “Mörder” an den Kopf. Und natürlich wurde sogleich die Parallele zu diesem Skandal gezogen:

Politische Früherziehung, Unterrichtseinheit Eltern-Kind-Rechte

Politische Früherziehung, Unterrichtseinheit Eltern-Kind-Rechte

Podemos-Abgeordnete Carolina Bescansa hatte doch tatsächlich zur ersten Parlamentssitzung ihr Baby mitgebracht. Die Vize-Parlamentspräsidentin höchstpersönlich wies die Neue darauf hin, dass es auch eine KiTa im Parlament gäbe und ließ sich dann lang und breit in einer Talkshow darüber aus, ob ein “geschlossener Raum mit 400 Erwachsenen” tatsächlich das richtige Ambiente für einen Säugling wäre. Auch da verliefen tiefe Fronten zwischen Befürwortern (“Biologie, Mutter-Kind-Bindung”, “Zeichen setzen für arbeitende Eltern”) und Gegnern (“Populismus”, “unverantwortlich”). Man könnte jetzt lang und breit tatsächliche und mutmaßliche Gesundheitsrisiken für die jeweiligen Säuglinge in Plenarsaal/Arena analysieren, über die Ähnlichkeiten und Unterschiede beider Manegen sinnieren; interessant bei der Debatte ist vor allem, dass diejenigen, die sich über Bescansas Baby echauffierten Paquirris Baby beklatschen. Und umgekehrt natürlich. Die Argumente sind austauschbar, denn im Kern geht es nicht um die Kinder, Mütter, Väter, sondern um Politik: um die ungezogenen Neuen (Podemos und Co) gegen die überkommenen Alten (Toreros und Co).

Das zeigte sich auch am anderen großen Aufreger der letzten Wochen, Oberthema: angemessene Bekleidung/Haartracht. Die Vizepräsidentin des Parlaments kommentierte die Rasta-Locken eines Podemos-Abgeordneten mit einem “So lange da keine Läuse überspringen, ist mir das egal”, Podemos-Chef Pablo Iglesias revanchierte sich dafür, in dem er auf einer Pressekonferenz eine Journalistin für ihren “prächtigen Pelzmantel” lobte – das ist stilistisch eleganter, in der Sache aber  genauso dämlich.

Es wird jedenfalls höchste Zeit, dass die Legislatur ins Rollen kommt und so vielleicht, vielleicht, ein bisschen mehr Inhalt in die Scheindebatten rutscht.

 

Standortvorteil “Verbuschung”

Katalanische DNIEigentlich wollte ich an dieser Stelle schon längst über die zum Quasi-Referendum erklärten, katalanischen Wahlen geschrieben haben, aber ich kam bisher nicht dazu, weil ich mit den Nachwehen eines zum Politikum gewordenen Interviews beschäftigt war. Ein ARD-Kollege und ich haben uns am Freitag vor der Wahl mit Oriol Amat, Wirtschaftsprofessor und Nummer 7 der separatistischen Junts pel Si-Liste getroffen. Ursprünglich sollte es um mögliche wirtschaftliche Konsequenzen einer Sezession gehen, das Interview mit dem Experten der Gegenseite war bereits geführt. Aber schon bald sprachen wir von möglichen Szenarien nach einem Regierungswechsel in Spanien. Als ein sehr wahrscheinliches Szenario schien Amat ein Madrider Angebot zu Verhandlungen um ein neues Autonomiestatut. Dass eine solche Offerte von den Katalanen angenommen würde, schien ihm wahrscheinlich. Ich war überrascht: Seit Jahren demonstrieren regelmäßig Hunderttausende für einen „eigenen Staat“, die „In-, Inde-, Independència“-Rufe sind fester Bestandteil der politischen Folklore und in jedem zweiten Interview beschwören Politiker, „es gebe keinen Weg zurück“. Zwei Tage vor der „plebiszitären“ Wahl ein Autonomiestatut als mögliche Lösung zu präsentieren, ist etwa so, als lasse man Sprinter monatelang im Hochland für Olympia trainieren, nur um sie dann zur Bushaltestelle joggen zu lassen. Ich fragte nach. Amat blieb dabei.

