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The impending disappearance of the world

The German-speaking global freelance journalism network weltreporter.net celebrated its 15th anniversary in Berlin with a panel discussion about foreign journalism. In the sold-out Grüne Salon of the Volksbühne more than 120 guests took part in the discussion with the theme “The impending disappearance of the world”. High quality foreign journalism is struggling due to the media crisis in Germany, where a lack of resources means risks are often outsourced to foreign correspondents. What does the future hold then in this situation?

The future of foreign journalism discussed (l-r) Bettina Rühl (Weltreporter Nairobi), Lutz Mükke (Reporter und media scientist), Marcus Bensmann (Correctiv) Jochen Wegner (editor Zeit online). © Rainer Stosberg

The world became so complicated and confusing that even long standing foreign correspondents are finding it harder to understand it, said Jochen Wegner, editor in chief of Zeit online. Bettina Ruehl, weltreporter.net spokesperson and freelance correspondent in Nairobi, had a different view: in fact, correspondents often foresee crises, but media are reluctant to publish or broadcast the reports as long as there is no major ‘bang’. Christina Schott (weltreporter in Indonesia) confirmed this assessment: the creeping Islamicisation in Southeast Asia, for example, is largely ignored, despite the threatening escalation.

Marcus Bensmann © Rainer Stosberg

Marcus Bensmann (Correctiv) pleaded for the increased use of social media: classical media use is being replaced by social and electronic media, and ultimately everyone could now be journalist and reader – provided they know how journalism works.
As an example, Bensmann cited the reporter factory of the foundation-financed research network Correctiv.

Full house in the Salon of the Volksbühne Berlin ©Rainer Stosberg

For reporter and media scientist Lutz Mükke, the classic correspondents remain indispensable. Only they could assume the bridging function needed to mediate events abroad to the public back home.

A young journalist asked in the debate: should I still become a foreign correspondent? The reporters’ advice: absolutely! There is hardly a more exciting job than reporting from abroad. With this in mind, reporters and audience raised champagne glasses at the end of the debate: “To the next 15 years!”

 

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Audio #2: Weltfremd oder inspirierend?

Naiv und weltfremd? Oder berührend und inspirierend? Seit drei Monaten ist unser Buch “Die Füchtlingsrevolution” im Handel. Kommentare und Kritik gab es seither reichlich und diese Reaktionen waren so spannend wie vielseitig. In unserem neuen Audio-Spezial hören Sie mehr dazu.

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Manche Zeitungen wie die FAZ haben unser Buch gleich zweimal rezensiert


Viele Zeitungen berichten von den Lesungen, zu denen auch Philip Hedemann von Buchläden, Bücherein auber auch von vielen Schulen eingeladen wird. Auch viele Radiostationen rezensierten das Buch bereits, zum Beispiel Bayern 2

Autorinnen und Autoren haben auf Dutzenden von Lesungen in ganz Deutschland (hier ein Bericht aus dem oberpfälzischen Pressath) diskutiert, sich Kritik gestellt und Fragen beantwortet.

Bei der offiziellen Buch-Vorstellung im taz-Café saß auch Ameena auf dem Podium, die junge Syrerin die Philip Hedemann auf ihrem Weg begleitete und die einen Prolog zu unserem Buch geschrieben hat. Im Audio-Spezial 2 hören Sie Sie mehr darüber, wie das Leben der jungen Frau seither weitergegangen ist und lernen zwei ihrer Kinder kennen. Philipp erzählt, warum Ameena unbedingt das Kanzleramt kennenlernen wollte. Und warum sie – trotz ihres Glücks darüber in Deutschland zu leben – während einer Lesung in Tränen ausbrach.

Im Audio hören Sie, was Kerstin Zilms Interviewpartnerin Lidia Nunez empfand, als sie ihren Sohn nach 15 Jahren zum ersten Mal wieder umarmen konnte. Von einem anderen Weltende schaltet sich Bettina Rühl  ins Audio, sie läßt die Somalierin Haibo Abdirahman Muse zu Wort kommen, die 25 Jahre in einem kenianischen Flüchtlingslager lebt und trotzdem noch Angst hat.

Birgit Kaspar in Toulouse spricht  mit ihrer Interviewpartnerin Chantal Pulé, die ihr erzählt, ob sie nach Jahren in Paris, bereut aus dem Libaon geflohen zu sein.

Zu weit weg?

Herausgeber Marc Engelhardt erzählt im Audio #2 welche Inhalte auf Lesungen am häufigsten diskutiert werden und wie sehr viele deutsche Leser überrascht, das Fluchten auf der ganzen Welt passieren. Viele Gespräche nach den Lesungen drehen sich darum, was der Begriff ‘Revolution’ bedeuten soll. Engelhard hat außer vielen positiven Rückmeldungen natürlich auch kritische bekommen. Ein Leser wirft uns vor, als Auslandskorrespondenten zu weit entfernt von der deutschen Problematik zu sein. Marc Engelhardt: “Den Blick aus dem Ausland sehen wir eher als Qualität des Buches. Sicher kann man das kritisieren, ich glaube aber nicht, dass man das sollte. Wir sagen ja nicht, dass sich eine Lösung aus Südafrika oder anderem Land 1 zu 1 auf Deutschland übertragen lässt. Aber es hilft vielleicht, den Horizont zu erweitern und mit anderen Augen auf Situation in Deutschland zu blicken.”

Denn eines ist gewiss: Flucht wird als Phänomen zunehmen, Die Frage ist: wie gehen wir damit um.

In Lesbos bleiben die Tische leer

Im Audio #2 hören Sie von Alkyone Karamanolis, Weltreporterin in Athen, die sich gefragt hat: Wie geht es den Rettern heute? Fischer Konstantinos Pinderis, erzählt wie sein Leben auf der Insel Lesbos sich komplett verändert hat. In Skala Sikamineas gleich am idyllischen Hafen bleiben die Tische leer. Zwar kommen dort keine Flüchtlinge mehr an wie 2015, doch die Touristen kommen ebenfalls nicht mehr, sie scheinen ihre früheren Lieblingsinseln vergessen zu haben – zum Leid der Einheimischen, denen die Arbeit ausgeht.

Vergessen würden in meinem eigenen Berichtsgebiet Australien viele Politiker am liebsten die Situation der Flüchtlinge, die nach wie vor auf den Inseln Manus und in Nauru die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage aussitzen. Menschen müssen dort seit Jahren als Abschreckung für künftige Boots-Migranten herhalten. Ich erzähle im Audio #2 darüber, wie schwer geschädigt die dort gestrandeten Männer, Frauen und Kinder durch die Inhaftierung sind, und dass ihre Zukunft trotz heftiger Proteste nicht nur von Menschenrechtsorganisationen noch immer unklar ist.

Hören Sie rein, ich bin sicher, unser Audio Spezial # 2 macht Sie neugierig auf unser Buch Die Flüchtlingsrevolution, erschienen im August im Pantheon Verlag.

Auch wenn sie es bereits gelesen haben, erfahren Sie im Podcast noch einiges Neues.Naiv und weltfremd? Oder berührend und inspirierend? Seit drei Monaten ist unser Buch “Die Füchtlingsrevolution” im Handel. Kommentare und Kritik gab es seither reichlich und diese Reaktionen waren so spannend wie vielseitig. In unserem neuen Audio-Spezial hören Sie mehr dazu.

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Manche Zeitungen wie die FAZ haben unser Buch gleich zweimal rezensiert

Viele Zeitungen berichten von den Lesungen, zu denen auch Philip Hedemann von Buchläden, Bücherein auber auch von vielen Schulen eingeladen wird. Auch viele Radiostationen rezensierten das Buch bereits, zum Beispiel Bayern 2

Autorinnen und Autoren haben auf Dutzenden von Lesungen in ganz Deutschland (hier ein Bericht aus dem oberpfälzischen Pressath) diskutiert, sich Kritik gestellt und Fragen beantwortet.

Bei der offiziellen Buch-Vorstellung im taz-Café saß auch Ameena auf dem Podium, die junge Syrerin die Philip Hedemann auf ihrem Weg begleitete und die einen Prolog zu unserem Buch geschrieben hat. Im Audio-Spezial 2 hören Sie Sie mehr darüber, wie das Leben der jungen Frau seither weitergegangen ist und lernen zwei ihrer Kinder kennen. Philipp erzählt, warum Ameena unbedingt das Kanzleramt kennenlernen wollte. Und warum sie – trotz ihres Glücks darüber in Deutschland zu leben – während einer Lesung in Tränen ausbrach.

Im Audio hören Sie, was Kerstin Zilms Interviewpartnerin Lidia Nunez empfand, als sie ihren Sohn nach 15 Jahren zum ersten Mal wieder umarmen konnte. Von einem anderen Weltende schaltet sich Bettina Rühl  ins Audio, sie läßt die Somalierin Haibo Abdirahman Muse zu Wort kommen, die 25 Jahre in einem kenianischen Flüchtlingslager lebt und trotzdem noch Angst hat.

Birgit Kaspar in Toulouse spricht  mit ihrer Interviewpartnerin Chantal Pulé, die ihr erzählt, ob sie nach Jahren in Paris, bereut aus dem Libaon geflohen zu sein.

Zu weit weg?

Herausgeber Marc Engelhardt erzählt im Audio #2 welche Inhalte auf Lesungen am häufigsten diskutiert werden und wie sehr viele deutsche Leser überrascht, das Fluchten auf der ganzen Welt passieren. Viele Gespräche nach den Lesungen drehen sich darum, was der Begriff ‘Revolution’ bedeuten soll. Engelhard hat außer vielen positiven Rückmeldungen natürlich auch kritische bekommen. Ein Leser wirft uns vor, als Auslandskorrespondenten zu weit entfernt von der deutschen Problematik zu sein. Marc Engelhardt: “Den Blick aus dem Ausland sehen wir eher als Qualität des Buches. Sicher kann man das kritisieren, ich glaube aber nicht, dass man das sollte. Wir sagen ja nicht, dass sich eine Lösung aus Südafrika oder anderem Land 1 zu 1 auf Deutschland übertragen lässt. Aber es hilft vielleicht, den Horizont zu erweitern und mit anderen Augen auf Situation in Deutschland zu blicken.”

Denn eines ist gewiss: Flucht wird als Phänomen zunehmen, Die Frage ist: wie gehen wir damit um.

In Lesbos bleiben die Tische leer

Im Audio #2 hören Sie von Alkyone Karamanolis, Weltreporterin in Athen, die sich gefragt hat: Wie geht es den Rettern heute? Fischer Konstantinos Pinderis, erzählt wie sein Leben auf der Insel Lesbos sich komplett verändert hat. In Skala Sikamineas gleich am idyllischen Hafen bleiben die Tische leer. Zwar kommen dort keine Flüchtlinge mehr an wie 2015, doch die Touristen kommen ebenfalls nicht mehr, sie scheinen ihre früheren Lieblingsinseln vergessen zu haben – zum Leid der Einheimischen, denen die Arbeit ausgeht.

Vergessen würden in meinem eigenen Berichtsgebiet Australien viele Politiker am liebsten die Situation der Flüchtlinge, die nach wie vor auf den Inseln Manus und in Nauru die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage aussitzen. Menschen müssen dort seit Jahren als Abschreckung für künftige Boots-Migranten herhalten. Ich erzähle im Audio #2 darüber, wie schwer geschädigt die dort gestrandeten Männer, Frauen und Kinder durch die Inhaftierung sind, und dass ihre Zukunft trotz heftiger Proteste nicht nur von Menschenrechtsorganisationen noch immer unklar ist.

Hören Sie rein, ich bin sicher, unser Audio Spezial # 2 macht Sie neugierig auf unser Buch Die Flüchtlingsrevolution, erschienen im August im Pantheon Verlag.

Auch wenn sie es bereits gelesen haben, erfahren Sie im Podcast noch einiges Neues.Naiv und weltfremd? Oder berührend und inspirierend? Seit drei Monaten ist unser Buch “Die Füchtlingsrevolution” im Handel. Kommentare und Kritik gab es seither reichlich und diese Reaktionen waren so spannend wie vielseitig. In unserem neuen Audio-Spezial hören Sie mehr dazu.

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Manche Zeitungen wie die FAZ haben unser Buch gleich zweimal rezensiert

 

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Frühkindliche Erziehung in der Manege

Spanien kommt aus der Bluthochdruckzone gar nicht mehr raus. Ein Skandal jagt den anderen, Oberthema: Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Klingt schrecklich langweilig, ist aber ein echter Aufreger, zumindest wenn die Protagonisten ein Stierkämpfer und eine Podemos-Abgeordnete sind.
Fran Rivera, genannt Paquirri, hat ein Foto von sich und seiner jüngsten Tochter gepostet. Es zeigt ihn beim Training, in der heimischen Arena, mit einer Jungkuh, und zwar in dieser Pose:

Daneben der Text: “Carmens Debüt – Sie gehört zur fünften Generation einer Stierkämpferfamilie. Mein Großvater zeigte das gleiche meinem Vater, mein Vater mir, ich meinen beiden Töchtern…”
Innerhalb weniger Stunden war die Debattennation zweigeteilt, in den Talkshows liefen die Mikrofone heiß, Verfechter (“Tradition”, “Weitergabe von Werten”) und Gegner (“Angeber”, “unverantwortlich”, “Tierquälerei”) warfen sich alle Nettigkeiten zwischen “Banause” und “Mörder” an den Kopf. Und natürlich wurde sogleich die Parallele zu diesem Skandal gezogen:

Podemos-Abgeordnete Carolina Bescansa hatte doch tatsächlich zur ersten Parlamentssitzung ihr Baby mitgebracht. Die Parlamentspräsidentin höchstpersönlich wies die Neue darauf hin, dass es auch eine KiTa im Parlament gäbe und ließ sich dann lang und breit in einer Talkshow darüber aus, ob ein “geschlossener Raum mit 400 Erwachsenen” tatsächlich das richtige Ambiente für einen Säugling wäre. Auch da verliefen tiefe Fronten zwischen Befürwortern (“Biologie ergo Mutter-Kind-Bindung”, “Zeichen setzen für arbeitende Eltern”) und Gegnern (“Populismus”, “unverantwortlich”). Man könnte jetzt lang und breit tatsächliche und mutmaßliche Gesundheitsrisiken für die jeweiligen Säuglinge analysieren oder untersuchen, wo denn nun genau die diskursiven Unterschiede zwischen Tradition/Biologie einerseits und Populismus/Angeberei einerseits liegen, interessant bei der Debatte ist, dass diejenigen, die sich über Bescansas Baby echauffierten Paquirris Baby beklatschen. Und umgekehrt natürlich.
Eine ganz ähnliche Debatte gab es übrigens zum Oberthema Angemessene Bekleidung.

 

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Standortvorteil “Verbuschung”

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle schon längst über die katalanischen Wahlen geschrieben haben, aber ich kam bisher nicht dazu, weil ich mit den Nachwehen eines zum Politikum gewordenen Interviews beschäftigt war. Ein ARD-Kollege und ich haben uns am Freitag vor der Wahl mit Oriol Amat, Wirtschaftsprofessor und Nummer 7 der separatistischen Junts pel Si-Liste getroffen. Ursprünglich sollte es um mögliche wirtschaftliche Konsequenzen einer Sezession gehen, das Interview mit dem Experten der Gegenseite war bereits geführt. Aber schon bald sprachen wir von möglichen Szenarien nach einem Regierungswechsel in Spanien. Als ein sehr wahrscheinliches Szenario schien Amat ein Madrider Angebot zu Verhandlungen um ein neues Autonomiestatut. Dass eine solche Offerte von den Katalanen angenommen würde, schien ihm nicht ausgeschlossen. Ich war überrascht: Seit Jahren demonstrieren regelmäßig Hunderttausende für einen „eigenen Staat“, die „In-, Inde-, Independencia“-Rufe sind fester Bestandteil der politischen Folklore und in jedem zweiten Interview beschwören Politiker, „es gebe keinen Weg zurück“. Zwei Tage vor der „plebiszitären“ Wahl ein Autonomiestatut als mögliche Lösung zu präsentieren (immer als Gedankenspiel und unter der Prämisse, diese von den Katalanen noch einmal ratifizieren zu lassen) ist etwa so, als lasse man Sprinter monatelang im Hochland für Olympia trainieren, nur um sie dann zur Bushaltestelle rennen zu lassen. Ich fragte nach. Zwei, drei Mal. Amat blieb dabei.

