Covid-19 – Wie geht’s dem Rest der Welt?

Maßnahmen lockern? Anders forschen? Alte Menschen isolieren? – Debatten, die in Deutschland geführt werden, beschäftigen auch andere Länder. Aber es gibt dort auch völlig andere Lösungen, Ansätze und Konflikte. Die Weltreporter berichten in diesen Wochen von allen Kontinenten fast ausschließlich über Situationen, Menschen und Ereignisse, die irgendwie mit Covid-19 zu tun haben.

Falls Sie eine C-Verschnaufpause brauchen: Manche Themen – wie Cornelia Funkes neuer Roman, über den Kerstin Zilm im Deutschlandfunk Kultur spricht  – haben weniger inhaltlich als vielmehr anlässlich mit Corona zu tun: Die Bestsellerautorin Funke lässt in den kommenden Wochen live auf Instagram und YouTube aus dem vierten Buch ihrer Tintenwelt-Serie lesen. Das Buch ist noch gar nicht veröffentlicht. Funke erzählte Kerstin Zilm, warum sie die ersten 14 Kapitel von ‘Die Farbe der Rache’ trotzdem schon aus ihrer Schublade geholt hat.

Ein Geschenk für die Fans – Kerstin Zilm spricht mit Cornelia Funke

In Taiwan wurden die ersten Coronavirus-Infektionen noch vor jenen in Deutschland gemeldet, doch bis heute gibt es in dem asiatischen Land weniger als 450 Infektionen und sechs Tote – Wie gelingt eine so beeindruckende Bilanz? Nicht ohne Einschränkungen, aber mit raschen, wirksamen Maßnahmen hat der Inselstaat vor der Küste Chinas geschafft, die Ausbreitung des Virus unter den 23 Millionen Einwohnern stark einzudämmen. Einen spannenden Bericht dazu hat Klaus Bardenhagen für die Umschau des MDR gefilmt.

Klaus Bardenhagen berichtet aus Taipei Foto: Screenshot mdr

Klaus Bardenhagen berichtet aus Taipei    Foto: Screenshot mdr

Dort erklärt er – diesmal auch vor der Kamera – warum Taiwan in diesen Tagen so eine Art Insel der Seligen ist. Über die strenge Heimquarantäne und die besondere Rolle der Taxifahrer in Taiwan hatte Klaus Bardenhagen zuvor bereits mit dem ARD Studio Tokio für das Mittagsmagazin einen Beitrag gedreht.

Knapp 10.000 Kilometer weiter südwestlich arbeitet Anke Richter, die sich in den vergangenen drei Wochen kaum wie Kollege Bardenhagen auf einem vor Menschen wimmelnden Markt getummelt haben dürfte. In Christchurch  wurde der Lockdown mit deutlich härteren Sanktionen durchgesetzt als in vielen deutschen Städten. Und Neuseeland  liegt jetzt im weltweiten Kampf gegen das Coronavirus mit einem Reproduktionsfaktor von 0,5 vorne. Als sonderlich harsch wurden die Maßnahmen dort jedoch von vielen nicht empfunden. “Nett und schlau” nennt Anke in ihrer Story für Zeit Online die Strategie, mit der der Pazifikstaat bisher offenbar gut fährt. Regierungschefin Jacinda Ardern sitzt dort im Sweatshirt zu Hause und beantwortet im Livechat auf Facebook Fragen ihrer Landsleute – unprätentiös, herzlich, sachkundig.

Jacinda Ardern plaudert mit ihren Landsleuten ©Screenshot Facebook

Neuseelands PM Jacinda Ardern plaudert mit ihren Landsleuten © Screenshot Facebook

Während anderswo Mediziner fehlen, schickt Kuba Doktoren in die Welt: 596 Ärztinnen und Ärzte habe man in insgesamt 14 Länder entsandt, um sie zu unterstützen, hieß es aus dem kubanischen Gesundheitsministerium. Wie es dazu kam, dass sich der sozialistische Inselstaat in der medizinischen Kooperation derzeit so profiliert, hat Wolf-Dieter Vogel analysiert.

Singapur hatte die Krise fast im Griff. Doch jetzt schockiert ein massiver Ausbruch in den Wohnheimen für ausländische Arbeiter den reichen Stadtstaat, schreibt Mathias Peer im Handelsblatt. Zwar gehört Singapur zu den reichsten Ländern der Welt, doch bei ihren Gastarbeitern sparen viele Unternehmen wo es geht – das rächt sich nun offenbar.