Was der Wirtschaftsprofessor da sagte, bestätigte, was viele langjährige Korrespondenten vermuten: dass es innerhalb der heterogenen Junts pel Sí-Liste Differenzen über Weg und Ziel gibt, dass der Minimalkonsens nicht Unabhängigkeit um jeden Preis, sondern Verhandlungen mit Madrid und Brüssel sind. Vom Gezerre um Freigabe des Gesamtinterviews (einen Tweet hatte ich unmittelbar nach Interview abgesetzt), vom Druck und den widersprüchlichen Gedanken, die mir dabei durch den Kopf gingen, von der Unterstützung durch die Kollegen vor Ort und vom Círculo de corresponsales, erzähle ich gern mal an anderer Stelle. Samstag Nachmittag packte ich jedenfalls einen Ausschnitt aus dem Interview auf Soundcloud, die Online-Zeitung Eldiario.es brachte die Geschichte, El País, La Vanguardia, Antena 3 und ein halbes Dutzend anderer Medien nahmen das Thema auf, die beiden Unabhängigkeitslisten veröffentlichten Kommuniqués. Natürlich schmeicheln solche 15 Minuten Ruhm dem journalistischen Ego, wesentlicher ist für mich eine andere Erkenntnis: Freie Korrespondenten haben einen Standortvorteil. Wir sind meist lange genug in einem Land, um auch die Zwischentöne einer Debatte zu verstehen.  Botschaften und Sender wechseln ihre Mitarbeiter gerne aus, um einen “frischen Blick von außen” zu garantieren oder – weniger nett gesagt – “Verbuschung” zu vermeiden. Aber genau diese Expertise ist unser großes Kapital. Und unverzichtbar, wenn es um Analyse, Interpretation, um Hintergrund geht. Das hoffe ich zumindest.

Standortvorteil “Verbuschung”

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle schon längst über die zum Quasi-Referendum erklärten, katalanischen Wahlen geschrieben haben, aber ich kam bisher nicht dazu, weil ich mit den Nachwehen eines zum Politikum gewordenen Interviews beschäftigt war. Ein ARD-Kollege und ich haben uns am Freitag vor der Wahl mit Oriol Amat, Wirtschaftsprofessor und Nummer 7 der separatistischen Junts pel Si-Liste getroffen. Ursprünglich sollte es um mögliche wirtschaftliche Konsequenzen einer Sezession gehen, das Interview mit dem Experten der Gegenseite war bereits geführt. Aber schon bald sprachen wir von möglichen Szenarien nach einem Regierungswechsel in Spanien. Als ein sehr wahrscheinliches Szenario schien Amat ein Madrider Angebot zu Verhandlungen um ein neues Autonomiestatut. Dass eine solche Offerte von den Katalanen angenommen würde, schien ihm nicht ausgeschlossen. Ich war überrascht: Seit Jahren demonstrieren regelmäßig Hunderttausende für einen „eigenen Staat“, die „In-, Inde-, Independencia“-Rufe sind fester Bestandteil der politischen Folklore und in jedem zweiten Interview beschwören Politiker, „es gebe keinen Weg zurück“. Zwei Tage vor der „plebiszitären“ Wahl ein Autonomiestatut als mögliche Lösung zu präsentieren, ist etwa so, als lasse man Sprinter monatelang im Hochland für Olympia trainieren, nur um sie dann zur Bushaltestelle joggen zu lassen. Ich fragte nach. Amat blieb dabei.