Was der Wirtschaftsprofessor da sagte, bestätigte, was viele internationale Beobachter vermuten: dass es innerhalb der heterogenen Junts pel Si-Liste Differenzen über Weg und Ziel gibt, dass der Minimalkonsens nicht Unabhängigkeit um jeden Preis, sondern Verhandlungen mit Madrid und Brüssel sind. Vom Gezerre um Freigabe des Gesamtinterviews (einen Tweet hatte ich unmittelbar nach Interview abgesetzt), vom Druck und den widersprüchlichen Gedanken, die mir dabei durch den Kopf gingen, von der Unterstützung durch die Kollegen vor Ort und vom Círculo de Corresponsales www.corresponsales.org, erzähle ich gern mal an anderer Stelle. Samstag Nachmittag packte ich einen Ausschnitt aus dem Interview auf Soundcloud, die Online-Zeitung Eldiario.es brachte die Geschichte, El País, La Vanguardia, Antena 3 und ein gefühltes halbes Dutzend anderer Medien nahmen das Thema auf, die beiden Unabhängigkeitslisten veröffentlichten Kommuniqués. Natürlich schmeicheln solche 15 Minuten Ruhm dem journalistischen Ego, wesentlicher ist für mich eine andere Erkenntnis: Freie Korrespondenten haben einen Standortvorteil. Wir sind meist lange genug in einem Land, um auch die Zwischentöne einer Debatte zu verstehen. Auch wenn sich die Relevanz davon dem mit dem gesamten Weltgeschehen beschäftigten Redakteur am Newsdesk nicht sofort erschließt, ist das unser großes Kapital. Und unverzichtbar, wenn es um Analyse, Interpretation, um Hintergrund geht. Das hoffe ich zumindest.

 

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Psssssst! Der König ist…

Spaniens König dankt ab – und kurz darauf kündigen acht spanische Karrikaturisten ihren Job. Nicht, weil ihnen ihr Lieblingssujet und somit die Inspiration abhanden gekommen ist, sondern aus Protest: Ihr Arbeitgeber, der Verlag RBA, hatte 60.000 frisch gedruckte Exemplare der Satire-Zeitschrift El Jueves einstampfen lassen, weil auf dem Cover der royale Rentner zu sehen war, wie er seinem Sohn eine ramponierte Krone überreicht.

 

El Jueves Rey

Gemessen am Skandalpotenzial des Königshauses (Elefantenjagd, Corinna-Affäre, Steuerhinterziehung, Korruptionsverdacht und derzeitige Sympathie-Werte von 3,72 auf eine Skala von 1 bis 10)  eigentlich ziemlich harmlos. Dem Verlag aber stank die Karrikatur gewaltig. “Setzt auf keinen Fall den König auf den Titel”, soll die Verlagsleitung die Redaktion angewiesen haben. Die leistete Folge – und fast alle Stammautoren des Blattes gingen.

Schon erstaunlich: Jeder journalistische Instinkt gebietet, das Top-Ereignis der Woche an herausragender Stelle zu würdigen. Dem Verlag RBA aber galt es als Faux-Pas. Und nicht nur dem. In Spaniens Medienlandschaft greift dieser Tage ein Reflex, der schon überwunden schien: Bloss nix Schlechtes über JuanCa, bloss nix gegens Könighaus…

Dass bereits am Abend der Abdankung  in allen grösseren spanischen Städten Zehntausende Spanier die Abschaffung der Monarchie forderten, war den grossen (Print-)Tageszeitungen und staatlichen Rundfunkanstalten nur eine Randnotiz wert. Ein Königshaus-Experte hatte in einer der vielen Talkrunden schon einmal vorausschauend geurteilt, es gäbe jetzt bestimmt viele Bürger, die im Überschwang der Gefühle Dinge sagten (z. B. “España mañana será republicana”  “Morgen ist Spanien republikanisch”) und täten (z. B. demonstrieren und oben genannten Sprechchor anstimmen), die sie eigentlich gar nicht dächten oder wollten. Wer so allwissende Analysten hat, braucht auch keinen Beichtvater mehr.

Ach ja, schon einmal war ein königliches El-Jueves-Cover zensiert worden. 2007 waren auf dem Titel Kronprinz Felipe und Letizia beim Zeugungsakt zu sehen, es ging um das frisch eingeführte (und längst wieder abgeschaffte) Kindergeld. Damals hatte ein Richter darin eine “Ehrverletzung” gesehen und die Auflage beschlagnahmen lassen. So viel Brimborium war diesmal gar nicht nötig. Selbstzensur ist ja so effektiv. Und dazu noch Kosten sparend.

 

 

 

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Stadt der Mauerblümchen

Auch deshalb liebe ich Tokio: Begehbare Dächer im zehnten, zwölften oder fünfzehnten Stock. Umgeben von Wolkenkratzern, Himmelsfetzen, Neonblitzen. Mit einem Horizont, wie er sonst in überregulierten, zivilisierten Metropolen unerlebbar ist: Mittendrin im Lebens-Canyon einer wuchernden Stadt.

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Stadterlebnis auf halber Höhe: Privater Wohnbau “Garden and House” von Ryue Nishizawa.

Aus Platzmangel sind Treppenaufgänge oft seitlich an Gebäuden montiert – führen von der Strasse direkt zum Rooftop. Ohne Tür und Gitter dient der Zugang auch als Fluchtweg bei Feuer und Beben. Das Betreten ist nur Bewohnern gestattet, aber man kann sich ja auch verlaufen haben. Und so entdecke ich Tokio von oben immer wieder aufs Neue, wie es sich – trotz widersprüchlicher Unordnung, als Einheit präsentiert. In Ritzen und Nischen jedoch blüht die Rebellion der Details.

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Schwindelerregender Treppenaufgang vor der Azabu Kreuzung. “Garden and House” eingezwängt zwischen Büro- und Wohntürmen. Im Hintergrund ein Ausläufer vom Sumida Fluss.

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Mein Aussichtsposten gegenüber „Garden and House“ in Hachobori.

Vom eleganten Ginza Viertel spazierte ich letzte Woche hinüber zur Hachobori Station, wollte mir immer schon „Garden and House“ von Pritzker Preisträger Ryue Nishizawa ansehen, vor allem das Umfeld. Angrenzendes Chaos filtern Magazine bei Architekturfotos ja meistens raus. Gegenüber dem weltbekannten Kleinbau finde ich einen Treppenaufgang. Der Rooftop im zehnten Stock ist abgesperrt, doch der Ausblick auf der Treppenplattform reicht aus – und reicht bis zu einem Seitenkanal vom Sumida Fluss.

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Versteckte Rückenansicht von “Garden and House”.

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Den Drink auf der Kühlanlage abstellen: Tokio Rooftops bieten ungewöhnliche Settings für Spontanparties und Stelldicheins – zum Beispiel vor Kisho Kurokawas legendärem Nakagin Capsule Tower. Jean Nouvels Dentsu Wolkenkratzer zwischen den Rostfassaden zählt 48 Stockwerke.

 

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Diktatur der Mega-Esser

Ich weiss, es kommt mit dem Beruf: Bücher schleppen, Kataloge schmuggeln und in die Seitenfächer vom Koffer Magazine schieben – bis zum Gehtnichtmehr. Den Wintermantel beulen Kamera, iPad, Batterien und Kabel aus. Den Reissverschluss vom Handgepäck strapazieren Belegexemplare. Noch bin ich ruhig, kurz vor dem Check-in. Aber dann. „Vier Kilo Übergewicht“, sagt die uniformierte Frau. „Macht 80 Euro. Bar oder Karte?“

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Ich bin ein leichter, ausgebeuteter Flieger: Penny Modra fotografierte mich in Melbourne von der Flanders Lane aus im Adelphi Hotel Pool. Aeroflot Anflug über dem Burgenland.

Hinter mir steht ein Deutscher, sicher über 100 kg, wenn nicht 120. Und der Ami vor mir bestimmt nicht unter 90. Und das Mädchen, gross, sportlich, mehr als ich, mehr als 67 Kilo. Und ich, mit meinen 178cm muss für 4000 Gramm extra zahlen? Normalgewichtige aller Länder vereinigt Euch! Kampf der Ausbeutung durch die Diktatur der Mega-Esser, die auf unsere Kosten billiger fliegen. Wehrt Euch gegen die unverantwortlichen Carbon-Footprint-Hinterlasser, die bei jedem Check-in ungeschoren davon kommen. Besteht auf Eure Bonuspunkte, wenn ein Bayer samt Gepäck 130 Kilo wiegt und Ihr nur 87!

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Belegexemplare als Übergewicht: A&W Ausgabe Dezember 2013 mit Bericht über mein Architekturprojekt in Raiding, Burgenland.

 

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War mein Vater im Geheimdienst?

Seit der NSA-Snowden Affaire denke ich oft an meinen Vater. Er ist vor ein paar Jahren verstorben, hatte ein abenteuerliches Leben hinter sich – zumindest in seinen jungen Jahren als Fremdenlegionär in Afrika und Vietnam, zumindest, wenn ich ihm Glauben schenken darf, was er erzählte (als Beamter im österreichischen Innenministerium).

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Mein Vater liest uns vor: Zumindest könnten die Geschichten wahr sein

„Zumindest“ begleitet alle Erinnerungen an ihn. Es ist ein Schlüsselwort, auch von Geheimdiensten, wenn sie Zweifel sähen wollen, wenn Tatsachen ans Licht kommen, die angeblich nicht für uns, die Öffentlichkeit, bestimmt sind. Wir haben ja gewusst, dass unsere E-Mails gelesen und Telefonate abgehört werden – zumindest, so dachten wir, besteht die Möglichkeit dazu. Und wenn Julian Assange als Sexverbrecher dargestellt wird, könnte das eine Rache der NSA an Wikileaks sein – aber andererseits und zumindest könnte sich Julian auch wirklich vergangen haben. Rufmord im gleichen Stil funktioniert nicht zwei mal hintereinander. Aber hey, der Snowden-Affairen-Aufdecker Journalist Glenn Greenwald hat doch einen schwulen Partner. Präsentieren wir doch den der breiten Öffentlichkeit – zumindest könnte mit ihm was faul sein.

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Algerien, 1946: Mein Vater in der Fremdenlegion

Erzählungen von meinem Vater damals erklären heute, warum kein Politiker gegen Praktiken wie die der NSA vorgeht. („Nicht einmal faule Eier fliegen“ kommentiert ein Leser vom österreichischen Der Standard.)

„Alle Volksvertreter sind von diesen zwielichtigen Institutionen erpressbar,“ sagte mein Vater. „Die Agenten bezahlt das Volk, aber kontrollieren, zur Rechenschaft ziehen, kann es sie nicht. Im Innenministerium liegen von allen Politikern Geheimakte auf. Die Staatspolizei (Anmerkung: heute heisst dieser Geheimdienst Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung) lanziert Informationen nach Gutdünken und politischer Gesonnenheit. Sie sind nur einem kleinen, inneren Kreis vorbehalten, der keiner Aufsichtsbehörde untersteht. Sie dienen zum Selbstschutz der Geheimdienstler, zur Erpressung und für Geschäfte. Gibst du zum Beispiel den Israelis eine Information, bekommst du zwei gute zurück. Deshalb wird der Mossad geschätzt.“

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Pensioniert und vom Staat ausgezeichnet: Mein Vater beim Kasernenbesuch in den 90er Jahren

Ich weiss bis heute nicht, welche Funktion mein Vater im Innenministerium wirklich einnahm. Er tat geheimnisvoll, wissend, gewichtig und immer so, dass er zumindest auch ein Wichtigmacher hätte sein können, was wiederum auch nicht Sinn machte, da er ja zumindest einen der höchsten Orden der Republik erhalten hatte. Kurz vor seinem Tod erwähnte er, dass er aus seiner umfangreichen Büchersammlung noch ein paar Dokumente entfernen wollte, die er dort “zur Sicherheit” versteckt hatte. “Es wäre besser, wenn ich sie nicht finde.” Er kam nicht mehr dazu – und ich auch nicht, das heisst, tausende Seiten durchblättern, denn, zumindest könnte zwischen den Buchdeckeln ja wirklich etwas Interessantes zum Vorschein kommen.

 

 

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Mein Nationalfeiertag

Am 26. Oktober war ich nicht in Japan, besuchte mit Architekt Terunobu Fujimori Raiding. Der Geburtsort von Franz Liszt befindet sich im Burgenland – unweit vom ehemaligen Eisernen Vorhang. Die Vortragsscheune war alt, das Architekturthema modern. Zur gleichen Zeit feierte Österreich – wie jedes Jahr, seine wiederhergestellte Souverenität: mit Panzerparaden und Rekruten auf der Wiener Ringstrasse. Und deshalb fiel mir folgende Geschichte mit meinem Armeepullover ein.

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Sturmgewehr vorn. Pullover nach hinten: Auch ich war einmal Rekrut.

1973 diente ich meiner Heimat, wie man so schön sagt. Während der sechs Monate als Wehrpflichtiger in der Kaserne Leobersdorf bei Wien lernte ich, dass eine Handgranate aus 3000 Splittern besteht und über den Kopf geworfen werden muss – damit sie nicht in den eigenen Reihen explodiert. Das Sturmgewehr konnte ich in stockdunkler Nacht zerlegen, putzen und wieder zusammenbauen. Panzer eleminierte ich mit einem langen Brett, einer Schnur und einer Mine. Kurz vor Eintreffen des „Russen“ zog ich das Brett vom Versteck aus über die Fahrbahn. Bummmm! Heute heisst sowas IED – Improvised Explosive Devise, und die Taliban verwenden statt der Schnur ein Handy. Ausserdem lernte ich, dass es besser ist, den olivgrünen Pullover mit dem V-Ausschnitt nach hinten zu tragen. Das schützt den Hals besser vor Gegenwind. Nach dem Abrüsten durfte ich diesen Pullover, sowie eine Hose – und ich glaube, auch eine lange Unterhose in Tarnfarbe, behalten – für den Ernstfall, sollte der Russe doch noch kommen. Ich nehme an, dass es bei einer Mobilisierung Zeit spart: Kein Armeeunterhosenanziehen in der Kaserne, sondern schon auf dem Weg dorthin. Der Schnitt und die Farbe des Pullovers passte perfekt zu meinen Jeans, und so war er noch Jahre nach meinem aktiven Heimatdienst fester Bestandteil von Disko- und Ausstellungseröffnungsbesuchen – bis er sich irgendwann von selber auflöste.

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Pullover und Unterhose, 30 Jahre alt, für €36.34

Wie gross meine Überraschung, als ich dreissig Jahre später vom Militärkommando eine eingeschriebene Drohung erhalte – getarnt als Grosszügigkeit. Wird der Pullover samt Unterhose nicht retourniert, geht’s vor’s Gericht. Die Grosszügigkeit bestand darin, dass „in Anerkennung meiner geleisteten Dienste“ die Möglichkeit besteht, den dreissigjährigen Pullover und die Unterhose für €36.34 zu erwerben.

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Dank an die Sovietunion für die Befreiung von der Naziherrschaft: Das „Russendenkmal“ auf dem Schwarzenbergplatz in Wien. Heute dient es als Kulisse für russische Musikvideos.

Ob die Betriebsversorgungsstelle des österreichischen Militärkommandos mit der Armeebekleidung immer noch so umgeht, das heisst, im Jahr 2043 zurückverlangt? Wer ist heute der imaginäre Feind? Es muss ihn geben, denn sonst würden am Nationalfeiertag in Wien keine Panzer rollen. Oder ist der Feind unsichtbar, die Militärparade ein Ausdruck der Hilf- und Nutzlosigkeit? Ist der Feind vielleicht sogar einer, der aus meinem Blog Schlüsselwörter wie IDE, Taliban und Handgranate filtert?