Ein Straßenhändler verkauft Desinfektionsmittel @ Bettina Rühl

Ein Straßenhändler in Kenia verkauft Desinfektionsmittel © Bettina Rühl

Den afrikanischen Kontinent hat das Coronavirus mit Verzögerung erreicht. Inzwischen steigen die Infektionszahlen  deutlich an. In Kenia, Uganda, Simbabwe und Südafrika greifen Polizei und Militär hart durch, um Ausgangsbeschränkungen durchzusetzen. Im Deutschlandfunk berichten Bettina Rühl und Leonie March über die Situation in Slums der kenianischen Hauptstadt und über das zum Teil drastische Krisenmanagement  Südafrikas.

Julia Macher erzählt in ihrer Hörfunk-Reportage auf Deutschlandfunk Kultur wie Gesellschaft, Wirtschaft und Politik in Barcelona mit der Corona-Krise umgehen. Das war für die Weltreporterin in Spanien auch eine erzählerische Herausforderung: Wie bleibt man trotz Ausgangssperre und „social distancing“ nah dran an den Protagonisten?

Utopisch! Weltreporter-Buch erobert Taiwan

Globalisierung ist unser Geschäft, interessante Geschichten lassen sich weder von Landes- noch von Sprachgrenzen aufhalten. Doch dies ist auch für uns Weltreporter eine neue Erfahrung: Unser Sammelband “Völlig utopisch – 17 Beispiele einer besseren Welt” erscheint nun in einer chinesischen Übersetzung in Taiwan.

Voellig Utopisch Taiwan

“Utopien des 21. Jahrhunderts” heißt der Taiwan-Titel übersetzt, und darunter sinngemäß: “17 umgesetzte neue Möglichkeiten für ein schönes Leben”

Beim Cover-Design hat Taiwan sich für einen weniger verspielten Entwurf entschieden. Dies war das Original:

Voellig_utopisch_Cover_deutsch

Ganz so exotisch, wie man meinen könnte, ist diese Veröffentlichung nicht. Dass Taiwan ein wichtiger Buchmarkt ist, den deutsche Verlage durchaus auf dem Radar haben, darüber hat kürzlich Deutschlandradio Kultur berichtet.

Und “Ina aus China” heißt ein Buch, das wie wenige andere Taiwan, Deutschland und China verbindet. Hier mein Bericht dazu.

Adventston 9. 12. – Taiwanesischer Politiker wirbt um Stimmen

Taiwan_Politiker

Klaus Bardenhagen ist ein Multi-Talent: schreibt für Print- und Onlinemedien, arbeitet für Radiosender und dreht Fernsehbeiträge als Videojournalist. Aus Taiwan und anderen Ländern der Region berichtet er seit 2008 – über Menschen, die Chinesisch sprechen und demokratisch wählen, über eine Gesellschaft, die vor vielen ähnlichen Herausforderungen steht wie Deutschland, und über ein Land, das vom Westen noch zu entdecken ist.

Seinen O-Ton für den Weltreporter-Adventskalender hat er vor der eigenen Haustür aufgenommen:

“Auch mein Stadtviertel in Taipeh war Ende November im Regionalwahl-Fieber. Kandidaten wie Hong Jian-yi trommelten um Stimmen und schickten solche Lautsprecherwagen durch die Straßen. Diese Botschaft kam wohl gut an – Hong wurde wieder in den Stadtrat von Taipeh gewählt. Und ich hatte einen schönen Ton für meinen Vorbericht zur Wahl.“

Neue Wege für Journalismus? Mein Taiwanbuch-Crowdfunding-Projekt

Weil meine Reporter-Heimat Taiwan eigentlich wichtig, aber im Ausland noch immer so wenig bekannt ist, möchte ich ein neues Buch herausbringen. Und Sie können mir dabei helfen.

Dies ist auch ein Test, ob in Zeiten der Medienkrisen neue Finanzierungswege im Journalismus funktionieren. Mein Projekt steht auf der neuen Crowdfunding-Plattform Krautreporter.

Hier geht es nicht um milde Gaben; es winken handfeste Gegenleistungen: Unterstützer bekommen schon für 10 Euro mein Taiwan-E-Book-Paket, für 25 Euro außerdem das neue Buch direkt nach Erscheinen frei Haus.

