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Global Climate Action: Statement von Novia Adventy Juran, 23, Umweltaktivistin aus Borneo

In der Vergangenheit hat die Welt meine Heimat Borneo in seiner Exotik gesehen und nannte sie die „Lunge der Erde“ – darin klingen all die Hoffnungen auf die Schönheit und Gnade Gottes mit. Doch dieses Borneo ist nicht mehr da, verändert, jetzt sprechen alle nun noch über das unglückliche Schicksal der Insel, die zerstört und ausgeplündert wird. Ich bin hier geboren und fühle mich verpflichtet, die Umwelt meiner Heimat zu erhalten und zu schützen. Daher engagiere ich mich beim Borneo Institut in der indonesischen Stadt Palangkaraya. Hier haben wir ein Forum eingerichtet, wo alle Ebenen der Gesellschaft in einen Dialog miteinander treten können. Wir versuchen, die Sensibilität der Menschen zu schärfen für (wirtschaftliche) Richtlinien, die Umweltschäden mitverursachen.

Die Hauptursache für die Umweltzerstörung auf Borneo sind der Ausbau von Ölpalmenplantagen und der Bergbau, die sich auch auf den Klimawandel auswirken. Wälder, in denen Flora und Fauna beheimatet sind, werden gerodet und durch Plantagen oder Minen ersetzt. Diese Situation ist kritisch und besorgniserregend. Fast alle Gebiete in Zentral-Borneo sind mittlerweile von Überschwemmungen, Erdrutschen und Flächenbränden bedroht. Diese gefährlichen Folgen der Umweltzerstörung sind weder ein Fluch Gottes noch eine Glaubensprüfung. Sie sind die Schuld von Menschen, die sich nicht um die Natur scheren. Dies ist eine logische Folge der Gier einer Handvoll Menschen, die Macht über andere Menschen ausüben und ihre eigenen Interessen über die der Gemeinschaft stellen.

Diese Situation verschärft sich, wenn der Staat sich nicht auf die Seite des Volkes. Statt ökologische Nachhaltigkeit zu verteidigen, schlagen und verfolgen Militär und Polizei Menschen, die sich für die Umwelt einsetzen. Selbst gewöhnliche Umweltaktivisten werden kriminalisiert und beschuldigt, Fortschritt und Entwicklung zu behindern. 2018 war ich selbst mit Provokationen von staatlichen Institutionen konfrontiert, die Gewohnheitsrechte der Einwohner kriminalisieren wollten. Solche Erfahrungen verleiten manchmal, gleichgültig zu werden. Doch meine Liebe und mein Respekt für dieses Land haben mich für einen harten Kampf geschmiedet.

Wir hoffen, dass Länder in Europa und insbesondere Deutschland – als Land, das sich um ökologische Nachhaltigkeit und Menschenrechte bemüht – weiterhin ein Klima der Demokratie schaffen. Ein Klima, das eine ökologische Perspektive vermittelt und die Umwelt und die gesamte Schöpfung schützt. Darüberhinaus hoffen wir auch auf eine Anerkennung und Unterstützung für die indigenen Völker, weil diese ausgezeichnete Umweltschützer sind: Sie sehen die Wälder als ihre „Mütter“ und den Schutz der Natur setzen sie gleich mit dem Schutz der Gebärmutter der Menschheit. Wir müssen von unseren Vorfahren lernen, wie wichtig der Schutz der Umwelt für die Erde ist, auf der wir leben. Ich hoffe, dass sie zum Vorbild für die jüngere Generation werden können, um die Umwelt weiter zu bewahren und ökologische Gerechtigkeit zu vermitteln.

 

 

 

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WR Podcast # 5: Überwachen

Das Thema “Überwachen” ist mittlerweile so international wie unser Netzwerk. Im fünften Podcast der Weltreporter geht es deshalb diesmal um Überwachung und Datenschutz: um Blockwarte und Distriktpolizisten, um Facebook und soziale Medien. Aber auch um Toilettenrollen und Fernsehbildschirme. Wem sich dieser Zusammenhang nicht erschließt, sollte unbedingt hineinhören!

 

Über die digitale High-Tech-Überwachung wurde zuletzt endlich auch auf politischer Ebene breit diskutiert, in den USA und im deutschen Bundestag. Stichwort: Facebook, Google und co. Aber selbst in Weltgegenden, die noch Modem- und glasfaserfrei sind, werden Bürgerinnen und Bürger überwacht.

Im neuen WR-Podcast erzählen rund ein Dutzend Weltreporter von ihren Erfahrungen in “ihren” Ländern und beschreiben mehr oder weniger ausgefuchste Methoden der Schnüffelei, die in ihrer Plumpheit teils schon wieder amüsant sind. Stichwort Toilettenrolle, im Bericht von Birgit Kaspar. Geradezu sprachlos macht der Bericht von Weltreporterin Christina Schott aus Indonesien: ein derart gut organisiertes System von behördlich angeordneter, nachbarlicher Spitzelei hätte man dort wohl eher nicht erwartet. Aber sie nennt auch den tragenden Pfeiler dieser staatlich verordneten Bespitzelung: die Freude der Nachbarn daran, andere sozial zu kontrollieren und zu bevormunden.

Von ebenfalls ganz analogen Formen staatlicher Überwachung berichtet Bettina Rühl aus der Demokratischen Republik Kongo: Militärbarrikaden, an denen Soldaten eine Art Wegzoll verlangen sind fast alles, was die Bürgerinnen  und Bürger beispielsweise in der Provinz Kasai von ihrem Staat erleben. Auf dem Land gibt es kaum staatliche Schulen oder Gesundheitszentren, keine Straßen, die den Namen verdienen. Das einzige was funktioniert ist das System der Überwachung, die Kontrolle der Bewegungen von Reisenden.

In der DR Kongo verdienen die Menschen ihr Geld mit Muskelkraft, und überwacht wird noch überwiegend analog.

Schwerer zu durchschauen ist die hochtechnisierte, vor allem die digitale Überwachung. Zur Einführung in das Thema diskutieren die Weltreporter des Podcast-Teams über die Tücken und Verführungen der sozialen Medien, über verräterische Likes und Klicks. In der Diskussion zwischen Leonie March in Südafrika, Birgit Kaspar in Frankreich, Jürgen Stryjak in Ägypten, Sascha Zastiral in London und Kerstin Zilm in Los Angeles wird deutlich, wie sehr die sozialen Medien auch unsere Arbeit als Journalisten beeinflussen. Und wie unterschiedlich wir Weltreporter mit dem digitalen Mitteilungsrausch umgehen (müssen), abhängig auch davon, in welchem Staat wir arbeiten. Ein Beispiel: Während Jürgen Stryjak Klicks und Likes meidet, um der ägyptischen Zensur nicht zusätzlich in die Hände zu spielen, macht Kerstin Zilm ihre private politische Haltung in den sozialen Medien durchaus transparent. Das sei in der Ära Trump fast ein Gebot der Stunde, meint sie. Mit ihrem Ärger darüber, dass die sozialen Netzwerke die gesammelten Daten weitergeben, sei sie in den USA allerdings ziemlich allein.

Noch selbstverständlicher ist das Daten-Sammeln in anderen Weltregionen. Zum Beispiel in China. Dort träumt man von einem Ende der chronischen Staus mit Hilfe von “Big Data” und “intelligenten Verkehrsleitsystemen”. Wie Christiane Kühl berichtet, beobachten und fotografieren deshalb in den Metropolen Kameras ständig den Verkehr. Angeblich, um Staus zu vermeiden. Wirklich nur deshalb? Aus Seoul berichtet Fabian Kretschmer von Technikfaszination und fehlendem Bewusstsein für die Risiken und Nebenwirkungen der großen Datensammelei. Ähnlich ist das in Kopenhagen, wo Clemens Bomsdorf als “paranoider Deutscher” – na ja, sagen wir mal: eingeordnet wird, wenn er Bedenken gegen das Datensammeln äußert.

 

Und Danja Antonovic erzählt, warum sie sich in der serbischen Belgrad immer wieder mit dem Handy auf ihrer eigenen Festnetzleitung anrufen muss.

Wer wissen will, ob wir Deutschen also wirklich paranoid sind, was den Umgang mit Daten angeht, und wie das Datensammeln und – jagen andernorts funktioniert, erfährt das alles im Weltreporter Podcast #5, zusammengestellt von unserem Podcast-Team: Birgit Kaspar, Leonie March, Jürgen Stryjak, Sascha Zastiral und Kerstin Zilm.

Und als Überraschungsgast tritt kurz vor Schluss auch noch ein Nashorn auf. Leonie March erklärt, was es damit auf sich hat.

 

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Im Rollstuhl zu den Orang-Utans

Vor zwei Jahren bekam ich die erste Mail von Benni Over. Der 27-jährige Pfälzer fragte, ob ich seine Reise zu den Orang-Utans in den Regenwald von Borneo begleiten wolle – im Rollstuhl: Benni leidet an schleichendem Muskelschwund und ist völlig gelähmt. Verrückt, dachte ich zuerst. Ein Dutzend Mails später wusste ich, dass er es ernst meint. Mit Willensstärke und Lebensmut hat Benni zusammen mit seiner Familie seinen Traum realisiert. Im Buch „Im Rollstuhl zu den Orang-Utans“, das zum Welt-Orang-Utan-Tag am 19. August 2018 erscheinen wird, beschreibe ich die abenteuerliche Reise der Overs zu den bedrohten Menschenaffen: zu Tierrettungscamps, Dayak-Dörfern und durch endlose Palmölplantagen, die ein Hauptgrund für die Zerstörung des Regenwalds und den weltweiten Klimawandel sind.

 

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Regenwald-Gipfel ohne Bäume

Minister aus Indonesien, Singapur und Australien, Regierungsvertreter aus Dänemark und Norwegen, von den Philippinen und den Fiji-Inseln, insgesamt 1200 Gäste aus rund 40 Ländern, dazu riesige Mengen an Catering in Fünf-Sterne-Sälen, die so eisgekühlt sind, dass man einem Schal braucht.

Selbstverständlich erhalten sämtliche Gäste alle möglichen nötigen und unnötigen Information auf Papier ausgedruckt, anstatt sie auf den USB-Stick zu kopieren, der sowieso Teil der Geschenktasche aus Kunststoff ist, die jeder Gast erhält. So beginnt der dritte Asia Pacific Rainforest Summit in Yogyakarta. Master of Ceremony Anthony Benny vom australischen Umweltministerium lädt die Gäste gleich zu Anfang ein, sich nach dem Gipfel die „tropischen Regenwälder in der Region anzusehen“ – was zumindest bei einigen einheimischen Teilnehmern die Mundwinkel zucken lässt, gibt es doch in Zentraljava schon seit Jahrhunderten keine nennenswerte Regenwälder mehr.

Die indonesische Umweltministerin Siti Nurbaya Bakar klärt das Missverständnis in ihrer Rede dann zumindest indirekt auf: Es werden Touren zu Wiederaufforstungsprojekten angeboten. Diese Baumplantagen sorgten unter anderem dafür, dass Java mittlerweile nicht mehr Holz aus Kalimantan, dem indonesischen Teil von Borneo, einführen muss, sondern im Gegensatz dazu die eigene Produktion nach Kalimantan verschifft. Was sie nicht sagt: dass in Kalimantan nicht mehr viele Bäume übrig sind, die man irgendwohin verschiffen könnte. Dort sind neben den sich krebsartig ausbreitenden Palmölplantagen fast nur noch geschützte oder schwer zugängliche Gebiete bewaldet, also in Nationalparks und im Gebirge: Spätestens seit 2014 gilt Indonesien als der unbestrittene Weltmeister im Abholzen von Regenwäldern.

 

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17. 12. Hühnercurry von den Gewürzinseln

Scharfe Currys mit Kokosmilch, zarte Fleischspießchen oder Fisch in Bananenblättern – die Küche Indonesiens ist so abwechslungsreich wie der weltgrößte Archipel mit 17.000 Inseln und Hunderten verschiedener Kulturen. (mehr …)

 

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Leben auf dem Vulkan

Vor einer Woche sah es so aus, als stünde ein Ausbruch des Gunung Agung, des größten Vulkans auf der indonesischen Insel Bali, unmittelbar bevor. Drei Tage lang fand sich der heilige Berg der balinesischen Hindus in den Weltmedien wieder, wo er kurzfristig zum größten Vulkan Indonesiens aufstieg (in Wirklichkeit gehört er nicht einmal zu den Top Ten im Land mit den meisten Vulkanen der Welt). Als die Behörden vergangenen Montag die höchste Alarmstufe ausriefen, mussten fast hunderttausend Bergbewohner aus eine Zehn-Kilometer-Zone rund um den Berg evakuiert werden. Natürlich wurde das in den meisten Berichten auch kurz erwähnt. Das Hauptaugenmerk lag allerdings auf den ausländischen Touristen, die auf der beliebten Ferieninsel „festsitzen“, weil der Flugverkehr aufgrund der Aschewolken aus dem Vulkan eingestellt worden war. Für viele ein recht komfortables Intermezzo, da sich die meisten großen Reiseveranstalter kulant zeigten und Hotelbuchungen in den sicheren Touristenzentren kostenlos verlängerten.

