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8 Wochen eingesperrt – Kindsein während COVID19

Die Kinder in Paris hatten es nicht leicht in den letzten Jahren: Erst ging man nicht raus wegen der Terroroattacken (Je suis Charlie!), dann wegen der Gelbwesten-Demonstrationen, bei denen die Black-Block-Bewegung jeden Samstag die Innenstadt zerstörte und die Polizei mit Tränengas dagegen hielt, dann kam der Generalstreik und dann die Pandemie. Was macht so eine Aneinanderreihung von Krisen mit den Kindern? Wie erleben sie es, ständig zuhause bleiben zu müssen?

In den Medien kommen zu diesem Thema meist nur Erwachsene zu Wort, Eltern oder Psychologen. Ich wollte aber wissen, was die Kinder denken und habe deshalb einfach eine Reportage mit meinem eigenen Sohn realisiert.

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Das ist das Ergebnis.

Es zeigt mir, dass Kinder viel häufiger selbst zu Wort kommen sollten. Sie haben ihre eigene Meinung und die sollte gehört werden. Auch wenn es um Produkte für sie geht.

Um die Zeit während des Corona-Lock-down zu nutzen und etwas Kreatives mit meinem Kind zu machen, habe ich mit ihm deshalb auch Buchbesprechungen gedreht. Denn auch hier entscheiden meist die Erwachsenen, ob ein Buch gut ist oder nicht. Nicht die Kinder.

 

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Ich hoffe schwer, das wir (mein Sohn und ich) die Reihe weiterführen können. Also bitte klicken und kommentieren. Kinder brauchen Motivation, um sich zu trauen, ihre Stimme zu erheben. Geben wir ihnen die Möglichkeit.

 

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Coronavirus-Pandemie: Die Folgen in der Welt

Die Corona-Krise hat noch wichtiger gemacht, was uns Weltreporter auszeichnet: Wir sind schon da, wohin andere erst reisen müssen – und genau das jetzt nicht mehr können. Quarantäne, geschlossene Grenzen, Reisebeschränkungen, Ausgangssperren – Reisen sind schwierig geworden, nicht nur ins Ausland, und auch für Journalisten. Wer zum Coronavirus jenseits der Landesgrenzen recherchieren will, schaut ins Internet, telefoniert – oder beauftragt einen Weltreporter. Wir wissen, wie die Situation in vielen Regionen der Welt ist, denn wir arbeiten und leben dort.

Fabian Kretschmer berichtet aus China zur Öffnung der Stadt Wuhan und beschreibt, welche Auswirkungen die Krise auf die Blase des chinesischen Profifussballs hat. Anke Richter hat mit Deutschen gesprochen, die in Neuseeland festsitzen.

Sarah Mersch beobachtet, wie die Tunesier daraf reagieren, wenn Ausgangssperren plötzlich mit Drohnen überwacht werden.  Wolf-Dieter Vogel schreibt aus Mexiko, weshalb ein Essayband mit philosophischen Texten in der Coronakrise offenbar einen wichtigen Nerv trifft.

Haben Ihre Orangen etwas mit dem Coronavirus zu tun?

Vermutlich schon, schreibt Julia Macher, aus dem Brennpunkt-Land Spanien. Sie arbeitet in Barcelona und berichtet von dort unter anderem darüber, was sich Hotels einfallen lassen, wenn Touristen fehlen.

Bettina Rühl und Marc Engelhardt recherchieren im dem Kongo und in Genf, wie die Ebolakrise zu Ende geht – und was sich für die Corona-Pandemie daraus lernen lässt.

Bettina Ruehl weiß außerdem, wie ein gespensticher Flughafen aussieht, sie war im Terminal von Nairobis Airport, als dort die letzten internationalen Flüge landeten. Im Deutschlandfunk berichtet sie an diesem Wochenende gemeinsam mit Südafrika-Weltreporterin Leonie March und anderen Korrespondenten über die Situation in Afrika.

Wie sich das Virus in Townships und Slums in Südafrika ausbreitet, schildert Leonie March außerdem in einem Korrespondentengespräch mit dem SWR.

Warum die Australier derzeit nicht sonderlich gut auf Kreuzfahrer zu sprechen sind – und wie es aussieht wenn Strände geschlossen werden – habe ich in einem kurzen Länder-Update zusammengestellt. In Brüssel fragt sich Eric Bonse, wann die EU-Staaten den “Exit” aus der Coronakrise vorbereiten?

So aktuell wie es uns möglich ist, halten wir Weltreporter Sie aus mehr als 100 Ländern auch über unsere Weltreporter.net-Facebookseite und unseren Twitter-Kanal auf dem Laufenden.

Bleiben Sie gesund, bleiben Sie demokratisch, bleiben Sie informiert.

 

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Frankreich: Die Coronavirus-Nachbarschaftshilfe

Was tut man in der Coronavirus-Ausgangssperre, wenn die Wohnung geputzt, der Kühlschrank abgetaut, die Wäsche gebügelt, die Kleider und Bücher aussortiert sind? „Man will helfen“, meint Atanase Perifan, Gründer der „Voisinssolidaires“. Die Assoziation der „solidarischen Nachbarn“ will unter Anwohnern eine Dynamik zur gegenseitigen Hilfe entwickeln, und dies ist heute so wichtig wie nie zuvor. Vor allem für ältere Mitmenschen. Da nur noch wenige mobile Sozialdienste während der Ausgangssperre unterwegs sind, sind viele alte Leute auf sich selbst gestellt. Mit verheerenden Folgen, erklärt Perifan – selbst COVID-19-infiziert – hustend am Telefon: „Auch wenn es rüstige Rentner sind, kommt es schnell zu Mangelernährung mit gesundheitlichen Folgen.“ Hier können Nachbarn helfen. „Für die 80-Jährige im dritten Stock ein paar Lebensmittel aus dem Supermarkt mitzubringen, kostet gerade mal 10 Minuten.“

Nachbarschaftshilfe Paris

Altes Ehepaar in Paris, Les Halles. Foto: Barbara Markert

Auf der Website der soldiarischen Nachbarn gibt es deshalb ein „Kit Coronavirus“ zum Runterladen. Es beinhaltet ein Infoposter, einen Aushang und zwei vorgedruckte Listen, in denen man sich mit Name, Stockwerk und Telefon eintragen kann.

Poster Voisins Solidaires

Poster der Assoziation Voisins Solidaires, Frankreich

In der ersten Woche der Ausgangssperre wurde das Kit bereits über 130.000 Mal abgerufen, seitdem steigt der Download proportionell zu den Infektionsfällen an. Wird denn nur runtergeladen oder auch wirklich geholfen? Perifan: „Wir fragen per Mail nach und wissen, dass 60% der Listen nach drei Tagen ausgefüllt und in Aktion gesetzt wurden.“

 

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Schön, taub, aber entschlossen

Als Sophie Vouzelaud geboren wurde, sah wenig danach aus, dass sie einmal als Model arbeiten würde. Sie kam nahezu völlig gehörlos auf die Welt. Trotzdem lernte sie sprechen und besuchte eine normale Schule. Mit 19 nimmt sie an einem Modelwettbewerb teil und ergattert am Ende den zweiten Platz bei der Wahl zur Miss France. Seitdem ist die Schönheit mit den Hörgeräten in Frankreich ein kleiner Star und setzt sich für mehr Akzeptanz der Gehörlosen in der Gesellschaft ein. Sie möchte beweisen, dass man auch mit einem Handikap ein normales Leben führen kann. Weltreporterin Barbara Markert stellt die Französin, die aktuell eine Botschafterrolle für Dior Parfums übernommen hat, in einem Modeportrait mit umfangreicher Bilderreihe zur aktuellen Herbstmode vor.

 

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WR Podcast # 5: Überwachen

Das Thema “Überwachen” ist mittlerweile so international wie unser Netzwerk. Im fünften Podcast der Weltreporter geht es deshalb diesmal um Überwachung und Datenschutz: um Blockwarte und Distriktpolizisten, um Facebook und soziale Medien. Aber auch um Toilettenrollen und Fernsehbildschirme. Wem sich dieser Zusammenhang nicht erschließt, sollte unbedingt hineinhören!

 

Über die digitale High-Tech-Überwachung wurde zuletzt endlich auch auf politischer Ebene breit diskutiert, in den USA und im deutschen Bundestag. Stichwort: Facebook, Google und co. Aber selbst in Weltgegenden, die noch Modem- und glasfaserfrei sind, werden Bürgerinnen und Bürger überwacht.

Im neuen WR-Podcast erzählen rund ein Dutzend Weltreporter von ihren Erfahrungen in “ihren” Ländern und beschreiben mehr oder weniger ausgefuchste Methoden der Schnüffelei, die in ihrer Plumpheit teils schon wieder amüsant sind. Stichwort Toilettenrolle, im Bericht von Birgit Kaspar. Geradezu sprachlos macht der Bericht von Weltreporterin Christina Schott aus Indonesien: ein derart gut organisiertes System von behördlich angeordneter, nachbarlicher Spitzelei hätte man dort wohl eher nicht erwartet. Aber sie nennt auch den tragenden Pfeiler dieser staatlich verordneten Bespitzelung: die Freude der Nachbarn daran, andere sozial zu kontrollieren und zu bevormunden.

Von ebenfalls ganz analogen Formen staatlicher Überwachung berichtet Bettina Rühl aus der Demokratischen Republik Kongo: Militärbarrikaden, an denen Soldaten eine Art Wegzoll verlangen sind fast alles, was die Bürgerinnen  und Bürger beispielsweise in der Provinz Kasai von ihrem Staat erleben. Auf dem Land gibt es kaum staatliche Schulen oder Gesundheitszentren, keine Straßen, die den Namen verdienen. Das einzige was funktioniert ist das System der Überwachung, die Kontrolle der Bewegungen von Reisenden.

In der DR Kongo verdienen die Menschen ihr Geld mit Muskelkraft, und überwacht wird noch überwiegend analog.

Schwerer zu durchschauen ist die hochtechnisierte, vor allem die digitale Überwachung. Zur Einführung in das Thema diskutieren die Weltreporter des Podcast-Teams über die Tücken und Verführungen der sozialen Medien, über verräterische Likes und Klicks. In der Diskussion zwischen Leonie March in Südafrika, Birgit Kaspar in Frankreich, Jürgen Stryjak in Ägypten, Sascha Zastiral in London und Kerstin Zilm in Los Angeles wird deutlich, wie sehr die sozialen Medien auch unsere Arbeit als Journalisten beeinflussen. Und wie unterschiedlich wir Weltreporter mit dem digitalen Mitteilungsrausch umgehen (müssen), abhängig auch davon, in welchem Staat wir arbeiten. Ein Beispiel: Während Jürgen Stryjak Klicks und Likes meidet, um der ägyptischen Zensur nicht zusätzlich in die Hände zu spielen, macht Kerstin Zilm ihre private politische Haltung in den sozialen Medien durchaus transparent. Das sei in der Ära Trump fast ein Gebot der Stunde, meint sie. Mit ihrem Ärger darüber, dass die sozialen Netzwerke die gesammelten Daten weitergeben, sei sie in den USA allerdings ziemlich allein.

Noch selbstverständlicher ist das Daten-Sammeln in anderen Weltregionen. Zum Beispiel in China. Dort träumt man von einem Ende der chronischen Staus mit Hilfe von “Big Data” und “intelligenten Verkehrsleitsystemen”. Wie Christiane Kühl berichtet, beobachten und fotografieren deshalb in den Metropolen Kameras ständig den Verkehr. Angeblich, um Staus zu vermeiden. Wirklich nur deshalb? Aus Seoul berichtet Fabian Kretschmer von Technikfaszination und fehlendem Bewusstsein für die Risiken und Nebenwirkungen der großen Datensammelei. Ähnlich ist das in Kopenhagen, wo Clemens Bomsdorf als “paranoider Deutscher” – na ja, sagen wir mal: eingeordnet wird, wenn er Bedenken gegen das Datensammeln äußert.

 

Und Danja Antonovic erzählt, warum sie sich in der serbischen Belgrad immer wieder mit dem Handy auf ihrer eigenen Festnetzleitung anrufen muss.

Wer wissen will, ob wir Deutschen also wirklich paranoid sind, was den Umgang mit Daten angeht, und wie das Datensammeln und – jagen andernorts funktioniert, erfährt das alles im Weltreporter Podcast #5, zusammengestellt von unserem Podcast-Team: Birgit Kaspar, Leonie March, Jürgen Stryjak, Sascha Zastiral und Kerstin Zilm.

Und als Überraschungsgast tritt kurz vor Schluss auch noch ein Nashorn auf. Leonie March erklärt, was es damit auf sich hat.

 

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WR Podcast #3 Lichte Momente

Fehlt Ihnen im Nordhalbkugel-Winter zuweilen eine Dosis Licht? Australien wird mit Sonne und Hitze derzeit reichlich versorgt, vorgestern war es in Sydneys Westen gut beleuchtete 47 Grad. Die kann ich Ihnen nicht um die Welt schicken, aber etwas deutlich Besseres: Nehmen Sie sich etwas Zeit und reisen Sie mit uns in zwanzig Minuten um die Welt: Mit dem Weltreporter-Podast #3. In der dritten Audio-Reise des Journalisten-Netzwerks geht es um Licht. Begleiten Sie Weltreporter an Orte, an denen Licht verzaubert, wo Lichter aufgehen und dorthin, wo ein ganzes Land das Licht am Ende eines Tunnels feiert.

Aber Vorsicht, die erleuchtete Welt der Reporter hat ein paar Überraschungen für Sie parat: Unsere Kollegin in Südosteuropa hat ein besonderes Lichtspektakel sogar richtig sauer gemacht. Denn dort gehen die Uhren anders – sagt eine, die es wissen muss: Weltreporterin Danja Antonovic aus Belgrad. Sie erklärt Ihnen, warum dort die Weihnachtsbeleuchtung im September an- und erst im Februar wieder ausgeschaltet wird. Sie weiß auch, was über diese Lichterflut jene Belgrader denken, die selbst kaum genug Geld für die eigene Stromrechnung haben.

Belgrads winterliches Lichtermeer

Die meisten Momente, die das Podcast-Team der Weltreporter – Kerstin Zilm, Sascha Zastiral, Jürgen Stryjak, Birgit Kaspar und Leonie March  – zusammengetragen hat, sind aber auf eher positive Art erhellend.

Auf der Audio-Reise zu den Einsatz- und Arbeitsorten von Weltreporter-Kollegen in aller Welt erfahren Sie von ungewöhnlichen Augenblicken in Tschechien, Australien und Kairo. Außerdem erleben Sie einen eiskalten Sonnenaufgang im Zelt über den Wolken in den Pyrenäen.

In Kenia, drei Autostunden von Nairobi entfernt, rennt Bettina Rühl vor Sonnenaufgang durch die Savanne. Warum sie dabei von Massai bewacht wird, erfahren Sie ebenfalls im Weltreporter Podcast #3.

Über den Wolken in den Pyrenäen

Von ganz persönlichen und manchmal sogar magischen Momente, die mit Licht und Schatten zusammenhängen, berichten Weltreporter aus dem nächtlichen Paris und einem Delfter Museum, aus Kairos Straßen und vom Strand in Lombok.

Wir haben Licht am Ende des sprichwörtlichen Tunnels in Tschechien gefunden und schauen in Chile vorbei, wo endlich neue, günstige Solaranlagen gebaut werden. Im Podcast erzählt unser neuer WR-Kollege in Südkorea, welche Hoffnungsschimmer die Einwohner von Seoul haben, angesichts der eher düstern Angst vor einem drohendem Atomkrieg. Sie erfahren, weshalb nicht mehr viele serbische Mädchen Svetlana (“Tochter des Lichts”) genannt werden und folgen Marc Engelhardt 175 Meter unter die Schweizer Erde, in die Tunnel des Europäischen Kernforschungszentrums. Auch dort funkelt ein besonderes Licht.

Gamelan-Musiker in Indonesien

Zu einem Klang- und Licht Erlebnis der historischen Art nimmt Christina Schott Sie in die Sultansstadt Jogjakarta mit. Dort wird seit Jahrhunderten die Kunst des Schattentheaters zelebriert, ein Meisterwerk des Kulturerbes, an dem heute auch Touristen teilnehmen können. Lauschen Sie dem Klingklong der indonesischen Gamelan, deren fünf- oder siebentönige Tonskalen vielleicht Geister vertreiben, mit Sicherheit aber die Zuhörer in eine ganz andere Welt versetzen.

An einem wiederum anderen Ende des Globus trifft sich die größte indische Bevölkerungsgruppe außerhalb Indiens zu einer Prozession, in der mit Lampen, Gesang und Farben der Sieg des Lichts über die Dunkelheit gefeiert wird. Auf welchem Kontinent diese Zeremonie die Straßen in ein spirituelles Volksfest verwandelt, erfahren Sie ebenfalls im Weltreporter-Podcast #3.

Sonnenaufgang in Kenia

PS: Alle drei Monate erzählen Weltreporter von Jobs und Recherchen zwischen Durban und Dänemark und laden ein zum Blick hinter die Kulissen, nehmen Sie mit in den Korrespondentenalltag oder teilen persönliche Eindrücke.

Sie haben die ersten WR-Podcast verpasst? Hören Sie sie in der Soundcloud an. Sie treffen einen Weltreporter-Gründer, hören, welches Geräusch unsere Kollegin in Los Angeles zuweilen von der Arbeit abhält, welche Eigenschaften zum Job gehören und was Kollegen in Krisenregionen auch in schwierigen Zeiten zum Durchhalten motiviert. Im zweiten Podcast geht es um Identität.

 

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24. 12. Confit de Canard à l’Orange

Auch zu Weihnachten steht in Frankreich das Essen im Mittelpunkt. Rund 130 Euro geben die Franzosen einer Erhebung zufolge im Schnitt in diesem Jahr für ihr Weihnachtsessen aus. Champagner, Foie Gras und Austern sowie die traditionelle Bûche de Noël (ein Cremekuchen in der Form eines Stück Baumstamms) gehören hier auf jeden Weihnachtstisch. Jedenfalls in den Familien, die es sich irgendwie leisten können. Das Hauptgericht variiert. (mehr …)

 

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23. 12. “Le sandwich mixte”

Wer heute, am letzten verkaufsoffenen Samstag Besseres zu tun hat, als sich in die Küche zu stellen, der macht es einfach wie eine Pariserin. (mehr …)

 

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WR Podcast #2 – Fremde Heimat, vertraute Fremde

Kennen Sie das: Wenn die Fremde vertraut wird, und die Heimat eher befremdlich? Wir Weltreporter erleben dieses seltsame Spannungsverhältnis häufig, privat ebenso wie während Recherchen für Reportagen. Identität – was macht uns aus, was ist wo vertraut? Wie funktioniert dieses Phänomen “Heimat”, wenn man sich an vielen Orten zuhause fühlt – oder nirgends so richtig? Im Weltreporter-Podcast #2 ist das Podcast-Team für Sie diesen Fragen nachgegangen.

Die Idee entstand durch eine Geschichte, die Afrika-Weltreporterin Bettina Rühl aus Somalia mitbrachte. Bettina hatte in Mogadischu Menschen getroffen, die trotz Krieg in die somalische Hauptstadt zurückgekehrt sind: Von sicheren Orten, an die sie geflüchtet waren, zurück an einen sehr riskanten.

Abdullahi Muse Hassan in seiner Druckerei in Mogadischu.

Warum geht man in die Heimat zurück, auch wenn es gefährlich ist? Warum gehen andere nicht zurück – wie viele Weltreporter?

In Skype-Gesprächen über das Thema Identität zwischen London, Kairo, Durban, Südfrankreich und Kalifornien kamen die WR-Podcaster auch schnell darauf, warum sie genau dort sind, wo sie sind – und was sie manchmal dort vermissen. Und sie haben andere Reporter gefragt, was ihnen – außer Vollkornbrot – fehlt: einen richtig schönen deutschen Streit, Gemütlichkeit, Biergärten, deutsche Buchläden, Schnee und Radwege spielten in den Statements aus aller Welt ihre Rollen.

Birgit Kaspar, Weltreporterin in Frankreich, hat schon an vielen Orten gelebt. Für sie ist “Identiät” auch ein Spannungsfeld zwischen Polen. “Identität” schmeckt für sie manchmal orientalisch oder klingt Kölsch, zuweilen ist sie auf ewig “l’Allemande” und zugleich französische Nachbarin. Außerdem hat Birgit Kaspar mit Youssouf gesprochen – er gehört zu denen, die nicht zurück wollen.

Kirstin Ubesleja und ihre drei Pässe

Youssouf ist einer von einem Dutzend Somaliern, die in Saint Martory auf ihre Papiere warten und Französisch lernen, damit sie sich im Gastland integrieren können. Was er trotz einiger Hürden an der Fremde liebt, hören Sie im Podcast.

Wer Gespräche über die doppelte Staatsbürgerschaft knifflig findet, sollte Kerstin Zilm zuhören. Die Reporterin hat in Los Angeles Kirstine Upesleja interviewt, eine Frau, die staatenlos geboren ist und heute gleich drei Pässe hat. Kirstine Upeslejas Eltern stammen aus Lettland, sie ist in Münster aufs lettische Gymnasium gegangen und hat eine “emotionale Beziehung” zu dem Land, das sie oft besucht, in dem sie aber nie gelebt hat. Sie lebt in Amerika, spricht aber (ihrer Ansicht nach) nur deutsch perfekt. Im Podcast erzählt sie, wie die mit einem derartigen Identitätenmix klarkommt.

Jürgen Stryjak isst echt deutsch: Original German Döner Kebab.

Seit über 25 Jahren ist Jürgen Stryjak Korrespondent in Kairo, und für den Podcast hat er sich mit dem wichtigsten aller Themen der Heimatferne beschäftigt: Mit dem Essen. Er verrät, was Ägypter meinen, wenn sie so richtig ägyptisch (zum Beispiel KFC) essen gehen wollen. Und er lädt ein zum ersten “echt deutschen Döner Kebab” in Kairo. “Überfremdung” im Doppeltwist, oder upside down würde ich sagen – aber hier unten auf meiner Globushälfte fließt das Wasser ja eh andersrum ab, heißt es.

Viel Spaß mit dem zweiten Podcast der Weltreporter, diesmal zusammengestellt von Kerstin Zilm, Jürgen Stryjak, Birgit Kaspar, Leonie March und Sascha Zastiral.

PS: Sie haben den ersten WR-Podcast verpasst? Hören Sie ihn in der Soundcloud an. Alle drei Monate erzählen weltreporter von Jobs und Recherchen zwischen Durban und Dänemark und laden ein zum Blick hinter die Kulissen, mitten in den Korrespondentenalltag.

Im Podcast #1 treffen Sie einen Weltreporter-Gründer, hören, welches Geräusch unsere Kollegin in Los Angeles zuweilen von der Arbeit abhält, welche Eigenschaften zum Job gehören und was Kollegen in Krisenregionen auch in schwierigen Zeiten zum Durchhalten motiviert.

 

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“Ein Jahr in Frankreich” – das Buch

Ein schönes Gefühl, es nun auch selbst in der Hand zu halten: Vor kurzem ist mein Buch „Ein Jahr in Frankreich“ im Herder-Verlag erschienen. Nun hat die Bücherkiste auch den Weg ins ferne Belloc gefunden. Das haben wir gefeiert! Kater Mishmish hat sogleich den leeren Karton zu seinem neuen Schlafplatz erkoren, seine Form der Liebeserklärung. Das Lesen überläßt er anderen. Denn was interessieren ihn die Geschichten über das Alltagsleben im französischen Südwesten, über die sehr erträgliche Leichtigkeit und Gemächlichkeit des Seins, über schwindelerregende Höhenpfade in den Pyrenäen, über die Hauptstadt des Parfums und französische Kommunalpolitik… Mir hat es sehr viel Freude gemacht, diesmal meine sehr persönlichen Erlebnisse aufzuschreiben statt wie sonst die Geschichten anderer Menschen zu erzählen. Hoffentlich haben meine LeserInnen genauso viel Spaß.

Birgit Kaspar, „Ein Jahr in Frankreich“, Herder-Verlag

 

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“Ein Jahr in Frankreich” erschienen

Ein schönes Gefühl, es nun auch selbst in der Hand zu halten: Vor kurzem ist mein Buch „Ein Jahr in Frankreich“ im Herder-Verlag erschienen. Nun hat die Bücherkiste auch den Weg ins ferne Belloc gefunden. Das haben wir gefeiert! Kater Mishmish hat sogleich den Karton zu seinem neuen Schlafplatz erkoren. Denn was interessieren ihn die Geschichten über das Alltagsleben im französischen Südwesten, über schwindelerregende Höhenpfade in den Pyrenäen, über die Hauptstadt des Parfums und französische Kommunalpolitik… Mir hat es sehr viel Freude gemacht, diese sehr persönlichen Erlebnisse aufzuschreiben. Statt wie sonst als Journalistin die Geschichten anderer Menschen zu erzählen. Jetzt hoffe ich, dass meine Leser genauso viel Spaß beim Lesen haben werden!

Birgit Kaspar, „Ein Jahr in Frankreich“, Herder-Verlag, 16 €

 

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Frankreich wählt – weiter

Der Zeitungsverkäufer ist guter Laune – obwohl er heute am Feiertag arbeiten muss. „Neun von zehn Parisern haben für Emmanuel Macron gestimmt“, sagt er erfreut und ist stolz auf seine Stadt. Er sei erleichtert über das Wahlergebnis. „Das ist ein Sieg für die Republik und für Europa.“ Der symbolhafte Auftritt Macrons mit der Europahymne „Ode an die Freude“ vor dem Louvre habe ihm gefallen nach den vergangenen Wahlkampfwochen voller Aggressionen und Hassparolen. Doch dann runzelt er die Stirn und sagt: „Wir haben ja leider noch den dritten und vierten Wahlgang vor uns.“

Er meint damit, dass im Juni noch die beiden Wahlgänge der Parlamentswahlen bevorstehen. Wird Macron mit seiner Bewegung „En marche“ es dann auch schaffen, eine Regierungsmehrheit zu holen? Eine erste Umfrage von Ipsos/Sopra Steria hat ergeben, dass 61 Prozent der Franzosen nicht wollen, dass der neue Präsident mit seiner Partei in der Nationalversammlung eine absolute Mehrheit hat. Wird der neue Präsident tatsächlich die Macht haben, seine Reformen durchzusetzen oder werden ihn die Franzosen ausbremsen, weil sie ihm einen Premier aus einem anderen Lager zur Seite stellen? Macron habe erst gewonnen, wenn er am 18. Juni eine Mehrheit habe, kommentierte ein Politologe am Wahlabend.

Tatsächlich geht der Wahlkampf schon längst weiter. Politiker der traditionellen Parteien bringen im Fernsehen ganz schnell ihre Glückwünsche für den neuen Präsidenten über die Lippen, um dann für sich zu werben. Der stramme Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon von „La France insoumise“ sprach bereits von „résistance“, Marine Le Pen will den Front National umbauen und sieht ihre rechtsextreme Partei als erste Oppositionspartei im Land. Die Republikaner sinnen auf Rache – hatten sie doch vor einem halben Jahr bereits an den sicheren Sieg geglaubt. Und auch die Sozialisten wollen Macron „keinen Blankoscheck ausstellen“.

Zudem machen folgende Zahlen deutlich, dass Macrons weiterer Marsch kein leichter sein könnte: Zwar hat er 66,1 Prozent der gültigen Stimmen erhalten. Aber nur 44 Prozent der eingeschriebenen Wahlberechtigten haben für ihn gestimmt, 22 Prozent für le Pen, 25 Prozent sind nicht zur Wahl gegangen, neun Prozent der Wähler haben einen weißen Zettel in den Wahlumschlag gesteckt oder einen ungültigen Stimmzettel – das ist ein Rekord. Und klar ist auch: Sehr viele Wähler haben am Sonntag für die Republik gestimmt und gegen die rechtsextreme Le Pen, nicht unbedingt für Macrons Wahlprogramm.

Und dennoch: Der jüngste Präsident Frankreichs macht vielen Franzosen Hoffnung. Immer wieder ist von einem Generationswechsel die Rede, von einer Chance für die jungen Franzosen. Vor vier Jahren hatte noch niemand diesen Mann auf dem Schirm. Dass er jetzt Präsident ist, grenzt in diesem fest gefügten Politik-System an ein kleines Wunder. Wer das geschafft hat, der sorgt vielleicht noch für andere Überraschungen.