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Verfallener Schweinestall im Burgenland: Bauern versteckten hier ihre Frauen während der zehnjährigen russischen Besatzungszeit.

 

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Im Zentrum der Macht

Unterirdische Gänge führen vom japanischen Parlament zu den Büros der 480 Abgeordneten . Einer von ihnen ist Hideki Miyauchi (52). Er vertritt die Anliegen von 350,000 Einwohnern und ist Mitglied der Liberal Democratic Party (LPD). Ich besuche den konservativen Politiker, passiere dabei unbedrohlich wirkende Sicherheitszonen.

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Anzug zurechtrücken im Granittunnel: Sauber und steril ist der Zugang und unscheinbar die Videoüberwachung.

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Unterstützung vom Boss: Mit dem Wahlsieg von Premierminister Shinzo Abe (rechts) ist Hideki Miyauchi im Dezember 2012 zum ersten Mal ins Parlament eingezogen. 25 Jahre hat er sich darauf vorbereitet – als Mitarbeiter von einem Abgeordneten. „Ich fliege jedes Wochenende in meine Heimatstadt Fukuoka, besuche Bauern und Geschäftsleute. Wir müssen auf Biegen und Brechen die japanische Wirtschaft ankurbeln!“ sagt Miyauchi.

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Bürogebäude der Abgeordneten: Ich passiere einen Metalldetektor. Die Wachen tragen hellblaue Uniformen, sind zuvorkommend, Waffen erkenne ich auf den ersten Blick nicht. Die Atmosphäre ist kühl, geschäftsmässig. Keine Spur von Überheblickeit, wie ich sie sonst bei Sicherheitskontrollen an deutschen oder österreichischen Flughäfen erlebe. Eine uniformierte Dame kontrolliert hinter Panzerglas meinen Ausweis. Vor mir ist eine kleine Kamerakugel aufgebaut, davor das Schild: „Sie werden nun im Büro, das Sie besuchen wollen, identifiziert“.

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Nach dem Security Check Hände desinfizieren: Ich besprühe meine Hände mit antiseptischer Flüssigkeit, hänge mir eine Magnetkarte um den Hals, passiere die zweite Absperrung. Sie sieht aus wie eine Fahrkartenschranke.

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Delegationen in Schwarz: Ich folge dunklen Anzügen zum Aufzug. Miyauchis Büro hat die Nummer 604 und liegt gleich neben dem des LDP-Granden Ichiro Ozawa.

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Abenomics: Mit Deficit spending und strukturpolitischen Reformen will Premierminister Abe dem Land auf die Beine Helfen. Seine LDP hat die absolute Mehrheit. Gefolgsleute wie Miyauchi predigen Verzicht (niedrigere Renten), Zusammenarbeit (Freiwilligenarbeit unterJugendlichen im Sozialbereich) und Mut (mehr Investitionen für Forschung und Ausbildung). Kritiker bezeichen den Abenomics-Kurs als leichtsinnig. Der Geldumlauf soll sich innerhalb von zwei Jahren verdoppeln.

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Marmelade und Nudeln: In seinem Büro hat Miyauchi Produkte aus seiner Heimat ausgelegt. „Die Leute aus meinem Wahlkreis sagen nicht direkt ‚wir wollen höhere Löhne‘. Sie sprechen indirekt, sagen zum Beispiel ‚Die Wirtschaft soll besser werden!‘ Als Abgeordneter muss ich die Wünsche herausfiltern, interpretieren. Meine Heimatstadt Fukuoka war immer schon Japans Tor zu Asien. Diesen Standortsvorteil sollten wir nützen.“

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Kühlen Kopf bewahren: „Militärisch gesehen bereitet uns die Nähe zu China keine Sorge,“ sagt Miyauchi. „Was immer in Zukunft passiert, Amerika bleibt unser Partner. Wir wollen einen sachlichen, konstruktiven Dialog mit unseren Nachbarländern.“

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Room with a view: Die Begrünung rund um das Abgeordentenhaus gleicht Wehranlagen aus alten Samurai-Zeiten.

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Auf Wiedersehen und alles Gute! Miyauchi empfängt Besucher und Delegationen im 30-Minuten-Rhythmus.

 

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Ägypten – das Reich der Phantasie

Dass die Wahrheit in Konflikten auf der Strecke bleibt, ist eine Binsenweisheit, ebenso wie die Tatsache, dass mit Informationen Politik gemacht wird. Geschenkt. Es gibt nichts, das ein Journalist nicht kritisch abklopfen muss.

 

Am 26. Januar 2011, dem zweiten Tag des ägyptischen Volksaufstandes gegen Mubarak, bin ich tagsüber zu drei Orten in der Nähe des ARD-Studios gegangen, für die Regimegegner Demos mit mehreren Tausend Menschen über Twitter und auf Facebook vermeldet hatten. An nicht einem der drei Orte traf ich auch nur einen einzigen Demonstranten an.

 

Bei Opferzahlen sieht’s nicht anders aus. Wem hohe Zahlen nutzen, der vermeldet hohe Zahlen, wem nicht, der nicht. Fotos von Kindern, die das ägyptische Militär angeblich bei ihren brutalen Angriffen gegen Mursi-Anhänger in Kairo tötete, erwiesen sich später als Bilder von Kinderleichen aus Syrien.

 

Diese Bilder waren auf Webseiten aufgetaucht, die der Muslimbruderschaft nahestehen. Andere Webseiten fanden die Quelle und stellten die Screenshots der ägyptischen sowie der syrischen Webseite nebeneinander –beide zeigen dasselbe Massakerfoto, nur mit einer anderen Bildunterschrift.

 

Ich habe aber auch schon Webseiten mit solchen Gegenüberstellungen gesehen, bei denen der »Beweis«, also der Screenshot von der Webseite mit dem angeblichen Originalfoto, eine Fälschung war – und das angeblich »entlarvte« Foto aber echt. Alles ziemlich verworren.

 

Gestern tauchten in Ägypten Fotos von Männern in Zivil auf, die mit Maschinengewehren bewaffnet am Rande von Demonstrationen durch Kairos Straßen liefen. Angeblich soll es sich um bewaffnete Mursi-Anhänger gehandelt haben. Das kann stimmen, ich habe selber in den letzten Wochen Mursi-Anhänger mit Waffen gesehen. Die Behauptung kann aber auch falsch sein. Andere Fotos von gestern zeigen Männer in Zivil und mit Maschinengewehren, die mit Polizisten in der Sonne stehen, plaudern und ganz offensichtlich zu ihnen gehören.

 

Zu welcher ‘Seite’ gehören Männer in Zivil, die in der Nähe von Protesten mit Waffen rumlaufen? Das Publikum entscheidet sich für die Antwort, die es hören will. Das ist der Hauptpunkt. Nur wenige der vielen Falschinformationen und Behauptungen dienen noch dazu, einen Beweis zu suggerieren. Sie sollen einfach nur Stimmungen beeinflussen, bei Leuten, die ohnehin schon in einer bestimmten Weise gestimmt sind.

 

Es ist inzwischen völlig egal, wie plausibel diese Behauptungen sind. Sie tauchen auf, sie putschen auf. Sie sind ein paar Stunden später schon wieder aus der Wahrnehmung verschwunden und haben ihren Zweck erfüllt. Im Zeitalter von Social Media und von Fernsehbildschirmen, die rund um die Uhr flimmern, erwartet niemand mehr, das irgendwas von dieser Informationsflut später dementiert oder entlarvt wird. Es guckt sich alles einfach so weg.

 

Seit Mittwoch wurden in Ägypten landesweit mehrere Dutzend Kirchen gestürmt, verwüstet und/oder in Brand gesteckt. Ich habe in Videoaufnahmen Täter gesehen, bei denen es sich mit ziemlicher Sicherheit um Sympathisanten von Mursi und der Muslimbruderschaft handelte – zur ‘Rache’ womöglich angefeuert durch die Reden, die wochenlang von der Protestcamp-Bühne an der Rabaa-al-Adawiyya-Moschee hallten und in denen aufs Übelste immer wieder auch gegen Christen gehetzt wurde.

 

Auf Aufnahmen von anderen der attackierten Kirchen sah ich Angreifer, die mit Pick-up-Trucks kamen und bei denen es sich unverkennbar um Baltagiyya-Schlägertrupps handelte, um jene meist jungen, verrohten Männer aus Armenvierteln, die seit Jahrzehnten für Funktionäre der Mubarak-Nomenklatura die Drecksarbeit machen, nicht selten vollgepumpt mit Bango (Marihuana), und die ein paar ägyptische Pfund für ihren Einsatz erhalten.

 

Eine ägyptische Koptin aus Beni Suef (die ich nicht kenne und für deren Äußerungen ich nicht bürgen kann) schrieb auf ihrer Facebook-Seite (mehrere Tausend Abonnenten): »Glaubt mir! Die, die bei uns im Ort die Kirchen anzündeten, waren Geheimdienstleute in Zivil und Männer von der NDP (Mubaraks 2011 aufgelöster Regierungspartei).« In einem Fernsehinterview an jenem Mittwoch erzählt ein koptischer Kirchenfunktionär aus Al-Minya, dass die Angriffe auf alle Kirchen im Ort exakt zur selben Zeit nach demselben Muster abliefen und vor allem in jenem Moment im Morgengrauen stattfanden, als in Kairo die brutale Räumung der Protestcamps der Mursi-Anhänger gerade begonnen hatte. Die Kopten riefen die Polizei an und baten um Schutz und Hilfe, aber bei keiner der überfallenen Kirchen habe sich die Polizei blicken lassen, bis zum Schluss nicht.

 

Es bleibt einem nichts weiter übrig, als sich auf all das irgendwie selber einen Reim zu machen – indem man so aufwändig und so kritisch wie möglich recherchiert und indem man die eigenen, Jahre langen Erfahrungen bei der Beurteilung hinzuzieht. Nach dem, was ich von den Überfällen auf die Kirchen gesehen habe, würde ich sagen: sowohl radikale, aufgehetzte Mursi-Sympathisanten als auch koordiniert agierende Angreifer, die Überfälle orchestrierten, die den Islamisten in die Schuhe geschoben werden können.

 

Vorfälle dieser und ähnlicher Art müssten von offizieller Seite untersucht werden. Nach jedem Blutbad der letzten zweieinhalb Jahre wurde schonungslose Aufklärung versprochen, aber ich kann mich an keinen einzigen Untersuchungsbericht erinnern. Und wenn es Pressekonferenzen gab, auf denen »Untersuchungsergebnisse« präsentiert wurden, waren sie keine einzige der Minuten wert, die man für sie opferte.

 

Im Oktober 2011 habe ich sechs Stunden lang aus nächster Nähe mit ansehen müssen (ich konnte den Ort nicht verlassen), wie das ägyptische Militär vor dem TV-Gebäude Maspero ein Massaker unter Teilnehmern einer Christendemonstration verübte. Ich sah Soldaten, die auf Menschen schossen (die dann getroffen zusammensackten), ich sah, wie gepanzerte Militärfahrzeuge über Demonstranten fuhren. Am Ende waren mindestens 27 Menschen tot.

 

Ein paar Tage später gaben Armeeoffiziere auf einer Pressekonferenz die offizielle Version der Militärs bekannt. Fast alles, was sie sagten, war praktisch das Gegenteil von dem, was ich selber gesehen hatte. Ähnliche Erfahrungen macht man immer wieder auch mit Erklärungen anderer Behörden. Es ist leider so, dass die Informationen offizieller Stellen in Ägypten keinen Wert haben. Sie können stimmen (und tun das womöglich hin und wieder auch), aber sie können ebenso gut auch komplett dem Reich der Phantasie entstammen. Man könnte sie eigentlich ignorieren. Sie helfen einem bei der Suche nach dem Hergang der Ereignisse keinen einzigen Millimeter weiter. ■

 

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Mafia, Maori, Maasdamer

Picture 2Manchmal ist doch wunderbar, wenn die Welt klar, kompakt und Entscheidungen einfach sind. Ich zb wüßte genau, was ich machen würde, wenn ich am 1. August um 20 Uhr nicht in silly Sydney, sondern ausnahmsweise circa 16500 Kilometer weiter nördlich wäre: Ich würde in die Rudi-Dutschke-Straße 23 in BerlinKreuzberg radeln, mich im taz-Café an einen schattigen Tisch setzen, zuhören, am Kaltgetränk nippen und viel und laut lachen.

Dann und dort nämlich lesen drei Weltreporter aus ihren extrem kurzweiligen Büchern: Anke Richter (Christchurch), Kerstin Schweighöfer (Den Haag) und Martin Zöller (Rom/München) lassen bei ihrer Culture-Clash Lesung übrigens auch mit sich reden und diskutieren. Das Motto des Abends ist sommerlich freudvoll alliteriert und geht so: “Mafia, Maori und Maasdamer”. Aber lassen Sie sich davon nicht abschrecken 😉 es wird garantiert ein urkomisch vergnüglicher Abend! Viel Spass und gute Unterhaltung!

Ps: der Eintritt ist übrigens frei.

 

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Auf den Ramblas: Still gestanden!

Barcelona ist eine schizophrene Stadt: Einerseits will man weltoffene Metropole sein, andererseits gibt es immer wieder absurde Beispiele eines doch sehr kleinstädtischen Besitzstandsdenken. Besonders gern zeigt sich das in der schon seit Jahren und quer durch alle Parteien grassierenden Regulierungswut. Jüngstes Beispiel: Die lebenden Statuen auf der Ramblas, die neben Sagrada Familia wohl inzwischen zu den meist fotografierten Tourismus-Ikonen der Stadt zählen.

Seit 2011 müssen sich die Straßenkünstler einem Casting mit strikten Regeln unterziehen: Das Kostüm muss handwerklich gut gemacht und selbst gestaltet sein, sollte künstlerischen Wert haben und die Statue muss – wenig überraschend – tatsächlich die meiste Zeit bewegungslos da stehen. Die Vereinigung der Lebenden Statuen Barcelonas hat die Initiative seiner Zeit begrüßt, denn tatsächlich war die Lage auf den Ramblas angespannt bis unerträglich: teils drängte sich ein Dutzend Statuen auf einer Strecke von 30 Metern und stellte dem Publikum mit teils penetranten Bettemethoden nach. Den Vogel schoss ein rosa Plüschbär ab, der Passanten gerne von hinten umarmte. Etwas Regulierung tat also not. Nun hat die Stadtverwaltung in diesem Jahr die Regeln verschärft. Neben aktueller Bühnenerfahrung wurden unter anderem diverse Fortbildungen in Sachen Schauspiel und Performancekunst eingefordert und den Künstlern nahegelegt, sich doch bei der Kostümwahl an repräsentativen historischen Persönlichkeiten Barcelonas oder Kataloniens zu inspirieren. Resultat: Keiner bewarb sich. Die Stadt ruderte zurück, beharrte nur noch auf dem Punkt mit den „repräsentativen Figuren“ und erteilte den üblichen Verdächtigen die Still-Steh-Genehmigung – allerdings an einem neuen Ort, am unteren Abschnitt der Ramblas, nahe der Kolumbusstatue.