Gunung Agung zu ruhigeren Zeiten

Weil sich der Vulkan nun offenbar doch noch etwas Zeit lässt mit seinem Ausbruch, konnten die Touristen nach zwei Tagen Reisesperre wieder abfliegen. Hätten sie übrigens auch vorher gekonnt – zugegebenermaßen mit einigem Mehraufwand – indem sie per Mietauto, Bus oder Bahn zum nächsten Fährhafen und von dort auf eine der Nachbarinseln übergesetzt hätten. Denn auch auf Java und Lombok gibt es internationale Flughäfen.

Die Bewohner des Gunung Agung dagegen sitzen weiterhin fest. Der Berg hat sich zwar etwas beruhigt, aber brummelt weiter. Kein gutes Zeichen: Die Vulkanologen warnen davor, dass sich im Inneren des Stratovulkans immer mehr Druck aufbaue, weil unter dem brodelnden Magma, das bereits im Krater zu sehen ist, Gase eingeschlossen seien. Obwohl immer noch höchste Alarmstufe besteht, fahren die Bauern mittlerweile wieder in die Evakuierungszone, um ihre Tiere zu füttern, um ihre Felder zu bestellen. Sie halten es nicht aus, einfach nur in überfüllten Turnhalten oder feuchten Zeltlagern herumzusitzen und abzuwarten. Ganz davon abgesehen, dass es dort nicht annähernd so bequem ist wie selbst in den einfachen Hotels der Touristenzentren im Süden Balis.

Die balinesischen Bergbauern sind diejenigen, die der Ausbruch des Gunung Agung wirklich betrifft. Doch der Berg ist ihnen heilig, auch wenn er ihnen Angst einjagt. Wo jetzt Asche und Geröll ihre Ernte zerstört, wird später besonders fruchtbare Erde entstehen. Deswegen werden sie bleiben und wieder von vorne anfangen. Und beten, dass die Götter ihnen dabei helfen. Und vielleicht auch ein wenig die Touristen.

 

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4. 12. “Nasi Tumpeng” – gelber Reiskegel aus Indonesien

Der gelbe Reis gehört in Indonesien zu jedem Selamatan-Fest – Feiern, bei denen die Menschen um den Segen der höheren Mächte bitten. Dazu gehören die Geburt eines Kindes genauso wie Rituale zur Erinnerung der Vorfahren. (mehr …)

 

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12. Geschenk: ein Designer-Radio aus indonesischem Holz

advent_thumb_2Rundum nachhaltig ist das preisgekrönte Wooden Radio des indonesischen Designers Singgih Kartono. Jedes Stück wird in seinem Heimatdorf in Zentraljava handgefertigt. Die Arbeiter kümmern sich nicht nur um die Produktion, sondern auch um die Pflanzungen, die das Material liefern. Verschiedene Ausbildungs- und Umweltprogramme unterstützen eine positive Entwicklung der Dorfgemeinschaft.

Aufgrund des großen Erfolgs zur Zeit vergriffen. Demnächst wieder lieferbar über die Website von wooden radio FINE ECODESIGN oder bei Fachhändlern in Dresden, Düsseldorf, Hamburg, Hannover, Köln und Wiesbaden (siehe Website).

tinasradio

 

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4. Geschenk: ein Orang-Utan-T-Shirt aus Indonesien

advent_thumb_2Wer im Online-Shop der Borneo Orangutan Survival Foundation (BOS) einen Plüsch-Affen oder ein knalliges T-Shirt mit Orangutan-Gesicht bestellt, hilft damit zugleich den bedrohten Menschenaffen auf Borneo.
Kein anderes Tier ist dem Menschen ähnlicher als der Orang-Utan: Die rothaarigen „Waldmenschen“ – so die Übersetzung ihres Namens aus dem Indonesischen – gelten als die intelligentesten Primaten. Und dennoch zerstören wir ihren Lebensraum immer weiter, vor allem für Palmölplantagen, die unseren Hunger nach billigen Lebensmitteln, Kosmetika und Biodiesel stillen sollen. BOS, die weltgrößte Organisation zum Schutz von Primaten, setzt sich seit Jahrzehnten gegen die Zerstörung des Regenwaldes und für das Überleben der Orangutans ein.

 

 

 

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Pluralismus live

Stellen Sie sich vor: Der Kopf einer radikalen muslimischen Organisation steht auf einer Bühne zusammen mit 99 anderen Bewohnern seiner Heimatstadt – darunter Menschenrechtsaktivisten, Mitglieder der LGBT-Community und eine ehemalige politische Gefangene, die einst als angebliche Kommunistin jahrelang ohne Gerichtsverhandlung eingesperrt wurde. Und dieser selbst erklärte Extremist sagt ins Mikrophon: „Wir sind ein Leib mit hundert Köpfen.“

100 Prozent Yogyakarta

Vor einer Woche noch hätte ich dies für ein eher unrealistisches Szenario gehalten. Das war vor der Premiere von „100% Yogyakarta“, einer Kollaboration des deutschen Theaterregisseur-Trios Rimini Protokoll und dem indonesischen Kollektiv Teater Garasi.

Rimini Protokoll brachten ihr 100-Prozent-Konzept bereits in 26 anderen Städten zur Aufführung, bevor sie auf Einladung des Goethe-Instituts nach Yogyakarta kamen, im Rahmen der Deutschen Saison, die zurzeit in mehreren indonesischen Städten läuft. Teater Garasi war ihr lokaler Co-Regie-Partner und unter anderem verantwortlich für den Castingprozess: Fünf Monate lang befragte das Casting-Team nach dem Schnee-Ball-Prinzip unterschiedlichste Personen – immer bemüht, die Kriterien der lokalen Bevölkerungsstatistik zu erfüllen.

„Du denkst, Statistiken sind langweilig?“ fragte „Herr 1%“, Istato Hudayana, ein Beamter der städtischen Statistikbehörde, bevor er die Bühne an seine Mitbürger übergab, die sich einer nach dem anderen vorstellten – von einem einfachen Rikschafahrer bis zu einem reichen Kunstsammler, von einem kleinen Baby bis zu einer 90-jährigen Oma.

Die wichtigsten Kriterien beim Casting waren Alter, Geschlecht, Religion, Familienzusammensetzung und Wohnort. Als zusätzliche Auswahlfilter dienten Ethnizität, kulturelle und sprachliche Vielfalt, Bildung, Beruf, Einkommen und besondere Fähigkeiten.

Das Ergebnis war nicht nur sehr unterhaltsam, sondern auch tief bewegend: Vermutlich begann fast jeder im Publikum nach einer Weile, sich selbst auf die Bühne zu projizieren, als die Menschen dort anfingen, vor allen Leuten ihre tiefsten Ängste und größten Hoffnungen zu gestehen.

Die gemeinsam geteilte Bühne schien den Teilnehmern plötzlich eine Chance zu bieten, genügend Selbstvertrauen zu sammeln, um für ihre Ideale gerade zu stehen, ohne die anderen wegen ihrer gegensätzlichen Ansichten zu verdammen.

Politiker und Aktivisten kämpfen heute hart, um Pluralismus und Toleranz in ihrer Heimatstadt Yogyakarta zu erhalten, genauso wie in anderen Teilen Indonesiens, einst so gerühmt für seine Vielfalt der Kulturen.

Diese hundert Menschen auf der Bühne haben gezeigt, wie viel Toleranz und gegenseitiger Respekt entstehen kann, indem kontroverse Fragen offen und gemeinsam von den Betroffenen selbst diskutiert werden.

„Ich fühlte mich bestens repräsentiert“, bestätigt ein Zuschauer nach der Show. „Dieser Abend hat meine Sicht auf diese Stadt verändert. Und ich bin sicher, dass der gesamte Prozess die Menschen, die an dem Projekt beteiligt waren, noch viel mehr beeinflusst haben muss.“

 

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Indonesien. Ein Länderporträt.

Indonesien. Ein Länderporträt.Im Oktober wird sich Indonesien als Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren. Ein Land mit unzähligen Facetten, in dem sich rund 300 verschiedene Völker auf mehr als 17 500 Inseln verteilen. Die viertgrößte Bevölkerung der Welt ist zu knapp 90 Prozent muslimisch lebt aber in einer säkularen Demokratie. Zehn Luxuslimousinen in einem Vier-Personen-Haushalt sind genauso alltäglich wie eine zwölfköpfige Familie, die in einer kleinen Bambushütte wohnt. Mehr als 100 Prozent der Bevölkerung besitzen statistisch gesehen ein Handy, aber nicht einmal ein Viertel hat Zugang zum Internet.

Christina Schott bietet in ihrem neu erschienen Buch einen spannenden Einblick in die Lebenswelten Indonesiens, die faszinierenden wie die besorgniserregenden. Neben den historischen und politischen Fakten macht sie vor allem die sozialen und kulturellen Befindlichkeiten verständlich, die im Alltag der Indonesier eine wichtige Rolle spielen.

Christina Schott
Indonesien
Ein Länderporträt
Christoph-Links-Verlag, Juni 2015
ISBN: 978-3-86153-823-3
 

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Zehn Jahre nach dem Tsunami: Traumabewältigung in Aceh

Am 26. Dezember 2004 war ich über Weihnachten in Berlin und hörte morgens im Radio die Nachricht, dass es vor Nordsumatra ein Seebeben gegeben hatte. Ich machte mir erst einmal nicht allzu viele Gedanken. Solche Nachrichten gibt es in Indonesien regelmäßig. Neun Tote im Osten der Insel wurden gemeldet, einige Brücken seien zerstört. Aus deutscher – und anfangs selbst aus indonesischer – Mediensicht also kein großes Ereignis, noch dazu am zweiten Weihnachtsfeiertag. Ich trank in Ruhe Kaffee.

Generatorschiff PTLP Apung 1, Banda Aceh

Tsunami-Gedenkstätte in Banda Aceh, Indonesien: ein 2.600 Tonnen schweres Generatorschiff, das vier Kilometer weit ins Landesinnere gespült wurde, Foto: Florian Kopp/Misereor

Doch die Nachrichten über das Seebeben verschlimmerten sich laufend: Erst kamen Berichte von tausenden Toten, die bei einem Tsunami im Süden Thailands gestorben waren, wenig später folgten ähnliche Meldungen aus Sri Lanka, Indien und von den Malediven. Der gesamte Indische Ozean schien rundherum über seinen Rand geschwappt zu sein, die Todeszahlen stiegen stündlich. Nur aus Aceh, der nördlichsten Provinz Sumatras hörte man gar nichts. Und das obwohl das Epizentrum des drittgrößten Bebens, das je gemessen wurde, nur 85 Kilometer vor der acehnesischen Küste lag. Mich beschlich ein dumpfes Gefühl. Ein Anruf bei Kollegen in Jakarta bestätigte die Vorahnung, dass die schlimmsten Nachrichten noch ausstanden. Gegen Abend fragte ein großes Nachrichtenmagazin an, ob ich für die Tsunami-Berichterstattung auf die Malediven fliegen wolle. Ich lehnte ab und schlug vor, stattdessen früher nach Indonesien zurückzufliegen. Die Redaktion hielt das nicht für nötig – dort sei ja nicht so viel passiert. Laut Nachrichten.

Es dauerte tatsächlich mehrere Tage, bis die Welt anfing zu verstehen, warum es kaum Nachrichten aus Aceh gab. Aufgrund eines fast dreißigjährigen Unabhängigkeitskriegs stand die indonesische Provinz zu jenem Zeitpunkt unter Kriegsrecht und war von der Außenwelt weitestgehend isoliert. Nichtregierungsorganisationen und Ausländer durften nur mit Sondergenehmigung einreisen. Knapp zwei Tage dauerte es, bis die ersten indonesischen Hilfs- und Reporterteams sich über die vom Erdbeben zerstörten Straßen und Militärblockaden bis zur Westküste der Provinz durchgekämpft hatten und berichten konnten. Das Schreckensszenario dort überstieg jede Vorstellung: Über Hunderte von Kilometern waren ganze Küstenstreifen einfach ausradiert. Häuser, Bäume, Straßen – alles weg. Nur die platten Fundamente erinnerten noch daran, dass hier einmal Menschen gelebt hatten. In manchen Orten hatten gerade einmal zehn Prozent der Bevölkerung überlebt, mit wenigen Ausnahmen diejenigen, die zum Zeitpunkt der Katastrophe nicht zu Hause waren. Die Überlebenden zogen sich unter Schock und zum Teil schwer verletzt in die Berge zurück. Strom- und Telefonnetz waren komplett zusammen gebrochen, es war unmöglich, Hilfe herbeizurufen. Viele mussten tagelange Fußmärsche auf sich nehmen, um Lebensmittel oder ärztliche Versorgung für zurückgebliebene Angehörige zu besorgen.