 

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16. Geschenk: Eine “Georgette” aus den Pyrenäen

advent_thumb_2Praktisch, ästhetisch und ungewöhnlich: diese Löffel-Gabel aus dem französischen Département Ariège. ‘Georgette’ heißt sie und inzwischen servieren berühmte französische Küchenchefs gerne ihre Desserts mit ihr. Erfunden wurde die Kombination aus Löffel, Gabel und sogar Messer während einer Expedition im Norden Kanadas. Der Trapper und Tierspurenleser Jean-Louis Orengo war mit einer Gruppe unterwegs und wie für viele Wanderer, die tagelang einen schweren Rucksack schleppen müssen, zählte jedes Gramm. Sie beschränkten sich also auf einen Löffel und vermissten doch allzu oft eine Gabel. Zurück in den französischen Pyrenäen entwickelte Orengo die Idee eines multifunktionalen Löffels. Herausgekommen ist dabei die ‘Georgette’, die inzwischen über Frankreich hinaus ihre Liebhaber gefunden hat. Die Inspiration durch die Form von Tierpfoten ist übrigens heute noch erkennbar: Jede Georgette trägt auf der Rückseite eine Signatur in Form einer solchen Pfote.


Catherine und Jean-Louis Orengo betonen zudem den ökologischen Charakter der Georgette: Sie spare Material bei der Herstellung und Wasser, weil weniger Besteck abzuspülen sei. Mit einem Teil des Verkaufserlöses finanzieren die beiden eine Schule für Tierspurenleser und ein kleines Museum für solche Spuren.
http://www.georgettes.fr/accueil.html

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15. Geschenk: Die „echten“ Ballerinas aus Paris

advent_thumb_2Welche Schuhe trägt die Pariserin? High-Heels oder Ballerinas. Vor allem letztere gehören zu Klischee des „french looks“. Dass wir sie alle auf der Straße tragen, verdanken wir übrigens Brigitte Bardot, die am Anfang ihrer Karriere sich extra welche anfertigen ließ. Inzwischen gibt es unzählige Anbieter und vor kurzem ist zu dieser Ballerina-Connection ein neuer dazu gekommen: die Oper in Paris. Wer sonst wüsste besser Bescheid über die berühmten Tanzschuhe, die in regelmäßigen Abständen unsere Mode erobern. Gefertigt werden die “Souliers Opéra de Paris” zu 100% in Frankreich von einem Hersteller, der auch die Schuhe für die kleinen Ballett-Ratten fertigt. Die Modelle sind typisch pariserisch und aus feinstem Leder. Alles was man sonst darüber wissen muss, hat Weltreporterin Barbara Markert auf ihrem Modeblog „Modepilot“ beschrieben.

 

Hier gehts zum Link:

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von www.modepilot.de zu laden.

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Audio #2: Weltfremd oder inspirierend?

Naiv und weltfremd? Oder berührend und inspirierend? Seit drei Monaten ist unser Buch “Die Füchtlingsrevolution” im Handel. Kommentare, Lob und Kritik gab es seither reichlich, Reaktionen, die so spannend wie vielseitig waren. In unserem neuen Audio-Spezial hören Sie mehr dazu.

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Manche Zeitungen wie die FAZ haben unser Buch gleich zweimal rezensiert. Wir freuen uns auch darüber…

Viele Medien berichteten von den Lesungen, zu denen wir von Buchläden, Bibliotheken aber auch von vielen Schulen eingeladen wurden. Radiostationen rezensierten das Buch, zum Beispiel ‘B5 aktuell’, Deutschlandradio und  Bayern 2. Autorinnen und Autoren haben auf Lesungen in ganz Deutschland diskutiert, (hier ein Bericht von einer Lesung mit Philip Hedemann aus dem oberpfälzischen Pressath) und Fragen beantwortet.

Bei der offiziellen Buch-Vorstellung im taz-Café saß auch Ameena auf dem Podium, die junge Syrerin die Philip Hedemann auf ihrem Weg begleitete und die einen Prolog zu unserem Buch geschrieben hat. Im neuen Audio-Spezial 2 hören Sie Sie mehr darüber, wie das Leben der jungen Frau seither weiterging und lernen zwei ihrer Kinder kennen. Philip erzählt, warum Ameena unbedingt das Kanzleramt kennenlernen wollte. Und warum sie – trotz ihres Glücks darüber in Deutschland zu leben – während einer Lesung in Tränen ausbrach.

Angst auch nach 25 Jahren

Im Audio erfahren Sie, was Kerstin Zilms Interviewpartnerin Lidia Nunez empfand, als sie ihren Sohn nach 15 Jahren zum ersten Mal wieder umarmen konnte. Von einem anderen Weltende schaltet sich Bettina Rühl zu, sie läßt die Somalierin Haibo Abdirahman Muse zu Wort kommen, die schon 25 Jahre in einem kenianischen Flüchtlingslager lebt und trotzdem noch Angst hat.

Birgit Kaspar in Toulouse spricht  mit ihrer Interviewpartnerin Chantal Pulé, die ihr erzählt, ob sie nach all den Jahren in Paris, heute bereut aus dem Libaon geflohen zu sein.

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Birgit Kaspar und Marc Engelhardt lesen in Herne Foto: Claudia Korbik

Zu weit weg?

Herausgeber Marc Engelhardt erzählt im Audio #2 welche Inhalte auf Lesungen am häufigsten diskutiert werden und wie sehr viele deutsche Leser überrascht, das Fluchten auf der ganzen Welt passieren. Viele Gespräche nach den Lesungen drehen sich darum, was der Begriff ‘Revolution’ bedeuten soll. Marc Engelhard hat außer positivem Feedback natürlich auch kritische Meinungen gehört. Ein Leser wirft uns vor, als Auslandskorrespondenten zu weit entfernt von der deutschen Problematik zu sein. Marc Engelhardt: “Den Blick aus dem Ausland sehen wir eher als Qualität des Buches. Sicher kann man das kritisieren, ich glaube aber nicht, dass man das sollte. Wir sagen ja nicht, dass sich eine Lösung aus Südafrika oder anderen Ländern 1 zu 1 auf Deutschland übertragen lässt. Aber es hilft vielleicht, den Horizont zu erweitern und mit anderen Augen auf Situation in Deutschland zu blicken.”

Denn eines ist gewiss: Flucht wird als Phänomen zunehmen, Die Frage ist: wie gehen wir damit um.

In Lesbos bleiben die Tische leer

Lesbos: Die besten Tische bleiben leer.

Lesbos: Die Urlauber bleiben aus.

Im Audio #2 hören Sie auch von Alkyone Karamanolis, Weltreporterin in Athen, die sich gefragt hat: Wie geht es den Rettern heute? Fischer Konstantinos Pinderis, erzählt wie sich sein Leben auf der Insel Lesbos komplett verändert hat. Am idyllischen Hafen von Skala Sikamineas bleiben die Tische leer. Zwar landen dort keine Flüchtlingsscharen mehr wie 2015, doch die Touristen kommen ebenfalls nicht mehr. Sie scheinen ihre früheren Lieblingsinseln vergessen zu haben – zum Leid der Einheimischen, denen die Arbeit ausgeht.

Vergessen würden in meinem eigenen Berichtsgebiet Australien viele Politiker am liebsten die Situation der Flüchtlinge, die nach wie vor auf den Inseln Manus und in Nauru die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage erdulden. Menschen müssen dort seit Jahren als Abschreckung für künftige Boots-Migranten herhalten. Ich erzähle im Audio #2 darüber, wie schwer geschädigt die dort gestrandeten Männer, Frauen und Kinder durch die Inhaftierung sind, und dass ihre Zukunft trotz heftiger Proteste von Menschenrechtsorganisationen und anderen noch immer unklar ist.

img_9019Hören Sie rein, ich bin sicher, unser Audio Spezial # 2 macht Sie neugierig auf unser Buch Die Flüchtlingsrevolution, erschienen im August im Pantheon Verlag.

Auch wenn sie es bereits gelesen haben, erfahren Sie im Podcast einiges Neues. Zusammengestellt haben es die Weltreporter Kerstin Zilm, Leonie March, Randi Hauser und Sascha Zastiral.

 

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Nexit in Sicht?

Er sieht sich bereits als nächster Ministerpräsident der Niederlande. Um die Grenzen hermetisch zu schliessen, den Bau von Moscheen samt Koran zu verbieten und mit einem Referendum dafür zu sorgen, dass dem Brexit möglichst schnell ein Nexit folgt: Geert Wilders, 52 Jahre alt, erklärter Feind von Islam und Europa.

“Jetzt sind wir an der Reihe!” frohlockte der blondierte Populist nach dem Brexit.  Schon seit Jahren warnt Wilders ebenso unermüdlich wie erfolgreich vor einem Asyltsunami, schimpft über die Milliarden, die an Brüssel verschwendet werden, und plädiert auf einen Nexit.

Im europäischen Parlament hat er genügend Bündnispartner für eine eigene Fraktion gefunden. Im Sommer 2014 präsentierte er sie zusammen mit Marine LePen vom Front National erstmals den anderen Abgeordneten. Er sprach von einem neuen D-Day, “einem Befreiungstag für Europa – von Europa”.

Auf nationaler Ebene musste Wilders bei den letzten Wahlen ein paar Niederlagen einstecken. Aber dank sei Flüchtlings- und Europakrise liegt er in den Umfragen nun so weit vorne wie nie zuvor in seiner Karriere: Seine “Partei für die Freiheit” PVV könnte bei den nächsten Parlamentswahlen im März 2017 stärkste Fraktion werden und die Zahl ihrer Sitze fast verdreifachen auf 36 der insgesamt 150 Mandate.

Dabei ist sie innerlich zerissen und keine richtige Partei, denn sie hat nur ein einziges Mitglied: Wilders. In Deutschland würde die PVV nicht zu Wahlen zugelassen, die niederländischen Gesetze sind weniger streng. Auf diese Weise will Wilders die Kontrolle und alles fest im Griff behalten. Auf staatliche Zuschüsse muss er verzichten; wie sich die PVV finanziert, ist nicht transparent.

Aber selbst wenn Wilders 2017 tatsächlich der neue Ministerpräsident der Niederlande werden sollte: Von einem Nexit ist er weit entfernt. Zwar tendieren einer jüngsten Umfrage zufolge 48 % der Niederländer zu einem EU- Austritt. Aber dazu bräuchte Wilders eine Mehrheit im Parlament – und so weit will es bis auf seine PVV keine andere niederländische Partei kommen lassen.

 

 

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Das große Klimatreffen in Paris

Historisch. An Tagen wie diesen fällt dieses Wort recht häufig. Nicht nur François Hollande sagt es in seiner Auftaktrede, um auf die Bedeutung des UN-Klimagipfels hinzuweisen. „Es geht um die Zukunft des Planeten, um die Zukunft des Lebens“, sagt Frankreichs Präsident. (Und ein klein wenig geht es auch um seine Zukunft, denn ein Erfolg dieser Mega-Konferenz könnte seine Umfragewerte verbessern helfen – 2017 ist bereits Präsidentschaftswahl.)

Aber auch ein COP-21-Besucher aus Paris sagt am Morgen im Pendelbus zum Gipfel-Gelände beim Blick auf die benachbarte Autobahn: „An einem Montagmorgen eine leere Autobahn bei Paris – das ist historisch.“ Tatsächlich wurde die A1 gesperrt, um die Sicherheit der anreisenden 151 Staats- und Regierungschefs zu gewährleisten. Eine Autobahn also nur für die VIPs. Nur ein Fahrzeug der Gendarmerie steht einsam und allein auf der Abfahrtsspur.

Paris ist im doppelten Ausnahmezustand. Zum einen hat die Regierung nach den Terroranschlägen am 13. November den Ausnahmezustand für drei Monate ausgerufen. Zu Beginn der Konferenz gedenken die Staatschefs den Opfern mit einer Schweigeminute. Gleichzeitig ist Paris an diesem Montag in einem Verkehrs-Ausnahmezustand. Die Pariser sollten auf das Auto verzichten an dem Tag, hieß es, am besten sogar zu Hause arbeiten.

Die Konferenz findet genau gesagt gar nicht in Paris statt, sondern in einer Vorstadt im Norden: Le Bourget ist bekannt für seinen bereits 100 Jahre alten Flugplatz (vor allem Geschäftsflugverkehr) und sein Messegelände, wo alle zwei Jahre die Pariser Luftfahrtschau stattfindet. Von hier aus sind es noch 20 Kilometer bis zum Hauptstadt-Flughafen Charles-de-Gaulle, das Stade de France ist gleich nebenan. An jeder Straßenkreuzung dieses kleinen tristen Vorort-Städtchens stehen nun Polizisten. 2800 Beamte schützen die Konferenz-Festung rund um das Messegelände. In den großen Messehallen ist aber die eigene UN-Polizei für die Sicherheit zuständig. „Ein großer Teil von uns kommt aus New York“, sagt der UN-Sicherheitsmann im blauen UN-Kostüm.

Vor den Toren von Paris sollen sich die über 40 000 Konferenzteilnehmer trotzdem wie mitten in Paris fühlen. Die Plenarsäle heißen hier „Seine“ oder „Loire“. Eine Allee zwischen den Hallen hat den Namen „Champs-Elysées“. Am Ende steht ein kleiner Eiffelturm, zusammengebaut aus roten Metallstühlen.

Der Gipfel habe von Anfang an ein großes Problem, sagt ein Experte am ersten Tag: nämlich die riesigen Erwartungen, die in den Auftakt-Reden erneut geschürt werden. Als ob hier in Paris die Welt gerettet werden könnte mit dem Vertrag, der nach zwei Wochen verabschiedet werden soll. So einen Wunder-Vertrag werde es nicht geben. Aber vermutlich einen wichtigen, großen Schritt auf dem weiterhin schweren, langen Weg im Kampf gegen die Erderwärmung.

 

 

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Nous sommes Paris

„Der Horror“, „Massaker“, „Wir sind Paris“ – so lauten die Schlagzeilen in Frankreich heute morgen. Wer nicht schon mit dem Wissen um das beinahe Unfaßbare gestern abend schlafen ging und erst am Morgen das Radio einschaltete, schüttelte vermutlich wie ich selbst den Kopf und mußte sich kneifen. Dies ist kein Alptraum, dies ist die Realität:

Mehr als 120 Tote, zahlreich Verletzte nach offensichtlich koordinierten Attentaten an verschiedenen Orten in Paris. Es ist die schlimmste Attacke in Frankreich seit dem Algerienkrieg.
Das Land befand sich seit den Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt in Paris im Januar in hoher Alarmstufe. Die radikal-islamistische Bedrohung war und ist kein Geheimnis, nicht zuletzt weil der französische Militäreinsatz gegen Ziele des Islamischen Staates in Syrien und im Irak das Land in den Augen radikaler Islamisten zunehmend exponiert hat.

Dass die gestrigen Anschläge in Paris von Terroristen aus diesem Milieu verübt wurden, darüber gibt es kaum Zweifel. Wiewohl über die Attentäter bislang offiziell noch nicht viel bekannt ist. Einige von ihnen haben „Allah ist groß“ gerufen, andere sollen Augenzeugenberichten zufolge den Zusammenhang zu Syrien hergestellt haben. Terrorexperten in Frankreich hatten weitere Anschläge erwartet. Das Ausmaß der Koordination und das konkrete Vorgehen in Paris schockiert dennoch alle.
Ob nun tatsächlich der „Islamische Staat“ oder eine Al-Kaida-Franchise hinter den Anschlägen steckt ist unklar. Die Botschaft jedoch scheint klar: Wenn ihr uns attackiert, schlagen wir zurück. Und wir können euch treffen, egal wer ihr seid und wo ihr seid.

Denn die Pariser Anschläge sind nicht nur isoliert zu betrachten. Sie müssen meiner Meinung nach auch in einem Zusammenhang gesehen werden mit dem Terroranschlag in Beirut vorgestern, bei dem libanesische Schiiten und vor allem die radikal-schiitische Hisbollah das Ziel waren. Denn die Hisbollah kämpft an der Seite des syrischen Präsidenten Assad gegen radikal-sunnitische Regimegegner, unter ihnen Al-Kaida-nahe Milizen und der „Islamische Staat“. Aber auch mit dem Angriff auf das russische Charterflugzeug Ende Oktober, das Touristen vom ägyptischen Scharm-el-Scheikh nach Sankt Petersburg bringen sollte, könnte ein Zusammenhang bestehen. Denn Moskau hat in den letzten Wochen seinen militärischen Einsatz an der Seite der syrischen Regierungstruppen gegen radikal-sunnitische Regimegegner verstärkt.
Die Welt ist nicht nur im Nahen Osten aus den Fugen geraten sondern jetzt auch bei uns – im Herzen der Stadt, die für westliche Lebensart und Glamour steht: Paris.

 

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Schwarzer Freitag in Frankreich

Überraschen konnte der erneute Anschlag mit islamistischem Hintergrund in Frankreich kaum. Das Land befand sich seit den Anschlägen in Paris im Januar in hoher Alarmbereitschaft. Hatte doch der Islamische Staat (IS) vor rund einem Jahr insbesondere zu Anschlägen gegen Franzosen aufgerufen. Im Hexagon herrscht dennoch Betroffenheit und Entsetzen, aber keine Panik. Die Medien sprechen vom „Schwarzen Freitag“ nach den Anschlägen in Saint-Quentin Fallavier, im tunesischen Sousse und auf eine schiitische Moschee in Kuwait.

Dass die Attentate direkt zusammenhängen ist eher unwahrscheinlich. In Tunesien und in Kuwait bekannten sich inzwischen unterschiedliche Franchisen des Islamischen Staates. Gemeinsam ist aber allen dreien die für den IS typische Barbarei. Sie mögen auch im Zusammenhang stehen mit dem Aufruf des IS, insbesonderer während des islamischen Fastenmonats Ramadan so genannte Märtyrer-Operationen gegen den Feind zu begehen, weil die in seiner verkorksten religiösen Lesart den Märtyrern noch mehr Punkte bringen soll als zu normalen Zeiten. Erwähnenswert ist sicher auch, dass am kommenden Montag der Jahrestag der Ausrufung des Kalifats des IS ansteht. All dies mag für dieses Timing der grausamen Bluttaten sprechen, auch wenn ihre Opfer ganz unterschiedliche waren.

In Frankreich sind die politischen Reaktionen abhängig vom ideologischen Standpunkt. Die einen fordern nun den totalen Krieg gegen die islamistischen Terroristen und darüber hinaus gegen alle extremen Muslime. Die anderen rufen zur Besonnenheit und zur nationalen Einheit sowie der Verteidigung der republikanischen Werte auf. Beides sind im Grunde leere Parolen. Militärisch beziehungsweise mit Polizei- und Geheimdienstmitteln alleine läßt sich diese Problematik nicht lösen. Die totale Sicherheit gibt es ohnehin nicht, das haben schon andere Staaten unter Aufgebot all ihrer Ressourcen vergeblich versucht. Und nationale Einheit?

Zwar können die Franzosen für einen Moment in beeindruckender Weise zusammenstehen, wenn es um die Verteidigung ihrer Gesellschaftsordung geht angesichts radikal-islamistischer Sabotageversuche. Das haben die großen Solidaritätsdemonstrationen im Januar gezeigt. Nur: Das starke gemeinsame symbolische Bekenntnis „Je suis Charlie“ reicht eben nicht, wenn es darum geht sich einer sehr komplexen Problematik zu stellen. Einer, bei der es weder eindimensionale Ursachen noch simple Lösungen gibt.

Ein erster Schritt wäre vielleicht, sich der Realität, in der wir leben – und das nicht nur in Frankreich – in all ihrem Facettenreichtum zu stellen. Verantwortung zu übernehmen, wo sie zu übernehmen ist. Zusammenhänge zu erkennen, wo sie existieren. Ratlosigkeit einzuräumen, wo wir an unsere Grenzen des Verständnisses gelangen. Und dann gemeinsam einen Weg suchen, um Konflikte zu entschärfen. Um so vielleicht gewaltbereiten Extremisten jeglicher Couleur das Wasser abzugraben. In der Tat eine riesige gesellschaftliche Herausforderung. Sind wir dazu bereit?

 

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Schwarzer Freitag in Frankreich

Überraschen konnte der erneute Anschlag mit islamistischem Hintergrund in Frankreich kaum. Das Land befand sich seit den Anschlägen in Paris im Januar in hoher Alarmbereitschaft. Hatte doch der Islamische Staat (IS) vor rund einem Jahr insbesondere zu Anschlägen gegen Franzosen aufgerufen. Im Hexagon herrscht dennoch Betroffenheit und Entsetzen, aber keine Panik. Die Medien sprechen vom „Schwarzen Freitag“ nach den Anschlägen in Saint-Quentin Fallavier, im tunesischen Sousse und auf eine schiitische Moschee in Kuwait.

Dass die Attentate direkt zusammenhängen ist eher unwahrscheinlich. In Tunesien und in Kuwait bekannten sich inzwischen unterschiedliche Franchisen des Islamischen Staates. Gemeinsam ist aber allen dreien die für den IS typische Barbarei. Sie mögen auch im Zusammenhang stehen mit dem Aufruf des IS, insbesonderer während des islamischen Fastenmonats Ramadan so genannte Märtyrer-Operationen gegen den Feind zu begehen, weil die in seiner verkorksten religiösen Lesart den Tätern noch mehr Punkte bringen soll als zu normalen Zeiten. Erwähnenswert ist sicher auch, dass am kommenden Montag der Jahrestag der Ausrufung des Kalifats des IS ansteht. All dies mag für dieses Timing der grausamen Bluttaten sprechen, auch wenn ihre Opfer ganz unterschiedliche waren.

In Frankreich sind die politischen Reaktionen abhängig vom ideologischen Standpunkt. Die einen fordern nun den totalen Krieg gegen die islamistischen Terroristen und darüber hinaus gegen alle extremen Muslime. Die anderen rufen zur Besonnenheit und zur nationalen Einheit sowie der Verteidigung der republikanischen Werte auf. Beides sind im Grunde leere Parolen. Militärisch beziehungsweise mit Polizei- und Geheimdienstmitteln alleine läßt sich diese Problematik nicht lösen. Die totale Sicherheit gibt es ohnehin nicht, das haben schon andere Staaten unter Aufgebot all ihrer Ressourcen vergeblich versucht. Und nationale Einheit?

Zwar können die Franzosen für einen Moment in beeindruckender Weise zusammenstehen, wenn es um die Verteidigung ihrer Gesellschaftsordung geht angesichts radikal-islamistischer Sabotageversuche. Das haben die großen Solidaritätsdemonstrationen im Januar gezeigt. Nur: Das starke gemeinsame symbolische Bekenntnis „Je suis Charlie“ reicht eben nicht, wenn es darum geht sich einer sehr komplexen Problematik zu stellen. Einer, bei der es weder eindimensionale Ursachen noch simple Lösungen gibt.

Ein erster Schritt wäre vielleicht, sich der Realität, in der wir leben – und das nicht nur in Frankreich – in all ihrem Facettenreichtum zu stellen. Verantwortung zu übernehmen, wo sie zu übernehmen ist. Zusammenhänge zu erkennen, wo sie existieren. Ratlosigkeit einzuräumen, wo wir an unsere Grenzen des Verständnisses gelangen. Und dann gemeinsam einen Weg suchen, um Konflikte zu entschärfen. Um so vielleicht gewaltbereiten Extremisten jeglicher Couleur das Wasser abzugraben. Eine riesige gesellschaftliche Herausforderung. Sind wir dazu bereit?

 

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Fettnäpfchenführer Paris erschienen

Wärmt Paris? Oder bringt einen die Stadt eher zum Frösteln? Das fragte sich unser Paris-Weltreporter Michael Neubauer, als er morgens an der Metro einmal eine Pariserin mit einem Strickpulli gesehen hat, auf dem eine Wärmflasche abgebildet war. Sein jetzt erschienener „Fettnäpfchenführer“ über Frankreichs Hauptstadt erzählt viel darüber, wie die Pariser ticken. In der Métro, im Restaurant, in ihrer Freizeit, am Nationalfeiertag oder an Silvester. Er liefert Geschichten über Mentalitätsunterschiede, warnt vor der Andouillette und spricht mit einem Liftboy auf dem Eiffelturm über diesen Sehnsuchtsort. Es gibt eine Anleitung zum Glücklichsein im Restaurant, Ausgeh- und Spartipps, Informationen über das Hochhaustrauma der Pariser und über die Rettung des Qualitätsbaguettes. Für nach Paris Ausgewanderte dient der Reiseknigge auch als Ratgeber bei Heimweh – mit Adressen, wo man an Schwarzwälder Kirschtorte und Oktoberfestfähnchen rankommt.

Fettnäpfchenführer Paris. Ein Reiseknigge für die Stadt unterm Eiffelturm. Conbook Verlag, 352 Seiten.

http://www.conbook-verlag.de/buecher/fettnaepfchenfuehrer-paris/

 

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Smog in Paris

Die Dame versucht, am Metro-Eingang ihr Ticket zu entwerten – doch es funktioniert nicht. „Madame, heute ist die Metro gratis, Sie können einfach durch die Schleuse gehen“, sagt ein junger Franzose. Noch hat es sich nicht überall herumgesprochen: Seit drei Tagen ist der Nahverkehr in und um Paris umsonst. Das freut viele, auch die Touristen. Doch der Grund dafür ist weniger schön: Frankreichs Hauptstadt leidet unter Smog.

Die Pariser husten sich mal wieder durch ihre Stadt. Wie bereits genau vor einem Jahr hängt eine Smog-Wolke über der Metropole. Mehrere Tage hintereinander wurden die Feinstaub-Grenzwerte überschritten. Die Luftqualität ist an solchen Smog-Tagen in Paris zeitweise genauso schlecht wie in einem nicht gelüfteten Zimmer von 20 Quadratmetern, in dem acht Raucher gleichzeitig rauchen, stellten im vergangenen Jahr Forscher fest. Die ganze Region leidet immer wieder unter der miesen Luftqualität: 2013 sind in der Region Île-de-France die Feinstaub-Grenzwerte an 135 Tagen überschritten worden, die EU erlaubt nur 35.

Über den Dächern von Paris herrscht dicke Luft

Über den Dächern von Paris herrscht dicke Luft

Wie genau vor einem Jahr greift die Regierung zu drastischen Mitteln: Heute gilt ein Teil-Fahrverbot. Das heißt: In Paris und in 22 angrenzenden Vorstädten dürfen nur die Autos und Motorräder fahren, deren Kennzeichen mit einer ungeraden Zahl enden, alle anderen müssen stehen bleiben. In der ganzen Stadt kontrollieren 750 Polizisten, ob die Fahrer sich daran halten. 22 Euro kostet die Strafe für denjenigen, der trotzdem mit seinem Auto losdüst. Gleichzeitig wurde auf den meisten Straßen die Höchstgeschwindigkeit um 20 Stundenkilometer reduziert.

Vor einem Jahr zeigte das Fahrverbot Wirkung: Die Feinstaubbelastung nahm um sechs Prozent ab. Warum wartete die Regierung also jetzt tagelang? Wohl weil man vor den Départementswahlen am Sonntag die Wähler nicht verärgern wollte. Die Zeitung “Le Monde” fragte deswegen kritisch: „Wie viele Leben ist eine Wählerstimme wert?“

Die Behörden geben dem Wetter Mitschuld am Smog: ein Hochdruckgebiet über Frankreich, kein Wind und Regen, der den Dreck in der Luft wegpustet und fortspült. Doch die eigentlichen Verursacher sind andere: Die Schwerindustrie mit ihren Abgasen, das Düngen in der Landwirtschaft und vor allem die endlosen, stinkenden Blechlawinen in der Stadt. Täglich rollen auf dem 35 Kilometer langen „Périphérique“, der Pariser Stadtautobahn, 1,3 Millionen Fahrzeuge. Zwar haben die Pariser selbst oft gar kein Auto – nicht mal jeder zweite besitzt eines. Aber es  sind vor allem die vielen Pendler aus dem Umland mit ihren Dieselfahrzeugen, die den Smog verursachen: Dieselmotoren erzeugen besonders viele gefährliche Feinstaubpartikel.

Zwei von drei Autos in Frankreich fahren mit Dieselkraftstoff. Denn die französischen Regierungen förderten den Kraftstoff seit Jahrzehnten, indem sie ihn weniger besteuerten als normales Benzin. Viele französische Großstädte leiden nun dauerhaft wegen dieser Diesel-freundlichen Politik. Aber auch die vielen privaten Kamine der Region verpesten im Winter die Luft. So wird immer wieder heftig darüber gestritten, ob es im Großraum Paris verboten werden soll, in Wohnungskaminen ein gemütliches Feuerchen zu schüren.

Die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo macht den Kampf gegen Luftverschmutzung zur Chefsache. Das Rathaus kündigt einen radikalen Umweltplan für die kommenden Jahre an. Denn die Feinstaubbelastung verkürze die durchschnittliche Lebenserwartung der Pariser um sechs bis neun Monate, heißt es. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO sterben 42000 Menschen in Frankreich an den Folgen der Luftverschmutzung. Die Partikel verursachen Lungenkrebs und Atemwegskrankheiten.