Dort traf ich auch Fabián López, den goldenen Seemann, der mir die Geschichte erzählte – mit Schweissperlen auf der Stirn und jeder Menge Wut im Bauch. Denn am Fuße der Kolumbusstatue ist die Rambla nicht nur besonders breit, so dass kaum Touristen stehen bleiben, sondern auch besonders sonnig, so dass das Gewerbe noch schweißtreibender ist als ohnehin. Seine Einnahmen wären am neuen Standort um die Hälfte zurückgegangen,und das zur Hauptsaison, in der es doch für den Winter vorzusorgen gelte, schimpfte Fabián. Seine Vermutung: Die Stadt möchte das Geschäft mit den lebenden Statuen gern selbst übernehmen und Kostümgestaltung und Performance dem städtischen Theaterinstitut übertragen, zwecks besserer Kontrolle. Das klingt zwar nach Verschwörungstheorie; einer Stadt, die Ballspielen,im Stadtzentrum Bikini tragen und den Einkauf beim (illegalen) fliegenden Händler mit teils saftigen Geldstrafen handelt, wäre das durchaus zuzutrauen. Kann also gut sein, dass an den Ramblas mittelfristig als Kolumbus, Sant Jordi (der heilige Georg ist offizieller Schutzpatron Kataloniens) oder Pep Guardiola (der sakrosankte Ex-Barça-Trainer ist inzwischen fast so etwas wie der inoffizielle Schutzpatron Barcelonas) verkleidete Schauspielstudenten Spalier stehen. Praktischerweise könnten die dann gleich auch als Fremdenführer fungieren. Eine Münze in die Kappe werfen und schon weist der ausgestreckte Zeigefinger zur nächsten Sehenswürdigkeit.

 

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Im Vermieterparadies

Argentinien ist ein Land mit eigenen Regeln: Hier fahren Krankenschwestern in der gleichen Kleidung, in der sie später in der Notaufnahme stehen, morgens im voll besetzten Bus zur Arbeit. Rechnungen (auch Gas, Strom, Wasser) haben einen Strichcode und man kann sie an der Supermarktkasse zahlen. Und um eine Wohnung zu mieten, muss man eigentlich schon eine haben.


Glücklich schlafen in Buenos Aires: Nur mit garantía!

In Argentinien braucht man eine garantía, um eine Mietwohnung zu bekommen. Eine garantía ist eine Bürgschaft in Form einer anderen Wohnung. Sollte der Mieter die Bude abfackeln oder Mietschulden haben, bekommt der Vermieter die Wohnung des Bürgen. Und das kann nicht irgendeine Wohnung sein: Der Wohnraum muss einen vergleichbaren Wert haben und in einer dem Vermieter genehmen Gegend liegen. Wenn dem die Immobilie des Bürgen nicht gefällt, wird der Vertrag nicht unterschrieben.

Wer also keine eigene (Erst-)Wohnung hat, braucht Freunde, die bereit sind, Haus und Hof zu verpfänden. Jemandem eine garantía zu geben ist der vielleicht grösste Freundschaftsbeweis, den ein Argentinier machen kann. Zum Grillen einladen kann man mehrere Großfamilien und das jeden Sonntag. Die Wohnung kann nur zweidrei Mal verbürgt werden.

Als Ausländer ohne garantía hat man drei Möglichkeiten: Zu meist absurd hohen Preisen zur Untermiete hausen (und wenn Besuch aus der Heimat kommt hat man Pech, denn in den möblierten Zimmern darf man oft keine Gäste haben). Eine gefälschte garantía auf dem Schwarzmarkt kaufen und hoffen, dass sie nicht auffliegt. Jemanden finden, der sein Haus für einen verpfändet.

Es wäre allerdings ungerecht, auf die Vermieter zu schimpfen, ohne die andere Seite zu sehen (1): Argentinische Mieter scheinen außer Rand und Band zu geraten, wenn sie irgendwann ausziehen. Als ich in meine jetzige Wohnung einzog, fehlte das Rohr vom Spülkasten zur Toilette und der Sicherungskasten war weg, die Stromkabel waren mit Klebeband direkt aneinander geklebt.

Inzwischen miete ich nun seit sechs Jahren die gleiche Wohnung. Ruhe habe ich aber immer noch nicht. Erstens kümmern sich Vermieter hier um nichts (immerhin – den neuen Durchlauferhitzer hat meiner zur Hälfte übernommen, weil der alte unkontrolliert Gas ausspuckte und eine echte Gefahr war). Und zweitens werden Mietverträge in Argentinien alle zwei Jahre erneuert. Dann kann sich nicht nur die Miete verdoppeln, sondern der Makler heimst jedes Mal neu zwei ganze Monatsmieten Provision ein. Eine Quittung gibt er mir dafür – natürlich! – nicht. Mieterrechte sind gesetzlich so gut wie nicht geregelt, sagte man mir übrigens beim Mieterschutzbund. Ich könne den Vermieter ja darauf hinweisen, dass das “gegen die guten Sitten verstoße”. Mach’ ich gleich morgen. Da wird er sicher nachts ins Kissen heulen.

(1) Liebe Vermieter mit Wohungseigentum in Argentinien. Bitte seht davon ab, mir Leserbriefe zu schreiben. Es tut mir sehr Leid für Euch, wenn Eure Mieter nicht auf Eure Wohnungen aufpassen. Gebt sie einfach mir! (allen, denen diese Fußnote absurd erscheint sei gesagt: Ist sie nicht! Ich habe tatsächlich schon böse Leserbriefe von Menschen bekommen, die in Argentinien Wohnungen vermieten und das System der garantía verteidigen. Dabei zweifele ich ja gar nicht daran, dass auch die Vermieter hier ein hartes Los treffen mag!)

Ein hilfreicher Link für wohnungssuchende Buenos Aires-Besucher: http://buenosaires.es.craigslist.org/

 

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“Arbeiten” in den Zeiten von Email …

Internet, höre ich oft, macht unsere Arbeit schneller und flexibler, vor allem erleichtert es die Kommunikation.
Wirklich? Nach einer Woche mit einem Duzend Gesprächen wie dem  Folgenden wage ich vorsichtig zu zweifeln:

– “Hi Cindy, für eine Reportage in Magazin Xy über TT würde ich gerne mit Dr Wz (Cindys Boss) sprechen. Wär das in den nächsten Tagen möglich?”
(Umrundet wird dieses Intro von dem in Australien üblichen Austausch über Wetter, Befinden der Gesprächspartner, deren letztes Wochenende, etc., die ich hier aus Gründen der Kürze weglasse).
– Was für eine großartige Idee! Wie war Ihr Name noch gleich?
– JJ
– Und wo sagten Sie noch…?
– bei XY… 
(jetzt liefere ich ein Exkurs zu Auflagenzahlen, Brillanz, Schlagkraft des besagten Objekts im Allgemeinen und der Glorie, die geplante Geschichte auch für Cindy und ihren Boss haben wird im Besonderen …  ps: das ist oft der Moment, in dem ich mich frage, ob ich wohl auch auf dem Isemarkt Allgäuer Bergkäse verkaufen könnte)
– How absolutely AMAZING!
(Cindy ist vor Glück überwältigt, es folgen diverse positive Ausrufe, die mein Anliegen ganz weit oben in die Kategorie “wunderbare Ereignisse der Woche” sortieren dürften)
–  Well, ja, ich denke auch das könnte interessant werden.

Jetzt hat Cindy eine Idee, die ihren Tag vergoldet:
–       Warum, liebe JJ, fassen Sie das alles nicht rasch für mich in einem E-mail zusammen und poppen es in meine Mailbox?
(Übersetzung: Cindy wird mein E-mail an Kylie in der Pressestelle weiterklicken, die mein E-mail in den Ordner “lästige Anfragen/zum Jahresende löschen” schiebt.)

– Warum, Cindy, kannst du uns nicht allen viel Zeit und Arbeit sparen und mich einfach zu Wz durchstellen, oder ihn bitten mich zurückzurufen. Er ist schließlich Regionalchef des Känguru-Schutz-Klubs und nicht der Kaiser von China. (Das sage ich natürlich nicht, sondern denke es nur, laut lüge ich:)– Kein Problem, das mache ich gerne, great talking to you, Cindy!

Zwei Tage später rufe ich Kylie in der Pressestelle an, wir werden ein ähnlich herzliches Gespräch führen. Zum Abschluss wird Kylie sagen:
– Warum fassen Sie das nicht rasch für mich in einem E-mail zusammen und werfen es in meine Mailbox …?

Ich lege auf. Dann denke ich dankbar darüber nach, wie Emails unsere Kommunikation erleichtern und beschleunigen, wie sie Alltag und Arbeit eigentlich überhaupt erst möglich machen… Und dann träume ich ganz kurz von jener altmodischen Epoche, in der Menschen noch miteinander telefonierten.

 

 

 

 

 

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Training mit dem Lachweltmeister. Ein Selbstversuch

Vor mir kugelt sich ein Mann in weißem Kittel auf dem Boden und lacht hysterisch. Seine Augen treten hervor, Schweiß und Tränen rinnen über sein erhitztes Gesicht, aus den Mundwinkeln quillt Spucke. Er zuckt mit den Beinen, rudert mit den Armen, dann zerrt er an seiner eng gebundenen Krawatte, um Luft zu bekommen. Ist der Mann verrückt geworden? Hat er Drogen genommen? Muss ich einen Arzt rufen? Nein, muss ich nicht, denn ich bin gekommen, um von diesem Mann etwas zu lernen. Lachen. Belachew Girma ist Lachweltmeister. In Dachau lachte er 2008 drei Stunden und sechs Minuten. Am Stück. So viel Zeit habe ich nicht. Und so wie der Typ auf dem Fußboden möchte ich eigentlich auch nicht werden. Aber ein bisschen mehr zu lachen zu haben – warum nicht?

Als Belachew sich Schweiß, Speichel und Tränen aus dem Gesicht gewischt hat, stellt er sich vor mich, zeigt mit dem Finger auf mich, und sagt etwas, das ich nicht verstehe. Er und die 22 Äthiopier, die sich zum Lachseminar angemeldet haben, finden es sehr lustig und fangen an zu lachen. Ich habe eher das Gefühl, sie lachen über mich. Nach ein paar endlosen Sekunden, fange ich auch an, zu lachen. Nicht, weil ich die Situation so komisch finde, sondern weil es mir lieber ist, wenn die Leute mit mir anstatt über mich lachen. Es wirkt. Ich werde erlöst. Belachew zieht weiter, lacht zunächst scheinbar wieder über, dann mit dem nächsten Kursteilnehmer.

Wie kommt jemand darauf, ausgerechnet in Äthiopien, einem Land, in dem es oft nicht viel zu lachen gibt, die erste Lachschule Afrikas zu gründen? Und warum gehe ich zum Training?

„Wir geben Training, wie man über Hunger und Zerstörung lacht“, heißt es auf der Homepage des Lachinstituts. Ich würde eigentlich lieber über heiterere Dinge lachen, aber zumindest hat dieses seltsame Lernziel meine Neugier auf den komischen Vogel, der über Hunger und Zerstörung lachen kann, geweckt.

Die Teilnahme an vier Sitzungen der Lachschule kostet 450 Birr. Etwa so viel wie ein ungelernter Arbeiter im Monat verdient. Neben den lautstarken praktischen Übungen kriege ich dafür per Powerpoint auch Kalenderspruch-Weisheiten wie „Wenn das Leben Dir eine Zitrone gibt, quetsche sie aus, und mache eine Limonade daraus“ oder „Niemand ist arm, solange er noch lachen kann“ verabreicht. Ich finde die Sprüche nicht soooo witzig, aber
die Streber im Kurs quittieren alles mit schallendem Gelächter, versuchen gar, das Gegluckse des großen Meister zu übertönen.

„Ich war mal HIV-positiv. Jetzt bin ich gesund. Gott halt mich geheilt, und Lachen ist die beste Medizin“, sagt Belachew mir nach dem Training mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldet.

Während ich dies schreibe, habe ich tierische Kopfschmerzen. Ich habe gerade versucht, sie wegzulachen. Sie sind noch immer da. Allerdings habe ich bislang auch nur eine Trainingssession besucht.

 

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Kai Schächtele mit “WM – ein Wintermärchen” für Grimme Online Award nominiert

Sie wollten mal zeigen, wie Journalismus auch gehen kann – auf eigene Faust losfahren, alles mit eigenen Augen sehen und hören und dann täglich und stündlich und multimedial für einen Leser-Kreis berichten. Unser Weltreporter-Kollege Kai Schächtele und der Fotograf und Designer Christian Frey waren im vergangenen Jahr zwischen Kapstadt und Johannesburg unterwegs, um von hinter den Kulissen der Fußball-Weltmeisterschaft zu berichten – für eine ständig wachsende Zahl von Fans.

Jetzt ist ihr “Die WM – ein Wintermärchen” unter fast 2.100 Einsendungen für einen Grimme-Online-Award nominiert worden, zusammen mit 5 anderen in der Kategorie “Wissen und Bildung”. Wir sind ganz schön stolz auf Kai!

So, und wer ihm und Christian beim Grimme Online Award noch Rückenwind geben will – Stimme abgeben für “Die WM – ein Wintermärchen” beim Grimme Online Publikumspreis!

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“Mit fremden Augen”

 

Ausländische Reporter genießen in Israel kein hohes Ansehen. Zu unabhängig ist ihre Berichterstattung. Sie fahren nach Gaza und in die Westbank und berichten von der anderen Seite der Mauer. Das ist nicht im Interesse der israelischen Regierung, die alles in ihrer Macht stehende tut, damit Israelis und Palästinenser einander nicht wahrnehmen, einander nicht begegnen: Israelis dürfen die Städte des Westjordanlands nicht betreten, nach Gaza dürfen ohnehin nur noch Diplomaten, Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen und bei der israelischen Regierung akkreditierte Journalisten. So fällt das „othering“ leichter, das Kreieren eines Bildes vom Anderen als „Feind“, „Terrorist“ oder „Rassist“. Und umgekehrt dürfen nur handverlesene Bewohner des Westjordanlandes und des Gazastreifens nach langwierigen und unübersichtlichen Genehmigungsverfahren für kurze Zeit auf die israelische Seite. Solche zum Beispiel, die dringend eine medizinische Behandlung brauchen, die es nur in Israel gibt.

 

Ausländische Journalisten aber, die offiziell bei der israelischen Regierung akkreditiert sind, dürfen mit ihrem Pass und dem Ausweis des israelischen Presseamtes zwischen den Seiten hin- und herpendeln. Die Geschichten, die sie von der anderen, der auch für die israelischen Journalisten-Kollegen nicht zugänglichen Seite mitbringen, fließen in den Prozess der öffentlichen Meinungsbildung über Israel in ihren Herkunftsländern ein. Und diesem Bild von Israel begegnen die reisefreudigen Israelis, wenn sie ihr Land verlassen. Die Leser, Hörer und Zuschauer in Frankreich, Italien und Deutschland konfrontieren die Israelis dann gerne unaufgefordert mit schlichten Theorien zur Lösung des Nahost-Konflikts. Und das geht vielen Israelis auf den Wecker.

Deshalb hat die israelische Regierung vor ein paar Wochen kurzerhand eine Kampagne zur Diskreditierung der ausländischen Presse gestartet. Sie hat die Bevölkerung aufgerufen, selbst aktiv dazu beizutragen, das Image Israels im Ausland zu verbessern. Auf der von der Regierung betriebenen Internetseite http://www.masbirim.gov.il/ ist zum Beispiel ein Video zu sehen, das eine französische Korrespondentin zeigt, die über schwere Gefechte in Israel berichtet, während im Hintergrund die prächtigsten Feuerwerke zu sehen sind. Ein anderes Filmchen zeigt einen britischen Reporter, der an der Seite eines Kamels durch den heißen Wüstensand stapft und mit Kennermiene erläutert, dass Kamele in Israel nach wie vor ein Haupt-Fortbewegungsmittel sind. Im Abspann heißt es dann jeweils: „Haben auch Sie genug davon, wie man uns im Ausland darstellt? Sie können dazu beitragen, das zu verändern!“

Die auflagenstärkste hebräische Tageszeitung, „Jedioth Achronoth“, hat inzwischen dagegen gehalten und eine umfangreiche Wochenend-Beilage herausgegeben. Auf 26 aufwändig gestalteten Seiten berichten neun Korrespondenten unter anderem aus Großbritannien, Italien, den USA, Frankreich und Deutschland vielseitig und kenntnisreich über ihre Arbeit in Israel und den Palästinensergebieten. „Mit fremden Augen“ lautet der Titel der Beilage. Es scheint, als traute die Redaktion des Massenblattes „Jedioth Achronoth“ ihren Lesern mehr kritisches Bewusstsein zu als den gewählten Volksvertretern lieb ist.