Heute wissen wir, dass der Tsunami allein in Aceh 170.000 Menschen in den Tod riss. Als ich genau eine Woche nach der Katastrophe am Flughafen von Jakarta landete, hatte ich ein Dutzend SMS auf dem Handy: alle von Redaktionen, die mich plötzlich schnellstmöglich auf dem Weg nach Aceh sehen wollten. Es war abzusehen, dass der größte Tsunami unserer Geschichte noch Wochen und Monate die globalen Nachrichten beherrschen würde. Denn was jetzt folgte, war die größte Spendenaktion aller Zeiten.

Seit meiner Ankunft in Banda Aceh weiß ich, wie Leichen riechen. Zehn Tage nach der Katastrophe lag über der ganzen Stadt der süßliche Gestank der Verwesung. Rund 2000 aufgedunsene Körper zogen die Bergungstrupps jeden Tag aus Flussmündungen, unter Trümmern und Schutt hervor und fuhren sie auf großen Lastwagen in Massengräber. Jeder Gesprächspartner hatte Verwandte und Freunde verloren. In den am schlimmsten betroffenen Orten waren manche Familien komplett ausgelöscht worden. Die Überlebenden quetschten sich in Schulen oder Zeltlager. Die meisten hatten noch gar nicht realisiert, was eigentlich passiert war. Wo sich die 12 bis 30 Meter hohen Wellen mit voller Wucht hinübergewalzt hatten, war nicht mehr viel zu sehen außer ein paar Kokospalmen und vereinzelten Hausskeletten. Der Grenzstreifen der Todeszone lag etwa fünf Kilometer stadteinwärts: Hier stapelten sich Hausrat, zerquetschte Autos und die Überreste derer, die sich nirgends mehr hatten festhalten können. Mittendrin, fast unversehrt, lagen riesige Schiffe, als hätte sie ein Riese beim Spielen aus Versehen dort fallen lassen.

„Ist das Deine erste Katastrophe?“ fragte mich ein krisenerfahrener Kollege, mit dem ich zusammenarbeitete, und fügte – nicht sehr aufmunternd – hinzu: „Na, dann hast Du es ja gleich richtig erwischt.“ Dank seiner Unterstützung habe ich meine Arbeit trotzdem irgendwie geschafft. Nach einer Woche konnte ich wieder nach Hause fliegen. Es fühlte sich an wie der erste tiefe Atemzug an der frischen Luft nach einem längeren Tauchgang. Zwar spukten manche Bilder und Gespräche noch eine Weile im Kopf herum, doch die Katastrophe rückte wieder weit genug weg, um ein Nachrichtenbild im Fernseher zu werden. In den kommenden anderthalb Jahren flog ich noch mehrmals nach Aceh. Die Bedingungen wurden besser und ich härtete ab. Ich absolvierte das ABC der Katastrophenberichterstattung und zugleich noch einen Schnellkurs in internationaler Nothilfe und Entwicklungsarbeit. Doch die Betroffenen selbst konnten nicht einfach wegfliegen und die Tür hinter sich zu machen. Wie haben sie ihre schrecklichen Erinnerungen verarbeitet?

Namen von Opfern des Tsunami 2004 im Museum Tsunami Aceh, Indonesien; Foto: Florian Kopp/Misereor

Namen von Opfern des Tsunami 2004 im Museum Tsunami Aceh, Indonesien; Foto: Florian Kopp/Misereor

Zehn Jahre nach dem großen Tsunami von 2004 fuhr ich noch einmal nach Aceh. Diesmal um über das heutige Leben dort zu berichten, über den längst abgeschlossenen Wiederaufbau und den Frieden, den die Katastrophe der umkämpften Provinz brachte. Aber auch über die Scharia, die in der autonomen Provinz immer schärfer eingeführt wurde. Natürlich kamen Erinnerungen hoch. Ein Dokumentarfilm im Tsunami-Museum von Banda Aceh versetzte eine ganze Besuchergruppe in hemmungsloses Schluchzen und eine Mutter erzählte mir mit Tränen in den Augen, dass sie bis heute das Gefühl hat, einer ihrer beim Tsunami verschwundenen Söhne würde noch irgendwo leben.

Ich fühlte mich nicht wohl, die Frau durch meine Fragen nach den schrecklichen Erinnerungen so aufzuwühlen. Der Helfer jedoch, der mir den Kontakt vermittelt hatte, sagte: „Mach Dir keine Sorgen, das macht sie oft – und danach geht’s ihr wieder besser. Dieses Mitteilen ist ihre Form von Selbsttherapie.“ Schon zehn Jahre zuvor war ich tief beeindruckt, wie offen und freundlich die Opfer auf die Fragen fremder Besucher antworteten. Selbst im Zeltlager bekam ich manchmal noch etwas zu Trinken angeboten.

Internationale Hilfsorganisationen gehen automatisch davon aus, dass Opfer einer großen Naturkatastrophe posttraumatische Stresssymptome zeigen müssen, und richten ihre Einsätze demzufolge aus. Bei der psychologischen Betreuung in Aceh sind sie mit diesem Denkansatz kläglich gescheitert. Der Umgang mit den traumatischen Erfahrungen in Indonesien ist anders als bei uns. Alles mit der Gemeinschaft teilen ist dabei ein wichtiger Punkt, Religion ein andere. Die meisten Acehnesen glauben, dass der Tsunami eine Strafe Gottes für das Blutvergießen im Bürgerkrieg war. Durch diesen Glauben an eine göttliche Vorbestimmung und durch ihren kollektiven Lebensstil haben sich viele auf ihre eigene Art von den traumatischen Erinnerungen befreit. Fast alle Interviewpartner sagten, dass die psychischen Nachwirkungen des Bürgerkriegs bis heute viel schlimmer seien als die des Tsunamis: Gegen die Naturkatastrophe seien sie völlig machtlos und alle gleichermaßen betroffen gewesen. Während des Konflikts jedoch haben sich Menschen gegenseitig gequält und umgebracht, ohne dass irgendein höherer Sinn dahinter erkenntlich gewesen sei. Der Friede sei somit auch ein Geschenk Gottes.

 

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Mentale Revolution

Jokowi-Anhänger feiernAls heute gegen zwei Uhr die ersten Hochrechnungen kamen, ging ein Raunen durch die Wahllokale. Joko Widodo, genannt Jokowi liegt vorn. Kann das wirklich sein? Hat wirklich die Mehrheit der Indonesier diesen unpathetischen Möbelhändler zum Präsidenten gewählt? Der mit hochgekrempelten Hemdsärmeln und Turnschuhen auftritt und am liebsten an einfachen Straßenständen isst? Der auch als Gouverneur von Jakarta noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln fuhr? Nicht den autoritären Ex-General und Multi-Millionär Prabowo Subianto? Trotz dessen protziger Auftritte, islamisch-nationalistischer Propaganda und unzähliger Stimmenkaufversuche? Hat im Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt, die bis vor 16 Jahren noch eine Militärdiktatur war, wirklich ein sozialdemokratischer Zivilist die oligarchischen Machtstrukturen der alten Eliten ausgehebelt?

Die Hochrechnungen der vertrauenswürdigeren Umfrageinstitute Indonesiens verkünden alle dasselbe Ergebnis: Jokowi etwas mehr als 52 Prozent, Prabowo etwas mehr als 47 Prozent. Nur zwei Institute führten Prabowo als Gewinner mit etwas mehr als 50 Prozent. Wenig überraschend gehören diese zu den Medienkonglomeraten der Prabowo-Unterstützer. Nichtsdestotrotz will am Ende dieses Wahltags keine rechte Feierstimmung aufkommen. Beide Kandidaten haben sich als Sieger deklariert. Die Wahlkommission bittet darum, mit Siegesfeiern zu warten, bis das offizielle Wahlergebnis bekannt gegeben wird – in zwei Wochen. Bis dahin kann noch viel passieren.

Das Ergebnis ist zu knapp, um bei der manuellen Auszählung nicht manipuliert werden zu können. Es ist zu knapp, als dass die fanatischen Anhänger beider Seiten eine Niederlage einfach so hinnehmen werden. Kaum jemand glaubt daran, dass es keine Auseinandersetzungen geben wird. Fast alle Ausländer, die in Indonesien leben, haben vorsichtshalber schon einmal ihre Ausreisegenehmigungen aktualisiert. Irgendwie kann noch keiner so richtig glauben, dass die indonesische Demokratie schon stark genug ist für einen derart demokratischen Schock.

 

Vermummter Prabowo-AnhängerDer Medienkrieg zumindest ist bereits im vollen Gange: Im Sender TV One seines Koalitionspartners Aburizal Bakrie lässt sich Prabowo von seinen Anhängern als Präsident feiern. Auf Metro TV, der Jokowi-Unterstützer Surya Pahlo gehört, jubeln dessen Fans. Jokowi selbst ruft zur Besonnenheit auf, dass alle erst einmal auf das offizielle Ergebnis warten, aber bitte auch sicherstellen sollten, dass die endgültige Auszählung ohne Manipulationen abläuft. Der unprätentiöse Volkspolitiker scheint seinen Erfolg selbst noch nicht glauben zu können. Seine Rede nach der Wahl jedoch war die eines Präsidenten. Eines Präsidenten mit dem Potential, die mentale Revolution durchzuführen, zu der er sein Land schon während des Wahlkampfs aufrief. Wenn sein Land ihn lässt.

 

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Pharmaindustrie, Würmer und anderes Ungeziefer

Ausgerechnet im sauberen Deutschland hat sich mein Sohn Würmer eingefangen. Im Sandkasten, auf dem Spielplatz oder im Kindergarten, keiner weiß es so genau. Es fing an mit einem leichten Jucken am Popo und endete mit einem mehrwöchigen Drama durchwachter Nächte, wiederholtem Waschen sämtlicher Bettwäsche, Schlafanzüge, Unterhosen und Stofftiere sowie diversen Kinderarztbesuchen. Durchaus auch in gemäßigten Breitengraden nichts Ungewöhnliches, wie ich während der Prozedur gelernt habe, meist durch Übertragung von Tieren. Zwar hatte im Kindergarten angeblich sonst niemand Würmer, praktisch gesehen allerdings ein Ding der Unmöglichkeit bei der hohen Übertragbarkeit. Aber über so etwas reden Eltern – zumindest in Deutschland – wohl lieber nicht. So ähnlich wie bei Läusen: Während in Frankreich die bewährten Läusemittel in der Apotheke gleich vorne im Regal stehen, muss man sie sich in Deutschland mit gesenkter Stimme aus den Tiefen des Lagers holen lassen.

Wie auch immer: Bei der dritten Behandlung hat die verabreichte Wurmkur endlich gewirkt und der Spuk war mit einem Schlag beendet. Bei den ersten beiden Versuchen musste der dreijährige Patient ein widerlich riechendes, giftrotes Medikament hinunterwürgen, das ihm zwei Stunden später (also bereits nach Wirkungseintritt) wieder hochkam. Leider bekämpfte das Zeug nur den gemeinen Madenwurm und hat die Viecher im Darm meines Sohnes offensichtlich nicht beeindruckt. Erst beim dritten Wurmalarm bekamen wir ein Rezept für das verschreibungspflichtige Medikament Helmex, das gegen diverses Gewürm wirkt. Besonders lecker roch die schleimige Suspension ebenfalls nicht. Um Wiederansteckung vorzubeugen, hat die ganze Familie inklusive Oma mitgeschluckt. Und musste selbst bezahlen: 24 Euro pro Person.

Als wir wenig später wieder nach Indonesien reisten und der Kinderpopo dort schon wieder juckte, rannte ich sofort panisch in die nächste Apotheke. Mitten im Raum, nicht zu übersehen, stand in allen möglichen Packungsgrößten und Verabreichungsformen das Medikament Combantrin. Jedes Kind in Indonesien kennt die kleinen Plastikfläschchen, die idealerweise alle halbe Jahr vorbeugend verabreicht werden sollten. Der Sirup schmeckt in etwa wie flüssige Gummibärchen und kaum ein Kind weigert sich, dies zu trinken. Kosten für eine Erwachsenendosis: umgerechnet 70 Cent. Für die gleiche Menge desselben Wirkstoffs wie bei den in Deutschland verkauften Medikamenten.