Pariser, die ihr (vor 2001 angeschafftes) Dieselauto abschaffen wollen, werden unterstützt: mit Vergünstigungen für Abonnements für das Autoverleihsystem Autolib oder Fahrradverleihsystem Velib. Aber auch mit bis zu 400 Euro für den (Elektro-)Fahrradkauf oder einer Jahreskarte für die Metro. Auch Firmen bekommen Zuschüsse, wenn sie ihre Lieferwagen ausmustern und auf ein Elektrofahrzeug umsteigen. Schrittweise soll es für ältere Diesel-Laster und -Busse sowie auch für Pkw Fahrverbote geben – bereits ab Juli 2015, aber vor allem ab Juli 2016.

Anne Hidalgo will zudem mehr Fußgängerzonen. In den vier zentralen Arrondissements sollen neben Fahrrädern, Bussen, Radlern und Taxis nur die Anwohner, Lieferanten und Notärzte fahren dürfen: Das beträfe die Gegend von der Place de la Concorde über den Louvre vorbei an Notre-Dame und dem Rathaus bis zur Place de la Bastille und der Place de la République. Es soll Versuche geben, große Boulevards wie die Champs-Elysées oder die Rue Rivoli nur noch für besonders abgasarme Autos zu öffnen. Bis 2020 sollten die gesundheitsschädlichen Dieselautos sogar ganz aus der Stadt verbannt werden – und die Länge der Fahrradspuren verdoppelt werden.

Doch das ist Zukunftsmusik. Schon morgen dürfen erst einmal wieder alle Autofahrer fahren und die Metro kostet wieder Geld – denn es sind Wind und Regen angekündigt.

 

 

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Tout Paris auf der Jagd nach Charlie Hebdo

“Nein, nichts mehr. Kommen Sie morgen wieder!” Der Kioskverkäufer am Gare de l’Est schüttelt den Kopf. Ich bin sicherlich um 8.40 Uhr die Hundertste die ihn fragt, ob er noch eine Ausgabe der neuen Charlie Hebdo hat. Eine Bekannte hat sieben Kiose abgelaufen. Ohne Erfolg. Bereits um 7.20 Uhr war alles in ihrem Viertel weg.

Foto 2

Ganz Paris macht sich auf die Jagd nach der heiß erwarteten Ausgabe nach dem Attentat. Wie Jäger gucken die Parise unruhig und flatternden Augen in den Zeitschriften-Läden herum. Man erkennt sich sofort und tauscht die wichtigen Informationen aus: “Sie suchen sicherlich das Gleiche. Ich war schon beim Kiosk X, Y und Z. Haben Sie es schon in der Rue XX versucht? Ok, auch nichts. Na, dann wünsche ich einen schönen Tag!

Drei Millionen sind von der Ausgabe gedruckt worden, doch die Kioske bekamen heute morgen um 7 Uhr nur eine kleine Lieferung. “Das waren ganz wenige Exemplare und die waren super schnell weg”, murmelt der Kiosk-Besitzer am Boulevard St. Denis und packt in den leeren Ständer die Zeitung Libération, die auf ihrer ersten Seite ein Collage aus vielen Charlie Hebdos abegdruckt hat. Bis Ende der Woche würde ausgeliefert, meinte der erste von drei von mir abegelaufenen Zeitungshändler. Versuchen sie es dann. “Wann?”, frage ich. “Am besten gleich um 7 Uhr!” Na, dann muss ich heute zeitig ins Bett.

 

 

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Eindrücke vom Demonstrationstag in Paris

Die größte Demonstration in der Geschichte Frankreichs: 1,5 Mio. gingen in Paris auf die Straßen, in ganz Frankreich 4,5 Mio. Menschen. In Paris ging rund um den Place de la République nichts mehr. Dass man nicht voran kam, tat der Stimmung keinen Abbruch.

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Die Bilder zeigen die Situation auf den Grand Boulevards (Blvd. Bonne Nouvelle, St. Denis, St. Martin) und die Einfallsstraßen. Sowie die Rue Turbigo. Alle Straßen laufen sternförmig auf den Place de la République zu.

Hier noch ein Video

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=1OA-LtfOrOU?list=UU6q2nZglXRyB8tYcNTrZKlw]

Fotos, Videos. Barbara Markert

 

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Von Stiften, Mayo und Stolz

Von wegen Trauermarsch. Humor und Freundlichkeiten überall. Viele Franzosen haben auf die Place de la République Karikaturen von den getöteten Charlie-Hebdo-Zeichnern Cabu, Tignous und Wolinski mitgebracht und sich auf die Jacke gesteckt.

Ein Mann geht auf einen Polizisten in Uniform zu und sagt: „Danke für Ihre Arbeit, danke dass Sie uns beschützen.“ Ein anderer gibt einem Polizisten sogar eine Bise, die französischen Wangenküsschen. Die Umherstehenden lachen und spenden Applaus.

Dann diese Stift-Vielfalt. Ein Zeichen der Solidarität mit den Karikaturisten. Stifte werden zu Haarnadeln, stecken senkrecht auf Mützen. Da hieven Demonstranten einen fast zwei Meter hohen Karton-Stift auf das Republik-Denkmal mitten auf dem Platz. Oben steht ein junger Mann, der den Leuten „Charlie“ zuruft. Dann klatscht. Dann die Marseillaise anstimmt. Die Massen antworten ihm mit Charlie, mit Geklatsche, mit der Marseillaise.

Einigkeit, Respekt, Solidarität. Frankreich schafft sich an diesem Tag eine Wir-sind-ein-Volk-Stimmung. „Das hier ist für mich heute der einzige Ort, wo man sein kann“, sagt Widmaer Blezin. Er steht auf der Place de la République mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Sie hatten keine Angst, heute hierher zu kommen. „Hier ist es nicht gefährlicher als irgendwo anders in Europa.“ Seine dreijährige Tochter sitzt auf seinen Schultern und isst Chips, die Krümel fallen in sein Haar. Blezin trägt eine weiße Armbinde mit der Aufschrift: „Ich bin unschuldig.“ „Weil ich Schwarzer bin, und weil ich seit vergangener Woche auf der Straße oft anders angeschaut werde“, sagt er. Denn der Attentäter, der den jüdischen Supermarkt überfallen hatte, war Schwarzer. Diese Terrortage dürften nicht dazu führen, dass hier wieder Minderheiten und Schwarze stigmatisiert würden. „Frankreich ist doch ein schöner großer Melting-Pot“, sagt er und grinst. „Nur die Mayonnaise stimmt noch nicht so richtig.“

Jugendliche sitzen auf einem Kiosk. Einer trägt eine Clown-Nase. Andere sitzen auf Ampeln. „Jetzt marschiert doch endlich“, brüllt ein junger Mann. Er steht weit oben an einem offenen Fenster der Häuser, die noch aus der Haussmann-Zeit stammen. „Da lang“, sagt er und zeigt in Richtung Place de la Nation. Die Leute lachen und rufen nach oben: „Kommt runter, kommt runter, kommt runter.“

Der 17-jährige Clément Bonnet ist das erste Mal auf einer Demo: „Ich bin stolz, das sind so viele Menschen“, sagt er. Er lese seit vier Jahren Charlie Hebdo. Nicht immer würden ihm die Zeichnungen gefallen. „Aber die Zeichner sind einfach mutig, sich wirklich über alles lustig zu machen.“ Er sei hier, um die Pressefreiheit zu verteidigen.

Um ihn herum halten viele Leute Schilder hoch. „Charlie Akbar“, „Charlie – Juif (Jude) – Flic (Polizist)“, „Freiheit ist die DNA von Humor“, „Vergießt Tinte, nicht Blut“, „Love ist the answer“. Ein Franzose sagt: „Wir Franzosen brauchten diesen Marsch, denn solche Bilder der Einheit und der Solidarität müssen die schrecklichen Bilder der vergangenen Terrortage überlagern.“ Er sei stolz, wie sein Land auf den Terror reagiere. Ja, viele Franzosen sind stolz auf die Rückkehr eines republikanischen Geistes. Sie merken wieder ihre Stärken. Dominierten doch in letzter Zeit vor allem nur noch politischer Streit, Depression, Zukunftsängste, Wirtschaftskrise und Präsidenten-Bashing.

Auch viele Deutsche sind hier. Eine Frau, die in der deutschen Botschaft in Paris arbeitet, hält ein Schild mit der Aufschrift: „Je suis française Ich bin Französin“. Sie lebt seit zweieinhalb Jahren in Paris. Als die Anschläge sich ereignet hatten, hätten sich die Pariser in der Metro plötzlich in die Augen geschaut, sagt sie. Normalerweise tun sie das nicht, jeder ist für sich. „Ich hoffe nur, dass das Land nicht zerfällt.“ Sie spricht das aus, was viele Franzosen hoffen. Dass diese Einheit nicht nur ein warmes Gefühl dieses Sonntags ist. Sondern dass sie lange anhält.

 

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Von Stiften, Mayo und Stolz

Von wegen Trauermarsch. Humor und Freundlichkeiten überall. Viele Franzosen haben auf die Place de la République Karikaturen von den getöteten Charlie-Hebdo-Zeichnern Cabu, Tignous und Wolinski mitgebracht und sich auf die Jacke gesteckt.

Ein Mann geht auf einen Polizisten in Uniform zu und sagt: „Danke für Ihre Arbeit, danke dass Sie uns beschützen.“ Ein anderer gibt einem Polizisten sogar eine Bise, die französischen Wangenküsschen. Die Umherstehenden lachen und spenden Applaus.

Dann diese Stift-Vielfalt. Ein Zeichen der Solidarität mit den Karikaturisten. Stifte werden zu Haarnadeln, stecken senkrecht auf Mützen. Da hieven Demonstranten einen fast zwei Meter hohen Karton-Stift auf das Republik-Denkmal mitten auf dem Platz. Oben steht ein junger Mann, der den Leuten „Charlie“ zuruft. Dann klatscht. Dann die Marseillaise anstimmt. Die Massen antworten ihm mit Charlie, mit Geklatsche, mit der Marseillaise.

Einigkeit, Respekt, Solidarität. Frankreich schafft sich an diesem Tag eine Wir-sind-ein-Volk-Stimmung. „Das hier ist für mich heute der einzige Ort, wo man sein kann“, sagt Widmaer Blezin. Er steht auf der Place de la République mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Sie hatten keine Angst, heute hierher zu kommen. „Hier ist es nicht gefährlicher als irgendwo anders in Europa.“ Seine dreijährige Tochter sitzt auf seinen Schultern und isst Chips, die Krümel fallen in sein Haar. Blezin trägt eine weiße Armbinde mit der Aufschrift: „Ich bin unschuldig.“ „Weil ich Schwarzer bin, und weil ich seit vergangener Woche auf der Straße oft anders angeschaut werde“, sagt er. Denn der Attentäter, der den jüdischen Supermarkt überfallen hatte, war Schwarzer. Diese Terrortage dürften nicht dazu führen, dass hier wieder Minderheiten und Schwarze stigmatisiert würden. „Frankreich ist doch ein schöner großer Melting-Pot“, sagt er und grinst. „Nur die Mayonnaise stimmt noch nicht so richtig.“

Jugendliche sitzen auf einem Kiosk. Einer trägt eine Clown-Nase. Andere sitzen auf Ampeln. „Jetzt marschiert doch endlich“, brüllt ein junger Mann. Er steht weit oben an einem offenen Fenster der Häuser, die noch aus der Haussmann-Zeit stammen. „Da lang“, sagt er und zeigt in Richtung Place de la Nation. Die Leute lachen und rufen nach oben: „Kommt runter, kommt runter, kommt runter.“

Der 17-jährige Clément Bonnet ist das erste Mal auf einer Demo: „Ich bin stolz, das sind so viele Menschen“, sagt er. Er lese seit vier Jahren Charlie Hebdo. Nicht immer würden ihm die Zeichnungen gefallen. „Aber die Zeichner sind einfach mutig, sich wirklich über alles lustig zu machen.“ Er sei hier, um die Pressefreiheit zu verteidigen.

Um ihn herum halten viele Leute Schilder hoch. „Charlie Akbar“, „Charlie – Juif (Jude) – Flic (Polizist)“, „Freiheit ist die DNA von Humor“, „Vergießt Tinte, nicht Blut“, „Love ist the answer“. Ein Franzose sagt: „Wir Franzosen brauchten diesen Marsch, denn solche Bilder der Einheit und der Solidarität müssen die schrecklichen Bilder der vergangenen Terrortage überlagern.“ Er sei stolz, wie sein Land auf den Terror reagiere. Ja, viele Franzosen sind stolz auf die Rückkehr eines republikanischen Geistes. Sie merken wieder ihre Stärken. Dominierten doch in letzter Zeit vor allem nur noch politischer Streit, Depression, Zukunftsängste, Wirtschaftskrise und Präsidenten-Bashing.

Auch viele Deutsche sind hier. Eine Frau, die in der deutschen Botschaft in Paris arbeitet, hält ein Schild mit der Aufschrift: „Je suis française Ich bin Französin“. Sie lebt seit zweieinhalb Jahren in Paris. Als die Anschläge sich ereignet hatten, hätten sich die Pariser in der Metro plötzlich in die Augen geschaut, sagt sie. Normalerweise tun sie das nicht, jeder ist für sich. „Ich hoffe nur, dass das Land nicht zerfällt.“ Sie spricht das aus, was viele Franzosen hoffen. Dass diese Einheit nicht nur ein warmes Gefühl dieses Sonntags ist. Sondern dass sie lange anhält.

 

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Unser 11. September

Der Angriff auf “Charlie Hebdo” war nicht das schlimmste Attentat in Europa. Doch die Reaktion in Paris und ganz Europa zeigt, dass dies ein Wendepunkt war wie der 11. September in New York. Was folgt daraus?

Madrid, London, Toulouse, Brüssel – seit dem 11. September hat es in Europa schon viele schlimme Attentate gegeben, die auf radikale Islamisten zurückgehen.

Doch noch nie zielten Terroristen so direkt und so brutal auf einen Grundpfeiler der europäischen Kultur: Die Meinungs- und Pressefreiheit.

Und noch nie war die Reaktion von Politik und Gesellschaft so eindeutig und entschieden wie in Paris, wo am Sonntag mehr als eine Million Menschen auf die Straße gegangen sind.

Sogar Präsident Hollande war dabei, obwohl französische Staatschefs sonst (fast) nie demonstrieren. Auch viele EU-Politiker kamen, darunter Kommissionschef Juncker und Kanzlerin Merkel.

Die richtigen Lehren ziehen

Es ist gut und wichtig, dass die Europäer ein Zeichen setzen gegen Terror, Fremdenhass, Antisemitismus und einen Gewaltkult, der ans finsterste Mittelalter erinnert.

Doch was kommt danach? Werden die EUropäer endlich die Lehren aus dem 11. September 2001 ziehen – und ihre Fehler im Irak, in Syrien und in Nahost korrigieren?

Das sind die Brandherde, die derzeit tausende junge Europäer anziehen und zu Terroristen machen. Man darf gespannt sein, was unsere EU-Außenpolitiker dazu sagen, vor allem die “neuen Europäer”.

Völlig falsche Prioritäten

Bisher setzen sie falsche Prioritäten – und verteufeln Putin, statt den wahren Gefahren für die “europäische Friedensordnung” ins Auge zu sehen, die übrigens auch in der Türkei lauern.

Mindestens genauso wichtig ist aber die Reaktion nach innen. Natürlich müssen jetzt die Sicherheits-Maßnahmen überprüft und ggf. verschärft werden.

Klar ist aber auch, dass neue Passagierdaten-Abkommen, wie sie etwa EU-Ratspräsdient Tusk fordert, im Fall “Charlie Hebdo” nichts gebracht hätten.

Bedrohung aus dem Homeland

Gegen die Bedrohung von innen – aus dem “Homeland”, wie es neudeutsch heißt – nutzen die meisten aktuellen Antiterror-Maßnahmen nichts; das ist offensichtlich.

Viel wichtiger wäre daher, endlich das leere Versprechen einzulösen, etwas gegen Jugendarbeitslosigkeit und Ausgrenzung in den Problemvierteln von Paris, London oder Hamburg zu tun.

Dazu müsste sich allerdings auch die Wirtschafts- und Sozialpolitik insgesamt ändern. Ich habe Zweifel, ob Tusk, Merkel & Co. dazu bereit sind…

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog “Lost in EUrope”

photo credit: OlivierdeBrest via photopin cc

 

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Karikaturisten leben gefährlich – weltweit

Natürlich trifft Dänemark der Anschlag in Paris ganz besonders. Schließlich waren die berühmt-berüchtigten Mohammed-Karikaturen zuerst in einer dänischen Zeitung erschienen: am 30. September 2005 wurde diese in “Jyllands-Posten” veröffentlicht. Seither gab es Debatten, Demonstrationen und Tote – zuletzt in Paris.

Bladtegnere i et globalt minefelt Gyldendal Verlag

Bladtegnere i et globalt minefelt Gyldendal Verlag

Ein Beitrag zur Meinungsfreiheits-Debatte, der ohne die Karikaturen wohl nicht entstanden wäre, ist das Buch “Karikaturisten im globalen Minenfeld” des dänischen Journalisten Anders Jerichow, Redakteur bei “Politiken”, der linksliberalen Zeitung, die im selben Verlag erscheint wie “Jyllands-Posten”.

Das Buch, 2012 auf Dänisch erschienen, gibt weltweite Beispiele von der gefährdeten Meinungsfreiheit der Karikaturisten. Neben der Karikaturen-Krisegeht es ebenso um ältere und aktuellere Fälle aus Südafrika, Dänemark, den USA, Indonesien und diversen anderen Ländern (Deutschland fehlt übrigens). In Frankreich war Jerichow bei Plantu, der für Le Monde zeichnet.

Für “Die Welt” besuchte ich Jerichow nach Erscheinen des Buches in seinem Kopenhagener Büro. Alleine das Sicherheitsniveau, das dort herrschte und immer noch herrscht, zeigt als wie real die Anschlagsgefahr gesehen wurde und wird. Pläne den Verlag anzugreifen hat es gegeben – glücklicherweise hat die Polizei in Dänemark bisher Terror verhindern können. Hier der zugehörige Artikel in der Online-Version.

Über die Zeichnungen sprach ich vor einigen Jahren auch mit der aus dem Iran stammenden Künstlerin Shirin Neshat, die mir erläuterte, warum auch sie, in New York lebende Weltenbürgerin, sich durch die Zeichnungen gekränkt fühlte. Online zu lesen bei art.

 

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Die Nationen trauern vereint

Der Anschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris, kaum mehr als drei Zugstunden von Genf entfernt, hat im Völkerbundpalast Trauer und Entsetzen ausgelöst. Krisen, Krieg und Gewalt gehören für die UN und für die Korrespondenten hier zum Arbeitsalltag. Und trotzdem trifft das Attentat von Paris die Organisation, die UN-Menschenrechtskommissar Zeid al-Hussein bei einem Gedenken am Freitag als globale Familie bezeichnet, ins Herz.

Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Zeid al-Hussein, bei einer Schweigeminute am 9.1.15 im Genfer Palais des Nations

Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Zeid al-Hussein, bei einer Schweigeminute am 9.1.15 im Genfer Palais des Nations

Das liegt daran, dass nicht nur die Journalisten im Palais das Recht auf freie Meinungsäußerung für eines der unveräußerlichsten Menschenrechte überhaupt halten. “Dieses Recht muss deshalb vehement verteidigt werden, vor allem von den Vereinten Nationen, von mir wie von uns allen”, sagt al-Hussein.

Der gebürtige Jordanier mahnt nach dem Anschlag dazu, innezuhalten anstatt über Rache nachzusinnen. “Es wird noch viel Gewalt geben, und zwar bald, wenn wir uns jetzt nicht klar und menschlich verhalten”, sagt er. “Weder der Islam noch die Multikulturalität Europas sind für den blutigen Überfall vor zwei Tagen verantwortlich, wie es verschiedene rechte Politiker bereits behauptet haben”, betont er.

Al-Hussein, selbst Muslim, geht differenziert auf die umstrittenen Cartoons von Charlie Hebdo ein. “Als Muslim empfinde ich viele der Cartoons, die heute überall wiederveröffentlicht werden, als beleidigend, so wie alle Muslime in diesem Gebäude und überall auf der Welt, alle 1,6 Milliarden”, sagt er. “Aber die Antwort ist natürlich nicht, jemanden zu ermorden oder zu verletzen. Stattdessen müssen wir das gleiche Recht nutzen, dass die getöteten Redakteure von Charlie Hebdo so meisterlich genutzt haben: das Recht, frei zu schreiben, zu sprechen und zu zeichnen.”

Für den Menschenrechtskommissar ist längst erwiesen, dass das Wort mächtiger ist als das Schwert oder eine andere Waffe. “Wir müssen über die Notwendigkeit sprechen, mehr zu lieben, uns mehr zu kümmern, gütig zu sein, mehr Menschen zu intergrieren und besser integriert zu sein: Wenn wir irgendeine Lehre aus diesen teuflischen Morden ziehen können, dann ist es diese.”

Die UN kranken oft daran, keine klaren Positionen beziehen zu können. Wer 193 Staaten repräsentiert, spricht oft verklausuliert. Nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo haben die UN klare Worte gesprochen, in Genf und in New York. Das lässt hoffen, dass sie im Kampf gegen Terror und Extremismus auf allen Seiten in den kommenden Wochen ihr ganzes Gewicht in die Wagschaale werfen wird.

 

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Adventston 21. 12. – der Gave de Cauterets

BirgitKasparWanderungPyrenäenHeute hören wir im WELTREPORTER–Adventskalender einen Gebirgsfluss – den Gave de Cauterets, einen reißenden Gebirgsfluß, der in seinem Verlauf mitten durch den Ort Cauterets fließt (ein bekanntes Thermalbad in den Pyrenäen). Es war dieser Gave, der bei den Unwettern im Juni 2013 über die Ufer getreten ist und ganze Häuser und Straßen mit sich gerissen hat.

“Eure Nachrichten haben damals vermutlich nur über Lourdes und die Überschwemmungen berichtet”, mailt Birgit Kaspar dazu. “Damit Ihr für meinen Gebirgsbach ein passendes Fotos habt – hier eines von mir hoch oben in den Pyrenäen. Wo ich ja nicht nur gerne arbeite, sondern noch lieber wandere!”

Wenn Birgit nicht wandert, dann beobachtet sie von Toulouse aus, wie sich die Pariser Politik im Leben der Menschen auswirkt. Besonders interessiert sie sich für die Integration von Minderheiten (Muslime, Juden, Roma), eine ungelöste Problematik auf die viele Franzosen mit zunehmender Ausgrenzung bis hin zu Fremdenhass reagieren.

Birgits Berichte sind zu hören und zu lesen bei Deutschlandradio, dem ARD-Hörfunk und Zeitungen und Magazine wie „Cicero“, „Luxemburger Wort“,„Sonntag/Leben & Glauben“ und „Country“.

 

 

 

 

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Wenn eine menschliche Stimme erklingt…

Auf diesem dunkelnden Stern, den wir bewohnen, am Verstummen, im Zurückweichen vor zunehmendem Wahnsinn, beim Räumen von Herzländern, vor dem Abgang aus Gedanken und bei der Verabschiedung so vieler Gefühle, wer würde da – wenn sie noch einmal erklingt, wenn sie für ihn erklingt! – nicht plötzlich inne, was das ist: Eine menschliche Stimme.“

Ingeborg Bachmann in „Musik und Dichtung“

Gestern haben wir sie gehört, diese Stimme. Was sage ich denn! Viele Stimmen waren es, aber auf wunderbare Weise verschmolzen zu einer. Sie sangen Barekhou, Khorshat Haekalyptus, Hitrag’out und vieles mehr. Hebräische Lieder erklangen in der mehr als nüchternen Mehrzeweckhalle in Balma. Aber es waren nicht nur die Lieder selbst, es waren die Stimmen, die anrührten.

Renania in Toulouse

Avner Soudry, Leiter und Erfinder der europäischen Chorbewegung „Rénanim“ ermuntert immer wieder: „Hören sie nicht nur auf die Melodien, hören sie auf die Stimmen dahinter“. Die Stimmen dieser rund 100 Laiensänger tragen die Melodien. Und sie tragen ihre Botschaft weit über die Balma nahe Toulouse hinaus. Sie lautet: Frieden und Austausch über einen interkulturellen Dialog durch gemeinsames Singen. Soudry wünscht sich, die hebräisch-jüdische Kultur mit anderen zu teilen. Es geht ihm ausdrücklich nicht um zionistische Propaganda, es geht nicht um die jüdische Religion wiewohl auch religiöse Lieder gesunden werden. „Uns interessiert das gesamte jüdische Repertoire, was unsere Großmütter gesungen haben, was in der Synagoge gesungen wird, was auf der Straße gesungen wird. Wir wollen nicht eine Seite der jüdischen Kultur gegen die andere ausspielen. Was jüdisch ist, der Judaismus, ist ja glüclicherweise nicht auf die Religion, auf die Synagoge beschränkt.“

Soudry weiß, dass er sich mit diesem Grundgedanken zwischen alle Stühle setzt. Jüdische Autoritäten rümpfen die Nase, weil Rénanim beispielsweise auch in Kirchen singt. Einige Nicht-Juden verstehen auch nicht so recht, was das soll. Aber der Israeli Soudry, der in Nizza lebt und dort zwei Orchester leitet, setzt genau auf diese kontroverse Offenheit.

So singen sie zusammen, Juden und Nicht-Juden, aus Frankreich, Belgien, Holland und zum ersten Mal auch aus Deutschland. Denn der Chor „Rénanim Toulouse“ hat seine Schwesterchöre eingeladen, beim Jahrestreffen das zehnjährige Bestehen der südwestfranzösischen Sektion zu feiern. Es ist ein besonders freudiges Wiedersehen, nicht zuletzt für mich persönlich. Als ich vom Parkplatz zum Halleneingang gehe, winkt Claude mir freundlich mit ihrem roten Schal zu. „Brigitte, wie geht es Ihnen?“ Im März 2013 hatte ich eine Chorprobe in Toulouse besucht, um eine Reportage zu schreiben. Leider ging es dabei nicht nur um den Chor, sondern auch um die veränderten Lebensbedingungen und das sich wandelnde Lebensgefühl der Juden in Toulouse nach dem Anschlag des Terroristen Mohammed Merah gegen eine jüdische Schule im Jahr zuvor.

Es wurde ein bewegender Abend für mich. Nicht nur lernte ich sehr viel über hebräische Lieder und die Rénanim-Chorbewegung. Avner Soudry, der extra aus Nizza gekommen war, und die 19 Toulouser Choristen, öffneten sich mir zudem in einer Weise, die ich nicht erwartet hatte. Sie teilten die Musik, den Spaß an der Probe aber auch ihre Gedanken und Gefühle angesichts einer Zunahme von verbaler und physischer Gewalt gegen Juden in Frankreich. Mit der gleichen Wärme, mit der sie mich an jenem Schnee-kalten März-Abend 2013 verabschiedeten, begrüßen sie mich nun in Balma wieder. Besonders freut mich zu hören, dass es inzwischen einen deutschen Rénanim-Chor in Berlin gibt. Damit hat sich ein großer Wunsch Avner Soudrys erfüllt. Für ihn ist dies der Versuch, über die schmerzhafte Vergangenheit hinauszugehen. Gleichzeitig ist in seinen Augen eine europäisch-jüdische Chrobewegung unvollständig, wenn sie nicht eine deutsche Komponente hat. Denn in Soudrys Augen waren es die deutschen Juden, die nach ihrer Flucht vor den Nazis die israelische musikalische Tradition begründet haben, mit der er aufgewachsen ist.

Es hagelt und donnert, als die Frauen in schwarzen Kleidern, geschmückt mit roten Schals, und die Männer in weissen Hemden mit schwarzer Fliege zum Abschluß des Konzerts mit Leib und Seele „Shir Lashalom“ sangen – ein Lied für den Frieden, das zur Hymne für die israelische Friedensbewegung wurde. Jede Stimme spricht für sich und hat sicherlich eine ganz individuelle Botschaft. Und doch verschmelzen sie zu eben dieser menschlichen Stimme, die Ingeborg Bachmann meint. Eine Stimme die laut erklingt, die Grenzen überschreitet, die dort anrührt, wo wir noch erreichbar sind.