 

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Elche, Träumer, Königskinder

Für die einen sind sie ein Symbol trauter Eintracht, für die anderen nur ein ärgerliches Hindernis: Kronprinzessin Victoria und ihr auserkorener Prinzgemahl Daniel Westling, die sich im königlichen Park Haga im Norden Stockholms das Nest für künftige  Familienfreuden bereiten. Der Park wurde von 1771 bis 1780 auf drei Inseln in Brunsviken nach eigenhändigen Skizzen des Künstlerkönigs Gustav III. zu einer idealen Naturlandschaft geformt und darauf kleine Brücken, Tempel, Pavillons und Kanäle verteilt. Doch bevor er die Pläne zu einem monumentalen Palast realisieren konnte, begegnete Gustav auf einem Maskenball 1792 seinem Mörder. Immerhin das bescheidene Schloss Haga wurde fertig. Hier wuchs König Carl XVI. Gustaf in den 40er Jahren vaterlos unter seinen Schwestern Margaretha, Birgitta,  Desirée und Christina auf. Fortan wurde das Gemäuer als Gästehaus der Regierung genutzt. Wo einst allerhand illustre Würdenträgern ihre müden Häupter betteten, sollen nach der Traumhochzeit im Juni die Thronfolgerin und ihr Gemahl einziehen. Hundehalter und Flaneure ärgern sich schon jetzt über den pompösen Eisenzaun, der im Park emporwächst.

Unterdessen polieren sie im Stockholmer Dom die Wappen der Edlen und das hölzerne Standbild des tapferen Georg, zu dessen Füßen sich der dänische Drache windet. Das mediale Großereignis beschert Storkyrkan eine Generalüberholung für umgerechnet 1,4 Millionen Euro. Mit immer neuen Alarmmeldungen aus der Welt der Schneider, Juweliere und Kuchenbäcker fiebert Svensk Damtidning dem Mittsommer entgegen. Und auch Johan Lindwall, Hofberichterstatter des Boulevardblatts Expressen müht sich verzweifelt, dem recht drögen Fitnesstrainer Daniel skandalöse Seiten abzuringen. Derweil setzt das öffentlich-rechtliche SVT auf Dauerberieselung: Die recht blonde Ebba von Sydow konfrontiert das ermüdende Publikum an jedem Montag mit allerhand Kuriositäten nordischer Blaublüter.  

Nur im schönen Ockelbo können sie ganz gelassen sein. Dort hat Viktoria im Juni letzten Jahres die Kälber „Embla“ und „Ask“ zur Welt gebracht. „Daniel weiß wirklich wie er die Damen zu nehmen hat“, schwärmt Lars Akesjö von seinem kapitalen Sechsender. In der nordschwedischen Heimat des Prinzgemahls betreibt der findige Schwede eine Elchfarm. Schon vor Jahren hat er den Rummel um die Hochzeit vorausgesehen und seine Jungelche nach dem Bernadotte-Spross und ihrem bürgerlichen Lover benannt.

 

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Eine verlockend reale Fantasie

Normalerweise hätte ich an den Gedanken keine Sekunde verschwendet. Zumal das Angebot wohl auch nicht so ganz ernst gemeint war. Oder auf jeden Fall nicht selbstlos. Doch wenn man nach fast einem Jahr des Neuanfangs immer noch nicht viel mehr als zwei Dutzend Absagen und nicht eingelöste Versprechen in den Händen hält, könnte man glatt schwach werden. An Schönheit würde der potentielle Arbeitsplatz Berlin jedenfalls an nichts nachstehen, im Gegenteil. Bainbridge ist eine ruhige, grüne Insel vor den Toren Seattles, die Fähre über den Pudget Sound braucht gerade einmal 30 Minuten. Und wer so wohnt wie meine Schwiegereltern, der hat des Abends eine atemraubende Aussicht auf die Skyline der größten Stadt in Washington State (siehe Video für einen Blick aus dem Wohnzimmerfenster bei Dämmerung).

Die Arbeit selbst klang auch nicht allzu abstoßend. „In Uniform siehst Du bestimmt hinreißend aus“, flötete meine Schwiegermutter, die gerade zu Besuch ist, um Baby No. 2 endlich in die Arme zu schließen. „Der Aufenthaltsraum hat Kabelfernsehen – und das wirst Du auch brauchen“, sagte ihr Mann Bob mit einem schrägen Grinsen. Nix los sei schließlich auf der Insel, die vorwiegend von gesitteten Mittelständlern und betuchten Pensionären bewohnt wird. Ihm, der über 30 Jahre lang Verbrecher in den übelsten Gegenden Los Angeles´ jagte, wäre das viel zu langweilig. Aber den Mann seiner Tochter und Vater seiner Enkelkinder würde er natürlich nie einer echten Gefahr aussetzen. Also schwärmte Bob weiter: Ich könnte mich als Hundeführer ausbilden lassen. Oder als Fahrradpolizisten. Außerdem habe die Station gerade ein niegelnagelneues Boot bekommen, mit dem die Polizisten munter durch den Sound düsten: „Die Motoren voll aufgedreht.“

Wirklich hellhörig aber wurde ich, als meine lieben Schwiegereltern mit den nackten Zahlen rausrückten. Mit 75.000 Dollar Gehalt dürfte ich rechnen während der ersten fünf Monate auf der Polizeiakademie. Danach stiege es auf 85.000 Dollar und wenig später auf 100.000. Für meine Sprachkenntnisse gäbe es 5 Prozent obendrauf – und Überstunden zählen eh extra, wer will schon länger als von 8 bis 17 Uhr arbeiten. Nach 20 Jahren hätte ich Anspruch auf 40 Prozent meines Gehaltes als Rente, nach 25 immerhin auf 70. Selbst meinen Einwand, so alte Knacker wie mich (43) würden sie kaum noch nehmen, wiegelten beide im Chor ab: Vor nicht allzu langer Zeit sei jemand eingestellt worden, der genauso alt gewesen sei. No problem. Außerdem würden sie eh die richtigen Leute kennen. Connections, you know…

Meine Frau hörte sich unsere Konversation schweigend an und lächelte gequält. Sie kennt mich zu gut, um nicht zu merken, dass ich echtes Interesse an den Tag legte. Doch weder die Vorstellung, dass ich künftig als Polizist eine Zielscheibe für durchgeknallte amerikanische Waffenträger abgeben könnte behagte ihr, noch die langsam wachsende Hoffnung ihrer Eltern, die Familie bald ganz nahe bei sich zu haben. Also setzte ich dem Spuk mit einem übertriebenen Lachen ob der absurd paradiesischen Aussichten ein Ende und ging zurück an die Arbeit. Die dritte Fassung eines Interviews redigieren, an dem ich schon zwei Tage saß und das am Ende satte 100 Euro einbringen sollte. Vor Steuern und Rentenversicherung, versteht sich.

 

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In den Wartezimmern der Welt

Letzte Woche war es mal wieder soweit: Höchste Zeit, die Aufenthalterlaubnis verlängern zu lassen – ein alljährlicher Spießrutenlauf, den man gerne aufschiebt bis zum letzten Moment.

Immerhin vergibt die Ausländerpolizei neuerdings Termine, um die kilometerlangen Warteschlangen zu verkürzen. Genützt hat unser Termin um 14.45 Uhr dann aber nicht viel, denn die Kasse, an der die Verwaltungsgebühr zu entrichten ist, schließt um 14.30 Uhr, so dass man ohnehin am nächsten Morgen wiederkommen muss.

Egal, bisher hat sowieso noch nie jemand auf Anhieb alle erforderlichen Papiere beibringen können. Uns wäre es jetzt – bei der dreizehnten Verlängerung – zwar fast gelungen, doch seit dem Vorjahr hat man sich mal wieder etwas Neues einfallen lassen: Damit auch unsere zehnjährige Tochter weiter in dem Land bleiben darf, in dem sie geboren ist, müssen wir jetzt eine eidesstattliche Versicherung beifügen, dass wir für die Dauer ihres Aufenthalts in der Türkei für ihre „Speisung und Tränkung“ aufkommen werden.

Nun gut, was tut man nicht alles für eine Aufenthaltsgenehmigung – aber halt, so einfach ist das nicht: Der Schwur muss notariell beglaubigt werden, und jetzt wird es kompliziert. Denn der Notar will einen gültigen Ausweis sehen, bevor er uns den Schwur abnimmt, und ein deutscher Reisepass tut es da nicht. Auch der türkische Presseausweis reicht nicht, obwohl er vom Ministerpräsidentenamt ausgestellt und mit allerlei Siegeln verziert ist. Nein, nur eine gültige Aufenthaltserlaubnis der Türkischen Republik darf es sein, wenn einem Ausländer der Eid abgenommen werden soll. Aber unsere Aufenthaltserlaubnis ist leider abgelaufen, darum brauchen wir ja die eidesstattliche Versicherung…

Lästig, nervenaufreibend und zeitraubend ist das alles natürlich, zumal ich mir im multinationalen Gedränge auf den winterlichen Fluren der Ausländerpolizei auch mal wieder eine Grippe eingefangen habe. Aufregen kann ich mich über den bürokratischen Hürdenlauf aber nicht. Schließlich weiß ich, was türkische Staatsbürger schon für ein Gerenne haben, um nur ein Visum für Deutschland zu bekommen. Was für eine deutsche Aufenthaltsgenehmigung zu erdulden ist, kann ich nur dunkel ahnen. In einem deutschen Ratgeber für aufenthaltswillige Ausländer heißt es jedenfalls: „Bereiten Sie sich auf umfangreiche bürokratische Regelungen und lange Wartezeiten vor.“

 

 

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Geheime Chefsache

Neulich rief ich in Deutschland an, bei einer namhaften Umweltorganisation an der Ostseeküste. Ins Vorzimmer kam ich – trotz kryptischer Beschilderung der Zuständigkeiten im Internet – noch durch. Doch dann geriet die Kontaktanbahnung arg ins Stocken. Eine resolute Dame klärte mich auf:

 „Bedaure, der Chef ist in der Sitzung.“

„Aha, verständlich. Wie lange sitzt er denn?“

„Das sag ich Ihnen doch nicht!“.

„Ach so? Na, da könnten Sie ihm doch eine Notiz rein…“

„Nix da, wo denken Sie hin?! Schicken Sie ein Fax, da guckt er dann mal drauf bei Gelegenheit“.

„Faxen kann ich nicht. Aber mit dem Pressesprecher könnt ich doch …?“

„Der ist aus dem Haus.“

„Ein Handy wird er wohl haben?“

„Hat er. Aber ich weiß nicht, ob ich befugt bin, Ihnen die Nummer herauszugeben…“

„Oh, betrüblich. Und wer weiß, ob Sie befugt sind …?“

Und immer so weiter. Böse Erinnerungen werden wach an, an mühsame Lehr- und Wanderjahre in der Nachrichtenbranche: Abwimmeln, Verkomplizieren, Wichtigmachen und stundenlanges Nachbohren gehörten damals zum Tagesgeschäft. Man stand sich selbst im Weg. Im Norden sind sie lockerer.

Gestern rief ich beim Abgeordneten einer schwedischen Regierungspartei auf dem Handy an (die Nummer stand auf der Website). Der nahm nach einer Weile ab, keuchte und prustete kurz und schnaufte dann:

„Hej, grüß dich! Nö, jetzt grade kommt es ungelegen, mein Lieber. Ich bin auf der Skipiste und will noch in die Sauna. Aber Montag bin ich zurück in Stockholm. Dann können wir einen Kaffee trinken.“

 

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Eisfieber

 

 

   Es ist jedes Jahr dasselbe: Sobald es mehr als drei Nächte hintereinander friert, macht sich in den Niederlanden das Eisfieber breit – eine Epidemie, die – egal, ob gross oder klein – in einem angsterregendem Rekordtempo die gesamte Nation erfasst und auch die Sprache drastisch beeinflusst. Ist doch auf einmal von Eistransplantationen die Rede, von Eismeistern – und vom Elfstedentocht, jenem heroischsten Schlittschuhlauf der Welt, auch „Lauf der Läufe“ genannt, gut 220 Kilometer lang entlang der elf friesischen Städte. Zehntausende nehmen teil, auch wenn es einige immer ein paar abgefrorene Zehen oder Finger kostet und sich viele erst weit nach Mitternacht mehr tot als lebendig über die Ziellinie schleppen.

Dank Klimawandel wird vielen diese Peinigung erspart, der letzte Elf-Städte-Lauf fand im Januar 1997 statt. Aber gehofft wird halt jedes Jahr, auch jetzt wieder. Immerhin könnte der plötzliche Wintereinbruch den Niederländern Bilderbuchweihnachten bescheren. Die ganze Nacht hat es geschneit, auch heute vormittag noch. Momentan liegt hier an der Nordseeküste bei Leiden mehr Schnee als zuhause bei meinen Eltern in Baden-Württemberg. Ich habe die Wohnzimmertür in den Garten kaum aufgekriegt, das hat es noch nie gegeben. Und vor der Haustür, auf den Kanälen, haben sich schon gestern die ersten aufs Eis getraut, bei blitzeblauem Himmel.

Beim Anblick solch fröhlicher Eislaufzenen werde ich von einer geradezu hemmungslosen Liebe zu meinem Wahlheimatland erfasst. Sämtliche Kritik, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hat, schmilzt wie Schnee in der Sonne. Erstens scheint das schatsen, wie das Schlittschuhlaufen auf nederlands heisst,  das Beste im Holländer zum Vorschein zu bringen, denn auf einmal sind alle überaus freundlich, hilfsbereit und so richtig gut drauf – bei Temperaturen über Null wartet man darauf zuweilen vergeblich.  Zweitens geht es hier dann zu wie auf den Gemälden Alter Meister, die schon im Goldenen 17. Jahrhundert das bunte Treiben der Eisläufer verewigt haben – und daran kann ich mich nicht sattsehen: Genauso wie vor 400 Jahren schieben Ungeübte auch heute noch einen Esszimmerstuhl vor sich her, um nicht dauernd hinzufallen. Kinder nehmen ihre Schlitten mit aufs Eis, Jugendliche spielen Hockey oder flitzen um die Wette, rechts und links am Rand machen sich Buden mit Glühwein oder warmer chocolademelk breit. Am schönsten ist das alles im Grachtengürtel altholländischer Städte wie Leiden oder Amsterdam, vor der Kulisse historischer Grachtenhäuser aus dunklem Backstein, die mit ihren prächtig verzierten weissen Giebeln alle aussehen wie Lebkuchen mit Zuckerguss. So manche Kneipe rollt dann einen Läufer aus, damit die Schlittschuhläufer auf Kufen in die Kneipe stolpern können, um sich bei einem borrel aufzuwärmen.

 Weniger glücklich sind die Hausbootbesitzer. Beim letzten strengen Elfstedentocht-Winter 1997 lagen ihre schwimmenden Heime so fest im Eis, dass sie sich vorkamen wie Entdeckungsreisende auf Nova Zembla. Auch müssen sie sich, sobald es friert,  auf ungebetene Gäste gefasst machen: Viele Schlittschuhläufer schauen ungeniert bei ihnen durchs Fenster rein. Manche setzen sich sogar ganz dreist oben aufs Deck, um sich die Schlittschuhe anzuziehen. Und Anfänger nutzen die Boote als Halt oder  höchst willkommene Notbremse.

 Allerdings hat das Eis auch seine Vorteile: 1997 konnten die Hausbootbewohner wochenlang um ihr Heim herumspazieren, um in aller Ruhe die Fenster zu putzen oder längst fällige Reparaturarbeiten zu erledigen. Normalerweise müssen sie das von einem schwankenden Beiboot aus erledigen. Und je tiefer die Temperaturen, desto wämer das nachbarschaftliche Verhältnis: Man trifft sich viel häufiger mit den Hausbootbewohnern vom anderen Ufer.  