Die vermeintliche, erneute Wurmattacke stellte sich glücklicherweise als Fehlalarm heraus. Stattdessen habe ich mich nun vor der nächsten Heimreise mit billigen, rezeptfreiem Wurmmittel eingedeckt.

 

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Boom oder Crash: Wirtschaftsanalyse light

„Was läuft da falsch, wenn zwei große deutsche Zeitungen, die beide dem konservativ-wirtschaftsfreundlichen Spektrum zuzuordnen sind, an ein und demselben Tag ein völlig unterschiedliches Bild der indonesischen Wirtschaft zeichnen?“ fragt Alex Flor in einem Bericht der Berliner NGO Watch Indonesia! vom 24. August 2013. Anlass für seine Frage sind zwei Artikel zum Wirtschaftsstandort Indonesien, die in den Tageszeitungen „Die Welt“ beziehungsweise „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ erschienen sind.
Flor fährt fort: „”Die Welt” hält daran fest, Indonesien aufgrund seines Wirtschaftswachstums in höchsten Tönen zu loben. Es gebe einen “starken Trend nach oben”, getragen von einer wachsenden kauffreudigen Mittelschicht. Die FAZ zeichnet während dessen unter dem Eindruck der jüngsten Börsenkurse ein völlig anderes Bild: Asiatische Werte – damit gemeint sind hier Währungen, Aktien, Anleihen usw. – befinden sich wegen hausgemachter Probleme auf Abwertungstrend. Der Wert der indonesischen Rupiah fiel auf einen seit vier Jahren nicht mehr erreichten Tiefpunkt. An der Börse werden hohe Verluste geschrieben. Die Inflation steigt. Verschiedene andere Medien warnten bereits vor einer Neuauflage der Asienkrise Ende der 90er Jahre.“
Der Indonesienkenner kommt am Ende seiner Analyse zu dem Schluss, dass das Eine so falsch sei wie das andere. Denn ohne spezifische Länderanalyse blieben viele Indikatoren wertlos oder sogar irre führend.
Die eigentliche Frage dahinter ist: Warum werden eigentlich sowohl in den deutschen Medien als auch in der deutschen Politik die gesellschaftspolitischen Aspekte des plötzlichen Wirtschaftsbooms in Indonesien so wenig beachtet? Warum analysieren so wenige so genannte Experten die Hintergründe des kurzlebigen Konsumrauschs, des unglaublichen Reichtums der Eliten, des hart erkämpften Lohnanstiegs der Arbeiter, des Preisanstiegs im ganzen Land?
„Es gibt weder ein ideologisches Ziel noch eine ausreichende Vorsorge gegen die immer größer werdende Kreditblase“, erklärt Wirtschafsberater Eric Santosa in Jakarta und mahnt: „Wir können nicht von einer gesunden Wirtschaft reden, solange die folgenden drei Probleme nicht gelöst sind: mangelnde Infrastruktur, ineffektive Bürokratie und Personalentwicklung.“
Und warum hinterfragt kaum ein Analyst hierzulande die Zusammenhänge von indonesischer Politik und islamistischen Strömungen, von Wirtschaftsboom, Korruption und Menschenrechtsvergehen – wie das bei anderen Ländern oft so demonstrativ geschieht? Hier hat Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch Deutschland, eine Erklärung: „Indonesien ist für westliche Länder das neue China. Sie erhoffen sich dort eine gewinnbringende wirtschaftliche Zusammenarbeit. Daher wir mit strategischem Schweigen über Menschenrechtsverletzungen und andere Unannehmlichkeiten hinweg gesehen.“

 

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Große Politik aus der Provinz

Einer zog aus, um die Welt zu verändern – und die Welt hilft ihm dabei: Die Geschichte des Joko Widodo, genannt Jokowi, klingt tatsächlich ein bisschen wie im Märchen. Als Möbelhändler kandidierte der heute 51-Jährige in seiner zentraljavanischen Heimatstadt Surakarta 2005 für den Bürgermeisterposten und wurde trotz aller Zweifel an seinen politischen Fähigkeiten gewählt. Die Zweifler verstummten bald: Der Forstingenieur erregte national wie international Aufmerksamkeit für seine volksnahe Politik und die unkonventionellen Methoden, mit denen er gegen korrupte Bürokraten, Umweltverschmutzung und soziale Ungerechtigkeit in seiner Stadt vorging – nicht gerade eine Selbstverständlichkeit in Indonesien. Nach fünf Jahren im Amt wurde Jokowi mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt. Allerdings nicht für lange: Auf der Suche nach Kandidaten für die Gouverneurswahl in der problembeladenen Landeshauptstadt Jakarta richteten sich die Augen schnell auf den Politaufsteiger aus der Provinz. Er ließ sich überzeugen, kandidierte und gewann: Statt Batik oder Anzug in ein schlichtes kariertes Hemd gekleidet – sein zum Kult gewordenen Markenzeichen – gewann der Außenseiter am 20. September 2012 in sämtlichen Wahlbezirken der Zwölfmillionenstadt gegen den als arrogant und korrupt geltenden, amtierenden Gouverneur. Nur die vorgelagerten Inseln blieben ihrem alten Regenten treu. Auf die Frage, ob sie wirklich glauben, dass Jokowi Jakartas scheinbar unlösbare Probleme wie Verkehrskollaps, Überflutungen und Armut in den Griff bekommen könne, antworten die meisten Wähler: keine Ahnung, ob er sich gegen das bestehende System durchsetzen könne oder darin untergehen werde. Aber wenn es einer schaffen könne, dann er. Das Wichtigste sei die Hoffnung auf eine radikale Veränderung. Und die Bewohner von Surakarta? Anstatt ihrem scheidenden Bürgermeister den Umzug in die Hauptstadt übel zu nehmen, feiern sie ihn – in der Hoffnung, dass er sie irgendwann als Präsident Indonesiens vertreten werde.

 

 

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Zurück zur Monarchie

Bedienstete am Sultanspalast

Die indonesische Stadt Yogyakarta gilt als Zentrum der freien Künste und der modernen Erziehung, als globaler Schmelztiegel verschiedenster indonesischer und internationaler Kulturen. Die Sultansstadt war außerdem ein entscheidender Schauplatz des Unabhängigkeitskriegs gegen die Holländer und vorübergehend Hauptstadt der jungen Republik Indonesien.
Und nun das: Die Bevölkerung hat den Weg zurück zur Monarchie gewählt. Nach jahrelangem Ringen mit dem indonesischen Nationalparlament in Jakarta hat die Stadtprovinz einen Sonderautonomiestatus zugebilligt bekommen, der den amtierenden Sultan automatisch als Gouverneur vorsieht. Der größte Teil der Einwohner steht hinter der Entscheidung, die der Sultansfamilie weitgehende Bestimmungsrechte über öffentliche Gelder und Ländereien verschafft. Offensichtlich ist das Vertrauen in den alternden Monarchen größer als in die von Korruption und Chaos geprägte demokratische Regierung in Jakarta.
Ein Problem allerdings regelt das neue Autonomiegesetz nicht: die Nachfolge. Die fünf Töchter des 66-jährigen Sultans Hamengkubuwono X sind nicht zur Thronfolge berechtigt.

 

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Reif für die Insel – Backpacking damals und heute…

Die Gilis – drei kleine Inseln im Nordwesten von Balis Nachbarinsel Lombok –waren vor 15 Jahren mein ultimatives Ziel. Ich reiste zum ersten Mal mit dem Rucksack durch Indonesien und nachdem ich bereits zwei Monate in den Millionenstädten auf der Hauptinsel Java verbracht hatte, war das abgeschiedene Inselparadies genau der richtige Kontrast. Es gab keine befestigten Straßen, keine motorisierten Fahrzeuge, keine Geldautomaten, keine Post, eigentlich überhaupt nichts, was wir aus unserer so genannten zivilisierten Welt alles so kannten. Stattdessen gab es vor allem Sonne, Strand und Palmen, darunter kleine Bambusbungalows und Hängematten, Korallen und ab und zu sogar mal Schildkröten. Um dieses lebendige gewordene Klischee erleben zu können, war ich zwei Tage lang mit öffentlichen Bussen und Fähren von Bali aus unterwegs, stapfte mit meinem Rucksack durch nassen Sand und matschige Inselwege, duschte mit Salzwasser und aß jeden Tag gegrillten Fisch mit Chilisauce. Ich fand es großartig.

Als ich letzte Woche von Bali auf die Gilis übersetzte, war ich darauf vorbereitet auf der inzwischen zur Party-Insel avancierten Gili Trawangan nicht mehr viel Robinson-Feeling zu finden. Dennoch war ich geschockt: Auch der einst so unversehrte Oststrand der als „Familieninsel“ bekannten Gili Air war komplett zugebaut. Restaurants, Hotels, Tauchschulen reihen sich aneinander – allesamt auf befestigten Ufermauern. Erosion soll der Grund sein. Die kleinen Pferdekutschen verlangten fast zehn Euro um einmal um das winzige Eiland zu fahren, in Indonesiens Hauptstadt Jakarta kostet eine einstündige Taxifahrt von der Innenstadt zum Flughafen genauso viel. Der Kutscher erklärte mir während der Fahrt, dass praktisch alle unbebauten Grundstücke auf der Insel bereits aufgekauft seien, fast alle von Ausländern.

Doch nicht nur die Inseln haben sich verändert, auch die Reisenden. Vor allem die mit den Rucksäcken. Auf der gerade mal etwas mehr als einstündigen Fahrt mit dem Schnellboot von Bali (inzwischen gibt es mindestens acht Unternehmen, die täglich Hunderte von Touristen mit Hochgeschwindigkeitsbooten über einen der tiefsten Meeresgräben Indonesiens befördern) saßen zwei Backpackerinnen aus dem Ruhrpott neben mir, die sich bei den ersten Salzwasserspritzern unter einer Regenplane verkrochen, um ihr Make-up zu schonen. Dabei hatten sie sich extra die einzigen Außensitzplätze geschnappt, um ihre in Badeschlappen steckenden Füße in der Sonne zu bräunen. Natürlich sprang bei der Ankunft auch kein Passagier ins seichte Wasser, sondern alle warteten schön der Reihe nach, bis sie über einen beweglichen Steg auf den trockenen Teil des Strandes balancieren konnten. Als in meiner Unterkunft, ein einfaches Ressort mit Bambusbungalows und Strandbar, die WLAN-Verbindung ausfiel, war das für ein französisches Pärchen Grund genug, seine Sachen zu packen und in ein Ressort auf der anderen Seite der Insel zu ziehen – wo es ganz abgesehen davon auch warmes Wasser und Klimaanlage gab. Und nicht zu vergessen: „richtiges Essen“. Drei Tage mit Reis, Fisch und Gemüsecurry seinen ja nun wirklich genug.