 

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L´Energiewende in Frankreich

Mit großer Aufmerksamkeit beobachten die Franzosen, wie der Nachbar Deutschland seine Energiewende meistern will. Vielleicht schafft es das deutsche Wort ja noch in den französischen Wortschatz: „L’Energiewende“ taucht oft in französischen Zeitungsartikeln auf. Die Medien berichten vor allem über steigende Energiepreise und Entlassungen bei Stromkonzernen. Die Bürger in Deutschland zahlten einen hohen Preis für den Atomausstieg, heißt es immer wieder. Die sozialistische Regierung weiß: Viel höhere Strompreise sind in dem krisengeschüttelten Frankreich zurzeit kaum durchzusetzen. Entlassungen im Nuklearsektor auch nicht. Das Thema Energiewende ist also ein höchst sensibles in dem Land, das derzeit 75 Prozent seines Stroms aus seinen 58 Atomkraftwerken bezieht.

Kein Wunder also, dass die Präsentation des Gesetzentwurfs zur Energiewende ein Jahr länger dauerte als geplant. Nach langen Beratungen hat nun Umweltministerin Ségolène Royal die großen Linien dem Kabinett vorgestellt. Die „Transition énergétique“ (Energieübergang) werde Frankreich helfen, aus der Krise zu kommen, sagte sie.

Präsident François Hollande hatte mehrmals betont, dass dieser Gesetzestext einer der wichtigsten seiner fünfjährigen Amtszeit sein werde. Schon während seines Wahlkampfs hatte er eine für Frankreich kleine Revolution angekündigt: Denn der Anteil der Kernenergie an der Stromversorgung soll bis 2025 um 25 Prozent reduziert werden.

Der Entwurf umfasst nun 80 Artikel. Fünf große Punkte prägen ihn: Neben der oben genannten Reduktion des Anteils der Atomenergie im Strommix soll der Ausstoß der Treibhausgase bis 2030 um 40 Prozent gesenkt werden (im Vergleich zu 1990). Im selben Jahr sollen 40 Prozent der Energieproduktion in Frankreich aus erneuerbaren Quellen stammen. 2012 lag der Anteil bei knapp 14 Prozent. Der Verbrauch fossiler Energien wie Erdöl und Kohle soll bis 2030 um 30 Prozent gesenkt werden.

 Geplant ist auch das Ziel, den Energieverbrauch in Frankreich bis 2050 zu halbieren (Vergleich zu 2012).

Kritiker werfen Royal bereits vor, eingeknickt zu sein – vor allem gegenüber der Atomlobby. Denn die Grünen hatten gefordert, dass in dem Gesetz das Recht des Staates festgeschrieben wird, aus energiepolitischen Gründen Atomreaktoren stilllegen zu können. Das ist nun nicht der Fall. Auch eine maximale Laufzeit von 40 Jahren  für Frankreichs Reaktoren ist nicht im Text verankert. Welche Reaktoren und wie viele abgeschaltet werden – keine Angabe. Gerade im Elsass hatten viele Atomkraftgegner gefordert, dass die Abschaltung von Fessenheim Schwarz auf Weiß festgehalten wird. Präsident Hollande hatte die Stilllegung bis Ende 2016  angekündigt. Doch der Name Fessenheim taucht nicht auf.  „Das ist ein Versprechen des Präsidenten“, sagte Ségolène Royal nun der Zeitung Le Monde. Vermutlich befürchtet die Regierung enorme  Entschädigungsforderungen von Seiten des börsennotierten Konzerns EDF, würde man die Stilllegung ins Gesetz schreiben.

Die Regierung verfolgt eine andere Strategie. Festgeschrieben in dem Entwurf wird nun eine Kapazitätsobergrenze bei der Atomenergie von 63,2 Gigawatt – das entspricht dem Stand von heute. EDF als Betreiber der Atomkraftwerke und Vermarkter des Stroms soll in Zukunft einen mehrjährigen, nach Energiequellen gegliederten Stromplan vorlegen, der mit dem Gesetz in Einklang stehen muss. Diesen werde dann der Staat (größter Aktionär von EDF mit einem Anteil von 85 Prozent) prüfen. Der erste Plan betrifft den Zeitraum von 2015 bis 2018. In dieser Periode soll der neue Europäische Druckwasserreaktor in Flamanville am Ärmelkanal in Betrieb gehen.  Will die EDF dafür vom Staat die Starterlaubnis, wird sie wohl mit Blick auf die Obergrenze ein anderes Kraftwerk stilllegen müssen – etwa Fessenheim.

Royal bezeichnet die Energiewende als wichtigen Hebel Frankreichs zum Ausstieg aus der Krise. Ziel sei es, in den kommenden drei Jahren 100.000 Arbeitsplätze mit Hilfe der Ökologie- und Energiewende zu schaffen. So soll es zum Beispiel für energetische Sanierungen Steuererleichterungen bis zu 30 Prozent geben. Haus- und Wohnungsbesitzer sollen künftig verpflichtet werden, bei Dach- oder Fassadearbeiten solche Sanierungen vorzunehmen. Haushalte mit geringem Einkommen sollen Energieschecks erhalten, die Regionen Eigentümern Kredite geben können, Biogasanlagen gefördert werden. Bis 2030 werden zudem sieben Millionen Aufladestationen für Elektroautos errichtet.

Die Transition énergétique kostet vermutlich 20 bis 30 Milliarden Euro jährlich: Wie das genau in Zeiten leerer Kassen finanziert werden soll, ist noch unklar. Im Herbst 2014 soll das Parlament über den Entwurf debattieren. Im Jahr 2015, wenn in Paris die UN-Klimakonferenz stattfindet, soll das Gesetz spätestens Wirklichkeit werden.

 

 

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Basteln an Frankreichs Karte

 

Frankreichs Landkarte war in den vergangenen Wochen oft in den Zeitungen und im Fernsehen zu sehen. Sie war unterlegt mit Farben für die Regionen, versehen mit Pfeilen, die in verschiedene Richtungen zeigten. Der Grund: Staatspräsident François Hollande hätte die Karte gerne ein wenig anders.

Der Präsident kritisiert die Verwaltungsstruktur im Land mit ihren drei Gebietskörperschaften: Im Mutterland existieren 22 Regionen, 96 Departements und über 36700 Gemeinden. „Die Organisation der Verwaltung ist zu kompliziert, zu schwer, zu teuer“, sagte der Präsident. Seine Kritik ist nicht neu. Immer wieder verweisen Experten auf den aufgeblähten Verwaltungsapparat. Die Bürger wüssten längst nicht mehr, wer für was zuständig sei. Nicht selten kommt es vor, dass sich Kommune, Departement und Region um dasselbe kümmern – etwa beim Tourismus oder bei der Wirtschafts- und Kulturförderung.

Ziel der französischen Regierung ist es nicht nur, das Wirrwarr an Kompetenzen zu beenden. Die Krise, in der das Land steckt, verlangt auch, bei den öffentlichen Ausgaben zu sparen. Fusionieren die Regionen, gibt es weniger Abgeordnete und weniger Beamte. Gleichzeitig geht es aber auch darum, die Regionen fit zu machen. Sie bräuchten mehr Gewicht in Europa, heißt es immer wieder. Sie litten an Kompetenzschwäche und an zu wenig Mitteln, um ihre wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben zu können. Frankreich brauche eine Art „Deutsche Bundesländer à la française“.

Tatsächlich haben die französischen Regionen viel weniger Kompetenzen als die deutschen Länder. Sie sind zum Beispiel verantwortlich für Raumplanung, Berufsausbildung, den regionalen öffentlichen Schienenverkehr oder für die Finanzierung, den Bau und den Unterhalt der Gymnasien. Für die Collèges (Sekundarstufe I) allerdings sind die Departements zuständig, für die Grundschulen die Kommunen. Ein verwirrender Unsinn, sagen Kritiker.

Noch ist kein konkretes Datum für Fusionen gefallen, und vor den Regionalratswahlen im kommenden Jahr wird man sowieso noch abwarten mit genauen Plänen. Allerdings ist eine Zahl im Gespräch: Aus den 22 Mutterland-Regionen könnten 15 werden.  Auch diese Zahl ist nicht neu. Immer wieder gab es Berichte und Arbeitsgruppen. Bereits Präsident Nicolas Sarkozy wollte Änderungen bei den Gebietskörperschaften und beauftragte Edouard Balladur im Jahr 2009, Vorschläge zu unterbreiten. Die Planer skizzierten eine Landkarte, die unter anderem so aussah: Eins wurden die beiden Regionen der Normandie (Haute-Normandie  und Basse-Normandie), die Bourgogne und Franche-Comté sowie die Departement Loire-Atlantique und die Bretagne. Auch das Elsass und Lothringen sollten zusammengehen wie Aquitaine mit Poitou-Charentes. Zudem war eine Aufspaltung der Picardie in der Diskussion. 600 Millionen Euro sollten dadurch jährlich gespart werden.

Viele Franzosen haben Vorbehalte gegenüber diesen Gebietsehen – nicht nur wegen der Mentalitätsunterschiede. Eine Fusion der Bretagne und des Departements Loire-Atlantique dürfte einen Hauptstadtstreit zwischen Rennes und Nantes auslösen, eine Fusion der beiden Normandien eine Debatte, ob die Präfektur in Rouen oder Caen sitzen soll. Und natürlich werden Abgeordnete um ihre Posten kämpfen: „Die Barone halten an ihren Hochburgen fest“, kommentierte die Zeitung Le Parisien. Deswegen soll das Prinzip der Freiwilligenheirat gelten. Allerdings wird überlegt, fusionswillige Regionen mit Boni zu belohnen.

Eine Fusion kann nicht einfach von oben entschieden werden: Ein Gesetz zur Dezentralisierung von 2010 verlangt, dass die Bürger befragt werden. Mindestens 25 Prozent der im Wahlverzeichnis eingetragenen Wahlberechtigten in beiden Gebietskörperschaften müssen an dem Referendum teilnehmen. Damit es zur Fusion kommt, braucht es mehr als 50 Prozent der Stimmen.

Manche fordern inzwischen, die Departements ganz abzuschaffen und mit den Regionen zusammenzulegen – so der Vorsitzende der konservativen Partei UMP, Jean-Francois Copé. Statt 6000 Abgeordnete für die General- und Regionalräte zu bestimmen, könnten es in Zukunft dann nur noch 4000 Regionalräte sein. Mit diesem Schritt könne man Milliarden sparen, behauptet Copé.

Präsident Hollande sprach sich bereits gegen die Abschaffung der Departements aus: Die Departements, vergleichbar mit den Kreisen in Deutschland, dienten dem sozialen Zusammenhalt, sagte er. Tatsächlich haben sie die Gesamtverantwortung für die Gewährleistung staatlicher sozialer Hilfen. Gerade für die ländlichen Gebiete sind sie wichtig, denn sie unterstützen die Gegenden, die weit entfernt sind von den Wirtschaftszentren.

„Eine Abschaffung der Departements wäre ein großer historischer Fehler“, sagt der Demograph Hervé Le Bras. Sie seien sehr sorgfältig und wohl überlegt bereits in den Jahren der Französischen Revolution zugeschnitten worden. „Fährt man raus aus der Region Ile-de-France, sind die Departements Teil dessen, wie die Franzosen ihr Land verstehen“, sagt Le Bras. Dass die Franzosen an ihnen mehr hängen als an den Regionen, hätte die Einführung der neuen Autokennzeichen gezeigt. Als bekannt wurde, dass die Departement-Nummer in Zukunft fehlen würde, gab es fast einen Aufstand. Daraufhin wurde beschlossen, dass auf dem Schild ein Eck für das Departement bleiben durfte.

 

 

 

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Gayet-Gate: Alle reden drüber aber kaum jemand ist beeindruckt

Seit Tagen berichten alle Medien drüber: Präsident Hollandes angebliche Affaire mit der Schauspielerin Julie Gayet. Derzeit ist sie eines der beliebtesten Klatsch-Themen in Frankreich. Nicht, dass sich jemand wirklich darüber aufregte. Denn eine gelegentliche Affaire gehört für den französischen Mann eigentlich zum guten Ton. Zumindest ist sie nichts moralisch Verwerfliches. Aber es ist eben eine „histoire de cul“. Darüber tratscht man gerne. Drum konnte das People-Magazin „Closer“ mit der Geschichte seine verkaufte Auflage seit vergangenen Freitag glatt verdoppeln.

Hollande hat sich entrüstet über die Einmischung der Medien in sein Privatleben, dementiert hat er die Affaire nicht. Einer Umfrage des „Journal du Dimanche“ zufolge hat die mutmaßliche Affaire für 84% der Befragten ihre Meinung über den Präsidenten nicht verändert. 77% der Franzosen halten es für seine Privatangelegenheit. Damit würde die Story vermutlich schnell im Sande verlaufen. Hätten wir nicht bald Kommunalwahlen in Frankreich. Und natürlich versuchen die Opposition und die ihr nahestehenden Medien die Nummer auszuschlachten. Hat der Präsident für seine sexuellen Begierden seine Sicherheit aufs Spiel gesetzt? Oder hat er sich mit einer Bande von Mafiosi eingelassen, weil er deren Wohnung als Liebesnest benutzt hat?

Während sich die regimetreuen Medien Gedanken machen, ob es sich hier nicht um ein politisches Komplott gegen François Hollande handeln könnte. Hat vielleicht ein immer noch Sarkozy-treuer Sicherheitsmann des Elysée die Geschichte durchsickern lassen?

Eigentlich leid tun kann einem nur Valérie Trierweiler, Hollandes offizielle Partnerin. Sie wird in einem Pariser Krankenhaus wegen eines nervösen Schocks behandelt. Ihr Pech ist es, dass sie nie eine große Sympathie-Trägerin war. Sonst würden sich jetzt zumindest ihre Fans aufregen. So erhält sie von nur wenigen sehr verhaltenes Mitleid. Dass ihr diese ganze Medienkampagne sehr viel mehr zusetzt als Mr. Le Président, darüber scheint sich niemand Gedanken zu machen. Ob man sie nun mag oder nicht, ich stelle es mir schrecklich vor, wenn man erst als gestandene Journalistin plötzlich „première dame“ wird und sich deshalb vom Protokoll und den Pressekollegen gründlich zurecht stutzen lassen muss. Und nachdem sie das mit mehr oder weniger Haltung überlebt hat, erfährt sie nun eine öffentliche Degradierung und Schmach, weil „le président normal“ eben ganz normal war und sie betrogen hat.

Schon zerreißen sich die Klatschspalten die Mäuler darüber, ob sie jetzt auch ganz normal sein darf und ihn in den Hintern treten darf. Oder ob sie staatsfraulich mit Hollande nach Washington reisen muss, um sich beim Damenprogramm von Michelle Obama bemitleiden zu lassen.

Während die französischen Medien weiter schmutzige Wäsche waschen, hat die Mehrzahl der Franzosen ganz andere Sorgen. Um die sollte sich der Präsident kümmern. Nicht um Croissants für seine Geliebte, wenn es sie denn wirklich gibt (und vieles deutet darauf hin). Oder um die Verteidigung seiner Privatsphäre. Da darf man sich nicht wundern, dass das jüngste Stimmungsbarometer des Forschungszentrums Cevipof herausfand: 87 % der Franzosen sind der Ansicht, die politischen Verantwortlichen kümmerten sich nicht um sie und ihre Belange. Und 69 % der Franzosen meinen, die Demokratie funktioniere nicht mehr richtig.

Das sollte den Politikern und den Medien in Frankreich zu denken geben. Wenn sie es ernst nähmen, hätten sie vermutlich gar keine Zeit mehr für Affairen dieser Art.

 

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Hollande / Gayet: Eine Maitresse ist total normal

In Frankreich beherrscht gerade ein Thema die Medien: Francois Hollande angebliches Liebesverhältnis zur Schauspielerin Julie Gayet. Das Gerücht, Ende letzter Woche vom People-Magazin Closer aufgeworfen, aber bereits seit Monaten ein Thema auf Blogs in Frankreich, hat zum Rauschen im Blätterwald geführt.

Was immer auch dran sein mag am Gerücht, interessant ist, wie die Diskussion in den Medien geführt wird. Denn das ist schon sehr französisch. Das recht angesehene Magazin Le Nouvel Obs hat die People-Expertin Viginie Spies zu Wort kommen lassen, die in einem nicht ausdrücklich gekennzeichneten Kommentar ihre ganz persönliche Meinung zum Besten gibt unter der Überschrift: “Francois Hollande, Julie Gayet und Closer: jetzt prominent, der Präsident endlich normal”. Weiter unten heißt es dann: “Francois Hollande ist ein normaler Mann, der Präsident der Küsschen.” He? Soll das heißen, dass es völlig normal für französische Männer ist, eine Maitresse zu haben. Oder heißt das, dass es völlig normal ist für den französischen Staatspräsidenten, eine Maitresse zu haben?

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Blicken wir kurz zurück: Über Nicolas Sarkozy und Carla Bruni braucht man kein Wort mehr zu verlieren. Jacques Chirac hat ein uneheliches Kind in Japan. Am Grab von Mitterand poppte auch plötzlich eine neue Tochter auf. Selbst dem immer sehr distinguierte Giscard d’Estaing wird eine recht eigenartige Beziehung zu Lady Di nachgesagt und bei den Pompidous ging nbicht er, sondern sie fremd – im Porsche des Mannes, der nur mit seinen Autos fremd ging und sich weigerte, ein französisches Automobil zu fahren.

Also alles ganz normal im Hexagon. Business as usal. Warum regt sich eigentlich noch irgendjemand darüber auf? Das ist halt so in Frankreich.

Besonders gerne nimmt man sich in der Präsidentenetage Damen aus dem Showbiz: Gayet, Bruni, Sagan, etc. Wie kommt’s? Valérie Trierweiler, inzwischen aufgrund einer Depression rund um das Skandalgerücht  im Krankenhaus, konnte nie wirklich die Herzen der Franzosen gewinnen. Zu streng, zu intelligent. Auch Madame Chirac trat eher auf wie eine eiserne und meist eher schlecht gelaunte Lady an der Seite eines geborenen Charmeurs. Im Vergleich dazu dann Carla Bruni: Das Ex-Top in ihren schicken Dior-Kostümchen und den Louboutin-Kitten-Heels-Sonderanfertigungen für große Frauen an der Seite kleiner Männer: Sie plapperte in fünf Sprachen und gab auf Fragen wie “Was steht denn bei dem Weltwirtschaftgipfel gleich auf dem Programm? so hinreizend banale Antworten wie “Oh, ein Cocktail!”. Sprachs, lachte ihr 10 Mio.-Euro-Top-Model-Lächeln und winkte, bevor sie zum Cocktail entschwand. Frage ist: Wollen das die Franzosen? Vielleicht.

Julie Gayet ist keine Carla Bruni. Die Schauspielerin, die eigentlich nur im französischen Kino eine Rolle spielt, aber gerne ab und an bei dem Chanels Show in der ersten Reihe glänzt, hat inzwischen Klage eingereicht. Closer musste das Gerücht von der Website nehmen, was das Ganze aber nicht mehr ungeschehen macht. Der PR-Effekt ist längst erledigt: Der Präsident gilt nun als “normal” gilt, was er vorher scheinbar nicht war, und reiht sich ein die Reihe seiner Vorgänger. Kein Grund zur Sorge. Sie alle blieben im Amt. Die medialen Wellen werden sich legen und irgendwann beim nächsten Staatsempfang ist dann eben eine Neue am Arm des Präsidenten.

Foto; Screenshot Le Nouvel Obs

 

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Der Früh-Weihnachtsbaum

Der Weihnachtsbaum beim Nachbarn steht schon und leuchtet. Seit Anfang Dezember. Das Paar auf der anderen Straßenseite schaltet die Elektro-Baumkerzen immer abends zum Fernsehen ein. Ich muss zugeben, dass dieser Früh-Weihnachtsbaum auf mich seit Wochen einen subtilen Druck ausübt. Immer abends, beim Blick in die Gasse vor dem Haus, strahlt mich der hübsche Baum von gegenüber an mit der Botschaft: Du Deutscher, wenn Du nicht bald auch Deinen Baum kaufst, kriegst Du keinen mehr.

Viele Franzosen stellen den Baum schon Wochen vor Weihnachten auf. Ich dagegen habe mal wieder mit dem Kauf bis heute gewartet und ahne nun, dass ich bestraft werde mit einer Baumqualität minus fünf. Mein Wecker klingelt früh. Ich will bald dran sein und fahre zum großen Supermarkt vor den Toren der Stadt, weil es dort sicher noch Bäume gibt. Auf dem Parkplatz kommen mir Franzosen mit prall gefüllten Einkaufswägen entgegen: Wein- und Champagnerflaschen, Gänseleberpastete, Geflügel, Lachs und Packungen voller Muscheln und Austern. Trotz der Krise wird beim Weihnachtsschmaus nicht gespart: Durchschnittlich gibt eine französische Familie dafür zwei Prozent mehr aus als im vergangenen Jahr, nämlich 175 Euro.

Es gibt noch Bäume. Aber sie schauen mich traurig an und ich weiß sofort: Ihr Armen seid übrig geblieben. Habt Lücken, die keine Christbaumkugel füllen kann. Seid verwachsen, als ob Euch jemand die Äste verknotet hätte. Dabei sind meine Baumansprüche enorm hoch, auch weil ich Wachskerzen statt elektrische habe. “Ah, Sie sind bestimmt Deutscher, wenn Sie echte Kerzen haben”, sagt der Verkäufer. “Echte Kerzen und spät den Baum kaufen – das sind die Deutschen.”

Während ich kritisch auf die Nordmann-Tannen schaue, frage ich ihn, warum viele Franzosen eigentlich solche Früh-Baumaufsteller sind. “Isch weiß, isch weiß”, sagt er auf Deutsch. Seine Schwester lebt bei Köln und er weiß, dass dort der Weihnachtsbaum erst an Heiligabend seinen großen Auftritt hat. “Bei uns ist das Weihnachtsfest einfach kommerzieller, nicht so besinnlich”, meint er. Seit Wochen sei Weihnachten in der Werbung, da wolle man halt auch seinen Baum schon genießen. Andere fahren an Weihnachten in die Skigebiete, dann kann man zu Hause den Baum ja gar nicht mehr anschauen – also tut man das vorher. Die Kassiererin schaltet sich ins Gespräch ein und meint, bei ihr zu Hause achte man sehr wohl auf den Unterschied zwischen Vorweihnachtszeit und Heiligabend. “Wir stellen unseren Baum zwar auch schon Mitte Dezember im Wohnzimmer auf und schmücken ihn, aber meine Mutter hängt erst am Heiligabend den großen Strohstern an die Baumspitze.”

Apropos Heiligabend (Réveillon de Noël). In Frankreich ist der noch ein normaler Arbeitstag, die Geschäfte haben vielerorts bis 19 Uhr auf, man kriegt für 18 Uhr sogar noch einen Arzttermin. Nach Geschäftsschluss aber rasen alle in ihre Familien, dann kann das mehrgängige, stundenlange Festessen (Réveillon) beginnen, manche gehen noch in die Christmette. Geschenke gibt es meistens erst am 25. Dezember. Einen zweiten Weihnachtsfeiertag gibt es hierzulande leider nicht. Der Umtauschtrubel geht hier also früher los als in deutschen Landen…

So, jetzt wird der Baum geschmückt. Schon am 22. Dezember? Naja, mal sehen. Joyeuses fêtes!

 

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Das Parfüm von Grasse im Winter

IMG_5545Der Duft von Jasmin, Orangenblüten und Rosen ist längst verflogen. Die Nächte sind kalt, die sonnigen Tage hingegen noch wohltuend warm im winterlichen Grasse. Ein Hauch von Normalität weht durch die engen Gassen, durch die sich im Sommer schwitzende Touristen schieben. Sie alle wollen die Geheimnisse der Parfümherstellung entschlüsseln. Oder auch einfach nur ein paar kleine Duft-Flacons als Mitbringsel für die Lieben daheim erstehen. Davon lebt Grasse von April bis November. Auch wenn die Blumenfelder deutlich geschrumpft sind und die Blüten nicht mehr von den Grassois selbst gepflückt werden sondern vor allem von Gastarbeitern aus Osteuropa. Das Zentrum der französischen Parfümindustrie sowie das Herz der traditionellen Kunst, ein Parfum zu kreieren, ist die Kleinstadt in den Seealpen oberhalb von Cannes mit Blick auf das Mittelmeer geblieben.

IMG_5547Hinter der silbern und azurblau glitzernden Weihnachtsschmuck-Fassade kauern vier bis fünfstöckige Altbauten eng zusammen in den typischen Farben der Provence: Orange oder gelblich-ockerfarben. Mit zum Teil schwer verwittertem Putz. Auf schmalen Balkonen sonnen sich kleine Stechpalmen, Kletterpflanzen recken ihre Blüten gen Himmel. Frisch gewaschene Hemden, Socken und Unterhosen baumeln vor den Fenstern im Wind. Die Bescheidenheit einer südfranzösischen Kleinstadt. Wo Metzger und Bäcker die Vorlieben ihrer Klientel kennen. Wo man sich mittags zum Zweigänge Menu für 12 Euro mit einer Freundin trifft, weil dies die kleinen Freuden sind, die man sich ab und zu gönnt.

Vom Flair einer lukrativen Luxusindustrie ist in diesen Dezember-Tagen wenig zu spüren. Mal abgesehen von einer relativ hohen Konzentration an Parfümläden und den Parfümmuseen. Der elegante Jet-Set ist in Cannes abgestiegen und kommt höchsten zur Besichtigung einer der traditionellen Parfümfabriken hinauf in die 51.000-Einwohner-Stadt. Die Reichen und Schönen von Grasse leben in ihren Traumvillen, die auf den benachbarten Hügeln das Mittelmeer überblicken.

In der Rue Fragonard – ein Maler übrigens, die bekannte Parfümerie hat seinen Namen nur zu seinen Ehren angenommen – schieben zwei junge Marokkanerinnen ihre Dreijährigen im Kinderwagen vor sich her. Sie tragen Kopftücher, wie viele Nordafrikanerinnen in Grasse. Eine ältere Araberin huscht gar im Tschador über den Place des Aires. Der Anblick überrascht. Weil ich mir dieses Bild in der französischen Parfümhauptstadt nicht vorgestellt hatte. Ebenso wenig, wie die maghrebinischen Männer, die zwei Straßen weiter in einer windgeschützten, sonnigen Ecke an kleinen Tischen sitzen, rauchen, Karten spielen und Tee aus den für den Orient typischen kleinen Gläsern trinken. Fehlen eigentlich nur die Wasserpfeifen. „Ahlan wa sahlan!“ (Willkommen auf Arabisch) möchte ich Ihnen zurufen. Doch dann fällt mir ein, dass sie hier Zuhause sind, nicht ich. Gemeinsam mit den anderen Grassois, die seit Generationen hier auf irgendeine Weise von der Parfümherstellung existierten.

Grasse im Winter: Ein Bild wohltuend normalen Lebens. Dessen Schönheit in seiner Authentizität liegt. Die trotz des Touristentrubels im Sommer überlebt zu haben scheint.

 

 

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Vom Parken und von vollen Gläsern

Täglich verschwinden viele Dinge auf mysteriöse Weise. Ist es ein Socken, kann man sich damit abfinden. Ist es das Auto, dann nicht.

Es ist ein seltsamer Moment, wenn man an die Stelle kommt, wo man das Auto geparkt hat. Ist der Platz leer, erfasst einen selbst eine unheimliche Leere. Irre ich mich? Stand das Auto vielleicht doch in der Parallelstraße? Weiter unten? Weiter oben? Filmt hier gerade eine versteckte Kamera mein Erschrecken für eine Ulksendung? Nein, der Wagen ist weg.

Gestern noch kam im Fernsehen, dass die Zahl der Autodiebstähle um zwei Prozent zugenommen hat. Favoriten der in Frankreich geklauten Wagen: Renault Twingo, Smart Fortwo, BMW X6. Meine Marke ist eine andere.

Ich muss die Police municipale anrufen, laufe weiter und stehe plötzlich vor einem Schild. Es ist das Schild, das einem in Frankreich immer wieder begegnet. Es ist ein Schild, das man beachten sollte. Aufschrift: Stationnement unilatéral alterné.

Langer Begriff, der der Welt sagen will: Hier in der Straße darf nur auf einer Straßenseite geparkt werden – und das im halbmonatlichen Wechsel. Etwas versetzt steht ein weiteres Schild, ein eingeschränktes Halteverbotsschild mit kleinen weißen Zahlen darauf: 16-31.

Na klar, Paragraph 37-3 der Straßenverkehrsordnung. Vom 1. bis zum 15. des Monats wird auf der Seite mit den ungeraden Hausnummern geparkt. Ab dem 16. des Monats bis zum 31. auf der Seite mit den geraden Nummern. Am letzten Tag der jeweiligen Zeitspanne muss zwischen 20.30 und 21 Uhr umgeparkt werden. Heute ist schon der 18. November. Mein Auto hat also den Seitenwechsel verpennt und den Verkehr behindert.