 So wie der Rest der Nation wünscht sich deshalb auch so mancher Hausbootbesitzer inbrünstig, dass es nach 13 Jahren Warten endlich wieder zu einem Elfstedentocht kommt – und der Eismeister nach wiederholtem Messen der Eisdicke wie immer auf friesisch die drei erlösenden Worte sprechen kann:  „It giet oan – es kann losgehen!“

 

 

 

 

 

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Zeitschriften zum Schleuderpreis

Was mir an den Polen schon immer gefallen hat, ist deren Sinn fürs Improvisieren und fürs Geschäft. Sobald es ein paar Stunden regnet, verkaufen Strassenhändler direkt vor den grossen internationalen Einkaufstempeln am der Warschauer Marszalkowska-Strasse auf ihren Klapptischen Regenschirme und Ponchos aus Plastik. Beginnt es zu schneien, werden die Schirme von bunten Handschuhen, Mützen und Schals verdrängt. Schnürsenkel und Bettbezüge sind immer angesagt.

 

Private und staatliche Sicherheitsorgane versuchen diesem grassroot- kapitalistischen Treiben seit über zehn Jahren Herr zu werden und die fliegenden Händler zumindest aus der Innenstadt zu vertreiben. Doch gelungen ist dies bisher höchstens für ein paar Wochen. Der Anblick improvisierter Verkaufstische zieme sich einer europäischen Hauptstadt nicht, wird immer wieder von Neuem argumentiert. Doch das Volk kauft weiter Schirme und Schnürsenkel auf der Strasse.

 

Für Korrespondenten und andere Leseratten besonders interessant sind dabei die Bahnhöfe. Unverkaufte Wochenmagazine und Fachzeitschriften landen in Polen nämlich nicht im Altpapier sondern bei den Strassenhändlern. Diese verkaufen dann die letzt-, vorletzt- und vorvorletzwöchigen Politmagazine Wprost, Newsweek Polska oder Polityka für rund einen Drittel des Preises. Gleiches gilt für polnische Monatszeit- und Quartalszeitschriften. Wer also wie ich wegen der kleinen EU-Normbriefkästen der Polnischen Post (www.poczta-polska.pl) kein Jahresabo hat, spart bei jeder Rückkehr aus dem nicht-polnischen Berichtsgebiet gleich dreimal. Es sei denn er erwerbe den letztwöchigen SPIEGEL – der kostet höchstens noch einen Fünftel.  

 

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Der tägliche Wahnsinn

Die Lektüre türkischer Zeitungen ist eine Wissenschaft für sich. Nicht nur äußerlich unterscheiden sich die bunt und boulevardesk aufgemachten Blätter von westlichen Zeitungen, auch journalistisch muss man sie zu nehmen wissen. Nachrichten, Neuigkeiten und Exklusives stehen nicht unbedingt auf der Seite Eins mit ihren Balkenüberschriften. Sie sind vielmehr übers Blatt verteilt in den Kolumnen der sogenannten „Eckenschreiber“ (köse yazarlari) zu finden – das sind hochbezahlte Kolumnisten mit guten Kontakten in Ankara, treuen Lesergemeinden und gewaltigem politischen Einfluss. Jeder Kolumnist hat seinen speziellen Draht. Ins Außenministerium etwa ist Murat Yetkin von der Zeitung „Radikal“ bestens verdrahtet; wer aus der Westentasche von Oppositionführer Deniz Baykal informiert werden will, greift zur Kolumne von Fikret Bila in „Milliyet“, usw. Und während Zeitungen im Westen meist eine einheitliche politische Ausrichtung haben, findet sich innerhalb einer türkischen Zeitung ein ganzer Regenbogen von Kolumnisten, von rechtsnational bis liberal, die im selben Blatt oft entgegengesetzte Meinungen zum selben Thema vertreten.

Auch die Einteilung der Zeitung ist gewöhnungsbedürftig. Bei „Hürriyet“ etwa kommt nach der Seite Eins erst einmal eine Seite mit Klatsch aus der türkischen Promi-Szene. Zwei bis drei Seiten Mord und Totschlag folgen, dann kommen die Wirtschaftsseiten. Darauf folgen mehrere Seiten große und kleine Anzeigen, in denen manchmal auch die Seite mit den Auslandsberichten versteckt ist. Erst nach den Anzeigen kommt die Politik, gefolgt vom Sport und einer letzten vermischten Seite.

Als Korrespondentin muss ich natürlich vor allem die Kolumnisten studieren, um aus ihren oft recht ausschweifenden Betrachtungen die News herauszufiltern. Fasziniert bin ich aber immer von den zweiten und dritten Seiten, die Leben und Tod in der türkischen Gesellschaft so viel plastischer abbilden als die Politik. Allein am heutigen Tage vermelden die türkischen Zeitungen auf diesen Seiten folgende Geschichten:

Polizeitaucher suchen in See bei Hakkari nach vermisster Braut. Die 19jährige war am Vorabend einer Zwangsheirat aus ihrem Elternhaus geflohen, von ihrer Familie in Yüksekova aufgespürt und heimgeholt und seither nicht mehr gesehen worden. Ermittler gehen von einem Ehrenmord aus.
Junger Mann in Adana ermordet seine Freundin, weil sie schwanger war
Zwei Tote und zwei Verletzte bei Streit um Tänzerin in einem Nachtclub in Usak. Der Streit wurde mit Schnellfeuergewehren ausgetragen
Drei Männer wegen Entführung und Vergewaltigung einer 14jährigen in Ankara festgenommen. Die Entführer hatten an der Haustür der Familie geklingelt, sich als Polizisten ausgegeben und das Mädchen aufgefordert, „zur Wache mitzukommen“.
Ehemaliger Bürgermeister von Bursa an seinen Schussverletzungen gestorben, nachdem er letzte Woche von seinem Geschäftspartner niedergeschossen worden war
Vierfache Mutter in Zonguldak geköpft, Ehemann bestreitet Tat
Mann in Izmir erschießt seine Ehefrau und sich selbst, weil sie sich scheiden lassen wollte. Die beiden Kinder hatte er vorher zum Nachbarn geschickt
In Erzurum zu Tode gefolterter 13jähriger wurde vermutlich von seinem Cousin getötet
Arzt in seiner Praxis in Gaziantep von Unbekannten erschossen, sieben Kugeln im Kopf
Anwältin in ihrem Haus in Bodrum vom Klempner erstochen
Brutaler Raubüberfall auf 70jährigem in seinem Haus in Izmir: Seine Pflegerin holte die Täter ins Haus
Leiche in Izmir als seit fünf Jahren vermisster Geschäftsmann identifiziert
Gemeinsamer Selbstmordversuch von vier 13jährigen Mädchen in Kütahya
Schwer verbrannte Schülerin kämpft um ihr Leben. Die 17jährige war am Sonntag von einem Molotow-Cocktail getroffen worden, den Unbekannte in einen Linienbus in Istanbul warfen

So geht das hier jeden Tag. In der Berichterstattung bringe ich kein Promille davon unter.

 

 

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Frohes Fest!

«Osher ve briut!» wünscht mir Talia, bei der ich immer dienstags Biogemüse per Telefon nach Hause bestelle. Glück und Gesundheit.  «Chag sameach!», ruft mir Jossi nach, der Blumenverkäufer auf der Dizengoffstraße, als ich mich mit meinem Paket frischer gelber Lilien zum Gehen wende. Frohes Fest. Und Nissim, der Elektriker, sagt zum Abschied «kol tuv», nachdem er mir meinen verklemmten Rolladen wieder ins Laufen gebracht hat. Alles Gute.

Normalerweise sind sie nicht so zugewandt, die Israelis. Aber jetzt ist auch nicht «normalerweise». Denn das Jahr 5769 nach Schöpfung der Erde geht zu Ende. Ein Jahr, in dem Bibi Netanjahu zum zweiten Mal Ministerpräsident und Avigdor Liebermann zum ersten Mal Außenminister wurde. Ein Jahr, in dem die israelische Armee den Gazastreifen verwüstete. Ein Jahr, in dem der Kassam-Beschuss den Lebensrhythmus der Menschen in Sderot und Netivot bestimmt hat.

In den Hauptnachrichten klagt Noam Shalit die politischen Akteure an: «Bald ist Rosh Hashana und wir sehen immer noch nicht das Licht am Ende des Tunnels.» Sein Sohn Gilad wird seit 1179 Tagen von der Hamas festgehalten. Bibi lässt sich von George Mitchell, dem US-Sondergesandten für den Nahen Osten, nicht einschüchtern und besteht auf den Plänen seiner Regierung, 3000 neue Wohneinheiten für jüdische Siedler in der Westbank zu bauen.  Die Goldstone-Kommission der Vereinten Nationen weist der israelischen Armee und der Hamas in einem 547-Seiten-Bericht nach, während des Gaza-Krieges Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben.

Rosh Hashana, das ist auch die Zeit der «Slichot», der Buße. In den Synagogen wird das Widderhorn geblasen, der Shofar. Wer religiös ist, hat jetzt Gelegenheit, sich mit Gott und den Menschen auszusöhnen. Um Vergebung zu bitten. Das Angebot gilt bis Jom Kippur, dem Versöhnungstag, zehn Tage nach Rosh Hashana.

Am Freitag Abend also ist Neujahr. Dann versammeln sich die Großfamilien. Sie singen, beten, essen. Sie sitzen um einen großen Tisch, tauchen Apfelschnitze in Honig, auf dass das neue Jahr süß werde. Sie kauen Granatapfelkerne und nehmen sich vor, im neuen Jahr sämtliche in der Torah festgeschriebenen göttlichen Gebote zu halten. Sie kosten von einem Fischkopf in der Hoffnung, im neuen Jahr immer vorneweg und nie Schlusslicht zu sein.

Rosh Hashana, das ist die Zeit der guten Vorsätze. Es ist eine vielversprechende Zeit in einem Land, das guten Willen gut gebrauchen kann. In diesem Sinne also «chag sameach»!

 

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Die Weltreporter werden erwachsen

Auf einem Podium mit Guardian-Starreporter Nick Davies und Krisenberichterstatter Ashwin Raman, mit  ARD-Legende Dagobert Lindlau, Stern-Auslandschef Hans-Hermann Klare und Tagesthemenredakteurin Ariane Reimers. Alle preisgekrönt und weit bekannt. Und mittendrin ich? Klar, warum nicht! Schließlich sitzt Du da für die  Weltreporter – und die haben mittlerweile auch einen guten Namen. Außerdem organisieren wir immerhin die ganze Veranstaltung. Sagt unsere Geschäftsführerin Barbara Heine, für die das Wort unmöglich irgendwie nicht existiert. Doch dann kommt Dagobert Lindlau als Erster durch die Tür, mittlerweile 78 und mit Stock in der Hand, aber mit jungenhaft verschmitztem Lächeln, und alle Bedenken sind vergessen.

Zum ersten Mal präsentieren die Weltreporter auf der Jahrestagung von Netzwerk Recherche eine  Podiumsdiskussion zur Auslandsberichterstattung. „Früher war alles besser!“ ist der Titel der Veranstaltung. War wirklich alles besser? fragt Moderatorin Julia Sen zum Auftakt. Nein! sagt Dagobert Lindlau fröhlich, während  Ashwin Raman schimpft, dass heute auf jeden Fall alles schlecht sei. Reimers und Klare relativieren ihre  Einschätzungen: Als Mitverantwortliche für das, was wir heute über das Ausland zu sehen und zu lesen bekommen, könnten sie wohl auch schlecht sagen, dass früher alles besser war. Aus meiner Freien-Sicht würde etwas mehr Rückgewandtheit zu intensiver und qualitativer Recherche vor Ort allerdings nichts schaden. Und deswegen gibt es ja die Weltreporter, sage ich. Dann trifft Stargast Nick Davies ein, dessen Platz neben mir bislang leer blieb, weil das Flugzeug zu spät landete. Der Guardian-Reporter erhält sogleich das Wort, das er für die nächsten fünf Minuten auch nicht mehr abgibt und – mit einem Arm noch in der Jacke – sogleich für eine Zusammenfassung seines  Bestsellers „Flat Earth News“ nutzt.

Trotz des redegewandten Briten kommen alle Podiumsteilnehmer etwa gleich oft zu Wort, es geht um   „Fallschirmspringer“ und zu viel Agenturjournalismus (was offensichtlich alle schlecht finden), um Abgrenzung zur  Propaganda von öffentlichen Institutionen und NGOs sowie „Embedded Journalism“ (was nicht alle ganz so schlimm finden). Hier wird es schon differenzierter: Raman zum Beispiel meint, es komme darauf an, ob der Journalist sich auch wirklich einbetten lasse, er könne sich samt seiner Kamera langfristig sozusagen unbemerkbar machen. Davies dagegen glaubt, dass unsere Weltmedien heute überwiegend propagandagesteuert sind.

Wie kommen Themen überhaupt ins Blatt oder auf Sendung, hinterfragt die Moderatorin, und lässt mich erklären, warum welche Themen gut ankommen (einfache Antwort: Katastrophen, Krisen, Krankheiten, deutsche Akteure oder islamische Extremisten) oder nicht (einheimische Akteure bei friedlichen Themen oder muslimische  Menschenrechtler zum Beispiel). Klare und Reimers bestätigen und scheinen sich doch irgendwie schuldig zu fühlen, zumindest holen sie zu längeren Rechtfertigungen ihrer Themenwahl aus. Dann die Frage an den Auslandschef des Stern: Warum jetzt ein Titel mit Folterfotos aus dem Irak? Bestimmt nicht für die Auflage, so Klare, man habe die Fotos bekommen und der Zeitpunkt passte zu den brisanten Äußerungen der neuen und der  alten US-Regierung. Der Stern wollte Haltung zeigen. Ein Relikt aus alten Zeiten der Auslandsberichterstattung, als  alles besser war? Oder doch eher die Sensation? Raman schimpft, was an den Fotos denn Besonderes sei, er habe diese seit Langem gehabt.

Davies von der Moderatorin auf den Stern-Titel angesprochen wirkt trotz der brillanten Übersetzerin an seiner Seite  verwirrt, den habe er nun wirklich noch nicht lesen können. Daher nutzt er die Gelegenheit eine weitere Kostprobe seiner provokanten Beredsamkeit zu geben und über neue Möglichkeiten der länderübergreifenden Zusammenarbeit von Medien zu referieren. Ob die Weltreporter denn nur für deutsche Medien berichten würden oder auch schon mal über Partnerorganisationen in anderen Ländern nachgedacht hätten? fragt er mich im  Anschluss an die Diskussion.

Für Fragen aus dem Publikum blieb bei der kurz bemessenen Stunde leider nicht viel Zeit, so blieb es bei drei Fragern, die sich vor allem für die Themenauswahl interessierten. Wie man denn als Freier Geschichten beim Stern unterbringen könne, fragte ein Kollege. Man habe keine guten Erfahrungen mit Freien, erklärte Hans-Hermann Klare, daher würden sie selten Geschichten von außen nehmen. Dann schob er jedoch nach: Bei den Weltreportern allerdings würden sich die Redaktion immer auf der sicheren Seite fühlen. Nette Geste, so zum Schluss.

Der gut gefüllte Seminarraum blieb dies auch bis zum Ende der Veranstaltung, offensichtlich war die Diskussion spannend genug, um nicht vorzeitig zu gehen. Ein Journalistikstudent bittet mich im Anschluss um ein Interview für seine Diplomarbeit, ein Redakteur aus Osnabrück um Tipps für die freie Arbeit im Ausland. Andere Kollegen  erzählen beim Mittagessen im Stehen von ihren erfolgreichen oder weniger erfolgreichen Versuchen als freie Korrespondenten, man tauscht sich aus. Es läuft immer auf das erfolgreiche Verkaufen der Geschichten heraus –  und das Non-plus-Ultra dafür ist: ein gut funktionierendes Netzwerk.