 

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Moscheen zwischen Kirchen und Tempeln

Beim Fotografieren seiner Ausstellung „Moscheen in Deutschland“ hat der Stuttgarter Architektur-Fotografen Wilfried Dechau viel über die islamische Minderheit in seiner Heimat gelernt. Vor allem viele kleine Details, die man eben nur erfährt, wenn man den Alltag von Muslimen miterlebt. In der indonesischen Studentenstadt Jogjakarta, wo das Goethe-Institut seine Bilder im März im Wandelgang der Moschee der größten islamischen Universität ausgestellt hat, wollte er nun einen Umkehreffekt erreichen: Drei Tage lang ließ er Studenten im Rahmen eines Workshops Kirchen und Tempel fotografieren. Dabei ging es zwar natürlich hauptsächlich um Tricks und Kniffe der Architekturfotografie, aber nicht ganz nebensächlich auch um die Vermittlung der religiösen und kulturellen Vielfalt im Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt. Das Experiment funktionierte tatsächlich und die Studenten stießen in den Gebetshäusern der ihnen zum Teil unbekannten Religionen auf viele Details, die sie interessierten oder sogar berührten – und die sie in zum Teil beeindruckenden Bildern festhielten. Dennoch endeten die Exkursionen zu den Kirchen und Tempeln jedes Mal mit der Suche nach einer Moschee: Die Organisatoren hatten nicht bedacht, dass die muslimischen Teilnehmer bei aller interreligiösen Gruppenharmonie dennoch ihre Gebetszeiten einhalten wollen…

 

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Echte Nationalisten und Slum-Tourismus

Willst Du das richtige Jakarta sehen? So lautete die Standardfrage von Ronny Poluan schon vor 14 Jahren. Er stellte sie immer, wenn er Ausländer traf, die es nach Jakarta verschlagen hatte – sei es um Geschäfte zu machen, als Künstler aufzutreten oder einfach, weil es keinen direkten Flug nach Bali mehr gab. Ich war damals Praktikantin beim Goethe-Institut Jakarta und platzte vor Entdeckungslust. Das einzige, was ich nicht wollte: eine typische Ausländerin sein. Also sagte ich natürlich sofort ja und der Theater- und Filmregisseur nahm mich auf unzählige Touren durch Jakarta mit, die in der Tat nichts mit den glitzernden Shopping Malls und riesigen Bürotürmen im Zentrum der Metropole zu tun hatten. Er führte mich zum ersten Mal in meinem Leben durch einen Slum, begleitete mich in ein Armenviertel am stinkenden Ciliwung- Fluss und brachte mich in Schulen für Straßenkinder. Er zeigte mir den Transvestitenstrich und stellte mich Müllsammlern vor, die in Löchern unter Autobahnbrücken hausten. Das Faszinierende war, dass all diese Leute in ihrer Armut immer offen und freundlich waren – niemals fühlte ich mich gefährdet oder unwillkommen. Diese Eindrücke waren Teil der Faszination, die dafür sorgten, dass ich vier Jahre später als freie Journalistin nach Indonesien zurückkam. Heute hat Ronny Poluan sein Hobby zum Beruf gemacht: Mit Jakarta Hidden Tours bietet er über das Internet Touren durch das „real Jakarta“ an, das nicht nur ausländische Geschäftsleute und Besucher selten zu Gesicht bekommen, sondern auch nur wenige besser gestellte Bewohner der indonesischen Hauptstadt. Den Erlös nutzt er, um die Schulausbildung der Kinder sowie die ärztliche Versorgung in einigen Armenvierteln zu unterstützen. Natürlich ist Slum-Tourismus immer ein kontroverses Unternehmen und seien die Ziele noch so wohltätig. Die Gegenargumente der Stadtregierung von Jakarta sorgen sich allerdings wenig um Voyeurismus oder das Zurschaustellen armer Leute – was sie stört: Ronny Poluan würde sein Land schlecht machen, indem er Ausländern immer nur die hässlichsten Orte Jakartas zeige. Ein guter Nationalist müsse Besuchern schöne Plätze präsentieren.

 

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Ein ganz normaler Tag…

An einem ganz normalen Samstagmorgen strahlte die Sonne, mein Sohn quietschte gut gelaunt durch die Gegend und ich hatte seit Wochen einmal nichts ganz Dringendes zu erledigen. Ein entspannter fröhlicher Tag – bis es anfing zu regnen. Eigentlich nichts Besonderes in der Regenzeit, nur dieser Platzregen donnerte waagrecht in unseren Garten und direkt in unser halboffenes Haus. Während wir damit beschäftigt waren, Sofa und Essecke notdürftig abzudichten, rumpelte es laut: Der Wind hatte den Bambus so heftig gegen die Gartenmauer gedrückt, dass er sie per Hebelwirkung zum Einsturz gebracht hatte. Kein Minute später fiel der Strom aus und ich hatte im Halbdunkel außer einem ängstlichen Kind auch noch zwei panische Hunde an mir kleben, als mein Mann tapfer in den Sturm hinauszog, um irgendwo Bambusmatten als groben Schutz für die Nacht zu besorgen.

In solchen Situationen hasse und zugleich liebe ich Indonesien: Denn es dauerte keine Viertelstunde, schon standen zwei Freunde triefendnass vor der Tür, um zu helfen. Und der Handwerker unseres Vertrauens zog am Samstag Nachmittag kurz vor der Dämmerung noch los, um Stahl, Zement und Backsteine zu bestellen, damit er am Montag Morgen gleich loslegen konnte mit dem Wiederaufbau der Mauer. Einigermaßen versöhnt mit der Situation brachte es uns auch nicht mehr allzu sehr aus der Fassung, dass auf einmal über Nacht das Wasser versiegte. Als allerdings am nächsten Morgen dann braune Brühe aus dem Hahn schoss und die Straße vor unserer Haustür – am Sonntag um sieben Uhr! – aufgegraben wurde, weil die Rohre repariert werden sollten, bekam ich doch mal kurz Sehnsucht nach dem ach so geregelten Deutschland…

 

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Ein Jahr nach dem großen Ausbruch

 

 

Vor einem Jahr brach der Vulkan Merapi in Zentraljava aus und die Welt sah zu. Internationale Medienvertreter traten sich auf die Füße und viele riskierten ihr Leben, als sie in die abgesperrten Zonen fuhren, um besonders sensationelle Bilder zu erhalten. Hunderte von Menschen starben in den heißen Gaswolken, die wochenlang den Berg hinunter rasten. Die Stadt Jogjakarta versank unter eine Ascheschicht und es herrschte Weltuntergangsstimmung.

 

 

Ein Jahr später nach dem schlimmsten Ausbruch des Feuerbergs seit mehr als hundert Jahren erinnert sich im Süden der Stadt kaum noch jemand an die dunkle Bedrohung. Ganze Bergdörfer im Norden sind jedoch dauerhaft zerstört und Tausende von Flüchtlingen leben immer noch in Behelfsunterkünften. Vor allem Bewohner der Flussufer kämpfen nach wie vor mit den Folgen, da jeder Regenschauer Teile der Millionen Tonnen von vulkanischem Material ins Tal spült, die immer noch auf dem Berg legen. Der Schutt zerstört die Ufer und die anliegenden Häuser gleich mit. Und dies voraussichtlich noch mehrere Jahre lang. Wie es heute am Ufer des Flusses Kaliputih aussieht, zeigen diese Bilder aus einem Dorf in der Nähe der Stadt Magelang.

 

 

 

 

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Fastenfeste

Der Ramadan kommt. Bald. Die Askese im islamischen Fastenmonat kündigt sich mit einem Frontalangriff auf alle Sinne an: Restaurants werben jetzt schon mit besonders günstigen Menüs zum Fastenbrechen, Moscheelautsprecher scheppern religiöse Popmusik in den Äther und riesige Plakate preisen die diesjährigen Ramadan-Seifenopern im Fernsehen an. Vor allem Essen wird in diesen Wochen zu einem der wichtigsten Gesprächsthemen der Indonesier genauso wie die Lebensmittelpreise, die wie in jedem Jahr schwindelerregend ansteigen.

Ähnlich wie bei uns an Weihnachten beschleicht einen das Gefühl, dass die Vorbereitungen für die Fastenzeit (oder besser Festzeit?) jedes Jahr ein bisschen früher anfangen und ein bisschen kommerzieller werden. Dazu muss man wissen, dass das Idul-Fitri-Fest am Ende des Ramadan für die Indonesier der wichtigste Feiertag des Jahres ist – anders als in anderen islamischen Ländern, in denen das Opferfest Idul Adha am größten gefeiert wird. Noch bevor das Fasten überhaupt beginnt, sind alle Einkaufszentren mit Ramadan-Dekor geschmückt, ergeht sich die Werbung in Tipps für die beste, feierlichste, gesündeste Art des Fastenbrechens und der Nachwuchs lernt in der Schule oder im Kindergarten die passenden Gebete und Lieder dazu. Mit asketischer Zurückhaltung und religiöser Selbstfindung hat das Ganze meist so wenig zu tun wie die Adventszeit in Deutschland.

Wer dem zu erwarteten Rummel an Idul Fitri entkommen will, sollte früh buchen: Zug- und Flugtickets zu Beginn der landesweiten Ferien am Ende des Ramadan sind einen Monat vorher schon unerschwinglich bis ausverkauft. Wenn die eine Hälfte der 240 Millionen Indonesier (nämlich die Stadtbevölkerung) die andere Hälfte in ihren Heimatregionen besuchen will, bleibt nicht mehr viel Platz – sei es in Bussen, Zügen, Flugzeugen oder Fähren. Wer kein Ticket ergattert, packt seine Lieben ins Auto und drängelt sich oft tagelang über völlig verstopfte Landstraßen bis ins Heimatdorf – nicht selten in einem gemieteten Vehikel, damit die Familie daheim beeindruckt ist vom Erfolg der Fortgezogenen. Dazu gehören natürlich jede Menge Geschenke und natürlich die entsprechende Festtagskleidung.

Um dies alles finanzieren zu können, stürzen sich viele Indonesier im Fastenmonat in immense Unkosten. In keiner anderen Jahreszeit wird so viel eingebrochen, gestohlen und geschmiert. Selbst die Wahrscheinlichkeit, auf der Straße in eine Verkehrskontrolle zu geraten, steigt enorm, je näher Idul Fitri rückt: Auch Polizisten wollen feiern.

Angesichts all dieser Obstakel ist der beste Weg, den Ramadan zu begehen, daher tatsächlich, zu Hause zu bleiben, den Fernseher auszuschalten und: zu fasten. 

 

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Aufs Rad gekommen

Nicht Umweltbewusstsein oder Sparsamkeit – nein: ein Reihe von Modetrends hat die Indonesier zurück zum Fahrrad gebracht. Mir fiel dies zum ersten Mal auf, als eine verwegene Zirkustruppe auf selbstgebauten Hochrädern durch Java tourte und bei jedem Halt alte Schrotträder umbaute. So hinterließen sie auf ihrer Reise an allen möglichen Orten neue Brutstätten für ihre Zweistockfahrräder und diverse abgewandelte Modelle. Da das Auf- und Absteigen dieser Vehikel eher umständlich ist, konnte ich immer öfter unerfahrene Hochradfahrer beim Umklammern von Laternenpfählen oder an roten Ampeln hinter Lastwagen gehängt beobachten. Die Profis kümmern sich schlichtweg nicht um rote Ampeln und verlassen sich darauf, dass man sie schon sehen wird (was auch meistens der Fall ist). Bei den damals noch eher seltenen Fahrrad-Demos versammelten sich die Hochradfreaks mit Pseudo-Harley-Bikern, deren Räder etwa so lang wie die anderen hoch waren.

Etwa gleichzeitig kehrte BMX zurück. Ein australischer Freund reist seither nur noch mit seinem BMX-Rad nach Indonesien und verbringt seine Ferien in diversen Heimwerkstätten, die für wenig Geld und umso mehr Erfindungsreichtum seine Spezialwünsche besser und vor allem viel billiger erfüllen als alle australischen Bikeshops.

Doch all das ist Schnee von gestern, wenn man nun auf die Straßen schaut: Dort wimmelt es auf einmal vor Eingangrädern – Stichwort „fixed gear“: In knallbunt leuchtenden Farben, die Pedale immer in Bewegung und möglichst ohne Bremsen. Selbst meine bewegungsfaulen Mitbewohner, die sich bisher immer von Taxis möglichst noch bis in die Eingangshalle ihres Ziels fahren lassen haben, sind mittlerweile aufs Fahrrad umgestiegen. Sie haben festgestellt, dass sie damit nicht nur in sind, sondern auch noch Geld für Transport und den Fitnessclub sparen. In Jakarta – gefühlt die Stadt mit dem schlimmsten Verkehrschaos der Welt – ist diese Mode allerdings nach wie vor eher ein Überlebenskampf außer an autofreien Sonntagen (einen Vormittag im Monat auf der Hauptachse der Stadt). Die gerade neu eingeführten Radwege wurden sofort mit Begeisterung von Straßenverkäufern und falsch überholenden Mopeds in Beschlag genommen.

In der Kulturmetropole Yogyakarta jedoch haben die Radfans mittlerweile den letzten Freitag jedes Monats zum Radeltag ausgerufen. Mit einem Massenaufgebot, das alle Umweltaktivisten vor Neid erblassen lässt, demonstriert die Jugend der Stadt nun monatlich und mit großer Fröhlichkeit, wie die City der Sultansstadt am schönsten wäre: auto- und motorradfrei.

 

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Südostasiens nukleare Zeitbomben

Von Fukushima könne man lernen, erklärte Vietnams stellvertretender Technologieminister. Damit meinte er allerdings nicht, dass Atomenergie unberechenbar gefährlich sei, sondern was man beim Neubau eines Atomkraftwerks beachten müsse, um ähnliche Vorfälle zu vermeiden: Acht Reaktoren sollen in Vietnam bis 2031 ans Netz gehen. Damit führt das Land das Rennen um den ersten Nuklearstrom in der Region an.

Thailand plant die Fertigstellung seines ersten AKW bis 2020, vier weitere sollen folgen. Die Atomenergiepläne in Indonesien und auf den Philippinen sind besonders beängstigend: Beide Länder liegen auf dem pazifischen Feuerring und sind daher extrem erdbebengefährdet. Doch während die Regierungschefs in Thailand und den Philippinen angesichts der Katastrophe in Japan zurückrudern, scheinen sich die Atomlobbyisten in Vietnam und Indonesien einig zu sein, dass die Fehler der Japaner ihnen nie passieren könnten. 