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Was der Wirtschaftsprofessor da sagte, bestätigte, was viele langjährige Korrespondenten vermuten: dass es innerhalb der heterogenen Junts pel Si-Liste Differenzen über Weg und Ziel gibt, dass der Minimalkonsens nicht Unabhängigkeit um jeden Preis, sondern Verhandlungen mit Madrid und Brüssel sind. Vom Gezerre um Freigabe des Gesamtinterviews (einen Tweet hatte ich unmittelbar nach Interview abgesetzt), vom Druck und den widersprüchlichen Gedanken, die mir dabei durch den Kopf gingen, von der Unterstützung durch die Kollegen vor Ort und vom Círculo de Corresponsales, erzähle ich gern mal an anderer Stelle. Samstag Nachmittag packte ich jedenfalls einen Ausschnitt aus dem Interview auf Soundcloud, die Online-Zeitung Eldiario.es brachte die Geschichte, El País, La Vanguardia, Antena 3 und ein halbes Dutzend anderer Medien nahmen das Thema auf, die beiden Unabhängigkeitslisten veröffentlichten Kommuniqués. Natürlich schmeicheln solche 15 Minuten Ruhm dem journalistischen Ego, wesentlicher ist für mich eine andere Erkenntnis: Freie Korrespondenten haben einen Standortvorteil. Wir sind meist lange genug in einem Land, um auch die Zwischentöne einer Debatte zu verstehen.  Botschaften und Sender wechseln ihre Mitarbeiter gerne aus, um einen “frischen Blick von außen” zu garantieren oder – weniger nett gesagt – “Verbuschung” zu vermeiden. Aber genau diese Expertise ist unser großes Kapital. Und unverzichtbar, wenn es um Analyse, Interpretation, um Hintergrund geht. Das hoffe ich zumindest.

Der Spanier und sein Auto

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“Das Auto nicht” heisst ein Song der Madrider Hip Hop Band Def con Dos, der das Verhältnis der Spanier zu ihrem fahrbaren Untersatz auf den Punkt bringt: “Ich werde dich nicht zurückhalten, wenn Du meine Kinder verhaust, (…) ich werde es dir nicht krumm nehmen, wenn du mein Haus abbrennst (…), hab Spass daran, meine Frau zu quälen (…), aber Vorsicht, mach keinen Fehler, egal was du tust, verkratz mir nicht den Wagen, das Auto nicht, nein, nein, nein.”

Der Spanier kann noch so pleite sein, der PKW ist wichtig und heilig. Selbst wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut ans Ziel käme, bevorzugt es im Auto zu fahren. Alleine versteht sich. Der Nachbar, obwohl an der gleichen Arbeitsstätte tätig, fährt ebenfalls im eigenen Wagen. Was sollen denn die anderen denken? Durchschnittlich geben die Spanier 18 Mal soviel für den Unterhalt ihres PKWs aus, wie für öffentliche Verkehrsmittel.

Dabei wird nicht etwa der Tank gefüllt und dann leergefahren. Viele haben bis heute die Angewohnheit für zehn Euro zu tanken, und das muss dann für die Woche reichen. Vor der Währungsumstellung waren es 1000 Peseten. Am Monatsende, wenn Schmalhans Küchenmeister ist, füllen sich die öffentlichen Verkehrsmittel. Viele merken dann plötzlich, dass die Reise im Nahverkehrszug oder der U-Bahn billiger kommt, zumal die Parkgebühr entfällt. Warum sie nicht den restlichen Monat über sparen und das Geld für z.B. einen längeren Ausflug mit Familie am Wochenende im stolzen Wagen ausgeben? Gute Frage. Nur eine Antwort darauf kennt leider niemand.

Der durchschnittliche Spanier liebt einfach seinen PKW. Er war einst in den letzten Jahren der Franco-Diktatur das Symbol für etwas Wohlstand, für ein Leben wie nördlich der Pyrenäen. Bis heute ist für viele ein Leben ohne eigenes Fahrzeug undenkbar.

Junge Paare – vor allem in ländlichen Gegenden – verbringen ihre Freizeit damit, durch die Landschaft zu fahren. Mangels eigener Wohnung dient der Untersatz auch für das Schäferstündchen. Ein Blick auf den Boden jedes lauschigen Waldparkplatzes reicht als Beleg.

Ein ganz besonderes Phänomen ist zu beobachten, wenn es regnet. Ein paar Tropfen am Morgen reichen und der Verkehr kollabiert in den großen Städten vollends. Statt wie gewohnt zur U-Bahn zu gehen, nur eben halt mit einem Regenschirm, greift dann auch noch der Letzte zum Fahrzeugschlüssel, um trocken zur Arbeit zu kommen.

Die meisten Spanier erleben eine seltsame Metamorphosis, sobald sie sich hinters Lenkrad klemmen. Aus dem gutmütigsten Menschen wird ein aggressiver Rennfahrer – eine Art Hoby-Fernando-Alonso und ein radikaler Anarcho. Es wird mit dem Handy telefoniert trotz Verbot, viele nutzen den Sicherheitsgurt bis heute nicht. Sie rasen, drängeln, vergessen das Blinken, überholen rechts und hupen ständig.