Am gleichen Abend noch feiert die Henri-Nannen-Schule ihr 30-jähriges Jubiläum in Hamburgs  Völkerkundemuseum. Bei der Begrüßung erkenne ich einige Gesichter aus dem Publikum der Podiumsdiskussion wieder: die aktuellen Journalistenschüler. Eine Schülerin kommt auf mich zu und fragt: Sie saßen doch heute Mittag auf dem Podium? Waren Sie wirklich bei der Gründung der Weltreporter dabei? Ich muss lachen und denke daran, dass ich mich heute Morgen noch selbst wie eine Journalistenschülerin gefühlt habe. Offensichtlich alles eine Frage der Perspektive. Ja, sage ich, und der Begrüßungssekt prickelt im Hals.

(Foto: Wulf Rohwedder, netzwerk recherche e.V.)

 

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Morgens auf dem Planeten Erde (12): New York

Die gefühlte Weltlage entscheidet darüber, wie lange ich schummeln darf, nachdem um sechs der Wecker geklingelt hat. Eine Viertelstunde, eine halbe? Ist über Nacht wieder eine Bank in die Knie gegangen, ein Flugzeug im Hudson gelandet, ein Milliardenbetrüger aufgeflogen? Oder hält sich Präsident Obama an seinen Tagesablauf, spricht die Worte in die Kameras, die mir seit Stunden vorliegen und die die amerikanischen Kollegen bereits ausgiebig debattiert haben?

Gestern wieder bis zwei geschrieben, die Knochen sind müde, das Hirn bleiern, der Kreislauf nicht vorhanden. Doch der erste Redaktionsschluss ist um zehn und man weiß nie, was in der Inbox schlummert. Oft nichts Aufregendes, aber manchmal eben die arglose Anfrage für 300 Zeilen bis 15.30 Uhr, also 9.30 Uhr bei mir. Und bis sieben muss die Tagesvorschau für die Schweiz ohnehin raus. Also gibt´s wieder nur den kalten Espresso vom Vortag, mit reichlich Milch verdünnt schmeckt er kaum noch bitter.

An solche Dinge gewöhnt man sich. Nach fast sieben Jahren New York ist das Frühaufstehen zur Routine geworden, Zeitzonen, Redaktionsschlüsse, Zeilenlängen haben sich tief ins Unterbewußtsein eingegraben. Nur der Mittwoch und der Donnerstag, die liegen mir immer noch schwer auf der Seele. An den beiden Tagen muss ich gegen acht rausrennen und unser Auto umparken. Straßenreinigung. Konkret kommt zwischen 8.30 und 10 Uhr ein kleines Wägelchen vorbei und schiebt den ganzen Dreck vor sich her. Ob´s wirklich etwas hilft? Wer weiß.

Auf jeden Fall bringt die Sache buchstäblich die halbe Stadt auf die Beine. Zum Umparken eben, eine Wissenschaft für sich, für die es ein Diplom geben sollte. Wenn ich Glück habe, fährt gerade ein Nachbar auf der Donnerstagsseite zur Arbeit und ich ergattere seinen Platz. Oder ich finde einen auf einem Block, wo sie montags, dienstags oder freitags umparken müssen. Oder ich rufe 311 an, die städtische Hotline, und drücke die Daumen, dass gerade einer der unendlich vielen religiösen Feiertage herrscht in der Stadt, dann sind nämlich alle vom Umparken entbunden. Manchmal, habe ich das Gefühl, hängt es auch einfach von der Laune unseres Bürgermeisters Michael Bloomberg ab, ob tausende New Yorker gezwungen sind, ihre Motoren zu starten.

Sollte das stimmen, ist er in letzter Zeit ziemlich mies drauf. Oder hat einfach kein Geld in der Stadtkasse. Die Verkehrspolizisten verfolgen jedenfalls schummelnde Umparker gerade besonders gnadenlos. Neulich war ich zwei Minuten zu spät. Macht 45 Dollar. Manchmal kann es ok sein, in der zweiten Reihe zu parken, aber nur, wenn man das Fahrzeug auch auf die Minute genau wieder vorschriftsmäßig auf der gerade gereinigten Seite abstellt. Und double parking auf einem Straßenblock mit einer Schule solle man sich tunlichst sparen. Kostet 115 Dollar. Frag´ mich mal einer, woher ich das weiß.

 

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Morgens auf dem Planeten Erde (11): Belgrad

Warm ist es in Belgrad geworden, ganz plötzlich. „Aus den Stiefeln direkt in die Badehose“, meckert gestern Mira, die Nachbarin. Klar, bei 27 Grad Lufttemperatur könnte man schwimmen gehen, wenn das Baden an der Save und Donau nicht verboten wäre. Das Wasser, 19 Grad, sei noch zu kalt – sagen die Stadtväter. Die kennen die Ostsee nicht, denke ich.

Nachts kommt der warme Wind durchs offene Fenster, am Kopfkissen breitet sich die dicke Mondscheibe aus. Heute früh schleicht sich die Sonne unter meine Wimpern. Vorsichtig ein Auge nach dem anderen aufmachen, feststellen, alles ist genauso wie gestern, endgültig räkeln, aufwachen.

Morgenrituale: Puschen an, runter auf die Straße, im Kiosk nebenan Zeitung kaufen, Zigaretten kaufen, die Weltkrise im Mikrokosmos Serbien („alles wird teurer“) mit den Mädels vom Kiosk bereden. Türkischen Kaffee kochen, Balkonblumen grüßen und wässern, Katzen grüßen und füttern, mich selbst wässern und seifen, Radio einschalten, Blechkiste einklicken. Kurz gucken was WELTREPORTER so in der Welt machen. Man weiß nie ob sie noch ruhig schlafen oder hundert Mails pro Stunde in die Welt schicken…  Einer aus Rio, Sydney oder Rom stellt eine Frage und plötzlich entwickelt sich eine ungeheure Maildynamik, die Gedanken wuseln im weltweiten Netz, umgarnen die Kontinente und du kannst nicht anders, du bist auch dabei und statt  Themenvorschläge zu schreiben und Geld zu verdienen, palaverst du per Tastatur mit den Gleichgesinnten.

Heute früh, alles ruhig. Die Welt da draußen ist in Ordnung. Endlich ein Morgen, der nichts von mir will.
Also, raus auf die Terrasse,Türkenkaffee in der Tasse, eine Lulle in der Hand, „POLITIKA“, die serbische SZ und FAZ in einem, vor der Nase, der Tag kann kommen. (À propos Zigaretten: Es soll demnächst zu einem milden Rauchverbot kommen. Das gefällt dem Volk nicht, Serben, die Weltmeister im Rauchen, sammeln seit gestern Unterschriften gegen das neue Gesetz, wahrscheinlich mit Erfolg.)

Meine Lieblingsrubrik in der „Politika“ heißt „Handy-News aus Belgrad“, die lese ich zuerst. Hier werden unredigierte Polizeimeldungen der letzten Nacht weitergegeben. Die BILD ist nichts dagegen, schon die Überschriften sind himmlisch: „Käse, Laptop und Schinken aus dem Laden gestohlen“, „Frau aus dem Bus gefallen“, „Betrunkener Schwiegervater misshandelt Hausbewohner und Hund“,  „Lüster aus dem Hochhaus auf den VW gefallen“. Die Texte lauten dann so: „Auf der Straße Pancevacki put haben sich zwei Nachbarn einen bösen Kampf geliefert. Einer von ihnen bekam einen Schlag auf den Kopf, und zwar mit der ausgerissenen Tür einer Scheune. Im Krankenhaus wurde eine Fraktur des Schädels festgestellt“. Oder: „In der Straße Cvijiceva hat eine Frau auf dem Herd türkischen Kaffee gekocht. Die Feuerwehrmänner haben die Tür aufgebrochen und das Feuer am Verbreiten gehindert“. Und das auch noch: „In der Resavska Straße ist durch Messerstiche eine Person verletzt worden. Gleichzeitig hat in derselben Straße ein betrunkener Ehemann seine Frau mit einem Stuhl am Kopf getroffen. Sie kam ins Krankenhaus“.

Nach dieser erbaulichen Lektüre wäre der Markt, dann der obligatorische Kneipenbesuch am Mittag dran, wo man Opa und Enkelkind, Schulfreund und Marktbauern trifft.  Aber da hat sich der Morgen schon längst verabschiedet.
Ach, ja, Ostersonntag heute!

Nicht so in Belgrad. Wir Orthodoxen sind in diesem Jahr erst am nächsten Sonntag dran. Diese Verschiebungen haben mit  den Neumonden und Vollmonden zu tun und mit den römischen Kalendern. Wie das genau läuft  ist mir noch immer ein Rätsel. Sicher ist aber, auch wir haben Ostern jedes Jahr, mal früher und mal später als die Deutschen.

 

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Morgens auf dem Planeten Erde (4): Jogjakarta

Normalerweise reißt mich eine der drei Moscheen in unserer Umgebung aus dem Schlaf – heute drangen jedoch  schon am frühen Morgen sakrale Gesänge in meine Träume. Ein Nachbar war über Nacht gestorben, offensichtlich ein Katholik. Nicht viel funktioniert in Indonesien so reibungslos wie die Nachbarschaftshilfe in einem Todesfall, egal welcher Religion der Verstorbene angehörte: Jedes Viertel besitzt in der Regel ein größeres Zeltdach, Plastikstühle  und Geschirr. Alle Anwohner packen mit an – ob sie den Toten näher kannten oder nicht, ob sie ihn mochten oder nicht – und sitzen die Aufbahrungszeremonie bis zur Abfahrt zum Friedhof aus. Nicht zuletzt, weil es ja auf solch einer Veranstaltung immer auch ein Gratisessen gibt.

Heute Morgen versammelte sich die Nachbarschaft also direkt vor unserem Gartentor, selbsternannte Parkwächter  versuchten mit schrillen Pfeifen den Durchgangsverkehr durch die zugestellte Straße zu manövrieren. Irgendwann gingen die sakralen Gesänge unter den Pfiffen, dem Stimmengewirr des Menschenauflaufs und den  Mikrofonansagen des Pfarrers unter. Lärmempfindlich sind Indonesier nicht wirklich. Ich schon. Als sich dann auch  noch mein Internetanschluss verabschiedete, beschloss ich, meinen Arbeitsplatz heute ins Cafe zu verlegen. Nach  dem Pflichtkondolenzbesuch und der dazugehörigen Geldspende, versteht sich.

Die Rikschafahrt zu meinem Lieblingscafe ging schnell – Jogjakartas Straßen sind heute selbst für sonntägliche  Verhältnisse erstaunlich leer. In den vergangenen Wochen hatten sich an jeder größeren Kreuzung Motorradkonvois gestaut, die mit schwingenden Fahnen und rhythmischen Motorenheulen durch die Stadt zogen. Offener Wahlkampf heißt das hier: Am kommenden Donnerstag wählt die drittgrößte Demokratie der Welt ein neues Parlament. Oder besser: ganz viele Parlamente. Denn gleichzeitig mit dem Nationalparlament sollen die Regional- und  Provinzparlamente neu besetzt werden. Welcher der landesweit mehr als 500.000 Kandidaten von welcher der 38 Parteien für welches Parlament kandidiert und für welche Ideen steht, verstehen dabei nicht einmal ein Viertel der  Wähler, wie Umfragen zeigen.

Wahlkampf in Indonesien hat allerdings auch nicht viel mit politischen Programmen zu tun, sondern eher mit Karneval. Die Anhänger kleiden und schminken sich komplett in den Farben der jeweiligen  Partei – es erinnert immer ein bisschen an Fußballmeisterschaften. Gestern zum Beispiel war Blau angesagt, die Farbe der Demokratischen Partei des amtierenden Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono. 30.000 blau gewandete Menschen hatten sich auf den Platz vor dem Sultanspalast von Jogjakarta gedrängt, um der Ansprache ihres Präsidenten zu lauschen. Die Jubellaune vieler Anhänger dürfte allerdings eher durch Gratisessen und ein Konzert der Popband Ungu angeheizt worden sein.

Eigentlich ist heute der letzte Tag des offenen Wahlkampfs, aber offensichtlich haben die großen Parteien bereits ihr Pulver verschossen. Gestern musste ich noch mit großen Umwegen um die Innenstadt kurven, heute tuckert mir nur ein einzelner Truck einer kleinen Partei entgegen, zwei Mopeds folgen ihm. Ein deutlich kleinerer Konvoi als die Beerdigungsprozession, die sich gerade vor meinem Haus formiert. Als würde der Wahlkampf in Jogjakarta heutezu Grabe getragen. Hoffentlich kein schlechtes Omen für die Wahlen: Pessimistische Umfragen befürchten, dass mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten in Indonesien gar nicht erst zu den Urnen gehen wird. Vielleicht würde es  helfen, wenn es an jedem Wahllokal ein Gratisessen gebe.

 

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Morgens auf dem Planeten Erde (3): Australien, im Indian Pacific

Gerade ist die Sonne aufgegangen, hinter einer sehr weiten Steppe: Eukalyptus, Sand, Schafe. Himmel: Pink, Rosé und Orange vor Babyblau. Ich liege im Indian Pacific, einem Überlandzug, der Pazifik mit Indischem Ozean verbindet (sic!) und fahre von Ost nach West. Wie spät es ist? Keine Ahnung. Seit mehr als zwei Tagen habe ich keinerlei Schimmer, was die Stunde schlägt, und das liegt nicht an übermäßigem Weinprobieren in Barossa, McLaren und Clare Valley, in den letzten Tagen. Es liegt an Australiens Zeitzonen.

Normalerweise gibt es derer drei bis vier, dieses Land hat eben viele Längengrade, damit kann ich umgehen. Doch im Moment gibt es weit mehr als die. Ich tippe fünf bis sechs. Vielleicht mehr.  Sicher bin ich nicht. Australien hat zwar kaum mehr Einwohner als eine brasilianische Großstadt, aber die leben in acht Bundesstaaten. Mit ausgeprägtem Staatenstolz. Daher können sie sich weder einigen, ob sie nun alle Sommer- und Winterzeit haben wollen oder nicht. Noch sind sie einer Meinung, wenn sie denn “daylight saven” wollen, wann sie das am besten tun sollten. Letztes Märzwochenende, hau ruck drehen wir alle zusammen am Zeiger? Wie andere Kontinente auch?

Pah. Zu einfach. Südaustralien dreht halbes Stündchen weiter und eine Woche später (oder zwei, wenn gerade ein wichtiges Radrennen ist). Was in Queensland läuft, weiß keiner so genau, weil sie da oben noch immer “Versuchsphasen” haben. Und in Westaustralien ist es eh ständig früher als irgendwo sonst. Und ich sitze in dieser Eisenbahn, und Damien, der wirklich herzensgute Zugbegleiter, klärt mich auf: “Breakfast is at 7.30”.  – “Traintime” natürlich. Die ändert sich weitgehend unabhängig vom Überschreiten der Staatsgrenzen. Sie tickt nach Verfügbarkeit des Kochs und der Logistik des Reisefortschritts. Mein Handy piepst, Digitalziffern blinken: 12.30. “check your clock – Sie sind in eine neue Zeitzone gereist. Wollen sie die Uhr anpassen?” fragt mich Nokia zum xten Mal hämisch. Traintime ist sieben. Die am Fenster vorbeifliegende Bahnhofsuhr von Northam zeigt 8.30 Uhr. Ich gebe auf. Dem glücklich Reisenden schlägt bekanntlich keine Stunde.

Mein nächster Termin ist morgen um 8 Uhr früh, in Fremantle. Bis dahin hab ich mich eingependelt. Hoffe ich.

 

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Morgens auf dem Planeten Erde (2): China – Reissuppe statt Brötchen

Der frühe Morgen ist für  mich die schwierigste Tageszeit in China, zumindest wenn man tausende Kilometer von der heimischen Kaffeemaschine entfernt in einem Hotel übernachtet. Schon das Betreten des Frühstücksraums kostet meist ein wenig Überwindung – nicht der Geruch von frischem Milchkaffee und Brötchen begrüßt den Gast, sondern Gemüse, Öl und Knoblauch.