„Jakarta ist bei einer solchen Katastrophe sicher“, erklärte ein indonesischer Lokalpolitiker in der Jakarta Post. Woher er diese Sicherheit nimmt, bleibt rätselhaft: Simulationen zeigen, dass etwa ein Drittel der Neun-Millionen-Metropole von einem Tsunami derselben Größe weggewaschen würde – und die wenigen glaubhaft erdbebensicheren Gebäude haben Japaner gebaut. Indonesische Unternehmer sind zudem nicht gerade bekannt für die Einhaltung von Abmachungen und Vorschriften, sondern eher für Korruption und Unpünktlichkeit, weswegen viele technische Vorhaben bereits an menschlichem Versagen und Materialmängeln gescheitert sind.

Das Lieblings-AKW der südostasiatischen Atomgegner steht in Bataan auf den Philippinen: Der 1986 fertig gestellte Reaktor ging nach Tschernobyl niemals ans Netz. 

 

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Revolutionszeit

Volksaufstand in Nordafrika, Unruhen im Nahen Osten – habt Ihr keine Angst, dass so was auch bei Euch passieren könnte? Solche oder ähnliche Fragen stellten Bekannte aus Deutschland in den vergangenen Wochen. Nein, habe ich nicht, antwortete ich, denn bei uns war schon vor 13 Jahren Revolution – oder besser: Reformasi. Nur haben das die meisten Europäer schon wieder vergessen. Was damals in Indonesien geschah, verlief ähnlich wie die Ereignisse in Tunesien oder Ägypten: Seit 33 Jahren regierte General Suharto quasi mithilfe einer Militärdiktatur. Er kam 1965 an die Macht, nachdem er einen angeblichen Putsch der Kommunisten durch einen Gegenputsch verhindert haben soll. Der Westen unterstützte Suharto aus Angst vor einer möglichen Machtübernahme der damals drittgrößten kommunistischen Partei der Welt – und nahm dabei in Kauf, dass Hunderttausende Zivilisten getötet wurden bzw. in Folterlagern verschwanden, weil sie dieser Partei angeblich angehörten.

1998 brach jedoch durch die Asienkrise das korrupte Regime des Autokraten zusammen. Zuerst protestierten die Studenten in einigen Großstädten gegen die politischen Verhältnisse, dann gingen immer mehr Menschen auf die Straße, oft aus schierer Not. Das Militär spaltete sich in mehrere Gruppen und bezahlte Anstifter lösten Unruhen aus, denen vor allem die chinesische Minderheit zum Opfer fiel. Auf einmal schrie die internationale Gemeinschaft auf und pochte auf die Einhaltung von Menschenrechten. Am Ende blieb Suharto nichts anderes übrig als zurückzutreten – ein Jahr später gab es demokratische Wahlen.

Seitdem gilt Indonesien als Demokratie. Der Putsch und die Massenmorde von 1965 jedoch wurden bis heute nicht aufgearbeitet – Vergangenheitsbewältigung bleibt ein Tabu. Das korrupte System konnte bis heute nicht aufgelöst werden und unterwandert immer wieder die Bemühungen zur Demokratisierung.  Das wiederum gibt Islamisten wie Ultra-Nationalisten Aufwind, die sich mit weißer Weste präsentieren, immer mehr Menschen wenden sich Ihnen zu. Die Aktivisten von 1998 sind heute völlig desillusioniert.

Habt Ihr nicht Angst, dass dies auch bei Euch passieren könnte, frage ich nun weiter in die Länder der momentanen Revolution?

 

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Rangliste der Katastrophen

Als schlimmste Katastrophe in ihrer Geschichte sollen die Vereinten Nationen das Erdbeben in Haiti bezeichnet haben – zumindest meldeten das diverse deutsche Nachrichtensender. „Das Erdbeben von Haiti ist die schlimmste Katastrophe, die wir je hatten“, erklärte auch ein Unternehmer aus Süddeutschland publikumswirksam bei einer Fernsehbenefizveranstaltung vergangene Woche. „Deswegen müssen wir auch mehr spenden als bisher, viel mehr als zum Beispiel beim Tsunami.“

Das Erdebeben von Haiti ist eine schreckliche, erschütternde, folgenreiche Katastrophe. Aber woran lässt sich wohl messen, dass diese nun die schlimmste aller Zeiten sein soll? An den Zahlen der Toten? Zur Erinnerung: Bei dem verheerenden Tsunami, der vor fünf Jahren ganze Regionen von mindestens fünf Staaten zugleich verwüstet hatte, starben allein in der indonesischen Provinz Aceh mehr als 160.000 Menschen. Oder lässt sich eine Katastrophe an der Stärke der Zerstörung messen? Doch mit welchem Maß?

Während die Bilder aus Haiti uns ganze Städte als elende Trümmerfelder zeigen, gab es zum Beispiel aus Aceh in der ersten Woche nach dem Tsunami so gut wie keine Aufnahmen. Weil weder Technik noch Menschen da waren, diese Bilder zu liefern. Und als sie dann endlich bei uns ankamen, sahen wir häufig vor allem eines: gähnende Leere. Denn in vielen Dörfern, die vom Tsunami zerstört wurden, existierte einfach gar nichts mehr. Keine Häuser, keine Bäume, keine Menschen. Die wenigen Überlebenden sammelten sich traumatisiert in Lagern. Was ist also schlimmer – ein Trümmerfeld oder das Nichts?

Wenn Medien Katastrophen in dieser Weise kategorisieren, prägen sie das Denken (und den Spendenwillen!) von Millionen von Menschen ­– oft ohne die Realitäten vor Ort wirklich vergleichen zu können. Das ist unverantwortlich. Was ist mit den Erdbeben, bei dem 2005 in Pakistan mehr als 50.000 Menschen ihr Leben verloren und 2,5 Millionen Obdachlose im eisigen Winter überleben mussten? Was mit dem schlimmen Beben in der chinesischen Provinz Sichuan im Jahr 2008, bei dem 80.000 Menschen umkamen und 5,8 Millionen obdachlos wurden? Warum gab es für diese Katastrophen weniger aufwändige Spendengalen als für Haiti oder die Tsunamiopfer? Nun, die Opfer in Pakistan waren Muslime und die Chinesen sind uns sowieso irgendwie fremd – könnte man nun frotzeln. Die Medienrealität dürfte sich allerdings auch danach gerichtet haben, dass das Erdbebengebiet in Pakistan, weil im verschneiten Bergland, nur sehr schwer zugänglich war – und dass die Behörden in China die Arbeit ausländischer Journalisten nicht gerade unterstützt haben.

Natürlich gönne ich den Haitianern den Spendensegen, der sie hoffentlich auch irgendwann einmal in vollem Umfang erreichen wird. Aber irgendwie lässt  mich der Gedanke nicht los, dass die globale Aufmerksamkeit für den kleinen Inselstaat sehr viel mit den politischen Interessen diverser Großmächte zu tun hat – und damit, dass sich Medien und NGOs in dem so gut wir führungslosen Staat vermutlich mit weniger Restriktionen und Vorurteilen herumschlagen müssen als etwa in China, Indonesien oder Pakistan. Eines muss man den Vereinten Nationen aber wohl zugestehen: Vermutlich haben sie bisher bei keiner Katastrophe in ihrer Geschichte so viele Opfer aus den eigenen Reihen beklagen müssen wie auf Haiti. 

 

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Interreligiöse Perspektiven

„Selamat Natal – Frohe Weihnachten und Friede und Wohlstand für uns alle“ – diese Wünsche schickten mir in vielfacher Form Freunde aus Indonesien ins kalte Deutschland. Nicht etwa Christen, sondern vor allem muslimische Bekannte bedachten uns mit Rundmails und individuellen SMS.

Indonesien ist das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt und ja: Es findet eine schleichende Islamisierung statt, die allen anderen Religionsanhängern in dem Vielvölkerstaat unheimlich ist. Dennoch ist Indonesien immer noch ein säkularer Staat, in dem die wichtigsten Feiertage der großen, anerkannten Religionen zugleich nationale Feiertage sind. So bleiben Schulen und Behörden nicht nur am muslimischen Opferfest und an Weihnachten geschlossen, sondern auch am buddhistischen oder hinduistischen Neujahrsfest.

Das ist mehr religiöse Toleranz als wir zum Beispiel in Deutschland zeigen: Der Anteil der muslimischen Bevölkerung bei uns ist größer als der von Buddhisten und Hindus in Indonesien. Dennoch wünscht hier kaum ein Nicht-Muslim alles Gute zum Idul-Fitri-Fest am Ende des Ramadan, geschweige denn bekommen die muslimischen Bürger für ihre religiösen Feierlichkeiten frei.

In dieser angeblichen Zeit der Besinnung sollten wir einmal mehr über unseren Tellerrand und die geballte westliche Angst vor dem Islam hinausschauen und erkennen, dass es auch im anderen Teil der Welt tolerante und offene Menschen gibt, an denen wir uns ein Beispiel nehmen können.

 

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Der Hüter des Vulkans

Immer wenn in Indonesien eine Naturkatastrophe passiert, die groß genug ist, um es in die deutschen Medien zu schaffen, klingeln bei uns die Telefone. Geht es Euch gut? Weißt Du schon Genaueres? Meistens erfahre ich erst durch diese Anrufe, dass irgendwo wieder die Erde gebebt hat oder ein Vulkan ausgebrochen ist – oft Tausende von Kilometern entfernt.

Seit gestern Nachmittag jedoch pustet der Merapi, einer der aktivsten Vulkane der Welt, heiße Gaswolken und Asche in die Luft – und das nur 30 Kilometer nördlich von Yogyakarta, wo ich zurzeit wohne. Seltsamerweise spürt man dennoch hier in der Stadt gar nichts vom Ausbruch des spirituell bedeutsamen Berges. Nur die Anspannung ist fast greifbar: Beim letzten (kleineren) Ausbruch des Merapi vor vier Jahren kam es fast zeitgleich zum größten Erdbeben in Yogyakartas Geschichte mit rund 6000 Toten.

 

In solchen Situationen wenden sich die Bewohner der Sultansstadt gern an den Hüter des Merapi, den 83-jährigen Mbah Maridjan, der angeblich im direkten Kontakt mit dem Berggeist steht. So lange er es für sicher hält, lassen sich auch die Menschen in den gefährdeten Bergdörfern nur widerstrebend evakuieren – immer wieder eine Herausforderung für die Sicherheitskräfte, die den Alten beim letzten Ausbruch weder mit Drohungen noch mit dem Angebot, in einem Fünf-Sterne-Hotel zu übernachten, von seinem Berg locken konnten. Damals wurde das Dorf von Maridjan sowie der heilige Stein, an dem er meist betete, nur um wenige Meter verschont – so wie es der Weise vorhergesagt hatte. Dank seiner spirituellen Macht wurde der rüstige Urgroßvater so nicht nur zum gesuchten Berater von Politikern und anderen Persönlichkeiten, sondern auch zum Werbestar für einen potenzsteigernden Energy-Drink.

 

Doch diesmal scheint Maridjan den Kontakt zum Berggeist verloren zu haben. Durch sein Dorf fegte gestern Abend eine tödlich heiße Gaswolke, bevor es komplett evakuiert war. Die Rettungskräfte entdeckten heute Morgen 15 verkohlte Leichen, darunter Helfer, die den alten Mann wegbringen sollten, sowie einen Journalist, der ihn interviewen wollte. Auch im Schlafzimmer des Berghüters fand sich ein menschlicher Körper. Noch ist nicht bestätigt, ob es sich bei dem Toten um Mbah Maridjan handelt. Sollte dies der Fall sein, stehen Yogyakarta – das glauben zumindest die Einheimischen – schlimme Zeiten bevor: Die Stadt liegt genau auf der Mitte einer spirituellen Linie, die den nun entfesselten Berggeist mit seiner mindestens genauso wilden Geliebten, der Göttin des Südmeeres, verbindet. Werden sie nicht mehr gehütet und regelmäßig besänftigt, schicken sie sich gegenseitig Lava und Tsunamis als Geschenke.