Der Polizist von der Police municipale ist freundlich. Er habe mein Kennzeichen im Rechner, sagt er am Telefon. „Ihr Auto wurde heute Morgen abgeschleppt.” Ich solle mit Fahrzeugschein und Personalausweis vorbeikommen, einen Bon de sortie abholen und dann könne ich in der Fourrière intercommunale den Wagen abholen, das ist der Abstellplatz für die abgeschleppten Autos. „Viel Glück“, wünscht er noch.

Bei der Polizei sitzen Leute und warten. Eine Oma ist eingenickt, Kopf zur Seite. Was ihr wohl passiert ist? Die Handtasche geraubt? Auf dem Zebrastreifen eingeschlafen und den Verkehr behindert? Sie schläft weiter, während der Beamte mir den Abholschein ausstellt.

Der Abschleppplatz für die Fahrzeuge befindet sich am Ende der Welt. Ich klage dem Taxifahrer mein Leid. „Seien Sie doch froh, dass der Wagen nicht gestohlen wurde“, sagt er. Oder angezündet, was einem in Frankreich ja auch passieren kann. Der Taxifahrer ist ein Mensch, bei dem das Glas immer halb voll, nie halb leer ist. Und dann erklärt er mir, warum es dieses Stationnement unilateral alterné gibt: Man wolle damit gegen die Dauerparker vorgehen.

Bei der Fourrière sieht es trostlos aus. Ein Platz voller kaputter Autos. Mit kaputten Reifen, zerbeulten Türen, zersplitterten Fensterscheiben. Viele Campingautos. Ein Ort trauriger Fahrzeuge. Und ganz vorne steht mein Auto.

Ich werde begrüßt von Hundegebell. Denn fourrière ist im Französischen nicht nur das Wort für den Platz, auf dem die amtlich abgeschleppten Autos auf ihre Besitzer warten. Fourrière heißt auch Tierheim. In vergitterten Boxen stehen Hunde und schauen mich an. Sie hoffen, dass ich ihr neues Herrchen werde.

Es gibt ein Büro. Ich fürchte, dass man mir nur das Auto zurückgibt, wenn ich einen Hund mitnehme oder zwei Katzen. Der Mann hinter der Scheibe spricht nicht viel. Gibt mir eine Abschlepprechnung von 115 Euro. Ich muss Gott sei Dank keine Tiere mitnehmen. Ich wünsche aber insgeheim den französischen Bellos alles Gute. Am Wochenende ist in Paris zum 50. Mal eine Veranstaltung, bei der man Tiere adoptieren kann: „Weihnachten für ausgesetze Tiere“ heißt es in den Anzeigen. Hoffentlich habt ihr Glück und seid dabei und findet ein Frauchen oder Herrchen.

„Sie dürfen Ihr Fahrzeug jetzt mitnehmen“, sagt der Mann. Hallo Auto. An der Scheibe hängen noch mal zwei Strafzettel, Kategorie 2 zu je 35 Euro. Wenn doch heute Morgen nur einfach ein Socken verschwunden gewesen wäre. Andererseits: Frankreich ist in der Krise. Ich habe dem Land Geld gespendet. Und das Glas ist halb voll.

 

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Die Informationsverhinderer

Es soll in dem Artikel nur um Spirituosen gehen, nicht um nukleares Material. Ich will kein Interview mit dem französischen Präsidenten, sondern nur ein paar Informationen über Schnäpse und Märkte. Zehn Minuten Telefongespräch würden reichen, um meine Fragen klären zu können.

Tag eins, vormittags am Telefon. „Allô?“, sagt die Mitarbeiterin in der Pressestelle des internationalen Spirituosenkonzerns mit Hauptsitz in Paris. Ich stelle mich vor und erkläre, worum es geht. Es folgt die übliche erste Hürde: Ich solle mein Anliegen per Mail an die Pressechefin senden. Die würde sich dann melden. Ich ahne, dass die Presseabteilung und ich in den kommenden Tagen eine spannende Zeit miteinander haben werden.

Die Zeit vergeht. Journalisten sind leider anstrengende Leute. Denn sie wollen Informationen meistens recht schnell. Aber es gibt nun mal Redaktionsschlüsse, Abgabefristen und Arbeitsdruck. Journalisten müssen recht schnell wissen, welche Quellen ihnen zur Verfügung stehen – denn davon hängt es ab, ob der Artikel geschrieben werden kann.

Am Nachmittag rufe ich noch mal an. „Allô?“ Eine andere Dame, die weder den Namen des Unternehmens sagt, noch ihren. Ich erkläre, dass ich schon einmal angerufen habe und dass es um Informationen für einen Artikel geht. Sie fragt, ob ich den Artikel schicken wolle, damit die Pressestelle ihn gegenliest. Ich bin sprachlos – sage, dass das nicht üblich ist. „Ihre Pressesprecherin wollte mich zurückrufen“, sage ich. „Sagen Sie mir Ihren Namen, ich werde ihr Bescheid geben“, sagt sie.

Tag zwei. Ich warte bis zum späten Vormittag. Kein Rückruf, nirgends. Also rufe ich an. Jetzt ist die Sprecherin selbst am Telefon. Oui, pardon, sagt sie, sie sei im Stress, sie habe noch mit der Jahresbilanz zu tun. (Die ist bereits vor einer Woche bei einer Pressekonferenz veröffentlicht worden.) Sie sucht meine Mail. Es dauert. Sie liest mir meine Mail vor. Ob ich für meine Fragen einen Ansprechpartner oder von ihr die Informationen bekommen könnte. „Ich werde Sie per Mail auf dem Laufenden halten“, sagt sie. Sie sagt nicht: Wir melden uns so schnell wie möglich. Das ist immerhin ehrlich. Denn diese Phrase würde übersetzt bedeuten: Wir melden uns, wann wir wollen. Und wenn wir wissen, was wir sagen wollen und was nicht.

Tatsächlich kommt eine Stunde später eine Mail. Inhalt: Nichts anderes als ein Link zum Jahresbilanz-Vortrag vor einer Woche. Den kenne ich schon von der Homepage des Unternehmens. Ein Gespräch? Fehlanzeige. So schön Mails in dieser Welt oft sind – hier sind sie ein perfides Werkzeug, um Journalisten auf der Jagd nach Informationen auf Abstand zu halten. In einem Gespräch könnte man ja Fragen gestellt bekommen, die man nicht gleich beantworten kann oder gar welche, die kritisch sind. Dann doch lieber einfach einen Link schicken. Will heißen: Such, Journalist, such selber! Such in den 88 Seiten, ob da drin ist, was Du brauchst! Wenn es nicht drin ist, hast Du Pech gehabt. Am Ende der Mail schließlich noch der Hinweis, dass ich mich für Fragen zum deutschen Markt an die Kollegin in Deutschland wenden solle.

Ich gebe nicht auf und antworte der Dame. Bedanke mich, aber bitte noch um Auskunft zu ein paar Fragen, deren Antwort nicht in dem Online-Pressematerial steht. Zwei Stunden später der karge Hinweis per Mail: Wie sie doch bereits geschrieben habe, solle ich mich an die deutschen Kollegen wenden. Am Ende ein höfliches „bien cordialement“. Man wahrt die Form statt ehrlich zu schreiben: Journalist, lass mich in Ruhe.

Tage später erreiche ich die deutsche Kollegin des Konzerns, die wegen einer Jahrestagung mehrere Tage nicht erreichbar war. „Ja, ich wollte sie auch gerade anrufen“, sagt sie. Wir reden zehn Minuten, in denen sich schon einige meiner Fragen klären lassen. Und einen Tag später habe ich dann schriftliche Antworten auf meine gestellten Fragen. Es geht eben auch anders. Bei einer letzten Nachfrage zum französischen Markt werde ich höflich an die Kollegin in Paris verwiesen. Das stimmt mich heiter.

„Service de presse“ heißen in Frankreich die Presseabteilungen. Bei Service darf man nicht an Service, Bedienung oder Auskunftshilfe denken, oft ist das Gegenteil der Fall. Die Franzosen, sonst Meister der Unterhaltung und Rhetorik, sind in Pressestellen sehr oft nicht mehr wiederzuerkennen: abweisend, hierarchieängstlich, arrogant. Wenn man Pressesprecher nicht schon mal vorher auf einem Pressetermin getroffen hat, mit ihnen vielleicht ein Glas getrunken hat, dann prallt man oft an ihnen ab wie ein Tropfen an einer Scheibe. Dabei könnte man vermuten, dass Pressestellen von Unternehmen Medienanfragen aufmerksam bearbeiten oder gar schätzen: Zum einen müssten sie interessiert sein, dass keine falschen Daten veröffentlicht werden. Zum anderen könnte es ja sein, dass der Artikel über ihre Produkte indirekt auch einen positiven Werbeeffekt für sie hat.

Das ist Alltag für viele Journalisten in Frankreich. Französische Pressestellen sind leider oft professionelle Informationsverhinderungsstellen.

 

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Attacke auf die Sommerferien

Ihr Ende naht, Anfang September ist Schluss. Aber noch dauern die Sommerferien in Frankreich an. Noch sind die Strände voll, die Campingplätze auch. Noch steht an den Türen vieler Geschäfte “Fermeture annuelle” wegen ihres wochenlangen Jahresurlaubs – und ein Hinweis an den Briefträger, was er mit der Post tun soll. Die „grandes vacances“ dauern in Frankreich so lange, dass Schüler anderer EU-Staaten neidisch werden können: zwei Monate. Doch viele Franzosen fragten sich in den vergangenen Wochen: Wie oft werden wir diesen großen Ferienblock noch erleben?

Für Aufregung sorgte ein Interview des sozialistischen Erziehungsministers Vincent Peillon. Sechs statt acht Wochen Sommerferien seien genug, sagte der Minister, der selbst eine Lehrerausbildung hat. Peillon hat gerade eine Schulreform durchgesetzt. Sie sieht unter anderem vor, dass ab dem kommenden Schuljahr viele Grundschulen von der Viertage- zur Viereinhalbtage-Woche wechseln – der schulfreie Mittwoch gehört dann der Vergangenheit an. Als der Minister auch noch verkürzte Sommerferien ins Spiel brachte, ging das Gezeter los: Schüler, Lehrer, Tourismusbranche und Politiker, sie alle meldeten sich sorgenvoll zu Wort.

Les grandes vacances – die großen Ferien, sie sind aus dem Jahreszyklus kaum wegzudenken. Sie gelten als Teil des schönen Lebens in Frankreich. Das Land schaltet einen Gang herunter. Für Schüler sind diese Ferien eine richtige Auszeit. Ihr Ende ist eine Zäsur wie ein Sommersilvester: Kein Wunder, dass danach im September die „Rentrée“ ansteht, die Rückkehr in den Schul- und Arbeitsalltag. Schon gibt es in den Nachrichten die ersten Beiträge über die neuesten Trends der Schulranzen.

Diese lange Ferienzeit hat historische und wirtschaftliche Gründe im 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts, mit ihr wurde den Wünschen der Bevölkerung entsprochen. Denn die Landwirte brauchten für die Ernte auf den Feldern und in den Weinbergen jede helfende Hand, auch die ihrer Kinder. 1950 arbeiteten noch 49 Prozent der Franzosen in der Landwirtschaft. In den 1960er Jahren dauerten die Ferien noch zehn Wochen. Doch die Gesellschaft wandelte sich, die kleinen landwirtschaftlichen Betriebe wurden weniger. Anfang der 1980er Jahre verkürzte die Regierung die Sommerferien auf derzeit acht bis achteinhalb Wochen.

Warum jetzt noch mehr Tage streichen? Die Schüler müssten mehr Zeit fürs Lernen haben, sagt Peillon. Zurzeit stünden sie zu sehr unter Druck. Französische Schüler haben ein sehr kurzes Schuljahr, aber zu lange Schultage, kritisieren Experten schon lange. Nirgendwo in Europa sind die Schultage derart vollgepackt. In den meisten EU-Staaten gehen die Kinder durchschnittlich 180 Tage im Jahr zur Schule. In Frankreich sind es nur 144 Tage. Peillon ist übrigens nicht der erste Minister, der dieses heiße Eisen anpackt. Bereits der konservative Minister Luc Chatel setzte 2010 eine Kommission ein, die Vorschläge ausarbeiten sollte, wie der Schulrhythmus verbessert werden könne. Tausende Schüler gingen damals zum Demonstrieren auf die Straße. Es blieb letztlich bei den acht Wochen.

Auch Erziehungsminister Peillon musste nach seinem Interview erst einmal zurückrudern. Im Erziehungsministerium betont man auf Anfrage vehement, dass das Thema grandes vacances nicht Teil der aktuellen Schulreform sei. Aber Peillon hat bereits ein Datum fallen lassen: 2015 soll die Ferienreform debattiert werden. Während die Sechs-Wochen-Befürworter ein besseres Gleichgewicht im Jahresschulzyklus erhoffen, betonen Psychologen, wie sinnvoll diese lange Auszeit ist: Die Kinder könnten sich wirklich erholen von dem Schuljahr, neue Freunde finden und in der Freizeit andere wichtige Dinge lernen.

Immer mehr Franzosen können sich aber mit Peillons Vorstoß anfreunden. Nach Umfragen sind 43 Prozent den Verkürzungsplänen zugeneigt – vor allem die Eltern. Sie haben natürlich nicht so viel Urlaub. Viele können meist nur zwei Wochen mit den Kindern wegfahren – manche wegen der Wirtschaftskrise gar nicht. Sie haben damit zu kämpfen, ihre Kinder acht Wochen unterzubringen oder zu beschäftigen. Glück haben die Mütter und Väter, die ihre Kinder bei Oma und Opa abgeben können. Oder die genug Geld haben, um die Kleinen in ein Feriencamp zu schicken.

Von der langen Auszeit profitieren übrigens in Frankreich einige Verlage: Viele Eltern kaufen ihren Kindern Aufgabenhefte, die „Cahiers de vacances“. Darin können die Kinder Übungen machen, um den Lernstoff des vergangenen Jahres zu wiederholen. Die Hefte sind ein Renner: Sechs Millionen solcher Hefte werden jährlich verkauft.

 

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Le hopisme

Der Weinhändler läuft zum Regal und zieht eine Flasche Côtes du Rhône heraus. „Hop“, sagt er und fragt, ob es noch etwas sein dürfte. Selbst der Kaminkehrer sagt hop, als er die Quittung aus dem Block reißt. Und dem Schüler in der Klasse entfährt ein hop, wenn er für die Lehrerin den DVD-Player anwirft. Im französischen Alltag hopt es ständig. Frankreich erlebt in der mündlichen Sprache eine Art Hopismus.

Warum hop? Das h bleibt bei der Aussprache natürlich mal wieder stumm, so dass sich das wie „op“ anhört. Gerne haucht man auch nach hinten raus: “opahh”.

Das hop gibt es auch ganz offiziell. Air France gab seiner neuen Tochtergesellschaft den Namen „Hop!“. Der Slogan der regionalen Billigflug-Linie: “Von einer Region zur anderen hüpfen.” In Straßburg werden die Leihräder der Stadt „Vélhop“ genannt („Et hop – un vélhop!“) Ließen sich die Franzosen vielleicht beeinflussen von dem Film „Hop – Osterhase oder Superstar?“, ein US-Zeichentrickfilm über einen hoppelnden Hasen? Hop kommt in der Netzwerktechnologie vor – so nennt man in Rechnernetzen den Weg von einem Netzknoten zum nächsten. All das bringt uns aber nicht wirklich weiter.

Hop, her mit dem Hörer und ein Anruf beim Linguisten Alain Lemarechal von der Universität Paris IV. Bonjour Monsieur Lemarechal, comment-hopez, äh allez vous? Herr Lemarechal sagt, dass das Hopen die Franzosen erst in den vergangenen drei bis vier Jahren so richtig erfasst habe. Natürlich gibt es hop schon länger, wenn Eltern etwa den Kindern einen Befehl geben, schneller zu machen (“Hop, au lit!”). Aber dieses hop zu sich selbst während einer Aktion, das vermehre sich. Er fragt sich, ob dieses Wörtchen vielleicht bei der Berufsausbildung einfach oft benutzt wird? Jedenfalls betone man damit gerne Schnelligkeit beim Bedienen. Eine kleine, lautmalerische Interjektion, in der steckt: Nichts einfacher als das, das machen wir – da haben wir es schon. Ein Gefühl von Leichtigkeit. Hepp würde es rechtsrheinisch heißen.

Wenn es also im Geschäft hopt, ist Kundenfreundlichkeit und Zackigkeit mitten unter uns. Denn dann hoppelt der Franzose gerne für jemanden. Vive le hopisme.

 

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Eine quicklebendige Maus – zum 50. Geburtstag des Elyséevertrages

„Der Berg gebar eine Maus, aber wir wissen noch nicht, ob sie auch lebt…vielleicht dauert auch die Schwangerschaft noch an…jedenfalls haben wir beschlossen, den Topf auf dem Feuer zu lassen,“

schrieb André Fontaine in Le Monde am 7.07.1964 nach einem deutsch-französischen Gipfeltreffen zwischen Ludwig Erhard und Charles de Gaulle. Wie wenig sich doch geändert hat. So oder so ähnlich könnte man auch heute noch zahlreiche Gipfel zwischen den mehr oder weniger befreundeten Staatschefs charakterisieren.

Aus Anlass der großen Geburtstagsfeiern, die die deutschen wie französischen Medien seit Tagen zelebrieren, habe ich meine Magisterarbeit zum nämlichen Thema nochmal hervorgekramt. Dort findet man natürlich solch herrliche Zitate. Konkret beschäftigte ich mich mit … nein, ich will Sie nicht langweilen. Diese akademischen Titel kommen immer auf besonders hölzernen Stelzen daher. Also, es ging um die Bewertung einer gemeinsamen deutsch-französischen Außenpolitik, dem Herzstück des Elyséevertrages von 1963 in den 60er Jahren. Das Urteil war vernichtend: Sie fand nicht statt. Eigentlich genau wie heute. Nur aus anderen Gründen.

1989 drückte ich das so aus: „Die jeweilige Staatsräson widersprach einer gemeinsamen außenpolitischen Haltung.“ Nun ist der Begriff „Staatsräson“ heute nicht mehr besonders populär. Sagen wir also, die Geschichte, die Geographie sowie die politische Kultur machen es Berlin und Paris ungeheuer schwer, außenpolitisch die gleiche Sprache zu sprechen. Berlin blickt heute eher nach Osten (undenkbar in den 60 Jahren, schon wegen der Hallstein-Doktrin!), Frankreich nach Süden. Die außenpolitische Hörigkeit der Deutschen gegenüber der amerikanischen Politik hat sich hingegen etwas relativiert, aber Frankreich gesteht sich nach wie vor mehr Freiheit zu, sich auch mal über Bündnisse hinwegzusetzen, wenn es um nationale Interessen geht. In Paris versucht man außenpolitisch zu agieren, während Berlin lieber reagiert. Jüngste Beispiele sind Libyen oder nun Mali. Die Bundeskanzlerin hat trotz außenpolitischer Richtlinienkompetenz wesentlich weniger Entscheidungsfreiraum als der französische Präsident. In Kanzleramt salutiert man vor dem politischen Konsensmodell während Mr Le Président auch schon mal gerne mit der Trikolore in der Hand voraus reitet und seine Regierung schaut ihm staunend hinterher.

Nur wenn es um Europa geht, raufen die Staatschefs sich meistens letztlich zusammen. Wissen sie doch, dass ohne den berühmten deutsch-französischen Motor nicht allzu viel läuft.

Was gibt es also so groß zu feiern? Dass die beiden Staaten überhaupt nach all den Opfern, die sie sich gegenseitig in diversen Kriegen abgefordert haben, vor 50 Jahren einen solch ambitionierten Freundschaftsvertrag unterzeichnet haben! Dass die institutionelle Zusammenarbeit und Koordination sehr gewissenhaft umgesetzt wird und heute das Herzstück des Vertrages in seiner Umsetzung bilden. Und dass sich über die Jahre das Verhältnis zwischen den ganz normalen Menschen in den Nachbarstaaten sehr entspannt hat.

So sehr, dass ich heute im Herzland des Maquis, der französischen Résistance, in ehrlicher Freundschaft mit meinen Nachbarn beim Dorffest Cassoulet essen und Rotwein trinken kann, wir gemeinsam lachen und tanzen – obwohl SS-Soldaten am 10. Juni 1944 im Nachbarort Marsoulas bei einem grausamen Massaker ein Drittel der Bevölkerung ausradierten. Deshalb würde ich heute sagen: Der Berg gebar vielleicht nur eine Maus – aber wissen mit Sicherheit, dass sie lebt!

 

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Scheidung noch mal verschoben?

Viele Journalisten lieben markige Statements oder eine holzschnittartige Darstellung der Welt. Schwarz und Weiß. Als wären Grautöne unverdaulich. Da Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Hollande nicht als politisches Liebespaar bekannt sind, ist dann schon mal schnell von einer bevorstehenden Scheidung die Rede. So auch gestern wieder in den Hauptnachrichten des französischen Fernsehsenders France 2. Da wurden ernste Gesichter aus Brüssel gezeigt, Merkel und Hollande hätten nicht einmal ein höfliches Lächeln füreinander übrig gehabt. „Steht nun die Scheidung bevor“, fragte daraufhin der Moderator den Brüssel-Korrespondenten.

Die Überzeichnung der inhaltlichen sowie der persönlichen Differenzen zwischen Hollande und Merkel sind in Deutschland wie in Frankreich bei einigen Medien besonders beliebt. Von einem tiefen Einblick in die deutsch-französischen Beziehungen zeugt das nicht. Denn die vor knapp 50 Jahren von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle formal besiegelte deutsch-französische Freundschaft hat inzwischen eine Tiefe und institutionelle Verwebung auf ganz unterschiedlichen Ebenen erreicht, sie würde überleben auch wenn Merkel und Hollande sich abgrundtief hassten und sich politisch überwärfen. Für letzteres sind beide viel zu klug und viel zu diplomatisch.

Dass Berlin und Paris immer mal wieder in politischen Fragen ganz unterschiedlicher Meinung sein werden, tut beiden Seiten und Europa gut. Denn es trägt zu einer fruchtbaren Kompromisskultur bei. Auch zum Innehalten und Überdenken der eigenen Position – falls man dazu Zeit findet. Dass die politischen Überzeugungen selbst bei einer diplomatischen Annäherung der Positionen in Brüssel im Grunde mitunter sehr weit von einander entfernt bleiben, ist schon aus historischen Gründen nicht überraschend. Das staatliche Selbstverständnis und damit auch die Staatsräson Deutschlands und Frankreichs sind keineswegs identisch. Das gilt sowohl für innen- wie außenpolitische Aspekte. Aber es gibt genügend gemeinsam Interessen, die eine Annäherung in der Politik immer wieder lohnend machen.

Bei jedem politischen Schlagabtausch oder jeder Missstimmung zwischen Kanzler(in) und Präsidenten (auf eine französische Präsidentin brauchen wir leider in absehbarer Zeit noch nicht zu hoffen) die „Scheidung“ heraufzubeschwören, ist deshalb reine Effekthascherei, dumm und ermüdend.

 

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“Canicule” auf dem Dorf

Der Aufmacher der Abendnachrichten im französischen Fernsehen ist seit Tagen „la canicule“ – die Hitzewelle. Sie ist selbst in den „Kleinen Pyrenäen“ – einem Vorgebirge der richtigen Pyrenäen – kaum zu ertragen. Nicht einmal die Vögel singen mehr tagsüber. Nur die Eidechsen sonnen sich noch auf heißen Steinen. Die Menschen hingegen haben sich in ihre Häuser zurückgezogen, Türen und Fenster fest verschlossen, auf der Südseite sogar die hölzernen Fensterläden. Die etwa 60 Zentimeter dicken Wände der alten Steinhäuser sorgen dafür, dass es drinnen mit 23 Grad noch angenehm kühl bleibt. Um die 38 Grad selbst auf 4 – 500 Metern Höhe sind draußen keine Seltenheit. Da kommt dann wirklich jegliche Aktivität zum Erliegen. Das will was heißen, wo doch im Hochsommer ohnehin das sprichwörtliche Schneckentempo, in dem die Dinge hier normalerweise vor sich gehen, bis zu einem Punkt reduziert wird, an dem für Außenstehende Bewegung eigentlich gar nicht mehr erkennbar ist.

So wurde beispielsweise das Tempo des Verlegens neuer Wasserrohre im Unterdorf von Belloc Anfang August einen Gang runter geschaltet. Das bedeutet, die Baugruben am Rande der Straße sind weiterhin offen und mit Warnschildern markiert, die neuen Wasserrohre liegen Krokodilen auf der Lauer gleich, erwartungsvoll in den benachbarten Feldern, aber die Bauarbeiter des „Syndicat des Eaux“ wurden seither nicht mehr gesehen. Ich bin sicher, hinter den Kulissen gibt es noch großartige Pläne und sehr viel guten Willen. Auch wenn sich die Mitarbeiter der lokalen Wasserbehörde in ihrem wohlverdienten Urlaub befinden sollten, denken sie sicher manches Mal wehmütig an die offenen Erdgruben in Belloc. Insofern ist das Projekt nicht tot. Aber erkennbar passiert gerade sehr wenig. Bis gar nichts. Doch regt sich auch kein Protest in Belloc angesichts des unvollendeten Werks. Die Zuversicht ist groß, dass die Arbeit irgendwann wieder aufgenommen wird und wir dann endlich neue Wasserrohre bekommen, so dass die leidigen und häufigen Rohrbrüche eines schönen Tages ein Ende haben werden.

Diese Hoffnung jedenfalls teilen die Belloquois miteinander, wenn die Zeit des intensiven Austausches kommt. Das ist in diesen Tagen in der Regel zwischen 21 und 23 Uhr. Wenn die Sonne rot hinter den Pyrenäen versinkt und den Himmel in die kitschigsten Farben kleidet, vor dem sich dann nur noch die Berggipfel dunkel abheben. Wenn die Bäume und Felder tief durchatmen, die Kühe und Schafe die Energie zum Grasfressen wiederentdecken. Wenn die Vögel beginnen zu zwitschern und die Fledermäuse ihren hektischen Abendtanz aufnehmen. Dann kommen die Bürger von Belloc aus ihren Häusern und flanieren auf der einzigen einspurigen Straße, die durch das Dorf führt vom Unterdorf ins Oberdorf und umgekehrt. Denn die lockere Ansammlung von Häusern dieses „Lieu dit Belloc“ (wörtlich übersetzt heißt das so viel wie „der Ort, den man Belloc nennt” und bezeichnet in Frankreich einen Weiler) zieht sich über gut 2 Kilometer Länge, auch wenn hier statistisch gesehen nur 36 Leute permanent leben.

Wir reihen uns ein in diese lockere Abfolge langsam vorwärts strebender Gestalten, die immer wieder zu einem Schwätzchen im Halbdunkel stehen bleiben. Marion kommt uns mit ihrem Enkel aus Toulouse auf dem Fahrrad entgegen. „Den Jungen muss man ein wenig trainieren“, sagt sie lachend. „In Toulouse gibt es ja keine Berge.“ Im Trainingscamp bei der Oma. Als Belohnung wird der kleine Marc ausgezeichnet bekocht. Denn die Oma pflegt nicht nur einen beeindruckenden Gemüsegarten, sie stellt auch ihre Rezepte ins Internet. Traditionelle regionale Küche, häufig mit raffiniertem armenischen Akzent, denn Marion hat armenische Wurzeln. Ein Familienprojekt, erläutert sie, „Ich serviere das Gericht schön dekoriert auf dem Tisch. Aber mein Mann darf erst essen, nachdem er es fotografiert hat und verspricht, das Bild hinterher ins Netz zu stellen.“ Emanzipation auf Belloquois. Marion grinst. „Ich sollte wohl lernen, das selber zu tun, um unabhängiger zu sein. Kann eigentlich so schwer nicht sein, oder?“

Inzwischen sind Marianne und Jean zu uns gestoßen. Jean trägt einen abgegriffenen, hölzernen Wanderstock in der Hand, auf den er sich stützt. Nicht weil er besonders gebrechlich wäre, mehr aus Gewohnheit. Die beiden ausgesprochen fitten Rentner machen sich fast jeden Abend auf den Weg zu einer verwitterten Holzbank unter einem alten Baum im Oberdorf, dem Treffpunkt einer Gruppe Alteingesessener. Doch heute sind sie ziellos. Denn den Kontakt mit den Freunden aus Haut-Belloc scheuen sie in diesen Tagen. „Einige haben Flöhe als Andenken von einer Reise zu Verwandten am Mittelmeer mitgebracht. Die sollen sie mal schön für sich behalten“, sagt Jean. Die Flohbank wird seither gemieden.