Ein stiller Schrei nach Kaffee. Aber ein schneller Blick zum Bufett bestätigt alle Befürchtungen: Sojamilch, knallgelber Saft undefinierbarer Herkunft, dünner Milchtee.

Für viele Chinesen ist das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages. Nur Kaffee gehört nicht dazu. Und man isst, was man auch mittags oder abends zu sich nimmt – darunter gebratene Nudeln, Baozi, also gedämpfte Teigtaschen mit Fleischfüllung, Unmengen hartgekochter Eier und scharfes, eingelegtes Gemüse.

Mein deutscher Magen zieht sich beim Anblick der Speisen ängstlich zusammen. Am frühen Morgen sehnt man sich nach Vertrautem. Eine Scheibe Toast und ein bißchen Marmelade, das wär’s jetzt.

Stattdessen Congee, Reissuppe. Der Reis wird über Nacht in Wasser gelegt und morgens eine Stunde lang gekocht. Die Körner zerfallen fast zur Unkenntlichkeit. Es entsteht eine schleimige, weiße Suppe, die nach nichts schmeckt.

Und die man zum Frühstück in China schlürfend zu sich nimmt. Essen ist hier auch ein akustischer Vorgang. Meine Kinder finden das toll – es darf geschmatzt werden.

Aber ich will nur Kaffee. Die Kellnerin schüttelt freundlich den Kopf. „Mei you“. „Haben wir nicht.“ Der Tag fängt ja wieder einmal gut an.

Um dem Kaffeenotstand zu entgehen, reise ich seit einiger  Zeit mit meinen eigenen Päckchen Instant-Pulver im Gepäck. Der Fertigkaffee schmeckte zwar nicht besonders gut, aber man wird ja bescheiden.

Auf meiner inneren China-Landkarte haben sich zudem einige Orte besonders tief eingebrannt. Ein Hotel in Yuanyang ganz im Süden von Yunnan, wo der Milchtee leicht ranzig schmeckte. Der Flughafen von Yinchuan im nordwestchinesischen Ningxia, wo das Cafe im Terminal zwar Cappuccino für umgerechnet sechs Euro anbot, aber nicht einmal eine Kaffeemaschine hatte.

Aber auch Städte wie Datong in Shanxi. Die Industrie-Stadt im Norden ist schwarz vom Kohlestaub. Die Reissuppe geschmacklos wie überall. Aber der Espresso im Hotel hätte auch aus Italien kommen können. China ist halt immer  für Überraschungen gut. Manchmal sogar schon am frühen Morgen.

 

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Morgens auf dem Planeten Erde (1): Rom

Normalerweise beginnt mein Morgen in Rom nicht damit, dass mich ein Wecker aus dem Bett piepst, sondern dass in der Wohnung über mir der kleine Francesco das Schreien anfängt oder ein Motorino so laut durch die Straße düst, dass ich aus dem Bett falle. Beides hat die gleiche Ursache – dass die Wände in Rom so dick sind wie drei Lagen Tapete und so gut isoliert wie ein nackter Eiswürfel.

Einmal wach, muss ich mich vernünftig anziehen, um wie jeden Morgen Cappuccino in der Bar zu trinken. Denn unrasiert und quasi noch im Schlafanzug würde ich zwischen lauter schicken Signori und Signore eine „brutta figura“ machen – also nicht nur morgendlich-mies aussehen, sondern mich mit meinem Erscheinungsbild gar tüchtig daneben benehmen.

Also betrete ich die Bar, den „Papagallo“, äußerlich gepflegt, innerlich müde und hänge mich an die Theke, um Dino, meinem Barmann zu sagen: „Dino, un cappuccino, per favore!“ Während ich ihn trinke und löffle, beobachte ich all die anderen: Den alten Mann, den alle „professore!“ rufen; die aufgedonnerte Tussi mit dem Mini-Hündchen. Und alle, die nicht einfach „Cappuccino“ bestellen, sondern Sonderwünsche in Auftrag geben: Was ruft der Signore da?  Nicht einfach „einen Cappuccino bitte", nicht einfach „einen Latte Macchiato". Nein, jeder hat seine Extrawünsche: „Einen Cappuccino mit wenig Schaum" ruft da eine Dame von links, „einen Cappuccino mit nicht zu heißer Milch" bestellt ein Herr, „einen Cappuccino in extraheißer Tasse" der nächste. Mir geht ein morgendliches Licht auf: Die Italiener haben neue Variationen erfunden, um sich von uns Deutschen zu unterscheiden, die wir neuerdings Latte Macchiato saufen wie Wasser und so tun, als wäre der Cappuccino ein altdeutsches Getränk – und das, obwohl wir erst vor ein paar Jahren von Melitta-Tüten auf Milchschäumer umgestiegen sind.

Nach dieser morgendlichen Erkenntnis gehe ich in die Arbeit. Oder trinke noch einen Cappuccino. Arbeit? Cappuccino? Arbeit? Arbeit? Cappuccino!

 

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Der Überfall auf Marcus Bensmann in den Medien II

Die taz, für die Marcus Bensmann neben anderen Medien als Korrespondent aus Zentralasien berichtet, schreibt, die kasachischen Behörden würden in dem Fall ermitteln, allerdings bestehe weiter Unklarheit über Tatmotive. Marcus' Ehefrau, die Journalistin Galima Bukharbaeva, schließe politische Motive zwar "nicht gänzlich" aus, vermute jedoch "eher einen kriminellen Hintergrund". Die kasachischen Behörden hätten sich Marcus gegenüber kooperativ verhalten. Zudem habe es sich nicht um eine politische Recherche gehandelt, sondern darum, Material für ein Porträt der kasachischen Hauptstadt Astana zu sammeln, heißt es in der taz.

Daniel Brössler berichtet in der Süddeutschen Zeitung vom 24. Januar über den Überfall auf Marcus. Er zitiert den Vize-Chef der Programmgruppe Ausland im WDR, Arnd Henze, mit der Forderung, es müsse "in alle Richtungen ermittelt werden". Daß die kasachische Polizei von einem Raubüberfall spreche, lasse Zweifel daran aufkommen, dass das geschehe. (Beitrag nicht online verfügbar)

Am 23. Januar verweist die Financial Times Deutschland (nicht online) auf einen Hinweis der Organisation Reporter ohne Grenzen, wonach Marcus für den WDR eine Reportage über den im Oktober ermordeten usbekischen Journalisten Alischer Saipow recherchiert hatte. In dem noch nicht gesendeten Beitrag sei auch eine Verwicklung des usbekischen Geheimdienstes nicht ausgeschlossen worden. Inwieweit das mit dem Überfall auf Marcus in Astana zusammenhängt, ist weiterhin unklar. 

FAZ und Berliner Zeitung berichteten (ebenfalls nur in der Printausgabe) von dem Überfall auf ihren Medienseiten am 23. Januar mit dpa-Meldungen. Beide Zeitungen schreiben, dass es den Verdacht gibt, der usbekische Geheimdienst könne hinter dem Überfall stecken. Laut Berliner Zeitung hätten "zentralasiatische Internetagenturen" diesen Verdacht geäußert. Die kasachische Polizei dagegen vermute, der Überfall habe nichts mit Marcus' Beruf zu tun.

Für stern.de hat Weltreporterin Silvia Feist diesen Beitrag geschrieben.

 

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Der Überfall auf Marcus Bensmann in den Medien I

Eine kleine Zusammenfassung aus verschiedenen Quellen hat Wikio.

Weitere Texte finden sich hier: taz; Reporter ohne Grenzen, Kölner Stadt-Anzeiger, welt.de, web.de, Bild, Socialblogs.

Ausländische Quellen:

Reporters sans frontières, Le Monde, Le Figaro, The Moscow Times, Interfax, Interfax Kazakhstan, bleskovky (Slowakei), health.sk, 20cent.

 

 

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Marcus Bensmann über Kasachstan

Marcus ist in den letzten Jahren immer wieder nach Kasachstan gefahren und hat von dort berichtet. Eine (unvollständige) Übersicht seiner Artikel zu Kasachstan aus den letzten beiden Jahren:

 

7.11.2007

Zur Pressefreiheit in Kasachstan: Die kasachischen Behörden verhinderten die Drucklegung kritischer Zeitungen, der "Swoboda Slowa" und "Respublika". Nun erscheinen sie wieder. Warum?

http://www.taz.de/1/politik/asien/artikel/1/wo-unabhaengigkeit-endet/?src=SE&cHash=23c3b3fff9

 

22.08.2007

Kasachstan nach der Wahl: Die Opposition ist auf dem Rückzug. Trotz Wahlfälschungen gibt es keinen Aufruf zu Protesten. Der Chef der Sozialdemokraten meinte, seiner Partei fehle der Rückhalt in der Bevölkerung:

http://www.taz.de/1/politik/asien/artikel/1/opposition-auf-dem-rueckzug/?src=SE&cHash=2098965898

 

20.08.2007

Marcus Bensmann kommentiert die Wahlen: Deutschlands Aussenpolitik scheitert in Kasachstan. Das Parlament dient als Kulisse

http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/parlament-als-kulisse/?src=SE&cHash=868d64e799

 

20.08.2007

Kasachstan nach der Wahl: Nasarbajew allein im Parlament. Die Partei von Regierungschef Nasarbajew erhält 88 Prozent aller Stimmen und ist damit die einzige in der Volksvertretung. Die Opposition spricht von Wahlbetrug

http://www.taz.de/1/politik/asien/artikel/1/nasarbajew-allein-im-parlament/?src=SE&cHash=60eb7d87c2

 

18. 8. 2007

Kommentar vor dem Urnengang  in Kasachstan: Sind da Wahlen diesmal fair?

http://www.taz.de/1/politik/asien/artikel/1/sind-da-wahlen-diesmal-fair/?src=SE&cHash=b0202cf293

 

8.8. 2007

Erste Leiche in Staatsaffäre: Die vermisste TV-Moderatorin Anastasia Nowikowa wird tot aufgefunden. Unter Verdacht steht der Exschwiegersohn des Präsidenten.

http://www.taz.de/1/politik/asien/artikel/1/erste-leiche-in-staatsaffaere/?src=SE&cHash=7048b50dc1

 

1.8. 2007

Charme als Chance: Ein neues Mediengesetz soll kasachischen Journalisten mehr Rechte einräumen – 2009 will das Land den OSZE-Vorsitz übernehmen

http://www.taz.de/1/politik/asien/artikel/1/charme-als-chance/?src=SE&cHash=f54a1ace6e

 

2.10. 2007

Reportage über die Situation an der Grenze zwischen Kasachstan und Turkmenistan

http://www.nzz.ch/2007/02/10/al/articleEWNJY.html

 

31.5. 2007

Interview mit dem kasachischen Menschenrechtsaktivist Jevgenij Zhovtis zur Lage in Zentralasien

http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2007/05/31/a0187

 

September 2007

Kasachstan: Freie Medien nicht in Sicht. Bericht in "Reporter ohne Grenzen" zur Situation der Medien in Kasachstan

http://www.reporter-ohne-grenzen.de/publikationen/rog-report/report-32007.html

 

März 2007

Bericht in «amnesty – Magazin der Menschenrechte» zu Erdöl, Menschenrechten und Politik

http://www.amnesty.ch/de/aktuell/magazin/50/fette-beute-fur-despoten

 

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Marcus Bensmann

Sonntagmorgen. Meine Mailbox meldet eine dringende Nachricht. Barbara Heine, unsere Geschäftsführerin bei den Weltreportern, braucht die Liste mit den Notfallkontakten. Unser Kollege Marcus ist in Kasachstan überfallen worden und liegt schwer verletzt in Astana im Krankenhaus.

Ich bin vor den Kopf geschlagen. Marcus’ Familie steht nicht auf der Liste. Da steht gar keine Adresse. Denn er hatte gerade sein Zuhause aufgeben müssen, als wir genau deswegen die Notfallliste begannen.

Marcus und seine Frau mussten Usbekistan verlassen. Die beiden waren im Mai 2005 im ostusbekischen Andischan gewesen, um darüber zu berichten, wie Hunderte von Menschen für mehr Freiheit in ihrem Land auf die Straße gingen. Die Polizei und das Militär verwandelten die friedliche Demonstration in ein Blutbad. Marcus und Galima erlebten es mit, eine Kugel durchschlug Galimas Laptoptasche – und die beiden berichteten. Aktuell. Und später über die Hintergründe. Seitdem galten sie als Regimegegner und beschlossen, im Sommer 2005 ihr Zuhause in Taschkent aufzugeben. Gleichzeitig waren sie entschlossen, einen Weg zu finden, weiter aus der Region zu berichten.

In dem Herbst hat er bei unserem Jahrestreffen oft die Frage gehört, warum sie nicht einfach nach Deutschland kommen. Ich habe sie auch gestellt und die Antwort geahnt. Ich hatte zu viele burmesische Exilanten kennen gelernt, die daran verzweifelten, in ihrer Heimat nicht direkt etwas bewirken zu können. Die darunter litten, im Ausland festzusitzen und kein Gehör zu finden. Wenn Journalismus nicht nur eine Profession ist, sondern eines der wenigen verfügbaren Mittel, um auf unerträgliche Lebensverhältnisse aufmerksam zu machen, dann klingt die Idee, freien Journalismus in Düsseldorf zu betreiben, plötzlich fast absurd.

So ähnlich muss Marcus’ Frau Galima das empfunden haben; 2005 erhielt sie vom amerikanischen Committee to Protect Journalists den International Press Freedom Award. Marcus, der Zentralasien so gut kennt, wie wenige andere Deutsche, teilt ihre Leidenschaft, diese Welt und ihre Spielregeln zu erklären. Sie zogen nach Bischkek. Immer dabei, Marcus’ unerschütterlicher Optimismus.

Zweieinviertel Jahre später liegt Marcus im Krankenhaus. Sein Freund, der Journalist David Schraven, erzählt mir, was er am deutschen Sonntagabend weiß. Er ist bei aller Tragik beruhigt, dass alles auf einen brutalen kriminellen Überfall hindeutet. Ordinäre Gewalt als Glück im Unglück. Keine Lebensgefahr mehr. Wenig später eine neue Email. Die Sachlage hat sich geändert. In den kurzen Momenten, in denen Marcus nicht bewusstlos ist, hat er dem ARD-Kameramann erzählt, er sei aus einem Auto gestoßen worden. Doch ein gezielter Anschlag? Angst im Raum. Die Familie, David und die ARD verständigen sich sofort auf Stillschweigen, bis Marcus sicher außer Landes ist und informieren uns über die Entscheidung.

Jetzt ist Marcus in Sicherheit. In einer Spezialklinik. In unserem Netzwerk sind unzählige Emails hin- und hergeflogen. Wir warten stündlich auf neue Nachrichten. Hoffen, dass es jetzt nur noch bergauf geht. Und dass er wieder ganz gesund wird.

Wir hoffen, dass das Auswärtige Amt mit allem Nachdruck auf eine Aufklärung dieses Überfalles drängt. Dass die kasachischen Behörden, dem Verbrechen wirklich nachgehen. Im Augenblick ist noch nicht zu überblicken, ob Marcus Opfer eines "normalen" Verbrechens geworden ist oder ob der Überfall im Zusammenhang mit seiner journalistischen Arbeit steht. In der Welt, aus der Marcus berichtet, ist nicht auszuschließen, dass Kritik mit Gewalt beantwortet wird.

Der WDR, in dessen Auftrag er eine Geschichte über den Boom in der neuen Hauptstadt Astana vorbereitet hat, hat sich sofort um ihn gekümmert.

Ein großer Dank an die Kollegen. Denn plötzlich stehen bei uns auch Fragen im Raum, was es heißt, in so einer Situation, als freier Journalist beauftragt zu sein.