 

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Das Geheimnis des Sawobaums

In Java herrscht der Glaube, dass jeder Mensch sein Leben lang an seine Plazenta gebunden ist. Sie wird als kleines Geschwisterchen des Neugeborenen angesehen, dass direkt nach der Geburt mit diversen Beigaben und guten Wünschen an einer geschützten Stelle begraben werden muss – Mädchen links vor dem Elternhaus, Jungs rechts davor. Den ersten Monat lang muss dort fortwährend ein Licht brennen, um die Seele des Kindes zu schützen. Als unser Sohn geboren wurde, entschieden wir uns für eine – unserer Meinung nach besonders schöne – Stelle neben einer Buddhastatue, die unter einem Sawobaum (eine kiwiähnliche, nach Honig schmeckende Frucht) in unserem Vorgarten steht. Dort wurde also der „kleine Bruder“ unseres Kindes mit alle Ehren und symbolischen Gaben begraben, ein Öllämpchen darüber angezündet.

Als der Kleine zwei Wochen später mit seinen wohl ersten Dreimonatskoliken kämpfte, baten wir die am nächsten wohnende Hebamme, ihn zu massieren, damit er die Blähungen loswürde. Die ältere Dame kam gern, massierte das Baby mit erfahrenen Händen und begutachtete ihn eingehend. „Ein gesundes, kräftiges Kind“, bescheinigte sie uns. Von Dreimonatskoliken wollte sie allerdings nichts wissen. „Das Problem ist die Plazenta: Sie liegt zu weit weg vom Haus – und dann noch unter einem Sawobaum. Ihr müsst sie näher am Eingang begraben“, erklärte sie. „Außerdem müsst Ihr eine Glühbirne anbringen, damit das Licht bei Regen nicht immer ausgeht.“

Wir haben natürlich keine Umbettungsaktion gestartet. Wir haben der Hebamme erklärt, dass wir ein Naturkind wollen und deswegen die Bäume der Terrasse vorziehen. Unsere Weigerung, ihrer Interpretation der Traditionen zu folgen, scheint jedoch in der Stadt bereits die Runde gemacht zu haben, denn ein paar Tage später bekam ich eine SMS von einer entfernten Bekanntschaft aus der Schwangerschaftsgymnastik, von der ich noch nicht einmal weiß, wo sie wohnt: „Hallo Christina, brauchst Du Hilfe? Ich habe gehört, dass Dein Kind rebellisch ist, weil seine Plazenta unter einem Sawobaum liegt…“

Unser Sohn entwickelt sich übrigens trotz gelegentlichen Blähungen und Plazenta unter dem Sawobaum ganz prächtig. 

 

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Neuer Job für Paul

Die meisten Indonesier sind abergläubisch und fast alle sind fußballverrückt. Der wahrsagende Tintenfisch Paul aus Oberhausen wurde daher im Inselstaat auf der anderen Seite der Welt zur willkommenen Sensation: Am Ende der Fußball-WM verging keine indonesische Nachrichtensendung ohne eine Meldung über „Gurita Paul“.

Doch während sich der Fußballrausch in Indonesien allmählich wieder gelegt hat, saugt sich der achtarmige Wahrsager weiterhin hartnäckig in den hiesigen Medien fest. Auf diversen Websites wird diskutiert, ob Paulchens Vorhersagen ausreichten, um auch politische oder religiöse Führer zu ersetzen.

Am vergangenen Samstag zeichnete der Karikaturist der englischsprachigen Tageszeitung „The Jakarta Post“ Paul zum Beispiel als Schiedsrichter in einem aktuellen Steuerhinterziehungsfall: Auf der Zeichnung verschwinden der korrupte Finanzbeamte Gayus sowie ein der Unterschlagung beschuldigter Polizeibeamter als gierige Kraken hinter Gittern, während die International Corruption Watch verwundert zusieht.

Beliebt ist auch der Vergleich mit „Gurita Cikeas“ – also dem Kraken von Cikeas: Dieser Ausdruck stammt aus einem populären Buch über die angebliche Vetternwirtschaft unter dem indonesischen Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono, der in Jakartas Vorort Cikeas residiert.

Die Botschaft an den Tintenfisch: Wenn die Deutschen Paulchen tatsächlich schon in Rente schicken wollen – in Indonesien gibt es noch viel für ihn zu tun!

 

 

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Porno, Peterpan und Jesus Christus

Stellen Sie sich vor, Ihr Laptop wird gestohlen. Nicht nur, dass all Ihre darauf gespeicherten Arbeitsdaten weg sind – nein, dummerweise finden sich dort auch noch ein paar ziemlich private Filmchen, die Sie beim Sex mit Ihrer Freundin zeigen. Und mit ihrer Ex-Freundin. Noch pikanter wird die Geschichte dadurch, dass Sie einer der erfolgreichsten Sänger in einem musikverrückten Land mit 240 Millionen Einwohnern sind. Und Ihre Freundin eine der bekanntesten Fernsehmoderatorinnen. Genauso wie die Ex-Freundin. Und ein paar Monate später tauchen diese Videos auf einmal bei Youtube auf…

Genau dies soll dem Leadsänger der indonesischen Popband Peterpan geschehen sein – der zugegebenermaßen auch ohne Privatvideo eine ziemlich sexy Erscheinung abgibt. Er jedoch, Künstlername Ariel, bestreitet genauso wie seine Liebschaften, dass sie auf den besagten Filmchen zu sehen seien. Deswegen lautete die offizielle Sprachregelung bislang „Personen, die Ariel etc. ähnlich sehen“. 

Kein Grund für die Moralapostel im Land, sich zurückzuhalten: Politiker islamischer Parteien wittern die Chance, zum ersten Mal ein umstrittenes Antipornographiegesetz in einem prominenten Fall anzuwenden und einige Bürgermeister haben bereits Auftrittsverbote für Peterpan in ihren Städten angekündigt. Eine ganz neue Wendung nahm der Fall, als vor einigen Tagen Kommunikationsminister Tifatul Sembiring von der islamischen PKS-Partei einen Vergleich mit Jesus Christus zog: Die Frage, ob Ariel und Co. oder nur ähnlich aussehende Doubles auf den Videos zu sehen seien, sei so ähnlich wie die Debatte zwischen Christen und Muslimen, ob Jesus selbst oder nur ein ähnlich aussehender Mann gekreuzigt worden sei. Immerhin hat der Minister es mit dieser Bemerkung geschafft, auch diejenigen Bürger und Intellektuellen aufzurütteln, die sich bislang nicht für die auf Tausenden von Handys kursierenden Sex-Filmchen interessiert hatten.

Die öffentliche Diskussion dreht sich nun vor allem darum, ob Minister Sembiring nicht trotz seines viel genutzten Twitter-Accounts etwas Nachhilfe in Kommunikation benötigt. Und ob Ariel Peterpan, der mittlerweile von der Polizei festgenommen wurde, im übertragenen Sinne gekreuzigt werden soll – sozusagen als Märtyrer im Sinne der Gegner des Antipornographiegesetzes. Und ob der ganze „Peterporn“-Skandal nicht vielleicht doch nur dazu dient, von einigen hochkarätigen Korruptionsskandalen abzulenken, in die nicht nur diverse, ach so moralische Politiker, sondern auch die Polizei selbst verwickelt sind…

 

 

 

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Wie bleibt man Fußball-WM-Fan in der Fußball-Diaspora USA?

Man rottet sich mit Gleichgesinnten in heruntergekommenen Kneipen zusammen, die die Spiele via Pay-per-View bestellen und das Geld, das sie dafür bezahlen auf die sowieso schon hohen Bierpreise draufschlagen. Oder man schaut sich die Spiele zu Hause auf dem spanisch-sprachigen Fernseh-Kanal an. Das kostet nichts. Man versteht nur leider abgesehen vom GOOOOOOOOOOOOOOAL-Jubel der begeisterten Schnell-Sprecher-Kommentatoren so gut wie nichts.

So war das jedenfalls bei den bisherigen Fussball-Weltmeisterschaften.

Diesmal ist alles anders!

ESPN, der führende Sportkanal der USA überträgt alle Spiele – ALLE SPIELE – der Weltmeisterschaft live. Und dann gibt es am Abend auch noch Wiederholungen und Zusammenfassungen. Schon in der Vorbereitung auf die Spiele gibt es bisher unvorstellbare Höhepunkte der US-Fußball-Berichterstattung, darunter ein Drei-Minüter über Deutschlands Gewinn des WM-Titels 1974 mit Gerd-Müller-Interview!

Trotzdem kommt ehrlich gesagt nicht so richtige WM-Stimmung auf in den USA. Die Nation ist im Basketball-Playoff-Fieber. Los Angeles spielt gegen Boston. Das entspricht was Leidenschaft und Animositäten angeht in etwa den Begegnungen Deutschland – Niederlande! Deshalb sind auch die Lakers auf der Titelseite der Los Angeles Times, ganz vorne und im Sportteil! Kobe Bryant, LA Lakers Star und Fußballfan, tut sich mit seinem Team gegen Boston schwer und so wird zum WM-Auftaktspiel noch kein Sieger der Playoffs fest stehen. Und gegen diese Begegnungen hat selbst das erste Spiel der USA im Turnier gegen England keine Chance was Einschaltquoten angeht. Ganz abgehsehen davon, dass in den USA niemand an einem Samstag um sieben Uhr morgens aufsteht, um Fußball zu sehen?

Halt – niemand? Nicht wahr – in diesen Momenten merkt man wieder, wie wunderbar es ist, in einer Stadt wie Los Angeles zu leben – man muss sich nur das richtige Stadtviertel, die richtige Kneipe aussuchen und schon wird man erfasst vom Fußball-Fieber. Denn wahre WM-Leidenschaft gibt es natürlich überall in den USA – abgesehen von der Mehrheit der Football/Basketball/Baseball-fanatischen US-Bürger – unter allen eingewanderten Volksgruppen. Die spanisch-sprachige Tageszeitung La Opinion ist voller WM-Berichte, Tipps, Portraits, Analysen und anderen überlebensnotwendigen Informationen und Weisheiten zum Thema Fußball-WM. Das WM-Eröffnungsspiel Südarfika gegen Mexiko werden viele wahre Fans deshalb in einer der mexikanischen Kneipen anschauen. Morgens um sieben Uhr! Bei vermutlich völlig überteuertem Corona-Bier … 

 

 

 

 

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Zum Glück Buddhismus

In zwei Tagen ist Waisak, so heißt das buddhistische Neujahrsfest in Indonesien. Schon jetzt reisen buddhistische Mönche aus aller Welt in die zentraljavanische Sultanstadt Yogyakarta, in deren Nähe der größte buddhistische Tempel der Welt steht: der Borobudur. Die orangenen Kutten fallen als exotisch auf, denn Java ist überwiegend muslimisch und der Borobudur wird das restliche Jahr über als Touristenattraktion und Picknickplatz missbraucht.

Für einen Freund von mir, Yudi, wird dieses Waisak-Fest ganz besonders sein: Der als Muslim geborene Künstler wird zum ersten Mal als Buddhist daran teilnehmen, nachdem er im vergangenen Jahr offiziell die Religion gewechselt hat. Das ist im Grunde nichts Besonderes in einem als säkular geltenden Staat. Auch darf in Indonesien nur heiraten, wer derselben Religion angehört, was per se viele Menschen zu einem Glaubensübertritt motiviert.

In der sozialen Praxis allerdings tritt man nicht so einfach aus dem Islam aus (was nach muslimischem Recht wiederum gar nicht möglich wäre) – und das auch noch aus tatsächlichen Glaubensgründen. Yudi bekam dies zu spüren als er nach seinem zeremoniellen Eintritt in den Buddhismus nun auch seine offiziellen Papiere ändern lassen wollte: Sowohl im Personalausweis als auch in allen Familiendokumenten muss man in Indonesien seine Religion angeben. Auch nach einem Jahr im Kampf mit den Behörden, steht in seinem Personalausweis immer noch „Islam“.

Allmählich wird die Zeit knapp, denn ein neuer Gesetzesentwurf will tatsächlich den Austritt aus dem Islam in Zukunft verhindern – wie es zum Beispiel im Nachbarland Malaysia schon lange Gesetz ist. Yudi sieht es dennoch gelassen, eine Gelassenheit, die er offensichtlich in seiner neuen Religion per Meditation und Yoga findet. Er sieht es als Glück an, dass Buddhismus in Indonesien überhaupt als Religion zugelassen ist – denn außer dem Islam werden hierzulande nur Christentum, Hinduismus, Buddhismus und Konfuzianismus akzeptiert. Wer einem anderen Glauben angehört, erhält keine Papiere. Wollte er zum Judentum übertreten, müsste er auswandern.

 

 

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Volkszählung auf Indonesisch oder: Wie werden wir größter als die USA?