Früher gehörten Flöhe zum Alltag in Belloc. Die Tierzucht habe das mit sich gebracht und überhaupt seien die hygienischen Verhältnisse nicht vergleichbar gewesen. Wir lernen, dass es Flöhe gibt, die auf Tiere und Menschen spezialisiert sind, aber auch solche, die sich im Parkett und in den Dachstühlen einnisten. Letztere sind angeblich die harmlosesten. Wie beruhigend.

Nach einigen netten Flohgeschichten aus der guten alten Zeit wechselt das Gespräch nahtlos zu einem bedeutenderen, aktuellen Problem: den Aoȗtats. Zu deutsch: Herbstgrasmilben. Dazu kann jeder eine Geschichte beitragen, denn mit denen haben hier im Spätsommer alle zu kämpfen. Die gemeinen, winzigen Aoȗtats sitzen im feuchten Gras und warten nur darauf, dass ein Tier oder ein Mensch mit nackten Beinen vorbeikommt, um sich auf deren Haut vorübergehend einzunisten. Es sind die  Larven, die sich in die Haut reinbeissen und von ihr ernähren, bis sie nach einigen Tagen wieder abfallen. Und das juckt wie verrückt. Was tun? Marianne, eine ehemalige Apothekerin, winkt ab: „All die tollen Salben, die man in der Pharmacie bekommt, nutzen nicht viel. Das ist Unsinn.“ Man müsse sich einfach beherrschen und sich die Haut nicht auch noch aufkratzen. Voilà. Erstaunliche Worte. Wo die Franzosen doch bekanntlich für alles und jedes in die Pharmacie pilgern, um ein kleines Mittelchen zu erstehen, das ihre Beschwerden lindern könnte. Ich kenne kaum ein Land, das eine ähnliche Apothekendichte aufweist wie Frankreich. Aber das ist ein anderes Thema.

Denn nun kommt mein großer Auftritt an diesem Abend: „Geschwefelte Seife hilf”, werfe ich ein. “Schreckt die Milben ab, lindert aber auch den Juckreiz.“ Von diesem Hausmittel haben die Belloquois noch nicht gehört. Sie sind beeindruckt. Dass ausgerechnet eine Deutsche mit diesem Tipp aufwarten kann! Ich verschweige nicht, dass dieser Hinweis von einer französischen Freundin aus dem Béarn, weiter westlich in den Pyrenäen, stammt. Ein Hauch von Erleichterung huscht über die Gesichter: Na dann wird es wahrscheinlich stimmen! Da ich nun schon mal das Wort ergriffen habe, nutze ich die Gelegenheit, mich nach dem Schicksal der neuen Wasserrohre für Belloc zu erkundigen. Denn diese abendlichen Spaziergänge sind eine wichtige Informationsbörse. „Keine Sorge“, beruhigt mich Jean. „Zu gegebener Zeit kommen die Wasserarbeiter sicher wieder und setzen ihre Arbeit fort. Im Augenblick ist es doch ohnehin für alles zu heiß!“ Das leuchtet natürlich ein.

 

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Piano-Konzert im Wald. Nur in der Ariège.

Die Vögel singen sich ein. Die letzten Sonnenstrahlen scheinen durch das satte Grün der Bäume auf die kleine Lichtung zwischen den beiden alten Steinhäusern. Noelle kommt uns lächelnd entgegen – sie hat Bordeneuve zum Leben erweckt und sich ihren Traum erfüllt: Ein Rückzugsort für Künstler aus aller Welt am Fuße des Schlosses Castelbon. Heute Abend eröffnet die amerikanische Pianisten Lisa Lanza, die zehn Tage in Bordeneuve zu Gast war, die Konzertsaisont. Der Beginn eines künstlerischen Sommers voller Überraschungen.

Es ist Noelle Thompsons Sieg, die Stunde ihres Triumphs, den sie sehr nachdenklich lebt. Mitunter mit Tränen in den Augen. Die Mittdreißigerin hat diesen wunderbaren Ort buchstäblich mit ihren eigenen Händen geschaffen. Jedenfalls in den letzten zwei Jahren, nach dem plötzlichen Krebstod ihres Mannes David 2009. Denn begonnen hatte David Thompson die Verwandlung einer Scheunenruine in ein aus Holz und Natursteinen gebautes Haus mit zwei großen, offenen Räumen. Nachdem Noelle den Schock seines Todes halbwegs überwunden hatte, widmete die mutige Flötistin sich wieder dem gemeinsamen Traum. Sie betonierte Böden, verlegte Fliesen, bepflanzte den Garten, kümmerte sich um jedes Detail. Kein Stein, kein Stück Holz, das nicht in ihren Händen gelegen hätte. Hände, mit denen sie sich oft den Schweiß von der Stirn wischte oder sich die blonden, wuschelig-krausen Haare raufte, wenn wieder einmal nichts wie geplant klappen wollte. Aber auch Hände, die elegant über Klaviertasten gleiten können und einer Flöte die süßesten Töne entlocken.

Lisa Lanza, eine kleine, etwas rundliche Frau mit dunklem lockigen Haar und lachenden Augen, spielt die Rolle des ersten Gastes in der Künstlerpension. Wenn auch nur kurz, denn schon nach ein paar Tagen gehört sie quasi hier her. Welch eine wunderbare Kombination! Zwei besondere Frauen, ein bemerkenswerter Ort und die Musik.

Im ersten Stock der ehemaligen Scheune sitzen rund 20 Gäste auf einfachen Holzstühlen. Durch die großen, offenen Fenster hören wir die Vögel zwitschern. Lisa trägt ein schwarzes Kleid, eine dünne schwarze Wolljacke, die von einem goldenen Schmetterling gehalten wird. Die Brosche ist ein Erbstück ihrer kürzlich verstorbenen Mutter. Einer der Gründe, warum Lisa sich 10 Tage in Bordeneuve gegönnt hat: Um sich von der Mutter zu verabschieden und sich auf eine Konzertserie in den USA vorzubereiten.

Lisas Mutter gehört zu denen, deren Anwesenheit deutlich zu spüren ist, obwohl sie für das Auge nicht sichtbar sind. „Ich freue mich sehr, heute Abend hier spielen zu dürfen“, sagt Lisa und geht mit entschlossenen Schritten auf den Steinway-Flügel zu. Liszt, Debussy und Brahms stehen auf dem Programm. „Und ich freue mich jetzt schon noch mehr auf den Rotwein und die selbstgemachten Tapas von Noelle“, flüsterte Lisa mir kurz vor Beginn des Konzerts Augen zwinkernd zu.

Die ersten Töne verzaubern die ehemalige Scheune. Noelle sitzt neben mir auf dem Holzboden in ihren hellen Shorts und weißer Bluse. Barfuß, wie meistens. Sie blickt versonnen aus dem Fenster, hält sich tapfer. Denn dass David bei uns ist, darauf weist nicht nur sein in weißer Farbe auf einen Notenständer gepinselter Name hin. Die Verstorbenen sind nicht tot, sie bleiben bei uns, solange wir es erlauben und ihnen Raum geben. Auf ganz subtile Weise ist dieser Piano-Abend, später noch von dem begabten katalanischen Cellisten Nabi Cabestany bereichert, eine Überwindung des Verlustes durch den Tod. Für Noelle und David wie für Lisa und ihre Mutter. Aber auch für die wenigen Eingeweihten, die gelegentlich feuchte Augen bekommen. Die übrigen Gäste spüren nur eine große Intensität, der weite, luftige Raum, der von dem schweren, hölzernen Dachgebälk überspannt wird, knistert vor Emotionalität.

Als Lisa und Nabi sich zum dritten Mal verneigen, verlangen die Zuhörer weitere Zugaben. Ich glaube, wir wollen alle nicht, dass der Zauber, den die beiden verbreiten – unterstützt von den Vögeln  – ein Ende findet. Lisa löst die Spannung mit einem witzigen Tango über verrückten französischen Käse. Danach will sie aber wirklich ihren Rotwein. Sie hat sich ihn mehr als verdient.

Bei Wein und exquisiten Häppchen perlen die Gespräche zwischen all diesen unterschiedlichen, sehr ungewöhnlichen Menschen, die es auf die ein oder andere Weise in die Ariège verschlagen hat, mit großer Leichtigkeit. Unterbrochen von dem ein oder anderen schallenden Lachen. Franzosen, Amerikaner, Briten, ein Israeli, eine Deutsche, eine spanische Familie – Lisa, Nabi und Noelle haben sie miteinander verbunden.

Wir tauschen Bruchstücke unserer persönlichen Geschichten aus. Und lachen über die banale Erkenntnis, wie klein die Welt ist. Es ist stockdunkel, als alle die gegangen sind, die noch eine lange Fahrt vor sich haben, um an ihre eigenen, weit entlegenen Heimatorte irgendwo in den Pyrenäen oder am anderen Ende der Ariège zu gelangen. Auch die Vögel schlafen schon. Aber der Rotwein ist noch nicht leer und ein paar Oliven glänzen verlockend in einer Tonschale. Ein paar Träume und Erfahrungen gilt es noch zu teilen.

Lisa will sich irgendwann endlich einen eigenes Grand Piano kaufen, auch wenn sie nicht weiß, wo sie es Zuhause hinstellen soll. Oder woher das Geld dafür kommen soll. Noelle weiß nicht, ob sie einer Klasse junger amerikanischer Flötisten – die nächsten Gäste – Wein zum Abendessen anbieten darf oder nicht. Legal sei das nämlich nicht, jedenfalls nicht in den USA. Und die Lehrer tränken auch nicht, wendet sie ein. Aber Südfrankreich und Noelles exzellente Küche ohne Rotwein – das geht gar nicht, entscheiden wir. Außerdem debattieren wir, ob die große, dunkle Schlange, die ich kürzlich im Gemüsegarten fand, eine giftige Viper war oder eine harmlose Blindschleiche.Und wir machen Pläne für weitere Konzerte.

Kaum zu identifizierende Tierschreie zerreissen die Stille der Nacht. Füchse. Noelle sagt, das sei normal, das seien Fuchskämpfe im Wald. Wie beruhigend. Mit einer Taschenlampe ausgestattet stapfen wir über einen dicht belaubten, kaum erkennbaren Pfad steil nach oben zum Schloss Castelbon. Dort steigen wir ins Auto und fahren in die Nacht. Immer noch verzaubert. Nur in der Ariège.

 

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Am liebsten wieder de Gaulle

Les bons citoyens von Betchat haben gewählt. Mit überwältigender Mehrheit links. Das hatte ich auch nicht anders erwartet. Und doch hat auch hier Marine le Pen die Zahl der Stimmen des rechtsradikalen Front National FN im Vergleich zu 2007 fast verdoppeln können – auf 31. Das entspricht 12,55% der abgegebenen Stimmen. Direkt hinter Nicolas Sarkozy, der 37 Wähler überzeugte.

Wer also sind diese 31, die auf dieser gefährlich erscheinenden Marine-Welle schwimmen? Nur wenige geben in einer so übersichtlichen Gemeinde mit rund 290 Wahlberechtigten, wo jeder jeden kennt, gerne offen zu, FN zu wählen. Von einigen weiß ich es: Zum Beispiel ein älteres Ehepaar, ganz durchschnittliche, freundliche Leute, die einen zweiten Wohnsitz in Toulouse haben. Dort in einem Viertel, in das über die Jahre immer mehr Nordafrikaner oder Franzosen mit maghrebinischer Herkunft gezogen sind. Sie sagen, das Leben dort habe sich total verändert. Die Kriminalitätsrate sei drastisch gestiegen, wenn es dunkel werde, trauten sie sich nicht mehr auf die Straße. Dieses Rentnerpaar sehnt sich nach den guten alten Zeiten, als man überall in Toulouse noch zu jeder Tages- und Nachtzeit sorgenfrei herumspazieren und in den Straßencafés sitzen konnte. Deshalb gehören sie zur Fraktion „Ausländer raus – Frankreich den Franzosen“.

Diese Fraktion verkörpern inzwischen sowohl Marine Le Pen als auch Nicolas Sarkozy. Doch Le Pen spricht die Sprache des einfachen Volkes, Sarkozy nicht. Wenn ich mit meinen Nachbarn über Alltägliches rede, Probleme die sie haben, ihre Wünsche, Sehnsüchte, dann denke ich oft in diesen Tagen: Könnte gut sein, dass sie Le Pen wählen. Dabei sind sie weder besonders radikal, noch wollen sie einen Polizeistaat. Auch gegen Juden haben sie in der Regel nichts. Wenn es um Araber und Muslime geht, haben sie allerdings größere Vorbehalte. Die Medien machen ihnen Angst vor diesen Leuten. Sie verstehen sie nicht. Irgendwie wäre es schon gut, wenn die alle wieder nach Hause gehen könnten.

Einige der Pensionäre hier auf dem Land haben auch persönlich schreckliche Erfahrungen im Algerien-Krieg machen müssen. Das haben sie nicht vergessen, selbst wenn sie auf Nachfrage zähneknirschend zugeben, dass auch die Franzosen dort entsetzliche Gewalttaten verübt haben. Es war halt Krieg, heißt es dann unter einem tiefen Seufzer. Und Kriege sind immer schmutzige Angelegenheiten. Oder? Das Misstrauen ist geblieben. Auf diesem fruchtbaren Boden werden von der politischen Rechten sowie von zahlreichen französischen Medien Ängste gesät. Mit Erfolg.

So ist die Ausländer- oder vor allem die Araber-feindlichkeit – wie in Deutschland auf dem Lande auch – weit verbreitet in der Ariège. Die Mordserie von Mohamed Merah in Toulouse und Montauban hat dieses Gefühl noch verstärkt. Doch dies ist noch nicht die ganze Erklärung für die Sympathien für Le Pen in einem Teil Frankreichs, der traditionell rot ist. Viele Leute hier müssen hart für wenig Geld arbeiten. Sei es in der Landwirtschaft oder in der spärlich vorhandenen Industrie. Die meisten sind bescheiden, haben Angst vor einer unsicheren Zukunft, sie sehen, wie die staatlichen Sicherheiten, auf die sie sich mal verlassen konnten, zusammengestrichen werden.

Das prägt, bei aller Gelassenheit, die in dieser Gegend tonangebend ist, ein Lebensgefühl. Rückwärtsgewandt muss man es wohl nennen. Warum kann das Leben nicht mehr so sein wie es früher mal war? Als die Welt der Ariègois noch in Ordnung war. Als Betchat noch mehrere Handwerksbetriebe hatte, Geschäfte und ein Café. Heute gibt es nur noch eine Post, ein Bürgermeisteramt und eine Schule. Naja, und die Kirche mit Friedhof. Manchmal, aber nicht regelmäßig, wird hier noch eine Messe gelesen.

Es muss anders werden, wenn es besser werden soll. Am liebsten so wie früher. Aber wie? Wehmütig erzählt mir mein Nachbar Dede, der in der Wachmannschaft von Charles de Gaulle in den 60er Jahren gedient hat, dass man damals Politikern noch glauben konnte. Insbesondere de Gaulle natürlich. So ein Übervater, strammer Franzose mit Rückgrat, hervorgegangen aus dem Widerstand gegen Hitler und das Vichy-Regime, das wäre was. Auf den konnte man stolz sein. Aber Sarkozy, Hollande oder Mélenchon dagegen…

Und die Übermutter, Marine le Pen? Sie macht vielen noch Angst. Jedoch weniger als ihr Vater. Die Tochter hat den Front salonfähiger gemacht. Ein weiterer Grund für den Stimmenzuwachs. Und sie spricht eben tatsächlich die Sprache der einfachen Leute, die sich irgendwie von der aktuellen politischen Elite in Paris nicht wirklich vertreten fühlt. In ihren eigenen Werten und Traditionen tief verwurzelt und doch im heutigen politischen Zirkus orientierungslos – diese Beschreibung trifft wohl auf viele zu, die in Betchat am Sonntag Marine Le Pen gewählt haben. Ob sie am 6. Mai Hollande oder Sarkozy oder gar nicht wählen werden? Es werden noch Wetten angenommen.

 

 

 

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Der Schlüssel zur verlorenen Zeit

Immer wieder frage ich mich, welche Geschichte wohl hinter der angebrochenen Räute, dem Griff unseres alten, eisernen Hausschlüssels steckt. Wer ihn wohl schon alles in der Hand hatte? Vielleicht sogar die letzte pensionierte Nonne, die hier alleine lebte. Sie war behindert, wurde von den Großeltern unserer Nachbarn gepflegt. Als Dank erhielten die nach ihrem Tod dieses Haus und so kam „l’ancien couvent“, das „ehemalige Kloster“ in Belloc, in weltlichen Besitz.

 

Der Schlüssel hat ebenso wie die Holztüre mit ihrem Türklopfer in Form eines metallenen Löwenkopfes

schon vieles überstanden. Drum sollte man sich nicht allzu große Sorgen machen. Aber nicht nur sein Zerbrechen könnte drohen, wahrscheinlicher ist vermutlich sogar sein Verlust. Und dann stehen wir da, ohne Ersatz. Also muss ein Doppel her.

 

Als ich mich endlich aufraffe, den Hausschlüssel sowie seinen etwa gleichaltrigen Bruder, den Garagenschlüssel (ebenfalls ein Unikat mit etwas Grünspan verziert) zu kopieren, ahne ich nicht, dass ich mich auf eine Zeitreise begebe. Beim Schlüsseldienst in Toulouse, einer dieser modernen Kopierklitschen mit ihren ohrenzersägenden Fräsemaschinen, habe ich keine Chance. Vielleicht in einer altmodischen Eisenwarenhandlung, einer Quincaillerie, sagt der Schlüsselmacher vom Dienst. In der Kleinstadt Saint Girons werde ich fündig.

Die schwere Glastüre löst ein kurzes Bimmeln aus, als ich sie öffne. Die Quincaillerie Lapeyre ist ein unübersichtlicher, düsterer Laden, der eher an eine Rumpelkammer erinnert. Vermutlich gibt es hier eine Ordnung, sie erschließt sich dem ahnungslosen Besucher nur nicht. In der linken hinteren Ecke höre ich es rumoren. Es riecht nach Zigarettenqualm. Ich gehe vorbei an Eisenstangen, Schweißerutensilien, Stellwänden mit aufmontierten Türgriffen und Schlössern, bis ich plötzlich vor einem Mann im blauen Arbeitsanzug stehe. Der Mittvierziger hockt auf dem Boden, im Halbdunkel, umgeben von hunderten Schlüsselrohlingen, die teils auf kleinen Metallständern hängen, teils auf dem Boden zerstreut liegen. In seinem Mundwinkel hängt eine Zigarette, die langsam verglimmt, während der Mann Unverständliches vor sich hin murmelt.

Durch ein kurzes Räuspern mache ich auf mich aufmerksam. Der Verkäufer mustert mich von unten nach oben mit fragendem Blick. „Ich würde gerne zwei sehr alte Schlüssel nachmachen lassen“, sage ich zögernd. „Bin mir aber nicht sicher, ob Sie das tun können.“ „Wir machen keine Schlüssel“, lautet die trockene Antwort. Aha. „Aber wir haben welche.“ Ich krame meine beiden alten Schätzchen aus der Jackentasche und zeige sie ihm. „Hmm, dann wollen wir mal sehen.“ Die Zigarette zittert bei jedem Wort zwischen seinen Lippen, bleibt aber gerade noch hängen. Von nun an heißt es: Geduld!

Seelenruhig kramt mein neuer Freund – nennen wir ihn mal Jacques, er sieht aus als könnte er Jacques heißen – in seinen Schlüsselvorräten. Ab und zu zieht er voller Hoffnung einen Rohling hervor, studiert ihn minutenlang im Vergleich zum Original, rümpft die Nase, was dazu führt, dass wieder ein wenig Asche von der Zigarettenspitze fällt, und hängt ihn wieder an seinen Platz. Oder an einen anderen. Das Konzept von „jeder Schlüssel hat seinen Platz“ scheint hier ohnehin nicht zu greifen.

Als die Glut der Zigarette sich bedrohlich seinen Lippen nähert, drückt Jacques sie rasch an einem Metallteil auf dem Tisch zu seiner Linken aus und legt den Stummel daneben.Weiter geht die Schlüsselsuche. „Ah, le voilà!“, sagt er plötzlich nach etwa 20 Minuten mit einem Anflug von Begeisterung. Der Hausschlüssel ist gefunden. Aber wir sind noch lange nicht fertig. Nun ist der Garagenschlüssel dran. Das gleiche Prozedere. Jacques hat alle Zeit der Welt. Dann erneutes Aufblitzen in seinen Augen. Auch dieser Schlüssel soll seinen Meister finden.

Nun geht es an die kleine Fräsemaschine, anschließend zieht Jacques ein paar Handfeilen aus einer hölzernen Schublade. Hingebungsvoll macht er sich an die Feinarbeit. Ein wunderbares Erlebnis, von Menschen bedient zu werden, die ihre Arbeit mögen! Wieder vergehen mindestens 15 Minuten, bis Jacques zufrieden ist. Stolz reicht er mir die neuen, glänzenden Schlüssel. Sie sind genauso klobig wie die alten, aber aus einer gelblichen Metalllegierung. Haben deutlich weniger Charme. Egal, sie tun ihren Dienst (ich hab’s probiert).

Und Jacques, den Meister der Langsamkeit und Hingabe, den habe ich ins Herz geschlossen. Ich möchte eigentlich nie mehr woanders meine Schlüssel duplizieren lassen als in der Quincaillerie Lapeyre. Dort, wo die Zeit stehen zu bleiben scheint. „Bon“, sagt Jacques lächelnd, „kann ich noch irgendetwas anderes für Sie tun?“ „Nein,“ antworte ich grinsend und gehe gedankenverloren, ja fast bezaubert zur Kasse.

 

 

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Wir sind jetzt Freunde

Es herrscht eine warme Atmosphäre vor dem „Monument des Morts“ in der südfranzösischen 35-Seelen-Gemeinde Belloc an diesem Freitagmorgen. Küsschen zur Begrüßung. Jeder kennt jeden. Nur die Deutsche und den Schotten, die kennen noch nicht alle. Umso freundlicher werden sie Willkommen geheißen. So etwas hat es in Belloc noch nicht gegeben: Eine Deutsche, die am Gedenktag für die Kriegstoten im 1. Weltkrieg dabei ist. „Eine starke Geste“, meint mein Nachbar Bernard. Er sei stolz, mit mir befreundet zu sein. Das fröhliche Geplänkel und der Austausch des jüngsten Klatsches kommen zu einem jähen Ende, als der Bürgermeister das Mikrofon ergreift.

 

André Courset trägt einen dunklen Anzug und dunkelblaue Krawatte. „Es ist unsere Pflicht, an die zu erinnern, die Frankreich und die Demokratie verteidigten und dafür den höchsten Preis zahlten“, verkündet er feierlich. Nicht nur 1914 -18 sondern zu allen Zeiten. Er persönlich nehme den Gedenktag an den Waffenstillstand des 1. Weltkrieges am 11. November 1918 sehr ernst. Courset dankt den rund 20 Belloquois besonders herzlich, dass sie diese Tradition aufrecht erhalten. Denn in einigen Kommunen werde der 11. November mangels Interesse schon nicht mehr zelebriert. In seiner Ansprache ist für jeden etwas dabei: Für die Nationalisten, für die Verwandten von Gefallenen – und das sind hier auf dem Lande viele – aber auch einfach nur für Pazifisten.

 

Mit weißen Handschuhen hält der Fähnrich die blau-weiss-rote Nationalflagge mit der silbernen Aufschrift „Commune de Betchat“ in den lauen Herbstwind. Nun tritt ein Kommunalbeamter etwas linkisch ans Mikrofon. Er verliest – mit getragener Stimmer – eine Kurzform der offiziellen Ansprache des Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy am Arc de Triomphe in Paris! Die Langfassung gibt es übrigens zeitgleich im Fernsehen. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie viel Bedeutung und Respekt die Franzosen dem Amt des Präsidenten beimessen. Selbst diejenigen, die seinen derzeitigen Amtsinhaber gar nicht schätzen.

Die beiden jüngsten Teilnehmer – zwei Teenager – legen das Blumengesteck der Kommune am kleinen Kriegerdenkmal nieder. Jetzt stehen alle stramm und konzentriert da. Zwei andächtige Schweigeminuten. Nur die Vögel zwitschern. Und Crapule, die freundliche Promenadenmischung, die immer durch Belloc streift, versteht wieder den Ernst des Augenblicks nicht. Fröhlich wedelt der Hund mit dem Schwanz und fordert einen nach dem anderen zum Spielen auf. Nicht doch! Denn schon ertönen Trompeten und Trommelwirbel aus dem kleinen schwarzen Lautsprecher unter dem Monuments des Morts. Kurz darauf die Marsaillaise – die übrigens von niemandem mitgesungen wird.

 

So ist es also am Feiertag für den Waffenstillstand von 1918 in „la France profonde“ – also dort, wo sich normalerweise Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen, denke ich mir. Weit gefehlt. Jetzt würde es doch erst richtig nett, betonen die Nachbarn. Und schleppen uns ab zu einem „vin d’honneur“, einem fröhlichen Umtrunk im Gemeindesaal. Da sind sie einfach unschlagbar, die Franzosen: Champagner wird gereicht, wenn auch in Plastikbechern. Mit oder ohne Cassis (das ist Johannisbeerlikör, der den Schampus dann in einen „Kir Royal“ verwandelt). Dazu gibt es kleine Häppchen. Aber nicht etwa mit Schnittkäse oder Thunfisch. Na, zu Foie Gras (Gänsestopfleber) sollte es doch noch reichen im krisengebeutelten Frankreich, zumal wir uns hier in einer Hochburg seiner Produktion befinden.

Die Stimmung hebt sich, alte Freundschaften werden gepflegt, neue geschlossen. Jedenfalls erklärt so Chantal ihrer 8jährigen Tochter Melissa, warum wir heute hier sind: „Vor vielen, vielen Jahren haben Deutsche und Franzosen sich gegenseitig im Krieg erschossen. Das war furchtbar“, sagt sie ernst. „Aber heute gedenkt Birgit aus Deutschland gemeinsam mit uns dieser Toten, denn heute sind wir Freunde.“ Chantal lacht, drückt mir einen Kuss auf die Wange, und wir stoßen auf diese neue Freundschaft an. Melissa will natürlich nun auch von mir in den Arm genommen werden – und plötzlich bekommt dieser Besuch aus reiner Neugierde bei den Feierlichkeiten zum 11. November in meiner neuen Wahlheimat eine ganz tiefe Bedeutung. Vive l’amitié. Vive la République. Vive la France. Und vor allem die südfranzösische Wärme und Lebenslust.

 

 

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“Charia hebdo”, Pressefreiheit und anti-islamischer Populismus

Plötzlich kämpfen alle für die Pressefreiheit – französische Politiker jeder Couleur preisen sie als „heiliges Recht“ der Franzosen. Richtig so. Ich meine, dieselben Politiker sollten ebenso auf die Barrikaden gehen, wenn staatliche Abhörskandale gegen französische Journalisten bekannt werden. Oder welche Pressefreiheit darf es bitteschön sein?

Der Aufschrei des Entsetzens gestern, nach dem abscheulichen Brandanschlag gegen den Redaktionssitz der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris, war ebenso absehbar wie ein Akt der Gewalt als Antwort auf das satirische Porträt des Propheten Mohammed auf der Titelseite der neusten Ausgabe. Als der Titel am Vortag publik wurde, war denen, die ein wenig Sensibilität gegenüber den Befindlichkeiten der islamistischen Szene und Kenntnis von der Engstirnigkeit ihrer extremen Anhänger haben, klar: Es wird Reaktionen geben. Und sie werden vermutlich mit Gewalt einhergehen.

Ob die Form der Auseinandersetzung von „Charlie Hebdo“ mit dem Wahlsieg der Islamisten-Partei Nahda in Tunesien und der Absichtserklärung des libyschen Übergangspremiers Mustafa Abdel Jalil, mehr Scharia-Elemente in der künftigen libyschen Rechtsprechung zu berücksichtigen, eine besonders intelligente war, sei dahingestellt. Unsere Pressefreiheit besagt schließlich nicht, dass nur kluge Meinungsäußerungen erlaubt sind. Und Satire umfasst erfahrungsgemäß ein sehr breites Spektrum zwischen „Dumm wie Bohnenstroh“ und intelligentem Witz. Egal für wie dumm man die Idee der Ausgabe „Charia hebdo“ hält, einen Brandanschlag auf die Redaktion rechtfertigt sie nicht. In einer aufgeklärten Gesellschaft sollte erlaubt sein, auch Religion und religiöse Figuren zu persiflieren. Und zwar die aller Religionen.