Die Spanier sind sich ihrer Fahrkünste durchaus bewusst. Dies zeigt eine Umfrage einer Automobilzeitschrift. 87 Prozent geben offen zu, die Geschwindigkeitsbegrenzung zu ignorieren, 63 Prozent setzt den Blinker beim Überholen oder Abbiegen nicht, 62 Prozent fahren gerne zu dicht auf, 60 Prozent fahren bei einer dreispurigen Autobahn grundsätzlich in der Mitte und 59 Prozent sind die Geschwindigkeitsbegrenzungen selbst bei Baustellen egal.

Und 64 Prozent hupt regelmässig. Es geht dabei nicht darum, den anderen wegen eines Fehlers auszuschimpfen. Nein, die Logik des Hupens auf der iberischen Halbinsel ist eine andere. “Achtung jetzt komm’ ich, und egal wie die Regeln lauten, jetzt komm’ ich!” möchte uns das Hupkonzert sagen.

Reicht das nicht, werden 62 Prozent gerne ausfallend und beleidigend, 19 Prozent gibt unumwunden zu, auch schon einmal auszusteigen, um die eigene Interpretation der Verkehrsregeln so richtig von Mann zu Mann zu klären. Bei solchen Zeitgenossen reicht es schon, dass sich ein Fussgänger am Überweg beschwert, weil er mit voller Absicht übersehen wurde. Vorsicht! Eine erhoben Hand kann schon als Beleidigung empfunden werden. Der Mannesstolz dieser aggressiven Machos auf Rädern kann nur in einer ordentlichen Diskussion, oder gar einer Handgreiflichkeit wieder hergestellt werden.

Doch auch Spanien ist nicht mehr das, was es einmal war. Auch hier andern sich die Zeiten. Sehr zum Leidwesen der Automobilindustrie – alle großen Marken produzieren in Spanien – verlieren immer mehr junge Menschen das Interesse an einem eigenen Wagen. Studien zeigen, dass das nicht nur an der Jugendarbeitslosigkeit liegt. Es ist vielmehr, wie in anderen europäischen Ländern und den USA auch, ein grundsätzlicher Wandel der Prioritäten. Die jungen Spanier steigen aufs Fahrrad um, nutzen Bus, Bahn oder online Mitfahrzentralen. Wenn sie unbedingt einmal einen Wagen brauchen, wird er geliehen. Viele machen nicht einmal mehr ihren Führerschein. Ende 2014 nannten 395.000 Spanier zwischen 18 und 20 eine Fahrerlizenz ihr eigen. Vor sechs Jahren waren es noch 567.000. In den 1980er Jahren stellten die Altersgruppe zwischen 18 und 24 20 Prozent aller Fahrer. Heute sind es noch ganze 8 Prozent.

Statt einer Urlaubspostkarte

Weltreporter machen (viel zu) selten Urlaub, und selbst dann stellt der innere Newsticker sich nicht ab: morgens hatte ich beim Frühstück auf Teneriffa noch die Ergebnisse der Volksabstimmung in Katalonien gelesen (vier von fünf Katalanen für die Unabhängigkeit) – mittags kam ich dann an diesem Wandbild vorbei, das die Unabhängigkeit der Kanaren von Spanien fordert.

Graffito oberhalb von Adeje (Teneriffa) am 10.11.2014

Graffito oberhalb von Adeje (Teneriffa) am 10.11.2014

Ichasagua war der vorletzte König der Guanchen, der Ende des 15. Jahrhunderts herrschte und dann eine (vergebliche) Rebellion gegen die spanische Besatzung führte. Unter Franco gründete sich im algerischen Exil eine Unabhängigkeitsbewegung. Inzwischen haben die Kanaren als autonome Gemeinschaft ein eigenes Parlament und eine Regierung. Die feiert zwar die Autonomie innerhalb Spaniens, und ist sauer darauf, dass eine Volksabstimmung gegen eine geplante Ölförderung vor den Kanaren von Madrid verboten wurde – mit einer möglichen Sezession im Stile Kataloniens rechnete aber niemand, mit dem ich sprach.