Mehr Informationen in diesem Video und auf krautreporter.de/taiwanbuch

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von krautreporter.de zu laden.

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Sie können sich noch bis zum 28. Februar an dem Projekt beteiligen. Nur, wenn dieses Projekt gelingt, wird es das neue Buch geben.

Kommt die Summe am Ende nicht zusammen, erhalten alle Unterstützer automatisch ihr Geld zurück.

Diplomat ohne Ruhestand: Egon Bahr über Taiwan (Video-Interview)

Auch außerhalb Taiwans finden sich interessante Themen. Neulich in Berlin war es mir gelungen, den 90-jährigen Egon Bahr über seine Taiwan-Reise zu befragen.

Man nennt ihn „Tricky Egon“, weil er durch unermüdliches Verhandeln und geschicktes Taktieren immer wieder scheinbar Unmögliches erreicht hat: Egon Bahr prägte den Begriff „Wandel durch Annäherung“. Seine „Politik der kleinen Schritte“ führte in den 70er Jahren zur allmählichen Annäherung zwischen Ost und West und machte den kalten Krieg ein gutes Stück weniger gefährlich.

Egon Bahr

Mit 90 Jahren verfolgt Bahr heute noch immer gespannt, was sich in der Welt tut. So war er im Dezember 2011 eine Woche nach Taiwan gereist, auf Einladung der Regierung. Von dem Mann, der zur Zeit der deutschen Teilung so erfolgreich zwischen den Fronten vermittelt hatte, erhoffte man sich offenbar Anregungen fürs Verhältnis zwischen Taiwan und China.

In Berlin rief ich in der SPD-Parteizentrale an und schilderte einer Mitarbeiterin der Presseabteilung, die auch Bahrs Terminkalender verwaltet, mein Anliegen. Ergebnis: Obwohl Bahr gerade erst seinen Geburtstag und eine Reihe Empfänge und Ehrungen hinter sich gebracht hatte, saß ich ihm nur zwei Tage später an seinem Schreibtisch gegenüber, in einem hellen Büro irgendwo in den langen Korridoren des Willy-Brandt-Hauses.

In dem Gespräch ging es dann genauso um die große Weltpolitik (China vs. USA) wie um das kleine Taiwan. Das Interview mit Egon Bahr als Video:

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Ein Transkript des Gesprächs und weitere Informationen stehen hier: Egon Bahr über Taiwan

Was er denn als nächstes vorhabe, fragte ich den 90-Jährigen, während ich meine Sachen zusammenpackte. „Ein Buch schreibe ich noch darüber, was in der EU gerade passiert.“ Da laufe so unfassbar viel schief. „Und danach kann ich in Ruhe verblöden.“

Was macht Taiwan so besonders, und wie lebt es sich in der einzigen Demokratie, in der Chinesisch Landessprache ist? Über meinen ungewöhnlichen Alltag habe ich ein kleines Buch geschrieben und mit vielen Fotos garniert.

Buch von Klaus Bardenhagen: Tschüß Deutschland, Ni hao Taiwan

Sie können einen Blick in mein Buch über das Leben in Taiwan werfen und es bestellen – gedruckt oder als e-Book im EPUB-Format für weniger als vier Euro.

berichtet seit 2009 aus Taiwan. Erfahren Sie mehr unter taiwanreporter.de oder folgen Sie ihm per Facebook und Twitter.

Hauptsache, es ist in der Tagesschau? Beispiel Taiwan.

Da für viele Deutsche eine Nachricht ja kaum stattfindet, wenn sie nicht in der Tagesschau verkündet wird, freue ich mich natürlich immer besonders, wenn Taiwan mal den Weg ins Allerheiligste der ARD schafft, die 20-Uhr-Ausgabe.

Die Präsidentenwahlen im Januar waren wieder so ein Anlass. In einer 25-Sekündigen NiF (Nachricht im Film) wurde die Wiederwahl des amtierenden Präsidenten gemeldet. Von dem Wahlkampf oder den unterschiedlichen Konzepten, die auf dem Spiel standen, konnte auch der treueste Tagesschau-Seher in den Wochen zuvor freilich nichts erfahren.

Hier lässt sich die Sendung online ansehen.