Das wird allerdings umso heikler, je aufgeheizter das Klima in einer Gesellschaft gegenüber dieser Religion ist. Leider herrscht in diesen Tagen nicht nur in Frankreich, auch in Deutschland, Islamophobie. Die Reaktionen in der französischen Presse aber auch unter einigen Politikern nach dem Wahlsieg der tunesischen Islamisten muss man teilweise als hysterisch bezeichnen. Da war sofort die Rede vom Ende der Frauenrechte, ja gar vom Ende der Demokratie! Dabei hatte die Nahda-Partei gerade bei als sehr demokratisch-korrekt bewerteten Wahlen eine Mehrheit errungen.

Warum diese unbesonnenen Reaktionen? Politische Verbohrtheit? Dummheit? Oder nur Unkenntnis der politischen und gesellschaftlichen Realitäten eines Landes wie Tunesien? Die Gesellschaften in Tunesien, Ägypten und Libyen haben jahrzehntelang unter korrupten, selbstherrlichen und gesetzlosen Regimen gelitten. Die Menschen sehnen sich nach Recht und Ordnung. In diesem Kontext haben die so genannten „gemäßigten Islamisten“ die Aura konservativer Saubermänner, denen man am ehesten zutraut, nicht persönlichen Profit zu suchen und das Land zumindest einem Rechtsstaat nahe zu bringen. Die Tunesier haben sich mehrheitlich entschieden, Nahda eine Chance zu geben. Soll die Partei nun Flagge zeigen und man wird sehen, ob die Erwartungen der Wähler erfüllt werden oder ob die Islamisten sich abwirtschaften und dann hoffentlich abgewählt werden. Natürlich kann das schief gehen. Aber es ist vielleicht auch die einzige Chance, islamischem Extremismus das Wasser abzugraben.

Ähnliches gilt für den Fall Libyen. Dort wurde schließlich nicht das Scharia-Recht als einzig geltendes eingeführt. Mustafa Abdel Jalil erklärte Berichten zufolge lediglich in Benghazi: „Wir sind ein islamischer Staat“ und versprach die Gesetze zu ändern, die dem islamischen Recht widersprächen. So hat man sich das im Westen vielleicht nicht vorgestellt, als man die Nato-Flugzeuge de facto zum Sturz Gaddafis in den Einsatz schickte. Tatsache ist aber, dass die meisten Staaten mit muslimischer Mehrheit zumindest Elemente der Scharia in ihrer Rechtsprechung berücksichtigen. In manchen betrifft das nur persönliche Rechte, in anderen ist die Scharia eine Quelle der Gesetzgebung neben anderen. Oder sie ist die wichtigste Quelle der Gesetzgebung. Oder wir haben es gar mit Scharia-Recht zu tun, wie in Saudi-Arabien oder Iran.

Aber dass das Rechtssystem, das sich ein Staat gibt, von den religiösen Werten der Mehrheit der Bürger inspiriert ist, ist doch nicht ungewöhnlich. Das ist auch bei uns so, obwohl wir uns auf eine strikte Trennung von Kirche und Staat berufen. Denken wir zum Beispiel daran, wie schwer wir uns mit der Gleichberechtigung schwuler oder lesbischer Paare tun. Wichtig ist, dass die Rechte von Minderheiten geschützt werden. Und dass das Prinzip der Gleichberechtigung – auch der von Männern und Frauen – respektiert wird. Das Selbstbestimmungsrecht gehört ebenfalls in diesen Katalog. In diesem Sinne täten wir gut daran, den Ausgang freier, demokratischer Wahlen zu respektieren und abzuwarten, welche neue Lebensrealität die Tunesier, Ägypter und Libyer für sich gestalten möchten. Steigen wir von unserem hohen Ross herunter, hören wir auf uns als neue „Besserwessis“ zu gebärden, die glauben, sie wüssten, was für diese Menschen gut ist.

Einen Anschlag auf unser hohes Gut der Pressefreiheit wie den auf „Charlie Hebdo“ dürfen wir nicht akzeptieren. Aber wir sollten auch nicht wortlos zusehen, wie einige Politiker und Journalisten aber auch ganz normale Bürger ihn als Anlass für einen neuen Kreuzzug gegen den Islam missbrauchen.

 

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Jeder für sich, gemeinsam gegen Sarkozy

Da standen sie nun vor der Kamera des französischen Fernsehsenders France 2, die sechs Bewerber für die sozialistische Präsidentschaftskandidatur. Zu Anfang ein bisschen nervös, etwas bemüht, schließlich geht es um viel. Ségolène Royal, die bereits 2007 gegen Nicolas Sarkozy angetreten war und verlor, zeigte sich mit Abstand am besten geschminkt. Doch ihr gewinnendes Dauerlächeln hatte etwas irritierendes. Offenbar hatten ihre Berater es verordnet, damit sie trotz der allgemeinen Krisenstimmung vor allem Zuversicht verbreite. Aber punkten konnte sie bei diesem knapp dreistündigen TV-Politmarathon mit ihrem ‘I can do it’-Grinsen nicht.

Royal, Franҫois Hollande (der in den Umfragen vor dem Fernsehduell führte), Martine Aubry, Manuel Valls, Arnaud Montebourg und der sich als Statist gebärdende Jean-Michel Baylet – sie alle wollten ihr Profil vor den für den 9. Oktober angesetzten Vorwahlen der Parti Socialiste schärfen. Aber auch gleichzeitig die gemeinsame linke Plattform stärken. Hollande: „Das Wichtigste ist, dass uns (bei den Präsidentschaftswahlen) 2012 der Wechsel gelingt. Ich habe nur ein Ziel: Dass die Linke gewinnt.“ Natürlich am besten mit ihm an der Spitze. Ein Ende des für Frankreich tragischen Sarkozysmus sei notwendig, darin waren die sechs potentiellen Frankreich-Retter sich einig.

An diesem langen Fernsehabend, dessen Ausgewogenheit sorgfältig geplant war, wurden mehr oder weniger vage Programme vorgestellt, nichts Neues, nichts Überraschendes. Ein paar unterschiedliche Ansätze, Akzente. Aber nichts, was den informierten Zuschauer sehr viel weiter bringen konnte. Die Finanzen wollen sie alle restrukturieren, mehr soziale Gerechtigkeit soll geschaffen werden, gleichzeitig müsse Frankreich aus der Schuldenfalle raus, den Ausbildungssektor wollen sie stärken. Schließlich garantiere die Jugend die Zukunft der ‘Grande Nation’. Ach ja! Und ein paar grüne Ideen dürfen auch nicht fehlen, denn in Frankreich erwacht so langsam das ökologische Bewusstsein. Ja, sogar mit Blick auf die Nuklearpolitik.

Spannender als Finanzmodelle gespickt mit Slogans und Bankenschelte sind die unterschiedlichen Persönlichkeiten der drei Hauptkontrahenten. Franҫois Hollande, der sich so gerne als freundlich, humorvoll, zuverlässig und völlig „normal“ gibt, zeigt seine Terrier-Qualitäten. Es passt ihm nicht, in Frage gestellt zu werden. Er kann ganz schön verbissen dreinschauen, wenn seine Rivalen sich positiv in Szene setzen. Und sogar wütend bellen. Hollande redet ohnehin viel und gerne. Martine Aubry scheint präziser, auf souveräne Weise kämpferisch. „Je suis claire – Ich bin klar“ ist einer ihrer liebsten Nachsätze. Nur falls es jemand nicht gemerkt haben sollte. Sie hat in meinen Augen etwas „Merkeliges“ – diesen sehr ernsten Zug, mit einem starken Unterton von mütterlicher Sorge für die Nation gepaart mit deutlichem persönlichen Machtwillen. Das macht sie nicht unbedingt charismatischer. Aber es könnten ihre Entschiedenheit und in der Tat Klarheit sein, die sie als Persönlichkeit präsidiabel machen. Und Ségolène Royal? Sie lächelt nett, wirkt sympathisch, ein bißchen gebremst, wedelt mit ihrem Programm für die Nation und bleibt ohne nachhaltige Wirkung.

Für mich ist Aubry bei diesem Polit-TV-Marathon ohne große Überraschungen aber mit durchaus unterhaltsamen Passagen die Punktsiegerin. Wie die anderen knapp 5 Millionen Fernsehzuschauer (laut Médiamétrie war die Debatte mit 22,1% der Zuschauer der Spitzenreiter des Abends und schlug damit sogar knapp den populären Kochwettbewerb „Masterchef“ auf TF 1) das einschätzen, dürften die nächsten Umfragen zeigen.

 

 

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Von Beirut nach Belloc

„Sie sind aber neu hier!“, begrüßt mich die Besitzerin der Reinigung in Saint Girons als ich meine schmutzigen Gardinen bei ihr auf den Tresen lege. Dass ich neu zugezogen bin, weiß sie, weil dies die einzige chemische Reinigung im Umkreis von 20 Kilometern ist. Da kennt man seine Kunden. Als ich ihr erzähle, ich sei gerade aus Beirut nach Betchat gezogen, lacht sie schallend. „Wie sind sie denn auf die Idee gekommen??? So etwas habe ich ja noch nie gehört!“ Dass sie mich nicht gleich als verrückt bezeichnet hat, ist auch alles. In der Midi de la France sind die Menschen sympathisch direkt.

Die Gegensätze könnten drastischer nicht sein: Dort Beirut, diese lärmende Millionen-Metropole mit ihren täglichen Staus und Stromausfällen. Hier Betchat – oder genauer gesagt der Weiler Belloc, der zur Gemeinde Betchat gehört, mit seinen rund 30 Einwohner, sehr viel mehr Kühen und Ziegen, in beruhigender grüner Hügellandschaft mit Blick auf die französischen Pyreneengipfel.

 

Der Balsam für die von Nahost-Konflikten und Kriegen geschundene Seele entfaltet wohltuende Wirkung. Die Nachbarn Vivianne und Jean-Yves kommen mittags von ihren morgendlichen Streifzügen in den Wäldern vorbei und bringen Körbe voller Pfifferlingen, die sie bereitwillig teilen. Sie helfen gleichsam mit Tipps, wer für was im Dorf zuständig ist, wie das alte Dach unseres nicht minder alten Landhauses (angeblich 1820 erbaut) am besten vom Moos zu befreien ist (eine Aufgabe, die es jeden Sommer zu erledigen gilt!) und wie man die Tomatenstauden im Garten vor tödlichem Pilzbefall schützt. Eine Entdeckungsreise in einem neuen Mikrokosmos beginnt!

Ich fühle mich beschenkt: 24 Stunden Strom, 7/7, funktionierendes Internet in vergleichsweise rasender Geschwindigkeit, Straßen, auf denen man sein Ziel in kalkulierbarer Zeit erreicht und der morgendliche frische Duft nach Rosmarin und Lavendel beim Öffnen der grünen Holzfensterläden… Und Toulouse, la ville rose und viertgrößte Stadt Frankreichs, lockt mit Festivals wie „Klaviermusik im Jakobinerkloster“ und Jazznächten. Auch hier gibt es jede Menge Probleme, dennoch fällt langsam jahrelange Anspannung von mir ab.

Nur im Nachbargarten fällt ab und zu ein Schuss. Das ist Jean-Yves mit seinem Jagdgewehr, der seinen ganz persönlichen Krieg gegen die leidigen Maulwürfe führt, die unsere Gärten in Hügellandschaften verwandeln. Von einer Charakterisierung als niedliche, nützliche Tierchen will der ehemalige Flugzeugtechniker nichts wissen. Dabei ist er durchaus ein Tierliebhaber, der die neun jungen Enten in seinem Gartenteich mit Hingabe aufzieht und gegen Bussarde und Steinmarder verteidigt. Ich habe für meine Maulwürfe jetzt eine kleine Wegbeschreibung angefertigt, wie man nach Deutschland kommt. Denn dort stehen sie im Gegensatz zu Frankreich unter Naturschutz.

So richten wir uns langsam ein, in dieser neuen französischen Welt, in der die abendlichen Fernsehnachrichten von der Tour de France und dem verregneten Sommer dominiert werden. Erst danach folgen die weltweite Finanzkrise, das Massaker in Norwegen oder das Blutvergießen in Syrien. Die Wettervorhersage gibt es übrigens beim Fernsehsender TF1 gleich zweimal: Vor und nach den Nachrichten. Menschen und ihre Prioritäten – es bleibt faszinierend und meine Neugier bleibt groß.

 

 

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Bild des Wochenendes aus Paris

“So was kann nur einer Frau passieren”, sagte mein Freund und ich hätte ihn beinahe etwas gegen den Kopf geknallt. Was war da, im Bild, passiert? Die Geschichte zum Foto lautet: Beim Rathaus in Paris ist eine Tiefgarage um die Ecke. Nur wo geht es rein? Eine Autofahrerin hatte den Metro-Eingang mit der Einfahrt in die Parkgarage verwechselt. Die Feuerwehr musste dann anrücken und das Auto von der Treppe heben. Ich denke mal, dass dieser Parkversuch der Dame ein Vermögen gekostet hat.

Übrigens: ich will hier nun bitte keine blöden Kommentare à la Frauen und Autofahren lesen. Würden wir als Beifahrerinnen nicht ständig aufpassen, wo die Herren hinfahren, hätten wir solche Feuerwehreinsätze täglich.

Foto: Claudia Fessler

 

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Alles eine Frage der Einstellung

Das ist eine Filiale der französischen Supermarktkette Carrefour in Paris und das sind die Einkaufswagen, die direkt an einer mehrspurigen Kreuzung stehen, langsam vor sich hinverdrecken und von Passanten als willkommenes Abfalllager genutzt werden (siehe der Müll im zweiten Wagen).

Und nun die Frage: Würden Sie ihr Kind in diesen Kindersitz setzen? Nein? Dann sind wir schon beim Thema, denn eine Französin würde es. “Et hopp, hinein und los gehts zum Einkaufen!” Denn alles ist eine Frage der Einstellung und das bekomme ich gerade am eigenen Leib zu spüren bei meinem wöchentlichen Besuch in der Geburtsvorbereitung im bayerischen Oberland, südlich von München.

Nicht nur, dass ich mit weitestem Abstand die Älteste im Kurs bin, nein, ich bin auch die, die am ehesten entbinden wird. Denn ich habe viel zu spät mit dem Kurs angefangen und es kann mir passieren, dass ich ihn auch nicht zu Ende führen werde, weil das Baby vorher kommt. Ich bin auch die einzige, die noch arbeitet. Obwohl das liegt daran, dass Selbstständige sich einfach keinen Mutterschutz leisten können. Bei 13 Euro am Tag von der Krankenkasse ist man eben nicht in der komfortablen Situation einer Gehaltsempfängerin. Meine Mithecheler im Kurs sind zum Großteil Angestellte und die meisten sind, weil sie beim Tierarzt oder im Kindergarten arbeiten, auch schon seit Monaten aus Ansteckungsgefahren von der Arbeit frei gestellt. Haben die es gut. Ich beneide sie.

Doch was sie für die Zeit danach planen, wundert mich. Die meisten wollen nach der Geburt zwei bis drei Jahre mit dem Kind zuhause bleiben. Und das mit Ende 20 oder Anfang 30 und diversen Eltern und Großeltern in Reichweite. Wenn ich dann erzähle, dass ich mir das gar nicht leisten kann und in Frankreich es eh üblich ist, dass das Kind nach drei Monaten in fremde Hände gegeben wird, dann kommt immer die gleiche Reaktion: “Ja, in Frankreich gibt es ja auch so viele Krippenplätze und für alles ist gesorgt.” Wenn die Damen wüssten. Das Ganze ist ein großes Märchen. Die Kinder-Rundherum-Versorgung in Frankreich ist ein Vorurteil, das sich in Deutschland hartnäckig hält nach dem Motto: Woanders ist es besser. Doch leider schaut die Realität anders aus: Krippenplätze sind Fehlanzeige – wenigstens in Paris. Ich kenne keine, ich wiederhole keine, die je einen Krippenplatz bekommen hätte. Alle organisieren sich selbst, mit Kinderfrauen, Familienkrippen, Eltern-Babysitting etc. Was bitte ist sonst organisiert? Gar nichts. Während man hier in Deutschland Kindergeld bekommt und das nun sogar auf über 180 Euro im Monat erhöht werden soll, gibt es in Frankreich fürs erste Kind gar nichts. Null Euro. Erst ab dem zweiten gibt es was und das liegt weit unter dem Betrag von Deutschland. Elterngeld? Auch das Fehlanzeige. Unterstützung für Väter? Fehlanzeige.

Schon in der Schwangerschaft müssen die Französinnen blechen: Ein Ultraschall in Deutschland kostet um die 30 Euro, in Frankreich 100 Euro. Wer nicht in Frankreich versichert ist, der ist schnell mit fast 2000 Euro dabei, wenn er eine “normale” Schwangerschaft durchlebt. So wie ich. Was zu ewigen Diskussionen mit meiner deutschen Krankenversicherung führt, die mir bis dato GAR NICHTS zurückerstattet hat. Wahrscheinlich denken die das Gleiche wie meine Schwangerschaft-Kolleginnen: In Frankreich ist doch alles eh rund um Geburt und Kinderbetreuung geregelt, was braucht die dann noch Geld zurück.

Ach, träumt nur alle weiter und ich setze inzwischen dann mein Baby in den Carrefour-Einkaufswagen. Aber wahrscheinlich erst nachdem ich in typisch deutscher Gründlichkeit ihn mit einem feuchten Tuch abgewischt habe. Denn alles ist wirklich nur eine Frage der Einstellung und irgendwie kann man wohl doch nicht aus seiner deutschen Haut.

Foto: Barbara Markert

 

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Absolutely

Gemessen an der Einwohnerzahl gehört Schweden sicher zu den Ländern, die am meisten nationale Ikonen hervorgebracht haben: Abba, Ikea, H&M, Volvo und natürlich Absolut. Die Wodkamarke feiert in diesem Jahr ihren 30. . Wie kaum ein anderes Produkt ist Absolut in die Werbegeschichte eingegangen. Denn mit ungewöhnlichen Kampagnen schaffte es der damals noch staatliche schwedische Produzent sich im internationalen Geschäft für Alkoholika zu platzieren. Künstler wie Keith Haring und Andy Warhol haben Anzeigen für die Flasche mit dem klaren Inhalt entworfen und sie so zur Ikone gemacht (wie das alles geschah erzählt der Schwede Carl Hamilton in seiner Biographie einer Flasche).

Zwar ist die Kampagne mit den bekannten Künstlern als Gestalter seit 2007 eingestellt, doch will sich die Marke weiterhin kulturell positionieren, wie es so schön heißt. Deshalb wurde Ende Oktober in Stockholm der erste Absolut Art Award vergeben (Preisträger und mehr hier). Aus diesem Anlass ein kurzer Abriß der schwedischen Alkohol- und Privatisierungspolitik:

Seit vergangenem Jahr gehört Absolut wie der komplette Vin & Sprit-Konzern zu Pernod Ricard aus Frankreich. Zuvor war der schwedische Staat Jahrzehnte Eigner. Dank Alkoholproduktion in staatlicher Hand sollte der Konsum eingeschränkt werden, die gleiche Aufgabe haben übrigens die immer noch staatlichen Alkoholläden. Doch die 2006 angetretene liberal-konservative Regierung will privatisieren und hat Absolut verkauft und damit einmal mehr mit Alkohol tüchtig Geld verdient. Das staatliche Alkoholverkaufsmonopol aber? Bleibt vorerst. Und Vattenfall? Ebenfalls bis auf Weiteres in Regierungshand. Der Konzern, in Deutschland aktiv und berüchtigt vor allem wegen seiner vielen Probleme mit AKWs und als Betreiber von Kohlekraftwerken, soll in Schweden seinem Namen alle Ehre machen. Vattenfall bedeutet Wasserfall. Schwedische Doppelmoral? Absolutely.

 

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Einmal sprayen ohne übermalt zu werden

Graffiti ist den Pariser Stadtbehören ein Dorn im Auge. Es gibt eine Abteilung, die durch Paris geht und unerlaubtes Sprühen sofort eliminiert. Sprich, ein Maler der Stadtbehöre wird geschickt und der übermalt dann in der Wandfarbe des Hauses die ‘tags’, wie man in Frankreich french-english Graffiti nennt. Somit bleibt die Stadt schön wie immer. Nur an einer Wand in der Stadt herrscht seit Juli Anarchie.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier darf gesprüht werden, wie man lustig ist. Denn die Kunststiftung Fondation Cartier hat sich in einer Ausstellung der Straßenkunst gewidmet und zeigt unter dem Titel ‘Né dans la rue..’ (dt.: Geboren in der Straße) die Geschichte des Graffiti von den Anfängen bis heute.

Zwar fehlt ‘unsere’ Berliner Mauer vollständig in der Ausstellung (und das trotz des Mauerfall-Geburtstags), aber ansonsten ist die Schau gut gemacht, vor allem weil beim Eingang zum Museum jeden ersten Samstag am Monat Starsprayer eingeladen sind, um die Außenwand zu bemalen. Die offiziell erlaubten Sprayer bleiben natürlich nicht allein zwischen den ihren Aktionen, denn zu verlockend ist die Einladung und zu publikumswirksam. Deswegen schaut die Wand nun eigentlich jede Woche anders aus. Ein Kunsthappening in situ, wie man so schön sagt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das was auf den hier gezeigten Bildern zu sehen ist, sind die Anfänge der Aktion. Inzwischen wurde es wilder. Und auch auf der Homepage der Fondation geht es auch gerade recht tag-mäßig und wenig informativ zu und auch das passt zum Großen Ganzen.

Fotos: Barbara Markert

 

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Paris kurz vor Weihnachten

Während die Metrostationen überquellen…

 

 

 

 

 … bietet das Luxus- und Palasthotel Plaza Athenée für seine kleinen Gäste einen eigene Schlittschuh-Bahn an. Die Kinder reicher Hotelgäste müssen sich also nicht auf den öffentlichen Eisplätzen wie am Hôtel de Ville Schlange stehen. 

    

  

 

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Zweiklassen-Gesellschaft in Paris

Seit es in Paris das Leihfahrrad-System Vélib gibt, ist Fahrradfahren "in". Nur leider sind nicht alle dieser Meinung. Taxifahrer machen längst gezielt Jagd auf die Zweiräder und das Hotel Costes in Paris will vor seiner Eingangstüre die Drahtsessel einfach nicht sehen. Dieses Schild brachten die Hotelmanager auf dem öffentlichen Gehsteig an. 

 

 

 

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Die Fragen des kommenden Winters

In Paris laufen gerade die Herrenmodeschauen und nach nur zwei Tagen häufen sich die Fragen.

1. Wer wählt eigentlich die Herrenmodels aus? Und wie kommt es, dass bei männlichen Models Schönheit keine Rolle spielt?

 

 

 

 

 

2. Wer gut sieht ist out? Ja, das scheint so, denn DAS Modeaccessoires des Winter ist die Hornbrille mit besonders starken Gläsern.

 

 

 

 

 

3. Wie style ich Hochwasserhosen richtig? So wie Galliano? Reinstecken oder weglassen?

 

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Die Macht der Blogs

Haben Sie nun geheiratet oder nicht? Ist sie schwanger oder nicht? Die französische Nation wird derzeit täglich von neuen Details aus dem Privatleben des Präsidenten überrascht und in Atem gehalten. Meist stammen diese Informationen aus dem Internet, wo sie sich dank Blogger in Windeseile verbreiten, die hoch erfreut sind über den Promi-Gossip, der so einfach ihre täglichen Seiten füllt. 3000 Blogger haben dem Gerücht, dass Sarko-Freundin Carla Bruni schwanger ist, zu einem halboffiziellen Nachrichten-Status verholfen. "Wenn es soviele schreiben, muss es stimmen", sagten sich auch ein paar (hoch angesehene) deutsche Tageszeitungen und druckten die "Meldung" ab. Ätsch, hieß es einen Tag später: Alles eine große Zeitungs-Ente.

Gestern abend dann bekam ich einen Anruf: "Du, die haben am letzten Donnerstag geheiratet." Und die Quelle? "Das steht im Internet." Tatsache ist: Irgendeine Provinzzeitung hat das gemutmaßt und schon stürzen sich alle darauf. Siehe auch die deutsche Presse. Ich kann dazu nur den Kopf schütteln und fragen: Sind Sarko und Carla wirklich so spannend, dass sonst ordentlich recherchierende Nachrichtenkanäle alle guten journalistischen Grundsätze vergessen und halbgare Gerüchte veröffentlichen. Und wann BITTE hört endlich dieser Promihype auf? Es ist wirklich nicht mehr zu ertragen.

 

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Sarkozys neue Medienwelt

Alles neu. Dank Sarko. In Frankreich hat selbst die Neujahrsansprache des Präsidenten den Sprung in die Modernität geschafft. Statt sich wie üblich in gesetzter Form ans Volk zu wenden, berief der Präsident eine Pressekonferenz ein. 500 akkreditiere Journalisten aus 40 Nationen waren geladen. Doch wer keine Einladung bekam, musste nicht traurig sein. Denn die gesamte Konferenz wurde live im Internet übertragen. "Public Sénat" heißt diese Innovation, die Sarkozy bereits in der Silvesternacht nutzte, um zu seinem Volk zu sprechen. Die Internetauftritte der Tagespresse, wie z.B. der von Le Monde, konnten froh sein. Selten hielten sich ihre Nutzer so lange auf ihrer Website auf.

 

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Die positiven Streik-News

Gibt es an Streiktagen auch positive Meldungen? Ja. Die französische Presse ist anlässlich des ersten Tages der großen Streikwelle im Analysefieber und stellt fest: Um 10 Uhr morgens hatten sich bereits 35.000 Pariser ein städtisches Leihfahrrad gemietet. Das sind doppelt so viele wie sonst. Würden jedoch noch mehr Vélibs zur Verfügung stehen, wären es sicherlich auch noch mehr Leihnahmen. Denn als ich heute morgen um 8 Uhr auf meinem eigenen Fahrrard in Richtung Gare du Nord und Gare de l'Est zu Recherchegründen unterwegs war, waren die Vélibstationen allesamt leer und die Vélibs auf den Straße.

 

 

 

 

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Letzte Impressionen von der Pariser Modewoche: Exotik gewinnt

Der Kampf war heiß: Am Wochenende überschlugen sich die Ereignisse in Paris. Die Modewoche und ihre Partys konkurrierten mit der Nuit Blanche (die lange Nacht der Museen) und dem Rugby-Spielen Frankreich–Neuseeland und Schottland–Argentinien. Hier die Gewinner:
Rugby schlägt exzentrische Mode und Chloe-Parfum-Party
und…Kaiser's Kaffeegeschäft-Original schlägt YSL-Fake. 

 

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Pariser Modeschauen und die neuen Online-Methoden

Auch die Mode-Presseagenturen gehen mit der Zeit, wie die Agence "mpressoffice" beweist. Statt Freelancer wie mich zu ihrer Fashionshow einzuladen, schickten Sie mir einen Tag später vier Bilder (davon eines unscharf) der Show der türkischen Designerin Dice Kayek und eine vorgefertigte Kritik. Toller Service? Nein, keineswegs. Denn nur wenn man die ganze Show gesehen hat, kann man sich ein Bild von der Kollektion machen. Und ehrlich gesagt brauche ich niemanden, der mir meine Kritik vorformuliert. Die Vogue, Elle und Konsorten hatten sicherlich eine Einladung. Warum also werden wir Freelancer so abgespeist?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Impressionen von den Pariser Modeschauen 3

Was haben Mode und ein Staubsauger gemein? Nichts. Falsch gedacht! Auf den Pariser Modeschauen tat sich Designer Dai Fujiwara vom Modehaus Issey Miyake mit dem Staubsauger-Tüftler James Dyson  zusammen. Das Ergebnis der Kooperation war eine ziemlich windige Sache. Unter dem Titel "The Wind" durfte sich die Front-Row wie bei einem Haarspray-Test fühlen (Sitzt die Frisur noch?), während die hinteren Reihen auf sich bewegende Mammut-Staubsaugerschläuche blickten. Das Spektakel hatte trotzdem was.

 

 

 

 

 

 

 

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Impressionen von den Pariser Schauen: All blacks

In Paris prallen derweil zwei Welten aufeinander: die Rugby-Fans der WM (www.france2007.fr) und die Fashion-Fans der Modewoche. Doch wie man sieht, sind sie sich gar nicht zu unähnlich. Alle sind ganz in Schwarz. Siehe die neuseeländische Mannschaft All Blacks – und die Dior-Gäste…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Impressionen von der Pariser Modewoche

 

 

 

 

Die Frisur von Julia Timoschenko beim japanischen Designer Mina Perhohnen.

 

 

 

Fashion in the box beim deutschen Designer Bernhard Willhelm.