Gestern Mittag stand unser Blockwart (den gibt es in Indonesien tatsächlich noch) vor der Tür und stellte uns unseren Volkszähler vor, ein freiwilliger Helfer des Staates – vermutlich ein Student, der sein Taschengeld aufbessern will. Seit Wochen kündigen alle Medien im Land mit der viertgrößten Bevölkerung der Welt den großen Zensus an, der den ganzen Monat Mai lang stattfinden soll und appellieren dabei an Bürgerpflicht und das Nationalbewusstsein, um die Bevölkerung zur Beteiligung zu motivieren.

Also waren wir eigentlich darauf vorbereitet, dass auch wir gezählt werden sollen – allerdings nicht vor unserer Haustür. Denn so einfach, wie es sich die Volkszähler offensichtlich machen wollen, funktioniert das indonesische Meldesystem leider nicht. Als Ausländerin mit einer indonesischen Arbeitsgenehmigung muss ich im Büro meines offiziellen Arbeitgebers gemeldet sein und dieses befindet sich in Ostjakarta. Dass ich nicht im Büro übernachte und privat auch noch eine andere Adresse habe, müsste zwar eigentlich jedem Beamten klar sein, interessiert aber offiziell nicht. Also werde ich – bzw. die Kopie meiner indonesischen Meldebestätigung – unter der Büroadresse zum ersten Mal gezählt. Zum zweiten Mal  werde ich, wie es nun scheint, als Mitbewohnerin meines Ehemannes unter dessen Wohnadresse registriert. Damit aber noch nicht genug: Da mein Mann wie die meisten Indonesier nicht an seiner Wohnadresse, sondern in seinem Heimatdorf gemeldet ist, wird er dort noch einmal erfasst – sowie ich eventuell sogar ein drittes Mal als Mitglied der dort ansässigen Großfamilie.

Viele Indonesier lösen das nationale Meldedilemma, indem sie sich einfach an jeder Adresse einen Ausweis zulegen (mit so genanntem Zigarettengeld ist das meist kein größeres Problem), also werden diese wohl auch automatisch mehrmals gezählt. Auf der anderen Seite gibt es jede Menge Bewohner dieses Landes, die aus eben jenen Zigarettengeldgründen überhaupt keinen Ausweis oder offiziellen Wohnort besitzen – ob diese wohl auch von einem freiwilligen Studenten erfasst werden?

Wie auch immer: Indonesiens Bevölkerungszahl liegt bereits nicht mehr weit hinter den USA. Bei der momentanen Erfassungsmethode dürfte es trotz jahrzehntelanger Bemühungen der Familienplanungsbehörde nicht mehr lange dauern, bis die Indonesier zum drittgrößten Volk der Welt aufsteigen.

 

 

 

 

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Kitkat und die Orang Utans

Ein Video auf youtube machte vergangene Woche die Runde unter Indonesiens Umweltschützern: Ein Büroangestellter der gelangweilt Papier vernichtet, gönnt sich eine Pause (Have a break?) mit Kitkat. Genüsslich beißt er in einen schokoladenbraunen Orang-Utan-Finger und besudelt sich dabei mit Blut. Das Video entstand im Zuge einer neuen Greenpeace-Kampagne gegen den Kitkat-Hersteller Nestle – neben Unilever, Cargill und ADM einer der größten Palmölverbraucher der Welt. Wie viele andere Produkte enthält Kitkat Palmöl, dessen Anbau wiederum als Hauptursache für die Abholzung der Regenwälder in Indonesien und Malaysia gilt. Nestle reagierte und trennte sich von seinem anrüchigen Lieferanten Sinar Mas, der in Indonesien riesige Waldflächen abholzen lässt, um Palmöl anzubauen. Nebenbei verschwand das anrüchige Video vorübergehend von youtube und war nur noch auf der Greenpeace-Website zu sehen.

Die Hoffnung, dass mit solchen Aktionen Indonesiens Regenwälder, immerhin die drittgrößten der Welt, gerettet werden, sind gering. Selbst wenn alle Nestle-Konsumenten in der westlichen Hemisphäre nur noch Produkte mit zertifiziertem Palmöl kaufen, bleiben immer noch die riesigen Märkte in China und Indien. Mit dem zunehmenden Bedarf an Biodiesel hoffen die Palmölproduzenten zudem auf eine stark ansteigende Nachfrage – und dehnen ihre Plantagen mit Zustimmung der indonesischen Regierung immer weiter aus. Kein Wunder: Die meisten Firmenbosse sitzen selbst auf hohen Regierungsposten.

Infolgedessen geht in keinem anderen Land der Welt die Abholzung des Urwaldes so schnell voran. Seit 2007 ist Indonesien der größte Palmölproduzent der Welt. Die Orang Utans sind nur eine Spezies, die dabei ihren Lebensraum verliert – tausende andere Arten, die Borneo, Sumatra und Papua bevölkern, sind dabei genauso bedroht. Dazu gehören auch die Bewohner dieser Inseln, die häufig mit Gewalt vertrieben werden und so nicht nur ihre Lebensgrundlage, sondern auch ihre traditionelle Kultur verlieren.

Ein Kitkat-Boykott allein reicht also kaum aus. Kaum ein Fertiggericht oder Kosmetikprodukt in unseren Supermärkten kommt heute noch ohne Palmöl aus. Mit den steigenden Biodieselquoten, steigt zusätzlich der Bedarf an dem billigen Rohmaterial. Trotz aller Bemühungen gibt es bislang so etwas wie nachhaltiges Palmöl nicht. Wenn eine Vorzeigeplantage in Sumatra etwa die europäischen Zertifikatsansprüche erfüllt, holzt eine Tochterfirma desselben Konzern garantiert mit dem erzielten Gewinn eine Waldfläche in Borneo oder Papua für neue – unzertifizierte – Plantagen ab. 

 

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Im Zuckerland

Indonesier lieben es süß – zuckersüß sozusagen. Kaum ein Gericht oder Getränk ohne Zucker, sei es mit weißem, Roh- oder Palmzucker. Bestellt man seinen Kaffee oder Tee ohne Anmerkung, erhält man ihn in der Regel süß – nicht selten mit zwei bis drei Esslöffeln Zucker in einem großen Glas.

 

Schade eigentlich, denn viele Gegenden in Indonesien sind bekannt für ihren aromatischen Tee und Kaffee. Will man ein Getränk ohne Zucker muss man es dazu sagen. Aber selbst das reicht nicht immer aus. Als ich gestern Abend an einem Warung – so heißen hier die mobilen Straßenrestaurants – einen Tee bestellen wollte, habe ich wie üblich extra dazu gesagt, dass ich ihn bitte „bitter“ haben wolle. Wirklich nicht süß? Nein, wirklich nicht. Als der Tee kam, war er trotzdem süß. Also ließ ich das Glas zurückgehen. Der Verkäufer war überrascht: Wie ich das denn gemerkt haben könne? Er hätte doch nur einen Teelöffel Zucker daran getan! Kein Wunder, dass Indonesien eine der höchsten Diabetes-Raten der Welt hat…

 

 

 

 

 

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Das Alle-Jahre-Wieder-Chaos

Alle Jahre wieder rege ich mich auf, wenn in Indonesien nichts mehr läuft, sobald die Regenzeit einsetzt: Straßen sind gesperrt, Flughäfen außer Betrieb und keiner auf das allzu vorhersehbare Chaos vorbereitet. Dabei vergesse ich viel zu schnell, dass es in Deutschland kaum anders aussieht: Alle Jahre wieder bricht der gesamte Nah- und Fernverkehr zusammen, wenn der erste Schnee fällt – so als sei Schnellfall im Winter etwas absolut Unvorhersehbares. Wenn ich dann auf dem Weg zum Weihnachtsfest am Frankfurter Flughafen von mehreren hundert ausgefallenen Flügen in den letzten Tagen höre oder mal wieder in einem total verspäteten Zug der Deutschen Bahn sitze (Begründung: schlechte Witterungsverhältnisse), kann ich mich ganz beruhigt zurücklehnen, denn: Ich fühle mich ganz wie zu Hause, egal ob hier oder da. 

 

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Opfer-Mahl

Idul Adha, das islamische Opferfest, gilt in den meisten muslimischen Ländern als höchster Feiertag: Es ist der Höhepunkt der Hadsch-Pilgerfahrt. Das Fest erinnert an die Geschichte Abrahams, der auf Gottes Geheiß bereit war, seinen Sohn Isaak zu opfern. Angesichts dieser Gehorsamkeit schickte Gott einen Widder, den Abraham anstelle seines Kindes opfern konnte. Eine Geschichte, die für Christen, Juden und Muslime gleichermaßen von Bedeutung ist. In Indonesien, immerhin dem Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt, kommt Idul Adha erst an zweiter Stelle nach Idul Fitri, dem Fest am Ende des Fastenmonats Ramadan. Nichtsdestotrotz wird natürlich ausgiebig gefeiert, gebetet und – geschlachtet.

 

Schon seit zwei Wochen haben sich die Vor- und Hinterhöfe der Moscheen in Schaf- und Ziegenställe verwandelt. Mitten in der Stadt wehten einem Misthaufenschwaden entgegen, denn in den letzten Tagen kamen auch immer mehr Kühe dazu (die von reicheren Gemeindemitgliedern gespendet wurden). An manchen Moscheen standen die Leute seit dem frühen Morgen Schlange und es kam in vielen Städten zu gewalttätigem Gerangel um Fleisch, das gratis verteilt wurde. Wer sich nicht rechtzeitig aufgemacht hat, wird nur noch die blutverschmierten Reste des Massenopfers vorfinden. Oder das ergatterte Fleisch als Eintopf auf dem Tisch – oder als Sate-Spießchen auf dem Grill. Ein harter Tag für Vierbeiner und Vegetarier. 

 

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Englischunterricht per Foto

Gestern Nachmittag stand unser Nachbar vor der Tür. Nicht dass das ungewöhnlich wäre, aber gestern kam Pak Marjo mit seinem Sohn, im besten Sonntagsstaat herausgeputzt. Er hielt mir eine Tüte mit Mangos hin: „Eigene Ernte“, sagte er schon fast entschuldigend. Es war klar, dass Marjo um einen Gefallen bitten wollte.

Mein erster Gedanke war, dass jemand in seiner Familie krank geworden war und er um Geld bitten will. Da kaum ein Indonesier auch nur irgendeine Versicherung besitzt, legt oft die ganze Nachbarschaft zusammen, wenn jemand bei schwerer Krankheit oder nach einem Unfall die Behandlungskosten nicht allein bezahlen kann. 

Doch diesmal lag ich daneben. Pak Marjo hatte eine ganz andere Bitte: Sein Sohn brauchte Hilfe bei einer Hausaufgabe im Englischunterricht. Kein Problem, dachte ich. Einem Neuntklässler werde ich sicherlich noch helfen können. Es ging allerdings nicht um eine Übersetzung oder ein Grammatikproblem. Auch nicht darum, die Aussprache zu üben. Nein: Die Hausaufgabe bestand darin, sich mit einem westlichen Ausländer fotografieren zu lassen. Sozusagen als Beweis dafür, dass man sich getraut hat, jemand auf Englisch anzusprechen.

Nun würden sich weder der höfliche Pak Marjo noch sein schüchterner Sohn jemals wagen, einen fremden Ausländer auf der Straße anzusprechen. Ganz davon abgesehen besitzt die Familie gar keine Kamera. Dennoch hängt die Englischnote des Jungen von dieser dämlichen Aufgabe ab.

Leider spiegelt dies ein generelles Phänomen im indonesischen Englischunterricht wieder. Anstatt eine Sprache zu vermitteln, die viele Lehrer selbst kaum beherrschen, lassen sie die Schüler Texte auswendig lernen und überlassen es ihnen dann selbst, „Konversation“ zu üben.

Westliche Ausländer, die schon einmal einschlägige Touristenattraktionen in Indonesien besucht haben, können ein Lied davon singen: Am berühmten Borobudur-Tempel in Zentraljava zum Beispiel werden täglich mehrere Schulklassen mit Bussen herangekarrt, die sich mit einem Fragebogen und Handykamera auf jede Weißnase stürzen, die sich die steilen Treppen des pyramidenförmigen Monuments hoch quält.

In der Regel sage ich bei solchen Gelegenheiten auf Indonesisch, dass ich aus Deutschland komme und man dort kein Englisch spricht. Das endet meist in Verwirrung und hilft fast immer. Pak Marjo und seinem Sohn konnte ich das aber schlecht erzählen. Also habe ich mich meiner eigenen Kamera mit dem Jungen fotografieren lassen. Mit dem Foto will ich ihm einen Brief an seinen Englischlehrer mitgeben. Darin werde ich ihm anbieten, eine Konversationsstunde mit seiner Klasse zu machen, wenn er seine Schüler dafür nie wieder losschickt, um sich mit Ausländern fotografieren zu lassen.