Und auch für diesen Kurzbeitrag ist kein ARD-Reporter nach Taiwan gekommen, hat kein deutscher Kameramann auch nur einen Finger rühren müssen. Sie wurde aus Feed-Material zusammengeschnitten, das allen Sender international zur Verfügung gestellt wird. Weder ARD noch ZDF waren vor Ort präsent, als die Menschen in der einzigen Demokratie der chinesisch-sprachigen Welt getan haben, was in China undenkbar ist: Ihre Regierung frei zu wählen. Bei den Wahlen vor vier Jahren war das anders, aber da hatten Unruhen in Tibet auch gerade für offene Brisanz gesorgt.

Weil sich in 25 Sekunden die Bedeutung dieser Wahlen nun mal nicht abhandeln lässt, habe ich kürzlich die Gelegenheit genutzt, bei einem Vortrag in Hamburg Taiwans Wahlkampf Revue passieren zu lassen, die bestimmenden Themen vorzustellen und einen Ausblick in die Zukunft zu wagen. So läuft etwa in Sachen Taiwan derzeit fast alles im Sinne der erklärten Politik des scheidenden chinesischen Präsidenten Hu Jintao.

Meine Vortrags-Folien samt Videos von Wahlkampf-Kundgebungen und der Stimmabgabe stehen drüben bei mir im Blog: Wahlen 2012 in Taiwan

Was macht Taiwan so besonders, und wie lebt es sich in der einzigen Demokratie, in der Chinesisch Landessprache ist? Über meinen ungewöhnlichen Alltag habe ich ein kleines Buch geschrieben und mit vielen Fotos garniert.

Buch von Klaus Bardenhagen: Tschüß Deutschland, Ni hao Taiwan

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berichtet seit 2009 aus Taiwan. Erfahren Sie mehr unter taiwanreporter.de oder folgen Sie ihm per Facebook und Twitter.

Warum Taiwaner überall schlafen können

Wer im Büro nach dem Mittagessen ins Leistungsloch fällt, kennt in Deutschland vor allem ein Mittel dagegen: Eine Tasse heißen Kaffee. Der wird auch in Taiwan getrunken, aber gegen Müdigkeit hilft hier vor allem der kollektive Büroschlaf. Wenn ich während der meist einstündigen Mittagspause ins Großraumbüro eines taiwanischen Unternehmens komme und die Lunchboxen verzehrt sind, vertreibt sich nur ein Teil der Angestellten die Zeit mit Facebook & Co. Die anderen schlafen, den Kopf auf die Arme gebettet, direkt auf der Schreibtischplatte. So ein Nickerchen soll ja sehr gesund sein, liest man auch in Deutschland immer wieder, und der Konzentration förderlich. Hauptsache, es dauert nicht länger als eine halbe Stunde – sonst fällt man in den Tiefschlaf und ist für den Rest des Tages erst recht nicht mehr zu gebrauchen.

Aber nicht nur im Büro staune ich über die Fähigkeit der Taiwaner, in unbequemen Stellungen und vor aller Augen ins Reich der Träume hinüberzugleiten. Bauarbeiter schlummern auf Holzplatten mitten zwischen ihren Werkzeugen, Pendlern fallen auf dem Heimweg in der vollbesetzten U-Bahn ganz selbstverständlich die Augen zu, und Studenten ratzen im Hörsaal in der Pause zwischen zwei Vorlesungen.

Bilder von schlafenden Taiwanern – eine Auswahl auf meinem Blog

Ich beneide die Taiwaner um diese Fähigkeit und frage mich manchmal, ob dafür ein Gen verantwortlich sein könnte, das die Wissenschaft noch nicht identifiziert hat. Und dann hole ich mir noch einen Kaffee.

Dabei läuft das Leben zumindest in Taiwans Metropolen eigentlich sehr schnell getaktet. Die meisten Menschen wirken immer geschäftig, rotieren zwischen Job und Familie, machen Überstunden, drängeln sich auf dem Motorroller durch den Verkehr, zum Einkaufen oder ins Restaurant. Anspannung liegt in der Luft, aber kein Stress. Denn irgendwie gelingt doch immer wieder die Balance zwischen Anforderungen und Entspannung. Und wenn es nur ein paar Minuten Schlaf sind, die man dem Alltag abringt.

Wahrscheinlich liegt es an der Erziehung, dass Taiwaner so schnell wegschlummern können. In Kindergarten und Grundschule gehört der Gruppenschlaf zum festen Programm, und wer es einmal gelernt hat, beherrscht es bis ins hohe Alter. Dem Sohn einer deutschen Freundin, der eine Zeit lang einen Kindergarten in Taipeh besucht hat, wollte das Einschlafen dagegen partout nicht gelingen. Nur mit einer Ausnahmegenehmigung der Erzieherin durfte er schließlich etwas lesen und musste sich nicht mehr jeden Tag schlafend stellen.