 

 

 

 

 

Magersüchtige Models? Ist uns doch wurscht. Bei der spanischen Designerin Estrella Archs.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Erwischt! Bertrand Delanoë wütet vor meiner Haustür

August ist traditionell der Monat der Bauarbeiten in Paris. Wenn sich die Einwohner an der Küste sonnen, herrscht in der Stadtbaubehörde Hochbetrieb. Das geringe Verkehrsaufkommen wird genutzt, um die Stadtautobahn Périphérique auszubessern, Kanalisationsarbeiten durchzuführen oder um ganz still und heimlich des Bürgermeisters Verkehrspolitik durchzusetzen. Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2001 hat Bürgermeister Bertrand Delanoë über 3000 Parkplätze in Paris gekillt. Er schuf stattdessen Sonderbuchten für Lieferanten, Bus- und Taxispuren, breite Gehsteige und vor allem neue Sackgassen und Einbahnstraßen. Klingt gut, aber für Autofahrer ist es die Hölle. Denn es kann passieren, dass man nach dem Urlaub seine eigene Wohngegend nicht wieder erkennt. Genau das ist mir passiert. Um nach einer Woche Urlaub zu meinem Auto zu gelangen, musste ich um rund 15 neue Bauzäune herumgehen, über aufgerissene Löcher in den Straßen steigen und vor allem gegen die anschwellende Panik ankämpfen, dass mein Auto längst nicht mehr dort steht, wo ich es vor dem Urlaub abgestellt hatte. Ich hatte Glück, es war noch da. Der Bauzaun und das nigelnagelneue Halteverbotsschild endeten wenige Meter vor meiner Stoßstange. Wütete Delanoë bisher nur in der Innenstadt und in den nördlichen Wohnvierteln, so hat er nun seine Fühler auch in mein Arrondissement ausgestreckt – einem einstigen Paradies der kostenlosen Parkplätze. Einziger Trost: Nicht nur in der armen Stadtrandvierteln werden die Straßen aufgerissen, sondern angeblich gegen Herbst hin auch in den reichen Vierteln links der Seine. Na, wenigstens herrscht Gerechtigkeit.

 

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Radl-Notstand

"Stimmt es, die Dinger sind unauffindbar?" Auf die Frage des Motorrad-Typen neben mir nicke ich nur. Ich stehe an der Straße wie bestellt und nicht abgeholt. Mein eigenes Fahrrad in der einen Hand, ein Velib (www.velib.paris.fr) in der anderen. Ich warte. Auf meinen Freund, für den ich das Velib gemietet habe und der nun – per Handy über meinen Aufenthaltsort informiert – zu mir rennt. Fünf Stationen bin ich abgeradelt, um das letzte Leihfahrrad im Viertel zu mieten. Sieg! Der hinter mir hatte Pech.

Bereits zwei Wochen nach dem fulminanten Start ist das neue Leihfahrrad-System in Paris das Opfer seines eigenen Erfolgs. An der Seine herrscht Radl-Notstand. Wer bei schönem Wetter noch ein Velib will, muss früh aufstehen. Gestern zum Beispiel, am zweiten schönen Wochenende überhaupt in diesem Sommer in Paris, hieß es: Rien ne va plus. Kein Velib weit und breit. Und die, die eines ergattert hatten, gaben es nicht mehr her.

Normalerweise werden Velibs nach einer kurzen Fahrt innerhalb einer halben, kostenlosen Stunde wieder an eine Station angeschlossen und sind dann frei für einen neuen Mieter. Bei 30 Grad im Schatten jedoch hört die Mitmenschlichkeit auf. Sollen doch die anderen laufen. Dass ein Velib nach der dritten halben Stunde 4 Euro pro 30 min. kostet, juckte niemanden mehr. Auch uns nicht. Wer bitte, will bei dem Wetter schon die Metro nehmen. Heute übrigens regnet es seit den Morgenstunden. An den Velibstationen stehen die Räder und warten. Auf die Sonne und die Mieter.

 

 

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Seid freundlich zueinander!

Gestern war in Paris der Tag des Tourismus. Die Aktionen richteten sich vor allem an Tourismusprofis und nicht an die Touristen, die davon ja nichts wussten. Das ist ja schon mal sehr zielgerichtet! In der Stadt tummelten sich ein paar, in Orange gekleidete Abgesandte (Die Farbe Orange macht gute Laune), die bei der Bevölkrung dafür warben, zu Touristen freundlicher zu sein. Eine gute Initiative, schließlich ist Paris eine der unfreundlichsten Städte der Welt. Nur, war soll diese Aktion? Nach einem Tag wird kein Pariser plötzlich lächeln und dem Touristen ein akzentfreies "'ello, 'au arrrr yuuuu?" zuflöten. Vor allem nicht, wenn es dabei aus Kübeln regnet und Gewitter Kurzschlüsse erzeugen. Seit nunmehr zwei Monaten leben die Pariser im Dauerregen, die Stimmung ist auf dem Nullpunkt, alle wollen nur noch eines: Flüchten aus der Stadt und diesem Sommer. Der erste Schwung ist in die Ferien bereits abgereist. Die Stadt leert sich und die Abreisenden rufen den orange gekleideten Tourismus-Propheten zum Abschied hinterher:"Sollen doch die anderen freundlich sein, wir hauen ab!" Die anderen, die Übriggebliebenen, das sind die armen Tröpfe ohne Villa an der Küste und die Touristen selbst. Okay, Touristen seid also freundlicher zueinander, wenn ihr in Paris Station macht. Ist es das, was die Stadt will? Fazit: Diese Aktion der Tourismusbehörde ist im wahrsten Sinne ins Wasser gefallen. Tomber à l'eau, sagt man dazu übrigens auch im Französischen.

 

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Frankreich vor den Wahlen

Die Zeitschrift Liberation macht Politik für Ségolène Royal. Dabei ist Ségolène bereits allgegegnwärtig…

 

 

 

 

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Ein Spam-Filter der besonderen dreisten Art

Gerade wir Auslandsjournalisten sind extrem von einem gut funktionierenden Mailsystem abhängig. Umso ärgerlicher ist es, wenn es plötzlich aus unerfindlichen Gründen nicht mehr geht. Mir ist es heute so gegangen. Ich konnte zwar noch Mails empfangen, aber keine mehr senden.

Da man als Freier keinen Systemadministrator zur Seite hat, den man mittels Hotline an seinen Schreibtisch bestellen kann, muss man sich selbst helfen. Ich verbrachte meinen halben Tag damit, alle Account-Einstellungen zu prüfen, ein Update des Programms zu machen und vorsorgshalber – falls sich ein Virus bei mir eingeschlichen haben sollte – die Daten auf eine externe Festplatte zu speichern.

Um 14 Uhr wusste ich mir nicht mehr zu helfen und rief einen Freund an, der sich damit auskennt. Er prüfte mein Mailprogramm auf seinen Computer und meldete mir nach Stunden: „An Deinen Computer kann es nicht liegen.“ Soweit die gute Nachricht, nur damit hatten wir noch immer nicht den Fehler gefunden. Der Tipp bei der sauteuren Hotline meines Internetservers „Free“ (www.free.fr) anzurufen, blieb die letzte Chance. Dort sagte man mir in bester Laune um 17 Uhr und nach einem verlorenen Arbeitstag: „Ja, wir blockieren nun alle Mails, die keinen Free-Account haben. Sonst könnte sich ihr Computer ja in ein Spam-Monster verwandeln und das wollen wir nicht.“ Dass ich nicht mehr arbeiten konnte, interessierte den Mann dort gar nicht. Auch nicht, dass er eine Informationspflicht mir gegenüber hätte. „Wir fangen damit gerade erst an. Irgendwann schicken wir vielleicht mal eine Mail heraus.“

In den rund eineinhalb Jahren, die ich bei Free bin, habe ich von dem Anbieter noch nie eine Mail erhalten. Aber es kann durchaus sein, dass sie von mir bald eine Mail erhalten und zwar mit dem Hinweis, dass ich meinen Anschluss kündigen werde.

 

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Die Haute Couture und die neuen Medien

 

 

Die Haute Couture zeichnet sich dadurch aus, dass alle Roben handgenäht sind. Maschinen kommen bei der hohen Schneiderkunst in der Regel nicht zum Einsatz. Aber wie man auf den heute zu Ende gehenden Haute Couture Schauen in Paris sehen kann, gibt es Ausnahmen. Denn auch wenn die Kleider wie zu Großmutters Zeiten hergestellt werden, so bedeutet das keineswegs, dass die Designer technisch nicht up to date sind. Ihre Offenheit zu den modernen Medien wollten zwei Modehäuser eindrucksvoll beweisen, doch die Technik machte ihnen einen Strich durch die Rechnung.

Fall Nummer 1: Bei dem Pariser Modehaus „On aura tout vu“ nahmen die beiden Designer den Handy-Wahn auf die Schippe. Nicht nur ein Handy, sondern Dutzende klebten bei einem Modell am Kleidersaum der Abendrobe. Das Mannequin, das lässig in ihr Motorola sprach, während sie über den Laufsteg stöckelte, verging jedoch bald das Lachen, denn vom zarten Textilgewand purzelten die Motorolas zuhauf auf den Laufsteg. Zwei Entwürfe weiter steckten die Handys wie Steckerlfische zwischen den mit zarten Organza bespannten Brüsten des Models. Problem hier: das Mannequin konnte weder telefonieren, noch richtig die Fotografen anpeilen. Zu sehr störte die Handyausstattung der Robe beim Blick geradeaus.

Fall Nummer 2: Armani's Kollektion Privé. Der italienische Designer hatte vollmündig angekündigt, seine Haute Couture Show live für alle, die keine Einladung hatten, auf www.msn.com zu übertragen. Super, dachte ich und klickte mich um 21 Uhr, wie verabredet mit Giorgio, auf msn. Doch nachdem ich mich zu Armani-Video vorgestastet hatte und das Video starten wollte, hieß es nur: „The video you requested is not available." Fazit: Irgendwie wollen die Handwerkskunst der Haute Couture und die neuen Medien nicht zu recht zusammenpassen. Aber eigentlich ist das gut so. Denn so bleibt die Haute Couture, das was sie immer war: Eine handgefertigte Traumfabrik für Handverlesene.

 

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Die Globalisierung geht auch am Journalismus nicht vorbei

 

 

 

 

Wer jemals bei der Lancierung eines Beauty-Produkts war, weiß, dass bei einem solchen Event weder Kosten und Mühen gescheut werden. Aber der weiß auch, dass die mächtigen Beauty-Konzerne genaue Vorstellungen haben, wie später das mediale Ergebnis dieser Ausgaben aussehen soll. Ich war gestern mal wieder auf so einem Event.

Über 200 geladene, eingeflogene und in Nobelhotels untergebrachte Gäste aus der ganzen Welt trafen sich erst zum Galadiner anlässlich der Präsentation eines neuen Herrenduftes, um dann am nächsten Morgen in Paris’ neuer In-Bar die dazu passende Pflegeserie kennen zu lernen. Die Pressekonferenz war spannend, gut bestückt mit externen Wissenschaftlern und bestens reglementiert: Die anwesenden Journalisten durften an die hauseigenen Forscher exakt vier Fragen stellen. Danach zogen sich die Experten in eine Ecke zurück, so dass sich niemand traute, das intime Sit-in zu stören.

Gleiches Spiel beim Stargast, einem englischen Hollywoodstar, der als Rolemodel für den neuen Duft fungiert. Nach 20 min. und circa 15 Fragen zum Werbespot, dem Regisseur des Werbespots, dem Model im Werbespot und seinen persönlichen Beauty-Gewohnheiten war Schluss. Ich beteilige mich an solchen Masseninterviews schon lange nicht mehr.

Nach einem Erlebnis auf der Massen-Pressekonferenz zum Filmstart des Da Vinci Codes, als ich zwei Fragen an Audrey Tautou stellte, die ich am nächsten Tag in der gesamten Springerpresse lesen durfte und selber in meinem Artikel nicht mehr verwendet habe, weigere ich mich, bei diesem Spiel mitzumachen. Wenn das Ziel solcher Veranstaltungen ist, völlig identische Artikel von Taiwan bis in die USA und von Südafrika bis Schweden publiziert zu bekommen, finde ich das schade und fragwürdig. Wo bleibt bei der journalistische Anspruch? Wo die individuelle Einschätzung?

Ich für meinen Teil zerbrach mir während des gesamten öden Masseninterviews den Kopf, mit welchem Dreh ich die Geschichte anders aufziehen könnte. Mir ist auch was eingefallen, aber das behalte ich schön für mich.

 

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Gut, dass wir drüber gesprochen haben

Das Thema rund um die dürren Models will und will kein Ende nehmen. Nachdem in fast allen Frauenzeitschriften die Problematik ausgiebigst diskutiert wurde, meldete sich nun etwas verspätet auch Giorgio Armani in der englischen Daily Mail zu Wort: „Ich mochte noch nie dünne Models auf dem Catwalk“, erzählt da der Meister. Zugegeben seine Models sind sicherlich nicht die dünnsten, doch sein Aufruf, nun gemeinsam gegen Anorexie zu kämpfen, wird wahrscheinlich wieder ungehört verhallen. Denn wie ein bewusst anonym beleibender Designer in London vermerkte: „Ich war mir niemals bewusst, dass die Models magersüchtig sein könnten. Für uns sind sie einfach sich bewegende Kleiderständer.“

Das denken sich wohl auch einige in Mailand, doch dort wird nun vordergründig trotzdem Nägel mit Köpfen gemacht: Ab nächster Saison müssen angeblich alle Models ein Gesundheitszertifikat vorlegen. Bloß ob dabei wirklich was rauskommt, bleibt die Frage. Denn das Problem liegt je eigentlich ganz woanders und das ist auch von Spiegel Online letzte Woche völlig richtig angerissen worden: Wenn wir von Models sprechen, reden wir von Kindern.

Viele Models sind dünn, gesund, aber eben gerade mal 14 Jahre alt. Klar haben diese hochgeschossenen Kids noch keine Hüften und spindeldürre Beinchen. Bloß sie tragen Klamotten, die sich selbst eine 40-jährige Managerin nicht leisten kann. Hier liegt das eigentliche Problem. Die Mode richtet sich an Frauen, schneidert aber die Modelle nach Kinderkörpern und die Magazine spielen das Spiel mit. Bester Beweis ist eine Modestrecke in einer der letzten L’Officiel, einer der absoluten Hochglanz-Modeblätter Frankreichs: Dort führt ein Kind die Kreationen von Alexander McQueen vor unter dem Titel: „Flügeln der Lust“. Sorry, aber was ist daran lustvoll?

 

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Fashionblog: Ausblick

Zwischen den Modeschauen und der abendlichen Party zum 30. Firmenjubiläum von Jean Paul Gaultier, habe ich im Fernsehen von dem Tod der beiden deutschen Journalisten in Afghanistan erfahren. Bei einer solchen Nachrichten frage ich mich immer, ob ich da überhaupt noch von so unwichtigen Nebensächlichkeiten wie Mode bloggen darf.

Viele Weltreporter unseres Netzwerkes arbeiten an Brandherden, gehen Risiken ein, während ich mich mit sehr vielen anderen Modejournalisten die letzten Tage um Rocklängen und Absatzhöhen gekümmert habe.

An solchen Tagen stelle ich meine Arbeit in Frage und staune nur noch mehr, dass Gäste sich – wie auf der Gaultier-Party gestern – pickiert von demonstrierenden PETA-Mitgliedern abwenden, sich aber wenig später um den Champagner schlagen. Einige der sonst so elitären Modegesellschaft haben gestern Nacht, als es keine sauberen Gläser mehr gab, sogar dreckige Gläser im Eiswürfelwasser ausgespült, nur um noch ein Glas Champus zu bekommen. Und das mitten in Paris! Es ist nicht zu fassen!

Trotz aller Globalisierung, so scheint mir, wächst die Welt nicht zusammen, sie driftet immer mehr auseinander. Und dabei gehen gerade in der Überflussgesellschaft beim Hechten nach dem neuesten Konsum so manche gute Manieren flöten.

Auch wenn das Beispiel in Anbetracht der aktuellen Ereignisse lächerlich erscheinen mag, aber auch auf den Modeschauen herrschte früher ein anderer Geist. Während einst außergewöhnliche Kreationen spontanen Beifall bekamen und man am Ende eines Defilees die Arbeit eines Designers mit Applaus würdigte, so rennen heute die Gäste oft bereits aus dem Saal, wenn die Models noch beim Abschlussdefilee sind (siehe Bild). Vor dem Einlass wird gerempelt und gedrängelt, Geschenke werden im wahrsten Sinne des Wortes eingesackt und während der Show unterhalten sich die Gäste ohne einen Blick auf die Kollektionen zu werfen.

Wenn Genies wie Karl Lagerfeld die Idee haben, die Arbeit der Leute hinter den Kulissen zu würdigen, so interessiert das zudem niemanden. In seiner aktuellen Show war am Ende der Backstage-Bereich mit den Friseuren, Make-Up-Spezialisten und Anziehhilfen zu sehen, doch auch Tage später finde ich davon leider nichts in den Medien und im Internet. Das ist schade. Denn jenseits von Promis in der ersten Reihe, Models und Designern bleiben diese Menschen im Dunklen, deren Verdienst es ist, dass die vergangene Modewoche Paris ein Erfolg war.

Mit diesem sehr langen, letztem Blog beschließe ich meine Berichterstattung zu den Pariser Modeschauen. Ein abschließender Dank geht an meiner Weltreporter-Kollegen Janis, Felix und Martin, die mich tatkräftig bei dieser (meiner ersten) Blogreihe unterstützt haben. Ohne sie wären die Texte nie so schön ins Netz gekommen.

 

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Fashionblog: Und was trägt man diesen Winter?

Zum Ende der Pariser Modeschauen reisen zwar viele Journalisten ab, doch ich habe trotzdem keine Karten für Kenzo, Chloé, Hermès und Galliano, die am Samstag ihre Kollektionen zeigen. Zwischen den unbekannteren Defilees habe ich deshalb Zeit, die Gäste zu beobachten.

Sie alle sind echte Modeexperten: Einkäufer großer Warenhäuser, Boutiquenbesitzer, Textilfabrikanten, Stylisten, Designer oder eben Fashion-Journalisten. Was sie anhaben, ist der letzte Schrei. Man muss diese Damen (Herren sind eher sehr selten darunter) nur kopieren, um fashionmäßig up to date zu sein.

Hier das Ergebnis meiner Analyse (in detaillierter Form auch nachzulesen in der kommenden Ausgabe der TextilWirtschaft: Leggins sind ein Must Have. Kaum zu glauben, aber wahr. Dazu trägt man Oversized-Pullis. Oder kurze, weite Kleidchen. Das klingt schwer nach 80er Jahre und so ist es auch.

Doch im Unterschied zu damals sind High Heels dazu ein Muss. Am besten in Leopardenlook oder als Plateau-Schuhe mit Keilabsatz. Wer besonders „in“ sein will, kann diese Plateau-Keilabsatz-Schuhe als stylische Ankle-Boots kaufen. Absolute Fashion-Victims haben natürlich die aus der Winterkollektion von Balenciaga.

Einen Hacken hat diese Schuhmode jedoch: Darin zu Laufen will gelernt sein. Wie ich live beim Warten vor der Sonia-Rykiel-Show erfahren durfte. Ein Gast kam nämlich zu spät. Die Pressefrau wartete am Eingang und rief der heran eilenden Dame zu: "Beeil Dich! Die Show fängt an!" Darauf kam die Antwort: "Ich kann nicht schneller in diesen Schuhen." Was dann passierte, siehe Bild. Machen wir uns also auf einen Winter gefasst, in dem uns die Mode einen ruhigeren Gang vorschreibt.

 

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Fashionblog: Scharfe Minis und strenge Kontrolle

Mit den wichtigen Schauen Stella McCartney, Cacharel, Celine, Yves Saint Laurent am Donnerstag und am Freitag morgen Chanel sind die meisten Highlights der Pariser Modeschauen abgefeiert. Von den Großen fehlen noch McQueen, Chloe, Hermès, Louis Vuitton und Miu Miu. Es ist Zeit, eine erste Zwischenbilanz zu ziehen. Gleich mal vorab: Es wird kurz nächsten Sommer. Die Shorts rutschen nach oben, die Minis sind sehr mini. Kleine, sehr mädchenhafte Hängerkleidchen kommen und sehen wahrscheinlich nur hübsch aus bei jungen Frauen mit langen schlanken Beinen.

Frauen über 30 müssen dagegen sehr viel tiefer in die Tasche greifen, denn Tragbares für Thirty-Somethings haben nur die teueren Luxuslabels wie Dior, Valentino, Yves Saint Laurent, Akris oder eben Celine gezeigt. Fast alle (außer Yves Saint Laurents Violett Kollektion) schwelgen in hellen Tönen mit viel Weiss, Pastell- und Hauttönen oder Schwarz. Die Bein-Silhouette bleibt schmal, die Hosen eng. Eine gute Nachricht gibt es für alle, die mit Hüfthosen nie zurecht kamen: Die Taille sitzt wieder da, wo sie hingehört.

Ein kleines Fazit will ich auch ziehen zur Organisation der Schauen: Noch nie wurden die Karten so streng kontrolliert wie diesmal. Die Sicherheits-Leute auf den Schauen sind unerbittlich. Bei der Yamamoto-Show am Dienstag zählten die Aufpasser sogar die Gäste ab und schlossen die Tore, als der Saale voll war. Zahlreiche Gäste mussten unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen. Yamamoto, so wird erzählt, habe sich tags drauf per Mail bei seinen Gästen entschuldigt.

Am Freitag nun kam es zu einem weiteren kleinen Eklat, als die Sicherheitsleute nach 800 Gästen niemanden mehr zur Gilles Rosier-Show zulassen wollten. Die mit Einladungskarten bewaffneten Gäste mussten auf der Straße warten und durften sich auf Protest des Pressechefs später das Defilee im Livemitschnitt auf einer Projektionswand anschauen. Eine Neuheit, aber nur ein schwacher Trost. Denn: Der Kameramann der Liveübertragung war sehr viel mehr an den Beinen und Gesichtern der Models interessiert als an den Klamotten (siehe Bild).

 

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Fashionblog: Kilos kein Thema, Haare schon

Auf den Pariser Fashionshows ist die Diskussion um dürre Models kein Thema. Während die Veranstalter der Madrider Modewoche zu magere Manequins von den Defilees ausgeschlossen haben, will man sich in Paris nicht dreinreden lassen.

Bereits vor Beginn der Schauen hat Didier Grumbach vom Chambre Syndicale de la Mode klar deutlich gemacht, dass es solche Einschränkungen in Paris nicht geben wird. Auf den Laufstegen sieht man deshalb weiterhin haufenweise junge, äusserst magere Models.

Viel mehr als die Kilos interessieren die Designer jedoch die kurzen Haare von einigen Mannequins. Nachdem sich vor zwei Saisons das Top-Model Maria Carla Boscono radikal, aber äusserst erfolgreich ihre Locken abgeschnitten hatte, sinid ihr in den letzten Monaten so einige andere gefolgt.

Das Model Rachel Alexander, die sich ihren kurzen Bob vor sieben Monaten zugelegt hat: «Kurze Haare liegen voll im Trend.» Manche Designer jedoch finden den neuen Haartrend gar nicht lustig. Ceci Mendez, Model aus Argentinien: «Bei Givenchy haben sie schon beim Casting gesagt, dass kurze Haare nicht erwünscht sind.» Und wieviele Jobs haben die beiden wegen ihrer neuen Frisur verloren? «Von 50 hab ich circa fünf oder sechs nicht bekommen.»

Es gibt aber auch Modehäuser, die den neuen Haartrend begrüssen. Bei Joops Wunderkind zum Beispiel waren ein halbes Dutzend Kurzhaarige im Einsatz. Peter Gray, Hair Artist beim Wunderkind-Defilee: «Der neue Look ist sehr inspirierend, hippy, aber doch sexy. Mir gefiel die Frisur von Model Ekaterina so gut, dass ich alle in der Show nach ihrem Vorbild gestylt habe: hinten kurz und mit einer langen seitlichen Strähne.»

 

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Fashionblog: 3. Tag – Amis, Promis und Rock’n’Roll

Balenciaga ist derzeit das heißeste Label der Modebranche. Zu diesem Event reisen alle an. Damit Zaungäste nicht stören, wird der Ort der Show geheimgehalten. In den offiziellen Unterlagen des Chambre Syndicale de la Mode steht deshalb nur „Voir invitation“ (zu dt.: siehe Einladung). Wer die nicht hat, weiß nicht, wo Balenciaga zeigt.

Die großen amerikanischen Modezeitschriften sind aber eingeladen und das ist auch der Grund, warum alle gestern anreisten. Endlich sitzen auch zwei Shows später, die in der ersten Reihe, die dort hingehören: Suzy Menkes von der International Herald Tribune, Leon Talley von der US Vogue und Hilary Alexander vom britischen Telegraph.

Doch die Damen und Herren waren bei Westwood nicht das Ziel der Blitzgewitter: Denn Janet Jackson gab sich die Ehre und verursachte Handgreiflichkeiten unter den Promi-Fotografen (siehe Bild). Die Show selbst war Rock’n Roll, so wie sich das für Westwood gehört – mit schmissiger Musik, knallbunten Looks und hüftenschwingenden Models, bei denen eine Tribut an Westwoods Absätze zollen musste: Sie stürzte auf dem Laufsteg. Und wir erinnern uns an Naomie Campbells berühmten Westwood-Sturz, mit der Schuh und Modell in die Modegeschichte eingingen.

Janet Jackson sahen wir gestern gleich noch einmal bei einer Show. Beim Dior-Defilee, das im renovierten Grand Palais stattfand, und zum Promi-Stell-Dich-Ein avancierte: Dita von Teese, Monica Belluci, Ellen von Unwerth, Lenny Karvitz etctera. Sie allen waren überrascht, wie tragbar John Galliano die Mode für den kommenden Sommer gestaltet hatte. Das Enfant terrible der Mode zeigte zarte Sommerkleidchen in Pastelltönen und sehr business-mäßige Kostüme. Das verrückteste an der Show waren denn dann auch die Frisuren: Galliano schickte seine Models im Jungfrau-von-Orleans-Haarschnitt auf die Bühne.

Dass ich dabei sein durfte verdanke ich übrigens dem ZDF: Claudia von „Leute heute“ war so nett, mir eine Karte abzugeben. Das nennt man Kollegenhilfe, was bei den Schauen leider eher die Seltenheit ist (Deswegen kann ich auch nichts zu Gaultiers Geburtstag-Defilee sagen). Hier deshalb noch mal offiziell: Danke Claudia!

 

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Fashionblog: Geschafft! Ich war bei Viktor&Rolf!

Auf den Pariser Modeschauen werden die Menschen in drei Kategorien eingeteilt: Die mit Einladungskarte inklusive Sitzplatznummer, die mit Standing-Karte und die ohne Karte. Als Freelance-Journalist gehört man zu den beiden letzteren Gruppen. Denn selbst wenn man regelmäßig über Mode schreibt, ist das noch lange keine Garantie, zum erlauchten Kreis der Sitzenden zu gehören.

Was die Show der Designer Viktor&Rolf anbelangt, so liegt hier die Messlatte noch etwas höher. Sprich: Ich hatte – wie immer – gar keine Karte, nicht mal als stehender Gast. Warum? Die Karten für dieses Defilée sind so heiß begehrt wie die für Dior, Chanel oder für ein Robbie Williams Konzert.

Dementsprechend voll war es vor dem Eingang, wo der Security-Mann mit strenger Miene die Karten kontrollierte. Ohne Karten kommt man an ihm nur vorbei, wenn man ein Hollywoodstar, ein Rockstar-Freund eines Models oder – und das ist die Erfolgsformel – die beste Freundin der Pressefrau am Eingang ist. Das bin ich leider alles nicht. Aber ich kam trotzdem rein. Wie? Ich drückte mich einfach eine halbe Stunde vor der Tür, bis plötzlich der Kontrolleur nickte. Glück oder Ausdauer? Egal, ich war drinnen. Zum ersten Mal bei Viktor&Rolf!

Die beiden Holländer sind Meister der Selbstinszenierung, ihre Shows sind mehr Theaterstücke oder Kunstevents als Defilées. Auch das war auch diesmal so: Über den Laufsteg riesige Kronleuchter, hinten ein Orchester und vorne weg ein tanzendes Paar auf dem Laufsteg.

Die männlichen Models sahen aus wie Doppelgänger der beiden Designer (Kennzeichen: schwarze Hornbrille), die Mannequins wie geklont mit ihrer immer gleichen Dutt-Frisur. Die Mode: Petticoat-Röckeund enganliegende Hosen wie Oberteile in Schwarz und Nude-Optik.

Doch das Beste kam zum Schluss: Ein Dutzend Männer im Smoking tanzten sich zur Musik „Somewhere over the rainbow“ aus einem Nebelmeer heraus zum Ausgang. Was für eine Show! Und ich war dabei!

 

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