Dieser Text findet sich auch in “Tschüß Deutschland, ni hao Taiwan”. Was macht Taiwan so besonders, und wie lebt es sich in der einzigen Demokratie, in der Chinesisch Landessprache ist? Über meinen ungewöhnlichen Alltag habe ich dieses kleines Buch geschrieben und mit vielen Fotos garniert.
 

 
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berichtet seit 2009 aus Taiwan. Erfahren Sie mehr unter taiwanreporter.de oder folgen Sie ihm per Facebook und Twitter.

Taiwan: Zeitung liefert Weltbild nach Wunsch

Normalerweise geht es in Taiwan recht harmonisch zu, doch wenn Wahlkampf herrscht, liegen die Nerven bei vielen Bürgern blank. Als Folge einer jahrzehntelangen Diktatur ist die Gesellschaft noch immer in zwei Lager gespalten, die sich spinnefeind sind. Kein Wunder, dass Politik im Alltag normalerweise nicht diskutiert wird. Selbst Kollegen, die jahrelang zusammenarbeiten, kennen oft nicht die Einstellung ihres Gegenübers.
 
Einen sicheren Anhaltspunkt für die Gesinnung liefert die Zeitungslektüre. Fast alle Blätter stehen fest entweder im “blauen” oder im “grünen” Lager, und so vorhersehbar fallen Themensetzung und Leitartikel dann auch aus. Nie würde ein Anhänger der “blauen” Regierungspartei Kuomintang sich öffentlich etwa mit einer Liberty Times erwischen lassen, und seine “grünen” Gegenspieler legen mit der China Times höchstens den Fußboden aus.
 
In so einer Medienlandschaft standen Gratiszeitungen in den vergangenen Wochen vor einem besonderen Problem: Politik zu ignorieren, ist im Wahlkampf keine Option. Damit möglichst viele Pendlern in der U-Bahn-Station ein Exemplar mitnehmen, müssen die Blätter möglichst so berichten, dass niemand sich vor den Kopf gestoßen fühlt. Bei Sharp Daily, bislang nicht durch journalistische Brillanz aufgefallen, haben die Herausgeber eine verblüffende Lösung gefunden: Sie druckten einfach für jedes politische Lager eine eigene Auflage, zu unterscheiden an der Farbe des Logos.
 

 
“Wenn Sie grüne Meinungen lesen wollen, nehmen Sie eine grüne Ausgabe”, steht als Warnhinweis neben dem blauen Zeitungstitel. Seite 26 macht den Unterschied: Sie besteht nur aus Wortmeldungen von Lesern, die über die Oppositionspartei und ihre Kandidatin schimpfen. “Die kann nur träumen und kriegt nichts auf die Reihe” heißt es da, oder “Wegen jeder Kleinigkeit will sie eine Volksabstimmung, wozu soll das gut sein?”
 
Täglich stellte die Redaktion zudem eine Frage, zu der die Leser per Mail oder Website Dampf ablassen konnten. Genau spiegelbildlich ging es in der “grünen” Ausgabe zu.
 

 
Vergangenen Samstag wurde dann endlich gewählt, und der amtierende Präsident darf weitere vier Jahre ran. Die Redakteure von Sharp Daily haben wohl aufgeatmet, dass die Zeit des schizophrenen Journalismus wieder vorbei ist.
 
Jedem Leser sein Weltbild nach Wunsch servieren, um keinen zu vergraulen – ob das Zukunft hat? Vielleicht gibt es schon bald die ersten Websites, auf denen der User mit einem Mausklick seine politische Einstellung und damit die Nachrichtenauswahl wechseln kann.
 
Was macht Taiwan so besonders, und wie lebt es sich in der einzigen Demokratie, in  Chinesisch Landessprache ist? Über den ungewöhnlichen Alltag in Taiwan habe ich ein kleines Buch geschrieben und mit vielen Fotos garniert.
 

 
Sie können einen Blick ins Taiwan-Buch werfen und es bestellen – gedruckt oder als eBook im EPUB-Format für weniger als vier Euro.
 
berichtet seit 2009 aus Taiwan. Erfahren Sie mehr unter taiwanreporter.de oder folgen Sie ihm per Facebook und Twitter.